Full text : Dudweiler Zeitung

zen mit Volksmengen, es ertönt der Ruf „Viva la Re—
»ublica“. Das Volk stürzt nach der Avenida da Liber—
zade; die Munizipalgarden, die heldenmütig bis zum
etzten Augenblicke gekämpft, haben sich ergeben. Es ist
Uhr nachmittags: Die Republik ift soeben unter dem
eẽnthusiasmus des Volkes vom Rathause erklärt worden.

Das portugiesischzeenglische Bündnis.
Die provisorische Regierung läßt es nicht an Kund—
ebungen fehlen, daß sie entschlossen ist, die bestehende
lllianz mit England aurecht zu erhalten. Der neue Mi—
ister des Aeußeren, Bernardino Machado ist, von seiner
tundreise durch die Provinz wieder in Lissabon einge—
roffen und hat sich für die Aufrechterhaltung des Bünd—
lisses mit England ausgesprochen. Im Einklang damit
rklärte der Präsident Teosilo Braga, daß die Republik
ie Allianz mit England moralisch und materiell zu be—
estigen suchen wird. Der englische Gesandte in Lissabon
atte mit Braga eine lange Unterredung gehabt. Braga
ersicherte den Gesandien, daß ganz Portugal von größter
hochachtung für die nationale Regierung Englands er—
üllt sei. Die Republikaner würden die alte Politikt der
rreundschaft zu Großbritannien fortsetzen

Paris, 8. Olt. Der Pariser Vertreter der neuen
ortugiesischen Regierung, Magelhaes 81ma, er—
sielt ein Telegramm, daß die Ar mee Portugals
ich ausnahmstos zur neuen Ordnung belann hat.

Bernung 9. Ort. Rachdem der Prassdent der proviso
ischen Regierung von Portugal die Proklamierung dei
depublift dem hiesigen Auswärtigen Amte bereits
elegraphisch angezeigt hatte, hat der portugiesische Ge—
häftsträger auf Grund einer telegraphischen Anweisung
es neuen Ministers des Auswärtigen in Lissabon, Ma—
ado, dem Auswärtigen Amte, das zur Zeit der Un—
erstaatssekretir Dr. Stem rich leitet, die Proklamie—
ing der Republik offiziell mitgeteilt.
Wien, 9. Okt. Nach einer Madrider Meldung der
Politischen Korrespondenz“ hatte Ministerpräsident Cana—
ejas eine Besprechung mit den Botschaftern Englands,
deutschlands und Italiens, in welcher vereinbart worden
ein soll, daß die englische Regierung den Schutz der
temden Untertanen in Portugal übernehmen soll. (2)
L2issabon, 9. Olt. Durch Dekret fordert die pro—
isorische Regierung den Klerus auf, die Straßen nicht
1 Amiskleidung zu betreten, damit Ausschreitungen ver⸗
ütet werden. Ein weiteres Dekret verfügt die Auf—
ö sung sämtliche Kongregationen, deren Mit
lieder das Land binnen 24 Stunden verlassen haben
nüssen.
ded 9. Olt. Canaleijas äußerte sich in
iner Unterredung, die spanische Regierung habe von
inem kürzlich aus Badajoz eingetroffenen Revolutionär
ber die Ereignisse in Lissabon verschiedene Einzelheiten
rfahren Nach dessen Mitteilungen seien König Manuel
nd die Königin-Mutter Amelia zur Zeit des Ausbruchs
er Revolution nicht in Lissabon gewesen, sie seien
on einem Führer der republikanischen Bewegung aufgeicht
 worden, der ihnen den Schutz ihrer Person zuge—
chert und ihnen im Namen des republikanischen Komitees
mpfohlen habe, sich auf die an der Küste bei Criceita
egende königliche Jacht zu begeben, an deren Bord sie
ch wenden könnten, wohin es ihnen beliebe. Die gleiche
sitteilung hätten die Revolutionäre dem Herzog von
Porto gemacht, obgleich er nach dem Kampfe in den
ztraßen von Lissabon, an welchem er sich an der Spitze
er Royalisten in heldenhafter Weise beteiligte, gerade
est gefangen war. Canalejas fügte hinzu, es sei nicht
chtig, daß das königliche Schloß vollständig zerstört wor—
en sei, es sei allerdings stark beschädigt.
Lissabon, 8. Okt. Die Stadt befindet sich wieder
ttvöllig nor malem Zustande. Die revolutionäre
ewegung war von langer Hand vorbereitet und wäre
uch ohne Blutvergießen zu Ende geführt worden, wenn
er Kreuzer „Dom Carlos“ mehr Republikaner an Bord
ehabt hätte. Die Matrosen vermochten jedoch die Offi⸗
iere zunächst nicht zu überwältigen, sodaß die monarchi—
he Regierung bis zuletzt auf die Unterstützung des Schif⸗
es rechnete und daher den Kampf aufnahm. — Es sind
lle Läden geöffnet, die Straßenbahn verkehrt wie ge—
oöhnlich und in den Fabriken wird gearbeitet. Weil aber
dachrichten aus der Provinz noch fehlen und es nicht un—
nöglich ist, daß königstreue Provinztruppen auf Lissabon
narschieren werden, soll der Belagerungszustand erst in
inigen Tagen aufgehoben werden.
Berlin, 8. Okt. Wie man aus guter Quelle erfährt,
at bislang noch keine Macht die neue Regierung Portu—
als anerkannt. Es dürfte auch noch einige Zeit ver—
ehen, bis dies geschieht. Jedenfalls werden sämiliche
Nächte die gleiche Haltung einnehmen.
Berlin, 8. Olt. Wie die „Neue pol. Korresp.“ hört,
itwdie telegraphische Verbindung mit Lissabon wiederher⸗
estellt worden. Der Kampf in der Hauptstadt muß nach
en jetzt vorliegenden Nachrichten blutiger gewesen sein,
ils die ersten von der provisorischen Regierung durchge—
assenen Pressenachrichten erkennen ließen. Man schätzt vor—
m

Wademischen Preis gewonnen: doch jebt ist die Reihe an
uns!“ —
Der Gegenstand des Gesprächs, der Maler Burgau,
tand noch immer an demselben Platz und schaute still dem
Tanze zu. Es war ein auffallend hübscher junger Mann
on einigen zwanzig Jahren Sein volles blondes Haar trug
er nach Künstlerweise — seine großen blauen
Augen hatten etwas tief Melancholisches. Sein, Blick
chweifte über die Tanzenden und blieb auf der jungen
Hraut haften, die eben in Helbigs Armen an ihm vorüber⸗
chwebte. —
Zwei ältere Damen, die nicht weit von Burgau Platz
genommen hatten, richteten gleichfalls ihre Gläser auf das
anzende Paar. 9
Weldse Toilette?“ sagte die eine, wöttisch die Lippe
aufwerfend. „Paßt sich dieses weiße Mullkleid wohl für
ne Braut, die eine Erbin von Millionen ist? F
And dazu ais einzigen Schmuck eine Perlenschnur.
warf die andere ein, — „wie taktlos!“ V
Die Perlenschnur ist ein Geschenk des Bräutigams,
vie ich gehört — sie soll sehr kostbar sein —
Desio schlimmer! — Der Bräutigam zeigt eben so
wwenig Geschmac wie die Braut. — Wie kann man Perlen
zum Brautgeschenk machen. Perlen bedeuten Tränen.
Burgau schien das Geplauder der beiden alten Damen
uͤcht zu behagen — er verließ seinen Platz. — Der Tanz
alte eben geendet. — Er hatte erst wenig Schritte gemacht.
a schob sich ein Arm unter den seinen, er schaute sich um
ind blickte in die lachenden Züge seines Freundes, des
derrn Brandt. J
Paß uns ein wenig plaudern, Burgau!“ rief Ser!
von Arandt, „laß sahren die krüben Gedanken, was nicht
zu ändern, fuche gelassen zu extragen. — Statt dich in
eine Schwermut wie in eine Weihrauchswolke zu hüllen,
väre es besser, du machtest mich hier in der Gesellschaft
ꝛtwas bekannt, die mir zum Teil ganz fremd ist.“
Langsam schritten die beiden Herren durch die Säle,
der gefügige Burgau suchte seines Freundes Anforderumg zu
genügen, er machte Brandt, der sich erst seit wenigen Wochen
in Berlin befand, auf die vornehmsien und angesehensten
Persönlichkeiten der anwesenden Gäste aufmerksam.
Plötzlich hob Brandt wie von etwas Besonderem an—
gezogen seine Lorgnette.
Welch schönes Weib!“ flüsterle er. „Kennst du sie,
urgau? 9
Welche?“ fragke dieser, der sich vergeblich bemühke,
n der großen Menge die von Brandti begeichnete Erscheinung
ue 2— ⏑⏑ T

aufig, bis zur genaueren Feststeirung, die Zayl ver To
en und Verwundeten zwischen ein- bis zweitausend. Die
tuhe in Lissabon gilt bis auf weiteres gesichert. Die Er—
ebungen darüber, ob fremde Staatsangehörige Schaden
litten haben, sind noch nicht abgeschlossen.
Lissabon, 9. Olt. Die Munizipalgarde und die bür
erliche Polizei sind aufgehoben worden. Neue Polizei—
orps werden gebildet. Für Condido dos Reis, den Füh
er der Aufständischen, der Selbstmord verübte, und fuüͤr
en ermordeten Irrenhausdirektor Bombarda sollen Lei—
enfeierlichleiten auf Staatskosten veranstaltet werden.
Paris, 9. Oktt. Aus Madrid wird gerüchtweise ge—
jseldet, daß die Königin Amalie die Absicht habe, in Villa
anrique bei Sevilla sich niederzulassen, wo ihre Mutter,
ie rasen von Paris, den größten Teil des Jahres ver—
peilt.

v *
die Proklamation.
*VLissabon, 9. Okt. Die provisorische Regierung ver⸗
eilte fsolgende Proklamation:
Die Haltung des Volkes war von bewundernswertet
'apferkeit, gepaart mit Milde. Nach dem Akt der Revo—
ution, in dem es klassische Tapferkeit bewiesen hat, X
»er Enthusiasmus des Sieges, in dem sich das Voltk als
roßmütiger Sieger erwies, der aus vornehmen Gefühler
ein Siegeswappen machte. Jetzt ist es nötig, zu jfrucht
arer Arbeit zurückzukehren, die, vereint mit strenger Mo
al, die Basis der Regeneration bilden wird. Darum for—
»ert die provisorische Regierung alle revolutionären Grup—
»en, die nicht militärisch organmisiert sind, auf, Waffen und
NRunition den Bezirksvorständen auszuliefern. Die mili—
ärischen Zustimmungen, die stündlich bei der Regierung
zintreffen, garantieren in sicherster Weise die Aufrechterzaltung
 des neuen Negimes. Heute kann es keine Hoff⸗
iungen mehr für das alte Regime geben, das schändlich
durch eine moralische Niederlage, verschärft durch den
Sieg der republikanischen Waffen, entsetzt wurde; es liegt
»aher kein Grund vor, daß die Bürger im Besitz der Was
en bleiben, die sie so heldenhaft geführt haben. Nötig
st, daß die Waffen in Magazin Kegen, genau gezählt
ind bereit, das Volk zu bewaffnen, sobald eines Tages
Befahr für die Freiheit des Vaterlandes droht. Die pro⸗
isorische Regierung vertraut auf das Volk, auf dessen Pa
riotismus und Zuneigung zur Republik!“
Nach einer neuen Aufforderung an das Volk, die ge⸗
vohnten Arbeiten mit neuer Energie aufzunehmen, schließ
ie Proklamation mit den Worten-DBurtger
 Vie Zutungt ves Baterianves negt in euren
zänden! Erheben wir es hoch, damit alle Weltteile von
ns sagen können: Das ist das alte Volk, das durch
eldenhafte Tradition bekannt, aber durch seinen Ernsi
ind Liebe zur Arbeit und durch seine Bürgertugenden
o modern ist, daß es an der Spitze aller Völ—
er steht! «Ei. ei! Die Resp?

Aus West⸗ und Süd⸗Deutschland.
x*Köln, 9. Oktt. Geigelegter Streik.) Der
Zztreik der Erdarbeiter in Deutz, der die Veranlassung zu
en blutigen Vorgängen am Montag gegeben hatte, iss
urch Anerkennung des Tarifs durch den Unternehmer be⸗
ndet worden.
* Kaiserslautern, 8. Oktt. (Eine verdächtige
Dorte.) Die „Pfälzische Presse“ meldet: Nach dem Ge—
muß von Torte sind bei der Kirchweihe in Pirmasens 12
Personen erkrankt.
* St. Goarshausen, 8. Ott. MiehbdchsteZeitlh)
Ddanny Gürtler, der „König der Boheme“, wie er
ich zu nennen liebte, ist in die Frrenanstalt ver—
hracht worden. Er hielt sich seit einigen Tagen in St.
Boarshausen auf. Als er dort im Adamskostüm die Straße
hetrat und eine Rede an die Menge halten wollte, wurde
r durch den Polizeidiener festgenommen und bald darauf
n die Irrenanstalt Eichberg überführt.
* Grünberg (GOberhessen), 9. Ott. eberfahren.)
Juf der Nebenbahn Lich⸗-Grünberg wurde der Gastwirt
Chr. Wagner, der mit einem Einspänner auf der Straße
»ie Bahn kreuzte, überfahren. Das Gefährt ging in
krümmer. Wagner wurde schwer verletzt, beide Beine sind
hm überfahren worden. Der Zug war ohne die vorge—
chriebenen Vorsichtsmaßregeln von der Lokomotive rück
värts über die Straßenkreuzung gedrückt worden.
* Nierstein, 9. Okt. Gom „Niersteiner.“ Welche
Zugkraft der Name „Nersteiner“ seit Inkrafttreten ded
ieuen Weingesetzes ausübt, wonach dieser Sammelnamt
ür nicht aus Nierstein stammende Weine nicht mehr ge—
zraucht werden darf, beweist, daß der hiesige und aus—
värtige Weinhandel sich jetzt schon, vor Beginn der Lese
»en Löwenanteil an der diesjährigen Fechsung gesichert
zat und zwar zu außerordentlich hohen Preisen. Bei fort—⸗
oährendem Steigen gingen dieselben schließlich für ein'ge
‚zroße Partien bis auf M. 70 pro Aiche von 64 Liter
Naische. Es stellt sich also das Stück Wein von 1200
Ziter zu diesem Preise bereits auf M. 1800. In Nier-—
tein ist man mit der Wirkung des neuen Gesetzes unter
iesen Umständen recht zufrieden.
Aus aller Welt.
Die Fleischnot. Die Bürgerschaft des Staates Ham
irg ersucht den Seugti Bundesrat dabin , wirken
„Die Dame dork in dem schönen roten Atlaskleide und
den blitzenden Diamanten im Haar —“ *
„Ah,“ sagte Burgau jetzt — „sie sieht in der Tal heuke
ehr schön aus — es ist die Schwester Helbigs — die
dommerzien⸗Rätin Simon —“ —9
„RKennst du sie?“ —44 —
OO gewiß, ich verkehre sogar in ihrem Ganse —
Beneidenswerter!“ rief Brandt. Du mußl mich bei
ijr einführen.“ —4
Sehr gern — aber ——
Nur kein Aber —— XL
IZch fürchte, sie wird dir bei näherer Vekannkschaft
veniger gefallen als beim ersten Anblick. Sie gehört zu
enen kalten Vernunftismenschen, die nur der Berechnung
olgen; deshalb auch hat sie, das schöne, blühende Mädchen
ich an den alten, unangenehmen Greis gefesselt — er gibt
hr Diamanten, das verdeckt in ihren Augen all' seine
onstigen Gebrechen.“
Brandt lächelt ⸗
„Ich hatte nicht gedacht, daß du auch boshafk sein
önntest. Und das ist die Schwester des sentimentalen
zelbig. wie ihn die Baronin Kirchheim nannfe?“
„Es gibt selten Geschwister, die innerlich so wenig
bereinstimmen wie Helbig und die Kommerzien-Rätin
zimon. Aeußerlich dagegen können sie ihre aleiche Ab⸗
tammung nicht leugnen.“
„Mag dem sein, wie ihm wolle,“ fuhr Brandtk heiter
ort, „stelle mich der schönen Frau vor, mein Freund, ich
ersuchen, einen Tanz von ihr zu erhalten.“
Waͤhrend so in dem großen Salon die Gesellschaft plau⸗
erke, den gereichten Erfrischungen zugreifend sich von dem
rchauffement des Tanzes erholte, halte sich Helbig mit sei—
er jungen Braut in ein stilles Nebenzimmer zurückgezogen,
ein Arm umschlang ihre Taille, ihr Haupt ruhte an seiner
Brust. Keiner sprach. — Helbigs Augen schweiften träu—
aerisch über den vergoldeten Plasond des Zimmers. Bil—
er aus der vergangenen Zeit zogen wie Phantasmagorien
n ihm vorüber. So hatte er einst nach raschem Tanze neben
iner andern gesessen, er hatie ihr ins Auge geschaut, und
rennendes Verlangen und heiße Gluk hatten seine Adern
„urchströmt, sein Herz war erbebt, als nur ihre Sand seinen
Irm gestreift und jetzt — jetzt hielt er ein liebendes Wesen
mschlungen, sie war, sein, ihr, Kopf ruhte an seinem Ser⸗
en; aber das Herz ging in gleichmäßigem Takt, kein heißes
zehnen, kein Verlangen erfüllte seine Sinne, es war als
enn Sehnen und Verlangen in ihm gestorben wären mit
iner ersten Liebe. Oder war seine Liebe zu Johanna in
dahrheitf, wie Maorie heutfe saate, nur sinnliche Qeibenschaf*
ahos2

onßz ve Auarantäne und bile Tuberrurnenpfung fur am
Dänemark eingeführtes Schlachtvieh aufgehoben und dafü
aingeordnet werde, daß letzteres unter den erforderliche
VBorsichtsmaßregeln direkt auf die Schlachthöfe zur alsbal
digen Abschlachtung überführt werde. Die Bürgerschaft er
ucht serner den Senat, angesichts der bestehenden hohe
Fleischrreise im Bundesrat dahin zu wirken, daß c
wirksamen Mittel zur Verbilligung des Fleisches zur An
wendung kommen und daß ferner die gesetzlichen und durec
Verordnungen gegebenen Vorschrusten, die bie Einfuht
lüberseeischen Viehes und Fleisches über das für Zweck
des Seuchenschutzes ersorderliche Maß hinaus hindern
aufgehoben werden. — Im Manchner Gemeinderolle
gium kam der Antrag Quidde und Genossen auf Linde
rung der Fleischnot zur Veratung. Eine ausgedehnte De
batte ergab den einstimmigen Beschluß, den Antrag den
Magistrat zur Würdigung zu überweifen.
Aufgehobene Viehsperre. Die Maul⸗- und Klauen
seuche auf dem Magerviehhof in Friedrichsfelde bei Berlin
lin ist erloschen und denizufolge die Sperre aufgehoben
worden.
Ehrung. Der Magistrat von Berlin beschloß, vorbe
haltlich der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung
bem Platz am Opernhaͤuse den Namen Kaiser Franz Jo
sesPlatz zu geben.
Flucht eines Falschmünzers. Einer der gefähr
lichsten Falschmünzer, der 32 Jahre alte, aus Franken⸗
stein i. Schles. gebürtige Buchdrucker Oswald Lache isi
aus der Irrenansialt zu Teupitz entsprungen. Lache stand
an der Spitze einer Bande, über deren Treiben wir schon
berichtet haben. Er war außerordentlich geschickt in der
Fälschung von Papiergeld, bei dessen Verbreitung ihr.
eine Genossen unterstützten. So oft er ergriffen wurde
spielte er den wilden Mann, endlich wurde er für gel
steskrank erklärt und in der Provinzialirrenanstaki zu Teu—
piß untergebracht. Dort entwich er, und es isi bis hei
sioch nicht gelungen, sich des Verbrechers, der steis be⸗
waffnet ist, wieder zu versichern.
„Totschlag. In Landeshut (Schlesien) wurde ein
Nachtwächter von Einbrechern, die er überraschte, auf der
Stelle erschlagen.
Schlagende Wetter. Aus Trautenau wird dberich⸗
et: Im Karlschachte der Schadowitzer Kohlengruben sind
folge schlagender Wetter drei Bergleute verunglückt. Zwei
sind tot, der dritte ist schwer verletzt.
Warum erst jetztz? Insolge der Ausschreitungen,
bie russische Grenzkosaken in letzter Zeit wiederholt an
reichsdeutschen und österreichischen Staatsbürgern sich zu
Schulden kommen ließen, erfolgien nunmehr von russischer
amtlicher Seite genaue Verhaltungsvorschriften an vie
Grenzbeamten, die die Sicherheit der Frenden gewähr
leisten sollen.
Französische Disziplin. Ein Offizier des 40. In
lanterie-Regiment der Garnison von Tunecy wurde we
gen Gehorsamsverweigerung verhaftet und nach der Zita
»elle von Grenoble gebracht.
Ueberfahren. In der Nähe des Bahnhofses vor
Bornes (Frankreich) zermalmte ein Schnell ug zwei Kin
der, die auf dem Geleise spielten, ebenso deren Eltern
die ihnen zu Hilfe eilten.
Opfer der Berge. Bei der Besteigung des Mon
»lanc starb der englische Profeor Vogson insoge Ueber—⸗
nüdung. Sein Leschnam wurde von Fuührern zu Tal
lebracht.
Aufgegebenes Rennen. Insolge der Kritik, die an
dem unglücklich verlaufenen Rennen um den Vanderbilt
»otal geübt wird, sahen sich die Veranstalter des Ren—
iens in New⸗-York veranlaßt, dieses Rennen aufzu
eben.
Ehrung eines Deutschen. In Gegenwart einen
zlänzenden Festversammlung wurde in Philadelphia (Ver
einigte Staaten) das Dentmal für den deutschen Pasto—
Peter Mühlenberg enthüllt, der zu den markantesten Er⸗
scheinungen des amerikanischen Unabhangigleitskrieges ge⸗
hört. Der Weihealt stand unter den Auspizien der Deut
chen Gesellschaft in Peunsylvanien“, die das Dentkmal er
ichtet hat, erhielt jedoch durch die Anwesenheit von Ver.
retern der städtischen, staatlichen und Bundesbehörden ein
bedeutsames nationales Gepräge. Auch Staatsmilizen und
Bundestruppen, sowie zahlreiche Veteranen⸗Organisationen
wohnten dem Weiheakt bei. —

*
J
Die Fleischnot.
Berlin, 7. Olt. Der Vorstand des Deutschen Städie—
ages beschloß unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters
irschner im Namen des Dentschen Städtetages eine
dringliche Eingabe an den Reichskanzler und Reichstag zu
richten und darin schleunige Maßnahmen zur dauernder
Behebung der Fleischteuernng zu fordern. Zugleich wurde
auch beschlossen, zusammen mit Vertretern der Kaufmann
schaft durch Sachverständige die Anlagen in England zr
esichtigen, welche der Aufbewahrung des eingefuͤhrten ge
ühlten und gefrorenen Fleisches dienen und eventuell au
Grund der hierbei zu gewinnenden Erfahrungen der Re
nierung weiterer Vorschläge zu unterbreiten.
Hanau, 7. Olt. Laut Beschluß des Magistrats und der
Stadtverordnetenversammlung ist von der Stadtbehörde ar
den Reichskanzler, den Landwirtschaftsminister und der
Bundesrat eine Ginaonhe hrgeeanfon verin ortα α

Du bist so nachdenklich, Oskar!“ sagte Eva leiße und
segte ihre Hand auf seinen Arm.
„Verzeihung“? rief er und drückte die kleine feine Sand
teiner Braui an seine Lippen, „Verzeihung, Liebe, ein sol.
her Tag wie der heutige kann wohl zum Nachdenken küb
en. Ein neues Leben beginnt, man muß mit dem alkben
bschließen. Welch wunderbarer Zusall nun, daß gerade
eute, kurz ehe ich hierher kam, die Erinnernng an hergon
jene Zeilen merkwürdig in mir aufgefriscakt wurde. Ich o
ielt einen Brlef und eine Einladung von einer Dame, die
h feit Jahren nicht gesehen, die gber mit einem Ereignieé
usammenbängt, das mein ganzes Leben und besonders mein
aneres Leben gänzlich umgestaltet hat. Doch das erzäule
h dir ein anderes Mal. mein Schatz, hier ist nicht der Or
azu — aber du sollst alles wissen, alles kennen lernett, was
n dem Herzen dessen vorgegangen, dem du deine Zußuniß
nvertrauen willst.“
Darf ich fragen, wie die Dame heißt und wer fie ist?
Eine einfache Frau, mein Herz, die Frau eines Posh
neisiers aus einer kleinen Stadt B. Ihr Name ist Henzel,
je spielte in dem kleinen Ort. in dem ich kurzg Zrit als
unger Referendarius war, eine bedeutende Rolle, und id
in häufig ihr Gast gewesen.“ —
AUnd sie wohnt jetzt hier in Berlin?“ 7*
Das nicht, sie macht nur eine Veranüqunesreise vnd
at bei ihrem Hiersein sich des jungen Berliners erinnert
er einst ein Faupttänzer in ihren Soireen war.“
b Dnd ist sehr hübsch von ihr, Ok?act Wirst du bin
ehen?“
Wenn mir meine füße Braubt es erlsaubt, kue ich es ge
iß recht bald.“
Er druckte einen Quß auf die weiße Stirn Evas.
Aha, das Brautaar ist bier, es kost ein wenigl!“ rie
tzt ein⸗ te nnannει ννννο die Gp — —
jeiß in die Wangen trieb. Die rote Sammetporttere floa
uruck und ein dicker, kleiner, eiwas aufgedunsen aussehen
er Mann, dessen stark hervortretendes Kinn mit den brei—
sen vippen und der weilaufgerissenen Nafenflügeln sogleis
den Gourmand verrieten, trat ins Zimmer. Es war dee
zchwager Oskars, der Kommerzienrat Simon. Diesem
olate auf dem Fuße der Justizrat Helbig. Er war eine
attliche Erscheinung, das ergraute Haar stand gut au den
efien strengen Zügen. An seinem ganzen Auftreten sah
nan dah man dine Verson von Bedeutung vor sich hatte.
ind eine solche war auch der Justizrat Helbia. Seine RNit—
ürger vertrauten auf seine feste Gesinnung und auf seint
dapazität, und schon seit Jahren war er als Landtagsab—
eordneler eine feste Saͤule, auf die sich die liberale Parte
nen fonnfe. VSenn nehen leinem klaren und sicheren Un

alle zu Gebole stehenden Viittel zu ergrejen, um vin
munmehr als dauernd zu bezeichnende Fleischnot zu besei
igen, oder doch zu mildern. Und zwar wird gebeten um
Zulassung möglichst unbehinderter Einfuhr lebenden Viehs
rus dem Auslande unter Wahrung aller wirklich notwen
zigen veterinür⸗polizeilichen Schuzmaßregeln, um Zulassung
»er Einsuhr von geschlachtesem Fleisch und von Fleisch
waren aus dem Aus'ande unter Veseitigung aller hem
nenden, nicht unbedingt gebotenen sanitären Maßnahmen
sowie um Ermäßigung oder teilweise Aushebung der Fut
ler⸗, Vieh⸗ und Fleischzölle und um Ermäßigung der Ei
senbahntarise für Futtermittel. In der Eingabe wird
rusgeführte Die Hofsnung der Bevölkerung, daß die in
den letzten Jahren eingetretene Fleischteuerung nur ein
oorübergehende sein würde, hat sich nicht erfüllt. Die
Teuerung hat nicht nur angehalten, sondern sich sogar noch
gesteigert. Es ist nicht zu leugnen, daß der jetzige Zu
tand eine weitgehende Erregung hervorgerusen hat, die es
aotwendig macht, dem Notstand mit allen nur möglicher
Mitteln zu begegnen. Die bisher getrofssenen Maßregeln
z. B. die Verlängerung der Geltungsdaner des Ausnahme
tarifs für Fleisch, sind nicht genügend. Es müssen unbe
bdingt weitergehende energische Maßnahmen getroffen wer
den, wenn dem Nosstand wirksam entgegengetreten wer
bden soll.
Wien, 7. Okt. Die Regierung hat auf eine Eingabe
der Gemeinde Wien die Einfuhr einer Probesendung von
25 000 Kg. argentinischen Fleisches, welche Mitte Ottoben
in Triest eintressen soll, gestattet. Diese Bewilligung er
folgte unter der Bedingung, daß die Sendung in Trief
peterinär⸗ und sanitätspolizeilich untersucht werde und das.
das Fleisch in Wien unter Angabe der Herlunft zum Ver
schleiß gelange. J *
—F
Gerichtszeitung.
Gerichtsscheu. Bekanntlich hat Karl May mi—
kroßenn Pomp eine gerichtliche Versolgung zweier Aufsätz
angekündigt, die Pater Ansgar Pöllmann O. S. B. (Beu
ton) in der Radolfzeller „Freien Stimme“ anfangs die
ses Jabre⸗ hatte erscheinen lassen. Es blieb jedoch bei der
leeren Drohung, und aus der Verjährung zogen natürlich
die Zeitungen ihre Folgerungen. So war nun May wohi
oder übel wenigstens zu einer Klage gegen Poöllmanns
Aufsätze in „Ueber den Wassern“ gezwungen. Der letzt
dieser Essays war erschienen am 10. Mai, am 10. Augus'.
ief die Verjöhrung ab. Gerade einen Tag vorher, am9
Iugust, reichte nun May seine (vom 8. datierte) Klage
un Anusgericht zu Dresden durch den Nechtßsanwalt Wen
ich ein. A.A. Siegsried Adler⸗Munchen, der Vertretern
des Beklagten, bestriit die Zuftändigkeit des Dresdener
Amtsgerichis und so wurde Karl May am 23. September
nit seiner Klage abgewiesen, wobei er natürlich die ge
jamten Kosten des Versahrens zu tragen hö——
Kunst und Wissenschaft.
TuberkuloserKongretsz. In Brüssel wurde bver Im—
ternationale Tubertulose⸗Kongreß durd
den Minister des Innern Berryer eröffnet, der die Grüß
und Wünsche der belgischen Regierung überbrachte und
einen Ueberblick über den Stand der Tuberkulose-Bekämp
fung in Belgien gab. Die Konferenz ist zahlreich beschickt
namentlich aus Deutschland und Frankreich, auch sehr viel—
Schulmänner sind anwesend. Der Gouverneur der Pro
vinz Brabant sprach über den Zweck der Anlituberkuiose
Bewegung unter besonderer Betonung der Verhälinisse i
Schweden, Deutschland und Franktreich; die Bestrebungen
schloß er, müssen noch mehr als bisher auf die Wohnungs
fürsorge ausgedehnt werden. Der französische Senaio
Leon Bourgeois wurde zum Vorsitzenden gewählt; e
sprach mit glänzender Beredtsamkeit über die soziaie Be
deutung und die allgemeinmenschlichen Ziele der Be
wegung. Der Kongreß dauert drei Tage; er befaßt sis
besonders mit den Ergebnissen der klinmschen und experi
mentalen Studien zum Schutze der Kinder gegen di—
Tuberkulose

Von der Luftschiffahrt.
z»Heutscher Luftschiffertag. Zu dem all
gemeinen Deutschen Luftschifferiag in Dresden sind
zahlreiche Vertreter der deutschen Luftschiffervereine einge
lroffen. An der Tagung sind 89 Vereine mit 50 000 Mit
gliedern beteiligt. Merkwürdigerweise hat man die An—
wesenheit der Presse bei den Verhandlungen nicht ge
wünscht. Laut einer späteren Meldung haben denn auch
die Dresdener Tageszeitungen und die Vertreter auswär
tiger Blätter nach dem Gebot der Selbstachtung beschlos—
sen, über die Tagung nicht zu berichten. — ESo üilt'e
recht. D. Red.)
*»JInternationales Flugmeeting. In
Brüssel wird in den Tagen vom 18. bis 30. Oktober eir
internationales Flugmeeting abgehalten.
*Wieder einer sot. Hauptmann Maziewitsch
unternahm mit einem Farman-Apparat in Petersburg einen
Aufftieg. In 1000 Meier Höhe zerbrach aus einem unm—
bekannten Grunde der Apparat. Der Aviatiler stünzt
ab und war sofort tot. J ——
— t

—A

⸗
rteil stand ihm noch eine dedeurende Fednergade machrig zut
Seite. Im Wortkampfe dyh er auch dem bedeutungsvoll⸗
sten Redner der Gegenparlei Stand und wich leinen Schritt
von dem einmal gesiteckten Ziele zurück. F
Der Kommerzienrat schritt auf Eba * 4
Darf ich billen, meine liebenswürdige Schwägerin?
jagte er, und verneigte sich mit seinem pen Lächeln vor
Eva. „Man tritt bereits zum Konter an, ich aber suchte bis
guft vergebens meine schͤne Dame, die mir ihre Gand für
iesen Tanz zugesagt hat.“
Eva siand auf und erartff mit einem kemtschen Ver⸗
zweifelungsblick auf Selbbig den dargebotenen Arm ibres
wohlbeleibten Schwagars.
Selbig wußzte, daß Edva den ver dom Geldaelchäfte und
den leiblichen Genüssen zugänglichen Mann seiner Schwestet
nicht sehr gerne mochte. Die Verwandtschaft legie ihr aber
Bflichten der Höflichteit aut, die sie verurteilten, mit diesem
gerade nicht sehr liebsamen Tänzer sich in die Reihen zu
tellen. Der ipet hatte sich während dessen zu seinem
—Vi
n bebaalichen Lächeln in den weichen beouemen Diwar
urü
ug HNak uns ein wwenig plaudern Ostarlꝰ laate er freund
ich.
Oskar sah seinen Vater eiwas erstaunk an. wußte er
doch, wie selten dieser zu einer vertraulichen Unterhaltung
mit ihm sich herbeiließ. Die Grundsätze sowohl wie di
debensanschauungen von Vater und Sohn waren zu ver—
schieden, um eine nehee Unterhaltung zu ermoöglichen
deshalb mieden beide in kluger Zurückhaltung einen bävfi
gen Austausch der Gedanken.
„Ich habe dich sowohl gestern wie heete im Trube
manniafacher Geschäfte, die mich immer in Anspruch neb
men, nur auf Minuten sprechen können,“ nahm der Justiz
rat das Wort. „Ein ernstes Gespräch über deine Zukuns—
ist zwischen uns deshalb bis jetzt unmöglich gewesen. Die
deschafte des Tandtages, die gerade jeht sehr dringend und
geitraubend sind, werden mich auch fuür die nächste Zeit feb
feln, so daß ich fast kaum eine freie Stunde haben, werde
Tdaß uns aljo diesen Augenblick benutzen: wir find hier / dod
unbelauscht?“ setzte er sich umblickend hinzu.
Sicher, lieber Vater,“ enigegnele Oskar. „So viel id
weiß, befinden wir uns in einem Eckzimmer, das aube—
eper Di 33 nach den Sälen führt, keinen weitere
ingang ha
Sieb nach, ob auch niemand hinter der Portiere stebt.
Oskar öffnete die schweren Sammetvorhänge unꝰ
schaute in das anstoßende Gemoch
            
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