eingland in Sicherheit zu bringen. Den weltlberühmten
Silberschatz des Welfenhauses — darunter Prunkstücke, die
heinrich der Löwe auf seiner Wallfahrt nach Jerusalem
on dem griechischen Kaiser in Konstantinopei zum Ge—
chenk erhalten hatte, — gleichfalls nach England, hinüber
u schaffen, sehlte die Zeit. Es blieb also nichts übrig.
vie ihn in einem unterirdischen Gewölbe des Residenz
chlosses, das nur wenigen bekannt war, zu verbergen.
die gesamte Heofdienerschaft arbeitete mit fieberhafter An—
rengung. Man mußte sogar noch über 30 fremde Arbei
er zu Hilfe nehmen, und trotzdem lag erst am Nachmittag
es 17. Juni, als schon preußische Husaren durch die
ztraßen sprengten, der gefamte Silberschatz glücklich ge—
orgen im Gewölbe. Mit den Vermauerungsarbeiten konnte
nan sogar erst zu Ende kommen, als die feindliche Be—
etzung der Stadt schon völlig vollzogen war. Keiner aber
on den fremden Arbeitern, denen nicht einmal die Pflich!
es Schweigens auferlegt war, hat jemals seine Kenntnis
on der Sache auch nur mit einem Worte verraten. Ende
dezember 1867, als der Sequester über das königliche
dermögen auf kurze Zeit aufgehoben war, wurde die Sil—
erkammer aus ihrem Versteck wieder hervorgeholt und im
extrazuge nach Penzing geschafft, wo sie noch heute zu
ehen ist. F. 3.
Neueste Meldungen.
Berlin, 12. Olt. Ueber die Ursachen der Einge—
orenenUnbotmäßigkeiten beim Eisenbahn
au unfern Windhut wird der „Deutschen Koloniab
eitung“ aus dem Schutzgebiet telegraphiert, daß sich unte
den Transkaijungen eine sogenannte äthiopische Bewegun
rege. Es sind ähnliche Regungen, wie sie in letzter Zeu
in verschiedenen Kolonien anderer Völker sich aleichfall⸗
bemerkbar machten. J
Saloniki, 12. Okt. In jungtürkischen Komiteekreisen
nimmt die Unruhe wegen der Verschleppung der Regelungç
bder Kretaangelegenheit durch die Schutzmächte wieder zu
Angesichts der Haltung derseiben hält man einen —
ür unvermeidlich, wofür nur die Schutzmächte verantwort
ich seien. Ein demnächst stattfindender Kongreß des Ko—
nitees wird sich eingehend mit der Frage beschäftigen.
Konstantinopel, 12. Okt. Finanzminister Dschawid
hat den Optionsvertrag mit dem Credit Mobilier nur vom
14. bis 20. Oktober verlängert. Der Unterredung Bom—
pards mit Dschawid, die fast drei Stunden währte, wird
natürlich große Wichtigkeit für den Verlauf der Anleihe
erhandlungen beigemessen. Die Unterredung nahm einen
efriedigenden Verlauf, die beiderseitigen Auffassungen
amen einander entgegen, und es besteht Hoffnung, daß
xrankreich auf die Einfübrung des Tredordienstes verzichte
New⸗-NYork, 11. Olt. Nach einer Depesche der „New—⸗
hort Sun“ aus Guatemala flohen die in Amapala (Hon—⸗
uros) lebenden Auslaͤnder aus der Stadt, nachdem der
Ztadtkommandant befohlen hatte, alle Engländer und
Imerikaner festzunehmen und ihr Eigentum zu konfiszie—
en. Der englische Konsul entkam nur mit geringer Not
inter dem Kugelregen der Soldaten des Kommandanten;
ieser wollte auch den englischen Geschäftsträger verhaf—
en lassen, den er beschuldigt, die Bevölkerung zur Revo—
ution aufzureizen. Der Kommandant droht, beim Ein—
reffen des englischen Kriegsschiffes, um dessen Entsendung
er Konsul gebeten hat, die Stadt niederbrennen zu lassen
Willemstad, 11. Olt. Wie aus Maracaibo gemeldet
vird, meuterten die Gesangenen des San Carles-Gefängaisses
und töteten mehrere Beamte. Unter den Getöteten
nefindet sich ein Bruder des Präsidenten Gomez. Die mei—
ten Gefangenen, die zu den angesehensten Anhängern der
hartei des früheren Präsidenten Caftro gehören, sind ent
ommen. Man befürchtet den Ausbruch einer revolu—
tonären Bewegung.
Rio de Janeiro, 11. Okt. Hier geht das Gerücht,
in Staate Amazonas seien Unruhen ausgebrochen. Vi
egierungsfeindliche Partei habe, unterstützt von den Bun—
estruppen. den Gouverneur abgesetzt.
Aus West⸗ und Süd⸗Deutschland.
* Köln, 11. Olt. Ein Gaunerstreich.) Die Po
izei verhastete hier einen früheren Angestellten der Deutzer
Basmotorenfabrik namens Flamm, der in dringendem
Lerdacht steht, vor einigen Tagen den Schaaffhausenscher
Bankverein auf folgende Weise um 45 000 Mark betrogen
zu haben: Er hatte von der Gasmoterenfabrik eine An
ahl gefälschter Wechsel in Höhe von 45 000 Mark an den
Bankverein gesandt mit einem Anschreiben, sie einem Bo—
en, der sich legitimieren würde, auszuzahlen. Durch ein
geitungsinserat hatte er eine zuverlässige Persönlichkeit ge—
sucht und fandte einen Mann, der sich daraufhin meldete,
zu dem Bankverein, der die Zahlung anstandslos leistete.
Als der Bankverein der Fabrik die Belastung ihres Kon—
os mitteilte, kam der Schwindel heraus. Das Geld is
his jetzt noch nicht gefunden worden.
*Gelseukirchen, 11. Okt. Göse Folgen.) Eine
Folge des Zusammenstoßes der Niederdeutschen Bank isl
die Enthebung des Justizrats Ed. Huchzermeier in Gelsen⸗
irchen von seinem Amte als Notar. Huchzermeier wa'
Gorsitzender das Aufsichtsrates der Niederdeutschen Bank.
*Mettmann, 11. Olt. Mer Revolver.) Zu einer
Zzchlägerei kam es in Heeresbach Gin aus Elberield siam-A—
„Ich hoffe es. Sie liebt mich so sehr, die gute liebe
Menzel, mir schlägt sie es wohl nicht ab, wenn ich sie so
recht von Herzen darum bitte. Doch komm, wir wollen uns
elbst davon überzeugen, ich werfe rasch einen Shawl um und
vir fahren sogleich nach Charlottenburg hinaus; Papa hat
nir ja den Wagen für heute nachmittag zu einer Spazier⸗
ahrt überlassen.“
Sie sprang eilfertig auf. Helbigs liebevolle Blicke
prachen den Vank aus, den seine Lippen zu sagen ver⸗
chmähten;: er war kein Mann, der viele Worte machte, wenn
S darauf ankam die Empfindungen seines Innern auszu⸗
rücken. Es war ihm stets, als entweihten die Worte die
heiligkeit des Gefühls, das, eine ideale Blüte seines Her—
ens, in der Glut des hellen Sonnenlichtes welkt und stirbt.
ẽva, die verwöhnte Millionärin, die seit Kindheit auf von
Schmeichlern umgeben war, hatte dennoch Klarheit des
heistes und richtiges Empfinden genug, um den Wert dieser
zurückhaltung zu erkennen. Datz sie das aber vermochte,
Herdankte sie hauptsächlich ihrer Erzieherin, dem Fräulein
Natalie Menzel. Fräulein Menzel gehörte zu jenen sel⸗
enen weiblichen Naluren, die wie das Fräulein von Kletten⸗
berg, welche Goethe in seinen Bekenntnissen einer schönen
Seele verewigt hat, ein so kindlich reines Gemüt besitzen,
daß ihr Umgang allein schon Licht und, Wärme über das
svemüt aller verbreitet, die das Glück haben, in ihrer Nähe
u verweilen. Die viele Jahre lang, kränkelnde Mutter
f7vas, deren Geist noch durch die fashionablen Neigungen
hres Gatten schmerzlich gelitken hatten, wäre nicht imstande
zewesen, Eva vor all' den Klippen des Reichtums zu, be⸗
wahren, welche jugendlichen Gemütern so gefährlich sind.
Nur ein so geklärtes, über die weltlichen Eilelkeiten so er⸗
habenes Gemüt, wie das Fräulein Menzels hatte es ver⸗
mocht. Die Liebe und Verehrung Evas war aber auch un⸗
endlich für die treue Hüterin ihrer Kindheit und als sie
merkte, daß der nach dem Tode der Mutter sich immer mehr
nusdehnende gesellschaftliche Verkehr in ihrem Hause der
alternden Dame beschwerlich wurde, drang sie darauf, da
diese sich in die von ihr so ersehnte Ruhe zurückzog. Sie
estimmte ihren Vater, die letzten Tage ihrer treuen Er—
zieherin durch das Geschenk eines kleinen Hauses und der
Aussetzung einer Jahresrente sorgenfrei zu machen. Der
alte Herzberg suchte stets und in allem sich als nobler
Mann zu erweisen und war deshalb sogleich bereit, den
Vunsch seiner Tochter zu erfüllen. Fräulein Menzel trennte
ich mit schwerem Herzen von ihrem Liebling; aber ihr
Auge konnte ja auch noch von ferne über dem teuren Kinde
vachen, und dann wußte sie, daß der religiöse Grund, das
wohe Sittlichkeitsgefühs. das sie in Evas Seele gepflonzt,
nenoder zFXremder sprach einige Knechte um ein Almoser
m. Als ihm dieses verweigert wurde, ging er tätlickh
jegen die Knechte vor. Hierauf schoß ein Knecht aus ei—
tienn Revolver auf den Fremden und verletzte ihn uner
seblich am Kopfe. Der Verletzte wurde auf einer Karré
hem Kankenhause in Mettmann zugeführt. Der Täter kam
in Haft. Man fand bei ihm noch 185 scharfe Patronen
hor. Er will in Notwehr gehandelt haben.
*Neunkirchen, 11. Ott. Gahnunglück.) In der
Nähe von Ober Nickweiler erfaßle ein nach Bingerbrüch
fahrender Güterzug auf dem geössne en Bahnübergang ein
nit 2 Pferden bespanntes Fuhrwerk des Müllers Volz
uus Ober Nickweiler. Der Wagen wurde vom Zuge mit—
gerissen und zertrümmert. Frau Volz wurde getötet, ihr
ehnjähriger Sohn verletzt. Der Bahnwärter soll die
ZSchranke geöfsnet haben, um den Wagen noch vor der An—
unft des Zuges durchzulassen.
* Wiesbaden, 11. Olt. (Falsches Geld.) Hier
md in der Umgebung ist in letzter Zeit falsches Geld an—
ehalten worden; es handelt sich um Zehnpfennig-, Ein
nark⸗, Zwei⸗- und Fünsmarkstücke.
* Mainz, 11. Ott. Der Zar in Mainz.) Au
zdie Bitte des Großherzogs haite der Zar dem neu ein
zerichteten Naturhistorischen Museum einige kostbare Tier—
remplare geschenkt, so namentlich einen europäischen Bison
oder Wisent, eine Tierart, die vom Zaren in einem ur—
valdähnlichen Forste Litlauens und in einem Parke bei
Noskau gehegt wird. Da nun das Museum in den näch—
ten Tagen der allgemeinen Besichtigung freigegeben wer—
den soll, so regte die Mainzer Bürgermeisterei an, daß
der Großherzog und der Zar die Einweihung vornehmen
möchten. Am Hofe scheint man dazu geneigt zu sein und
man darf also wohl mit einem Zarenbesuche in Mainz
m Laufe dieses Monais rechnen.
* Frankfurt, 11. Olt. (Er stickt.) In einem Hause
er Bockenheimer Landstraße setzte ein 58jähriger Taglöh—
ier die Dampfheizung in Betrieb. Der Kohlenrauch fand
ber keinen Abzug durch den Schornstein und sammelte sich
m Souterrainraum an, in dem der Mann weilte. Als
»ie Diensiboten nach ihm sahen, fanden sie ihn leblos
im Boden liegen. Er war erstickt. Wiederbelebungsver⸗
uche blieben ohne Erfola.
Aus aller Welt.
Der Verkauf des Tempelhofer Feldes. Das
Tempelhofer Feld ist, soweit es vom Militärfiskus an die
zemeinde Tempelhof verkauft wurde, der Käuferin bereits
ur Verfügung gestellt worden. Die Verträge sind, wie
nan erfährt, gestempelt worden; an Stempeln ist die
zumme von 863 000 Mark dem Steuerfiskus entrichte!
vorden. Die „Tempelhofer Feld“Aktiengeselischaft für
zrundstücksverwertung, zu deren Direktor der frühere
zerliner Stadtverordnete Georg Haberland berufen ist,
bird in den nächsten Tagen, wenn die Prüfung ihrer
inauziellen Grundlagen durch die amtlichen Stellen been
et ist, gegründet werden. Das Kriegsministerium han
elt also, wie sich zeigt, ohne Rücksicht auf die Proteste
iach der Auffassung, daß dieser Verkauf einer Genehmigung
»es Reichstages nicht bedürfe.
Höchster Leichtsinn. Aus Zittau wird gemeldei;
Als der Bäckermeister Kasper in der Weberstraße mit sel—
iem Jagdgewehr herumhantierie, entlud sich plötzlich die
geladene Wafse. Die Kugel ging durch ein Schau ensien
ind traf zwei Herren, die auf der Pattform eines die
Ztraße passierenden Wagens der elektrischen Straßenbahn
landen. Beide fielen tödlich getroffen vom Wagen. Dt
kugel war den beiden in den Kopf gegangen und hatte
hren sofortigen Tod herbeigeführt.
Explosion. In Breslau demolierte eine Explosion
uf der Bethlenfalva-Hütt!e der Aktiengesellschaft „Bis—
aarckhütte“ den großen dreistöckigen Neubau dreier Gas
eneratoren, die am Mliiswoch den Betrieo erdffnen soll
en. Der Schaden ist bedeutend.
Verhaftete, Luftschiffer. Der deutsche Luftballor
Elbe“, der an einem Wettfluge teilnahm, wurde über di
ussische Grenze getrieben und landete bei Wola in Ruß—⸗
and. Die Insassen des Ballons, ein Fabrikbesitzer und
ein Kaufmann, wurden gefangen genommen, trotzdem sie
cussische Pässe besaßen und sich legitimierten.
Ein Uebersall eines Eisenbahnzuges in Sardinien
wird offiziell mitgeteilt. Die Zahl der Angreifer betrug
ieben. Sie hatten am Ausgang des Tunnels die Schie—
ien gelockert und den Zug zur Entgleisung gebracht. Sie
aubten eine für die Löhnung des Eisenbahnpersonals be—
timmte Summe Bargeld, gaben aber den Bahnbeamten
deren Uhren zurück. Der Ansührer der Bande sprach tos—
anischen Dialekt.
Die Waldbrände in Amerika. Die Waldbrände in
Minnesota dehnen sich rapid aus. Die Zahl der Obdach
und Mittellosen beträgt über 5000. In vielen Fällen
amen ganze Familien um. Im ganzen Brandgebiet isl
das Kriegsrecht proklamiert worden. Einige Typhusfätlle
indd vorgekoömmen. Die Zahl der bei dem Brande Um—
jekommenen wird mit 4000 angegeben. Der Schaden be—
äuft sich bereits auf 100 Millionen Dollars. Das Per—
onal der Canada North-Railwey hat mit wahrem He—
ois mus waͤhrend der großen Waldbrände die Spezial
üge durch die Flammen geleitet und in dem furchtbaren
auch die sich iihoer do on Mrei n Asnon —
e,c. etne seste Stutze für das ganze Veben seli. —
liuch in den schwierigsten Lebenslagen die nötige Kraft zum
deen und zum Ueberwinden des Leides verleihen
ürde.
Daß Eva bei dieser edlen Frau keine Fehlbitte tun
vürde, wenn es galt, eine Unglückliche zu retten, das wußte
e bestimmt. Mit der größten Bereitwilligkeit ging auch
ie gütige Dame auf die Wünsche ihrer, Pflegetochter ein.
„Gott segne dich, mein Kind!“ rief sie beim Abschiede,
daß du in deinem Glücke auch daran denkst, das Unglüd
uderer zu mildern. Und, auch Ihnen, Herr Helbig, danke
h, daß Sie mir einen kleinen Anteil an dem guten Werke
währen wollen, das Sie schon getan haben und noch tun
erden. Schreibe mir nur, Eva, wann ich die arme Frou
änen in den Augen a bon ihrer a
jreun· i. 55 gen schied Eba bon ihrer alte
„Wie glücklich bist du, Eva,“ sagte Helbig beim Nach
usgabren. adaß du von solch einer Frou erzogen 8
ni;
zNYÄQKNWYιαUMQαÄαMXYàWOιXιROιÄσ σ σOσäσÛKÛôôÄæäô
48 84344
Eine rege Geschäftigkeit herrschte seilsem in dem kleinen
n einer Seitenstraße Charlottenburgs gelegenen. Häuschen
e8 Fräulein Menzel. Die, einzige Nand, ein snge
vaisenmädchen, die das Fräulein sich herangezogen, pu hte
nd stäubte, wusch und plaͤttete so eifrig daß in kurzer Zeil
ie beiden für die Kranke bestimmien freundlichften Sab
jen von Sauberkeit strahlten. Durch die blankgeputzten
enfter blickte der heitere Frühlingshimmel und die grünen
äume des Gartens nickten freundlich herein. Mu großer
vorsorge hatte die gute Dame die Gartenzimmer ihre
hönsten natürlich, für die Leidende zur Wohnung beftümmt
e, die alte ruheliebende Frau, zog in die geraufchvollete
dorderwohnung ein, die sonst nur für größeren Besuch ge⸗
ffnet wurde: sie trennte sich von ihrem Liebungspiaß an der
veinumrankten Tür des kleinen Gartenzimmers, us dem
nan auf eine blumengeschmückte kleine Freitreppe und von
gieser direkt in den Garten gehen konnte, um der fremden
kranken Frau alles recht behaglich zu machen. *
Ez waren kaum fünf Tage nach dem Besuche Evas
zerflossen, als ein Brief derselben ihrer Erzieherin die An—
unft der Baronin Wilberg auf den folgenden de
eigte. Noch einmal durchschritt die gule Dame die beiden
ür die. Fremde bestimmlen Zimmer und musierte alles
orafältiag. Aber selb das scärte Nude
senommen. Tausende von Bewohnern sind dadurch dem
cheren Tode entrissen worden.
— —
Arbeiterbewegung.
Generalstreik in Frankreich.
Infolge des Konflikts zwischen der Nordbahn-Ver
valtung und einem Teil der Arbeiter hat der Verband
ller Angestellten und Arbeitersyndikate der Nordbahn di
ẽinstellung der Arbeit beschlossen. Man befürchtet den
lusbruch des Streiks in möglichster Bälde. Die Regie—
rung requiriert Truppen, um den Verlkehr aufrecht zu
halten.
Zwischen der Nordbahn und einem Teil des Pariser
Werkstättenpersonals besteht seit mehreren Tagen ein Kon—
likt, weil die Bahn einen Teil der sungen Arbeiter auf
jebessert hat, was die übrigen veranlaßte, die Arbeit ein
ustellen mit dem Verlangen auf eine entsprechende Zulage
Am Dienstag hat der Verband der Gewerlschaften der Ar
zeiter und Angestellien der Nordbahn für die Gegend von
Paris sich mit den Ausständigen solidarisch erklärt un
den allgemeinen Ausstand für Paris angeordnet, der un
124 Uhr nachts begonnen hat. Die Gewerkschaften de
Provinz haben sich, soweit bis jetzt bekannt ist, zum Tei
benfals dem Streik angeschlossen.
Der Beschluß des Verbanaes ist um 11 Uhr abende
jefaßt worden, und schon um Mitternacht ist die Nord
»ahn und das umliegende Bahnnetz militärisch besetzt wor
»en. Zu ernsteren Zwischenfällen ist es bisher nicht ge
ommen.
Es bleibt nunmehr abzuwarten, welche Ausdehnunç
»er Streik annehmen wird. Es ist möglich, daß eir
hon in seinen Anfängen scheitert. Sollte er sich aber in
ensiver gestalten, so ist eine Ausdehnung auf die übriger
zisenbahngesellschaften zu befürchten, weil der Plan eine,
illgemeinen Eisenbahnerausstandes schon lange vorbereite
vird. Für den Verkehr aus Deutschland ist zu beachten
daß der Ausstand vorläufig nur auf die über Köln füh
ende Linie störend wirken wird, weil die Linien übe.
Frankreich, Straßburg, Basel in das Eisenbahnnetz der
Dstbahn münden. F. 3.
Paris, 11. Okt. Die Zeitungen verbreilen durd
Zonderausgaben die Nachricht, daß der Streik der Ange
tellten der Nordbahn einen solchen Umsang angenommer
hat, daß der Pariser Nordbahnhof geschlossen werden
nußte und Eisenbahnzüge nicht mehr abgehen. Die Ar
beiter haben bis zur Morgenfrühe Versammlungen abge
halten. Der Streikbeschluß wurde sofort allen Angestell
ten im Nordbahngebiet durch Automobil zugestellt. Diens
tag morgen 4 Uhr wurde der Nordbahnhof wie gewöhn
lich geöffnet; a's um; 4,20 Uhr der erste Zug abgehen
sollte, wurde den Reisenden erklärt, daß der Zug wegen
Mangels an Lokomotiven nicht fahren könne. Um 4.20
Uhr traf aus Boulogne ein Zug enn, dessen Führer er
klärte, er habe aus der Strecke nichts außergewöhnliche
bemerkt. Der um 4.05 aus Brüssel fällige Zug ist nich
eingetroffen. Um 5 Uhr wurde der Nordbahnhof geschlos
sen. Der Postdienst nach England und Deutschland wir!
durch Automobile aufrecht erhalten. Der Nordbahnhof i
militärisch besetzt und auch nach der Garnison Lille er
ging der Befehl, sämtliche Truppen zusammen zu ziehen
um die gesamte Bahnlinie zu überwachen. Die Streiken
den haben bereits eine Anzahl Gewalttätigkeiten began
gen. So wurde in Terznier ein Eisenbahnzug angehalten
Paris, 12. Okt. Die Arbeiter und Angestellten, di
in den Ausstand getreten sind, haben folgende Forderun
gen aufgestellt: 1. Eine allgemeine Lohnzulage fü—
das gesamte Personal entsprechend der Teuerung der Le
»ensmittel, 2. Rückwirkende Kraft der durch das Geset
»om 11. Juli 1909 geordneten Pensionsverhält
nisse. 8. Durchführung der Sonntagsruhe. 4
Amwandlung der Tagelöhne in ein Monaisgehalt auf de
Brundlage eines jährlichen Minimaleinkommens von 1850
Franks für die bisherigen Tagelöhner und gleichgestellten
Arbeiter.
Paris, 11. Okt. Die Minister hielten einen Ka—
vinettsrat ab, um über die durch den Ausstand au
»er Nordbahn notwendig gewordenen Maßregeln zu be
aten. Ministerpräsident Briand stellte fest, daß der
lusstand ohne unmittelbaren Anlaß in ganz unerwarte
ter Weise erklärt worden sei, mitten während Verhand
ungen, welche einen günstigen Verlauf versprochen hatten
Es bestehe demnach kein Zweifel, daß der teilweise Aus
tand auf der Nordbahn einen vorwiegend ppolitischen Cha
rakter habe und einen auf Einschüchterung der Regierun—
herechneten revolutionären Akt darstelle, welchen die Re
zierung nicht zulden könne. Der Kabinettsrat beichloß d
zalb, den Eisenvahndienn miutarisch zu organisieren. Die
Folge dieser Verfügung ist, daß sämtliche der Armee als
neservisten angehörenden Eisenbahnangestellten sofort zu
ainer Uebungsperiode einberufen werden können. Nach einer
inderen Mitteilung wird bestätigt, daß die Eisenbahner in
z»er Versammlung erklärt hätten, daß sie sich einer Mobi—
isierunasordre nicht unterwerfen würden.
* *
— Von den Werften. Entsprechend dem Beschluß der
Delegiertenversammlung der Werftarbeiter in Hamburg
vurde am Dienstag durch Maueranschläge bekannt gege
oven, daß wegen Nichteinhaltung der vereinbarten Frie—
oinnungen die Arbeiter die Urbeit nich —
meur entdeden; in vem rieinen einfenstrig⸗ —
immer stand Fräulein Menzel einen Augenblick suill. Der
—
ichtigen Mullgardinen, des Lindenbaumes vor dem geöff⸗
neten Fenster, dessen Blätter und Zweige leise säufelnd hin⸗
inblickten, das alles war so traulich, so einladend, daß ein
efriedigtes Lächeln auf der alten Vame Lippen trat.Un—
villkürlich faltete sie die Hünde zum Gebet: „Herr, gib der
armen, geprüften Seele hier den verlorenen trieden
vieder!“ flüsterte sie bewegt.
Gegen elf Uhr vormittags kam, die Kranke an. Evo
zatte ihren Wagen nach dem Krankenhause geschickt, eine
diakonissin geleitete die Leidende nach ihrer neuen, Be—
Jausung. In zarter Rücksicht hatte Eva ihren Besuch bei
Fräulein Menzel auf den Tag naäch der Ankunflt der Kranken
zerschoben, um dieselbe erst, sich in die neue Lage finden zu
assen, um nicht durch zu biele Eindrücke die Kranke aufzu—
regen. Fräulein Menzel erwartete deshalb ihren Gasl
allein in ihrem freundlichen, aber einfachen Empfangs.
immer. Ein gedeckter Tisch stand in der Mitte desfelben.
Minna, die Magd, pußzte noch sorgfam die Gläfer und
vischte den Staub von der lange im Keller bewahrten Flafche
nit altem Ungarwein, den Fräulein Menzel zur Staͤrkung
ür die Patientin hergeholt, als der Wagen mit dem er—
varteten Gaste bereils vorfuhr. Hastig strich sich das
ädchen über das Haar, rückte die Schürze zurecht und
prang hinaus, der Kranken beim Aussteigen zu heifen.
zon der Tinkonissin gestützt schritt mit unsicherem, schwan ·
endem Schrette eine hohe Frauengestalt ins Haus, ein
ichter Schleter verbarg ihr Gesicht. Fräulein Menzel tra
hr entgegen reichte ihr zum Willkommen deide Haͤnde un
—0 verneigte und rasch
dieder verschiand. Minna führte die Fremde in das
eẽmpfangszimmer, während Fräulein Menzel die Hand der—
elben in der ihrigen hielt. Man half ihr Hut und Mantel
abnehmen, fsie wat in einem ärmlichen schwarzen Wollkleide
ꝛas überall zu weit, lose um den abgemagerten Körper hing
ihr Haar aber war sorgsam geordnel und mit Ueberraschung
and inniger Teilnahme sah Fräulein Menzel in ein troß
der Blässe noch immer liebliches und reizvolles Antlitz.
Ein Lehnstuhl wurdg an den Tisch geschoben, man setzte
ãe hinein. Bis jetzt war kein Wort über Johannas Lippen
zekommen, es war, als wenn sie willenlos und apathisch alles
nit sich geschehen ließe, was über sie verfügt wurde. Fräu—
ein Menzel setzte sich zu ihr und bat sie, sich nach der an—
reifenden Fahrt durch Speise und Trank zu stärken. Jo—
anna gß wenig und nippte nur am Weine;: dann bat sie mit
eiser Stimme, sie nach ihrem Zimmer zu führen. denn üie
Able sich sehr ma
der dursneymen und die Werften aufss neue veraj
sen. Tatsälich sind auch Dienstag morgen auf keiner de—
Werften und auch nicht in den zahlreichen Fabriken, ir
denen Sympathiestreiks eintraten, die Arbeiter erschienen
die Haupischwierigkeit liegt momentan in der Frage de
luszahlung der rückständ'gen Atkordüberschüsse. Di
Ztimmung der Arbeiter ist sehr gereizt
Es finden Versammlungen der Werstarbeiter statt, in de
nen weitere Beschlüsse gefaßt werden sollten.
— Neue Schwierigkeiten. Ein Teil der Bremer Ha
fenarbeiter war in einen Streik eingetreten aus Sympa
thie mit den Hafenarbeitern in Brake. Die Streikender
verweigerten die Entlöschung der Getreidedampser und
verlangten anderweite Beschäftigung, einerlei ob Arbei
vorhanden sei oder nicht. Als ihnen dies als unerfüllba.
bezeichnet wurde, legten alle Arbeiter der Bremer Lager
haus⸗Gesellschaft die Arbeit nieder.
Von der Luftschiffahrt.
*,Parseval 6.“ Das Vuftschiff „Parfeval 6 lan
dete am Montag in Plauen. Die große Schnellig
keit des Luftschiffs, mit der es die Fahrt von München
bis Plauen zurückgelegt hat, kann als eine außerordent
liche bezeichnet werden. Außer in Plauen wird das Luft
hiff auch in Bitterfeld am Dienstag eine Zwischenlan
dung vornehmen und erst am Mittwoch in Johannistal
eintreffen, da die Berliner Ballonhalle erst an diesem
Tage fertiggestellt sein wird.
»L—A O—
Wie Josef Kainz den Tod König
Ludwigs erfuhr.
Hierüber erzählt Dora Duncker in der „National-Zen
tung“:
Seltsam, beinahe grotesk war die Situation, in der
Karmz den Tod seines königlichen Freundes erfuhr. „Wir
waren, wie so oft an Sonn- und Feiertagen, ein kleiner
Kreis guter Freunde am ersten Pfingsttag des Jahres
1886 Kainz' Tischgäste gewesen. Er wohnte damals —
ein junger Ehemann — am Kronprinzen-Ufer, und hel
strahlte die Sonne des Glücks und des NRuhms über sei
nem Haupte.
Nach Tisch holte er, was sonst eigentlich nicht sein
Art war, übermütig ein Päckchen brieflicher Huldigungen
von schöner Hand hervor, die während der letzten Tage
eingeganget waren. Meist anonymner Natur, schwärme
risch, komisch, exaltiert abgefaßt. Zwischen diesem ju
gendlichen, zum Teil recht albernen Gesasel befand sich
ein ernster Brief, aus dem gereiftes Urteil, tieses Em
pfinden, hingebende Liebe für den Künstler und sein«
Kunst sprachen. Die Schreiberin becief sich auf mehrert
Briefe, die sie dem Künstler geschrieben hatte, und wie
derholte in bescheidener Form den heißesten Wunsch ihres
Lebens, ihn einmal von Mensch zum Menschen zu sehen
wenn auch nur auf einige Minuten sprechen zu dürfen. Sit
machte den Vorschlag, Kainz möge, wenn er ihre heiß
Bitte erfüllen zu können glaube, am P ingstmontag zwi
schen zwölf und ein Uhr sich in der Schilling chen Kon
ditorei einsinden. Sie würde nach der Kirche dort sein
und als Erkennungszeichen ihr Gesangbuch und auf dem
Deckel eine rote Rose in der Hand tragen.
Aus einem seiner impussiven Entschlüsse heraus er—
klärte Kainz, zum Stelldichein gehen zu wollen, aber
nicht allein. Seine Wahl der Geleitschaft fiel auf mich
Wirklich betraten wir am Pfingstmontag um die bestimmie
Zeit die Schillingsche Konditorei. Die Dame mit dem Ge
—— und der Rose auf dem Deckel war noch nicht an—
esend.
seninz war in übermütigster Laune; er bestellte Berge
von Kuchen und Schokolade mit Schlagsahne, zu der er
‚seine Schöne“ dann einladen wollte. Endlich tat sich,
zum so und so vielsten Male, die Tür auf, eine lange,
hagere Dame mit Gesangbuch und Rose, ganz in Schwarz
gekleidet, trat ein.
Aber o weh, sio war nicht schön, ganz im Gegenteil
Auch nicht jung mehr, aber aus ihrem Gesicht sprach al—
es das, was wir aus ihrem Briefe gelesen hatten. Sie
zemerkte uns sofort, und eine tiese Enttäuschung ging
iͤber das ernsie Gesicht, ale sie sah, daß Kainz nicht al
lein gekommen war. Mit niedergeschlagenem Blick setzte
ie sich an ein freies Tischchen in einiger Entfernung von
uns und zerkrümelte dann nervös einen gleichgültig be—
ttellten Kuchen, wartend, wartend, wartend auf einen
Blick, auf ein Wort!
Ich redete Kainz gut zu, der Dame seine Aufwartung
zu machen; er aber in einer seiner übermütigsten Jun
genslaunen, lachte, lachte, lachte, und war nicht zu be
vegen.
Da sprang die Dame auf, ohne Kainz eines weite—
ren Blickes zu würdigen, und verließ die Konditorei, und
während die Tür zur Straße noch ofsen stand, und Kain—
noch immer lachte, rief draußen der Extrablattausträge:
mit schriller Stimme:
„Tod König Ludwigs von Bayern und feines Mör
ders Gudden! Tod König Ludwigs.“
Kainz war das Lachen auf den starr gewordenen Lip⸗
en mormlieh eingefroren. Schneebleich packte er mein—
dand.
Der Zeitungsausträger war eingetreten. Er legte das
Unglücksblatt vor uns hin. Laut aufschluchzend brach
dainz darüber »usammon
E —
VJhrem Wunsche wurde sofort gewillfahrt. Minna
führte sie mit gerechtem Stolze in die schön geschmückten
dimmer. Ein leises Lächeln flog über Johannas Lippen,
als sie die sorgfältige Einrichtüng desselben betrachtete,
dann winkte sie dem Nädchen, sie allein zu lassen und schof
den Riegel vor die Tür.
Minna schüttelte den Kopf und ging zu ihrer Gebieterin.
„Ach, die arme Dame,“ sagte fie milleidig, „fie sieht so schön
wie ein Engel aus, aber dabei so blaß, — und so stumm
und so traurig, daß einem, das Herz ordentlich weh tut:
man scheut sich selbst gar mit ihr zu reden.“
„Du wirst auch am besten tun, deine Zunge der kranker
Dame gegenüber im Zaume zu halten,“ eñntgegnete lächelnd
das Fräulein, „mit einer Kranken. habe ich dir schon gesaat
harf man sich nicht unterhalten.“
O, ich habe auch kein Wort gelprochen. Fräulein“
ries VNinna und ging eiug an thre Geschäffe.
Zum Mittag erwartete Fräulein Menzel die Kranke ver
geblich; diese ließ sie bitten, ihr einen Teller Suppe auf das
Zimmer zu schicken, sie fühle sich noch zu schwach, um herübe
zu kommen. Fräulein Menzel ließ sie gewähren.
Gegen fünf Uhr nachmittags erschallte die Klingel au⸗
dem Zimmer Johaunnas.
„Wollen Sie die Güte haben, ihre Herrin zu bitten,
mir eine halbe Stunde zu schenken?“ sagte sie zu dem ein⸗
retenden Mädchen.
Minna teilte die Bitte der Fremden Fräulein Menze
mit, die sogleich sich nach dem Zimmer der Kranken begab
Johanna saß auf, dem Sofa in dem Gartenzimmer
yre Wangen hatten etwas die vorherige fahle Blässe ver
loren, ein zartes, fast durchsichtiges Rot schimmerte au
ihnen. Als Fräulein Menzel eintrat, stand sie auf und gin
ihr einige Schritte entgegen.
„Bleiben Sie sitzen, Frau, Baronin!“ sagte die am
Dame abweisend und führte Johanna auf das Sofa zurüc
indem sie sich zu ihr setzte. „Sie wünschen mich zu sprechen?
Einen Augenblick sah Johanna faft verwirrt vor sich
nieder. „Nan hat mich hergebracht,“ sagte sie dann, „abe!
keiner hat mir, die an ihn gerichtete Frage beantwortet
wohin man mich bringe und wem ich diese Wohltat zu ver
danken habe; man vertröstete mich auf eine Erklärung, die
cch erhalten würde, sobald ich den neuen Wohnsitz erreich!
Wollen Sie die Güte haben, mir diese Erklärung zu geben?
Sie hatte in höflichem, aber kaltem Tone dgesprochen
Ich kann mir denken, daß Sie zu wissen wünschen, be
Sie sich befinden,“ entgegnete die alte Dome iel
aber mit Zurückhalfumna.