stummer 232. 23. Jahrgang.
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Wochen⸗Rundschau.
die herbstliche Sturmzeit beginnt. Vereinzelt schor
gen die Vorboten der rauhen Windsbraut, die bald ge—
ug über die Felder rasen wird, in wirbelndem Hexen
miz das tote Laub vor sich her. So will es nun ein
jal das ungeschriebene eherne Gesetz der Natur. Auch ihl
mehmster Kostgänger, der Mensch, läßt sich von ihren
ebensäußerungen und Launen inspirieren. Heute sanf—
z8, friediiches Lenzeswehen, morgen dämonisches Orkan.
etöse. Sowohl in der Menschenbrust des Individuunis,
g im Pulsschlag der Massen. Ganz besonders äußert sich
eser jähe Temperaturwechsel im politischen Leben.
on der Normalverfassung bis zur Siedehitze ist da oft nur
mwkleiner Schritt Man denke nur an den ewigen Kampij
x politischen und völkischen Leidenschaften am Balkan.
nd während man sich dort wieder in einer Atempause
efindet, bricht das Ungewitter weit gegenüber, im fernen
uropäischen Westen, unverhofft und mit elementarer Ge—
jalt, hervor. Diesmal in Portugal, der westlichen Hätfte
er pyrenäischen Halbinsel. Dort gab es ein Königlein
m junges Blut, das die drohenden Wetterzeichen der
eit nicht verstand. Die Königskrone war zu schwer für
je des Lasttragens ungewohnsen Jünglingsschultern. Da
inden sich denn plötzlich viel hilfsbereile Leute, die ihm
e Bürde abnahmen. Etwas stark unhöflich zwar, aber
enigstens nicht so brutal und bluttätig, wie man seinen
‚atet verabschiedete. Großmütig und ungeschoren gab
ian dem Sohn Dom Carlos Gelegenhet, tapfer aus zu—
jeifen, und die schlauen Republikaner hatten sich nicht
etäuscht: Manuel machte schnell Gebrauch davon. Er
ählte den besseren Teil der Tapferkeit, de Vorsicht und
jenkte allen kleinen und großen Kindern ein neues
age- und Antwortspiel: „Wo ist der König?“ Die Frage
umt jetzt von aller Lippen, aber bis zur Stunde läßt
Antwort noch auf sich war:en. Mög'ich, daß der Draht
uns gibt, ehe diese Zeilen unsere Leser erreichen. Je—
ifalls haben die Ereignisse in Portugal einem morschen
Inigsthron den Gnadenstoß versetzt, just fast zur gleichen
aAl. als ein neues Thrönchen im Osten, in den Schwar—
n Bergen, neu entstand. Europa kommt kaum zu kurz
abei: denn der alte Kraftmensch Nikrtce von Montenegro
heint uns, wenn es schon sein muß, den Titel „Majestät“
er zu verdienen, als der unglückliche Mannel von Por—
gal. Er hat es gewiß gut gemeint; der Geist war wohl
ch willig, aber das Flessch. ... So heißt es also, sich
den Tatsachen abzufinden. Wenn nicht alles trügt,
Portugal endgültig Republik geworden. Das Volt
nelt ihr zu und das ist ein starker Trumpf in den Hän—
der Neuerer. Es geht ein radikaler Wind besonders
die romanischen Völker. Die Sonne brennt in ihren
in heißer und das Blut wallt stürmischer durch die
fäße. Ob der Erfolg der „Fachgenossen“ am Tego den
anischen Revolutionären nicht auch den Kamm schwil—
mläßt? Auch die Sturmgesellen im Lande der schatüi—
m Kastanien warten nur auf eine gute Gelegenheit, um
ren Alfons zu „pensionieren“. Gott, werden die revolu—
onären Hidalgos einen Neid haden auf ihre Meinungs—
mossen nebenan, die ihnen nun eine küchtige Perde—
ige voraus sind. Nun, was nicht ist, wird vielleicht
uher werden, als man es vermutet. Die Ak.ien auf
en Pyrenäen stehen jetzt auf Sturm! England möchte
ch anscheinend am liebsten einmischen, da ihm, unseres
rachtens, die Umwälzung in Portugal einen Strich durch
ie Rechnung gemacht hat. Aber die schlauen Politiker
der Themse sehen wohl, das in diesen Zelten ihr Wei—
nicht blühen kann. Fings schlagen sie der Wahrheit
cchten Herzens ein Schnippchen; und erzählen der stau—
uden Welt, unser Kaiser habe Manuel, dem Gewesenen,
—
h jetzt enttäuscht. Eine zu lächerliche Kombination, un
h damit lange aufzuhalten. Spaßig sogar, wenn man
eiß, daß es, gerade wie in Spanien, der sehnlichste
unsch des engüschen Könias war, auf Portugals wack
es Thrönchen eine englische Prinzessin zu pfanzen.
nst ist aus der übrigen Welt nicht allzuviel zu erzäh—
In Frankreich ift man erbost, weil Ungarn seine
nleihe in Deutschland macht und daduͤrch den Fraͤnzosen, die
urch die Macht ihres Geldbeutels nunmehr denn
hund sprengen mochten. eine deutliche Absage erteilt hat.
Rußland hat sich einen neuen Minister des Aeußern ver—
chrieben. Der unermüdliche Ränkeschmied FIsSwolsti
st glücklich abgesägt worden. Das Duell mit Aehren—
hal ist für ihn nicht besonders glimpflich abgelaufen,
ind auch sonst hat er manche Schlappe einstecken müssen.
Selbst die deutschfeindliche russische Presse atmet bei sei—
iem Scheiden erleichtert auf. Für Europa ist es ein Glück,
—
itik des Zarenreiches, kaltgestellt ist. Mag er an der
Zeine seine Intriguen fortsetzen. Er wird keine Seide
pinnen 55
Volitische Rundschau. J
Deutsches Reich.
*Wie man hört, wird die Begegnung des Zarer
nit dem deutschen Kaiser Ende dieses Monats in
Potsdam stattfinden.
*Das Kaiserpaar und Prinzessin Viktoria Luise sind
in Königsberg eingetrofsen. Die Kaiserin und die Prin
essin setzten alsbald ihre Reise nach Kadinen fort. Der
daiser fuhr mit dem Fürsten zu Dohna und den Herrer
es Gefolges zur Kaserne des Grenadierregiments König
rriedrich Wilhelm 1. Nr. 3, wo er das vor der Kaserm
ufgestellte Regiment begrüßte. Sodann wurde im Ofsi
zierkasino das Frühstück eingenommen. Gegen 3 Uhr tra
der Kaiser die Weiterreise nach Kadinen an.
* Für den alten Wahlkreis Duisburg⸗-Ober
hzausen-Mülheim-Dinslaken wird die Bil—
ung einer konservativen Vereinigung vor
ereitet.
* In Berlin fand eine von konservativer Seite einbe
ufene Protestversammlung gegen die Moabite
drawalle statt. Es wurde eine Resolution angenom
nen, in welcher das Verbalten der Polizei autgeheißer
ind ein größerer Schutz der Arbeitswisligen verlangt wird.
die Versammlung wurde mit einem Kaiserhoch eröffnet;
ils einige Sozialdemokraten dabei sitzen blieben, wurden
ie mit Gewalt aus dem Saale befördert. ae
Oesterreiche ungarn. eahe
* Die Regierung gestattete die Einfuhr einer Probe;
endung von 25 000 Kilogramm argentinischen
leisches.
Belgien.
*æ Der Generalrat der Sozialisten von Brüssel und Um—
ebung hat beschlossen, anläßlich des Besuches des deut
hen Kaisers in Brüssel eine große Protestversammlung
bzuhalten. Es soll dadurch die Solidarität der belgischen
zozialdemolraten mit den deutschen zum Ausdruck gebracht
erden.
Spanien.
** Die Tagung der Kammer wurde eröffnet. Der
stinisterpräsident und der Finanzminister brachten eine An—
ahl von Vorlagen ein.
genen Versuchen auf weitere Strecken in Funkspruchverbin—
hung mit einem im Auslande weilenden Kriegsfahrzeug ge—
lieben ist. Den portugiesischen Küsten am nächsien befin—
»en sich zurxeit die beiden großen Kreuzer „Hertha“ und
Victoria Luise“ im Mittelmeer, die in diesen Tagen in
palma auf den Balearen respeltive in Korfu Aufenthal!
enonimen haben. Da diese Kreuzer aber den Dienst von
Schulschiffen versehen und der größere Teil ihrer Besatz
ungen sich aus Seekadeiten und Schiffsjungen zusammen
etzt, müssen sie für eine derartig wichtige politische Mis
on weniger geeignet erscheinen. Die deutsche Kolonie ü
eissabon ist recht bedeutend, und die deutschen Handelsir
eressen mit Portugal sind von ganz erheblichem Wert.
J
4
Koloniales.
Nach einem Telegranim des Gouverneurs aus Wind
uut revoltierten bei Wilhelmstal in Südwe st
frika am 4. Oktober die Transbaykaffern der
baufirma für den Umbau der Strecke Karibib-Windhul
die Revolte wurde sofort mit der Hilse Ses Militärs un
erdrückt. Zwölf Eingeborene wurden getötet, zehn ver
vundet. Für ausreichenden militärischen und polizeilicher
zchutz ist gesorgt. Der nähere Tatbestand ist noch unbe
annt. Eine eingehende Untersuchung ist eingeleitet.
— — —
Die Revolution.
Der Handstreich der portugiesischen Revolutionäre is
n der Haupistadt Portugals geglückt; das Verhalten dern
brovinz ist zur Zeit, da mit Ausnahme der Funkentele
ramme jede Verbindung mit dem geprüften Lande nod
bgeschnitten ist, durchaus ungewiß, auch steht es gegen
»ärtig inimmer noch nicht sest, wo König Manuel sich be
ndet. Während einige Nachrichten melden, daß der Kö
ig sich an Bord eines englischen Dampfers auf der Fahr
ach England befinde, heißt es in anderen Telegrammen,
ak er üch an VBord des im Tejo vor Anker liegender
—
34
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naes di IIma..
LRren rcαινIν
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esse ri rnordurioq d. Tevolulin stiqe rer 33
entiadne 25 Rοαä —— —
Lissabon, 7. Olt. Die gesamte Königsfamilie ver
ließ das Land an Bord der Jacht Amelie. Die Stadi
Lissabon befindet sich wieder in normalem Zustand.
Paris, 7. Okt. Nach einem Telegramm des franzö
ischen Gesandten in Lissabon an seine Regierung befin
det sich der König mit der Königin-Mutter im Kloster vor
Nafra. (7) Wie der „Temps“ meldet, sind die Garnifo
ien von Setubal und Elvas königstreu geblieben, sie wol
en jedoch nicht den Kampf gegen die Republik aufneh
nen.
Rom, 7. Okt. Die italienische Regierung schickt das
Kriegsschiff „RKegina Elena“ zunächst iach Cadix ab. Das
Schiff hat den Auftrag, sich zur Disposition der Königin
Broßmutter zu stellen, ohne sede politische Mission.
Madrid, 7. Okt. Einige Blätter deuten an, das
England einschreiten könnte, weil die porugiesischen Re—
vpolutionäre das Kabel von Cascabclos durchschnitten hät—
len, das eine regelrechte engleische Euclave darstelle.
Madrid, 7. Oktober. Die cepublilanische Presse
ubelt. „El Pais“ schreibt: Die Geschichte Spaniens und
Portugals sei immer eine parallele gewesen: die Revo—
lution werde eine unvermeidliche Rückwirkung auf Spanier
ausüben.
Paris, 7. Okt. Der hiesige spanische Botschafler er«
klärte einem Berichterstatter, er habe leinerlei amtliche Be—
stätigung der Nachricht erhalten, daß der spanische Ge—
sandte in Lissabon sich nach dem Stadthause begeben habe
um die provisorische Regiezrung zu begruͤßen. Dieser Schrit
könnte von dem Gesandien nur unternozumen worden sein
um die in Lissabon wohnhaften 7000 Spanien zu schützen
Spanien könnte nur dann einschre ien, wenn seine Würde
seine Rechte und seine Intereisen in Frage ständen. Spa—
niens Haltung werde eine zuwartende freundliche sein
und sich nach der der anderen Maͤchte, wie Frankreich um
England richten.
Madrid, 7. Okt. Alle hier eintreffenden Nachrichten
fußen bei andauernder totaler Unserorechung aller Verbin—
dungen lediglich auf Gerüchten aus zweiter und dritter
Hand, so die Meldung, die Königsfamlie sei durch Dy—
namit getötet, oder, nach einer onderen Lesart. in die
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—
unsidt von Ligabon.
die Frage der Entisendung deutscher Kriegsschiffe.
Von fachmännischer Seite wird dem „B. T.“ geschrie—
sen: Sollte es im Interesje der in Lissabon lebenden
deichsangehörigen erforderlich werden, deutsche Kriegs—
chiffe nach den portugiesischen Küsten zu entsenden, so
»ird man auf die in der Heimat besindlichen Seestreit⸗
äfte zurückgreifen müssen. Bei der Auswahl unter die—
en ist kein Mangel, da sich in fast unveränderter Stärke
as gesamte Flottenmaterial auch im Winterhalbjahr un—
r der Flagge befindet, das im vergangenen Sommer
unt Flottendienst herangezogen wurde. Der Seeweg
on der Elbe- oder Wesermündung nach Lissabon beträgt
300 Seemellen. Bei einer Marschgeschwindigkeit von nur
6 Seemeilen in der Stunde kann diese Strecke ein Kreu—
er in etwa drei Tagen zurüchlegen. Bei der Anwesen—
eit eines deutschen Kriegsschiffes vor Lissabon ließe sich
senn auch mit Leichtigkeit eine Funkspruchverbindung mist
er Heimat herstellen, da die für den Frontdienst in Frage
ommenden Schiffe sämtlich eine derartige Einrichtung an
Jord führen und man hoeroits nvielfach hei nornfnegan
rasilianischen Kriegsschifses „Sao Paulo“ begeben habe
ine dritte Lesart bezeichnet den König als auf der Fahr
ach Gibraltar befindlich. Aus den sich widersprechenden
deldungen geht aber jedenfalls hervor, daß die Revolu—
ionäre wohl nicht ganz ohne Absicht dem Kön'g Zeit
ur Flucht ließen. Wie jetzt festsfteht, hat die Ermordung
es in Lissabon sehr beliebten Dr. Bombardo, eines de
jührer der radikalen Partei den Anstoß zu der Erheb—
ng gegeben. Einige Stunden nach dem Altentat brach
ie Empörung, die in jahrelangen Vorbereitungen bis in
as kleinste vorbereitet war, los. Die wenigen, dem Kö—
ige treuen Truppen wurden überwältigt, soweit sie nich!
»Ibst zum Volke ühergingen, und kaum vier Stunden spä—
ex war bereits die Republik proklamiert. Unsere Bilder
eigen neben dem Porträt des ermordeten Dr. Bombarde
ie Führer der Revolution: neben dem nunmehrigen Mi
ister des Aeußeren, Bernardino Machado, die eigentlicher
dauptführer der Republikaner während der Erhebung, den
atkrästigen Alsonso und den organisatiorisch besonders her
bargetretenen Lima
Mieder gefunden.
leg Die preire mi iumen geschuuctte Fteütrenpe mnaur.
Fin Diener ohne Livree öffnete.
Ist meine Schwester zu Hause?“ fragte Helbig.
„Die Frau Kommerzienrätin ist im Gartensalon,“ ent⸗
egnete der Diener mit ehrfurchtsvoller Verbeugung und
ffnete die breite Flügeltür, durch die man in ein mit höch⸗
em Komfort ausgestattetes Zimmer blickte, dessen breite
enster bis zur Erde reichten und weit offen stehend Blick
nd Eintritt auf die Terrasse gestatteten, vor der ein schön
ehaltener Garten sich ausbreitete. Breitblätterige Ka—
lanien standen zu beiden, Seiten derselben und überschatte—
en die blühenden und duftenden Topfgewöächle, die Azalien,
damelien und Verbenen, welche die zum Sitzen einladenden
ztühle und Tische umgaben. Von einem dieser Sitze er—
ob sich bei Helbigs Eintritt eine jugendliche Frauengestalt.
ine schwere Seidenrobe umrauschte ihre vollen Glieder,
n ihrem braunen Haar flimmerte ein Reif von Edelsteinen,
veite Aermel mit kostbaren Spitzen bedeckten nur halb die
nit reichen Bracelets geschmückten Arme. Sie sah schön und
ornehm aus, und als sie jetzt auf Helbig zuschritt, konnte
nan die Aehnlichkeit zwischen beiden nicht verkennen. Die—
elben regelmäßigen Gesichtszüge, dieselben klaren blauen
ugen, dieselbe vornehme Haltung:; aber dennoch lag etwas
uSem Gesicht der Dame, das demselben einen von dem
elbigs gänzlich verschiedenen Ausdruck gab. Während ein
auch tiefen Gefühls und bedeutender Innerlichkeit den
ügen Helbigs einen besonderen Reiz verlieh, sah man aus
iner Schwester hoher Stirn, aus ihren großen aber kalten
ugen nur den Verstand und die besonnene Klugheit leuch—
in. Verstand und Klugheit hatten sie bis jetzt auch treu ge⸗
ug, und ohne Stoß auf Klippen, und Untiefen durchs Leben
ꝛleitet. Seit einem Jahr war sie die beneidete Gattin des
ommerzierates Simon, eines der reichsten Männer Ber—
ns, welcher der schönen Marie Helbig nach Verlust seiner
csten Gemahlin seine schwerwiegende Hand dargereicht
atte. Ohne Zögern war die kluge Marie auf den Antrag
es reichen Mannes eingegangen. Er bot ihr eine Stel—
ung, welche nur wenigen Sterblichen vergönnt ist. Alle
indernisse, die ihr Leben hätten trüben können, wurden
orher aus dem Wege geräumt; die Stiefkinder — Herr
Zimon hatte nur Soͤhne — aus dem Hause gebracht und
er jungen Frau als Hochzeitsgeschenk die reizende Villa im
kiergarten nebst umliegendem Garten zum alleinigen
igentum übergeben. Was tat es, daß der Kommerzienit
Simon alt und von wenig angenehmem Aeußern war?
zas tat es, daß er, was noch schlimmer, im Streben nach
eld, nach Ansehen, Herz und Gemüt fast ganz verloren
atte, daß sein Geist selbst nur an den Geschäften und am
ewinn Erheiterung fand? Die kluge Marie wußte sich
Bν
Deure uchelte sie den Bruder besonders freundlich an,
Is sie ihm die feine, mit Ringen geschmückte Hand reichte.
Ich gratuliere!“ sagte sie lächelnd.
Roch nehme ich keine Gratulation an, das kommt erst
bends,“ entgegnete er ebenso und folgte seiner Schwester
zuf die Terrafse. Sie lud ihn mit einer Handbewegung
in, sich neben sie auf einen Gartensessel niederzulassen. Er
etzle sich auf den von sonnigem Grün heschatteten lauschigen
zlatz und beobachtete in Gedanken versinkend die flimmern—
en, sprühenden Sonnenstrahlen, die wie Elfengeister auf
—B
tanien tanzten.
Marie blickte ihn eine Weile forschend und mit halb
pöttischem Lächeln an.
„Du kommst zu mir wegen des Brautgeschenkes, mein
Nann sagte es mir,“ begann sie, „eige mir, was du er⸗
anden hast.“
Gelbia fuhr seufzend aus seinen Träumen auf.
„Ich habe nichts,“ rief er. — Du weißt, mir sind diese
Beschenke bei Verlobungen, die dem Feste fast einen Han—
delscharakter geben, unausstehlich. Ich wollte dich bitten,
¶ gue Nötige zu besorgen, du verstehst dich ja auf solchen
and.
„Da kommst du aber in der Tat sehr spät, immer un⸗
—5 — Oskar!“ rief sie, wie kann ich so rasch etwas be—⸗
orgen?“
„Schicke zu deinem Juwelier — er kann eine Auswahl
herbringen — wir wollen dann zusammen wählen.“
„Am Sonntag?“
di z9u weißt ja, Geld wird auch am Sonntag gern ver⸗
ient.
„Nun es sei!“ rief Marie und zog die Glocke.
Der herbeieilende Diener erhielt die Weisung, den Ju⸗
velier mit seinen Schätzen in die Villa zu beordern, zugleich
obefahl sie, für sie und ihren Bruder den Kaffe auf der Ter⸗
rasse zu servieren.
Bald stand das silberne Service vor beiden und des
Mokkas einladende Düfte mischten sich mit denen der Früh—⸗
lingsblüten.
„Nun erkläre mir aber eins,“ sagte Marie, als sie dem
Bruder die silberne Tasse zugeschoben, „wie bist du zu die—
sem raschen Entschlusse gekommen? Noch vor einem halben
Jahre erklärtest du mir, als ich dir Eva Herzberg als eine
für dich passende Partie vorschlug, du würdest niemals ohne
diebe heiraten — und lieben könntest du Eva nicht..
Die Antwort ist gang einfach,“ entgegnete Helbig, „ich
habe sie seitdem lieben gelernt. ich achte und schätze sie hoch.“
Warie lächelte.
Maor norsichoriso mir donn aber vor einioen Jahren. dof
wahre Liebe nicht eine Foĩge iangeren umganges, nicht eine
Folge der Achtung und Wertschäßung sei, die man, für einen
Menschen empfinde, sondern daß sie wie ein Geschenk von
Himmelshöhen plößtzlich heiß und glühend die Seele erfasse,
so — und Sinne von ihr gänzlich gefangen
werden?“
„Dasselbe sage ich gauch noch heute,“ entgegnete Oskar
ruhig. „Ja, die Liebe ist ein zündender Blitz der den gan—
zen Menschen plötzlich und ohne sein Zutun in Flammen
setzt; diese Liebe habe ich empfunden, aber sie ist gestorben
und begraben. So liebe ich Eva nicht, so kann ich, über—
haupt nicht mehr lieben, so liebt der Mensch nur einmal
so liebt nur die Jugend —“
„Oder die Torheit!“ warf Marie ein. Ich freue mich,
daß du so verständig geworden bist, deine romantischen
Ideen aus deinem realen Leben zu verbannen.“
„Diese Verständigkeit hat mir viel gekostet, Mariel“
rief Oskar, und fuhr sich gedankenvoll über die Stirn.
„Aber schweigen wir davon —,ich will das heutige Fest durch
keinen Mißklang entweihen. Ich liebe Eva mit der ruhigen
Achtung und Verehrung, die zum Glück der Ehe eine Bedin⸗
gung ist. Ich weiß, ich bekomme eine gute Frau, ein gütiges
und kdb Herz, welches mit großer Innigkeit an mir
hängt —“
„Und einen mächtigen Geldbeutel!“ fügte Marie
sachend hinzu.
Dunkle Glut bedeckte Helbigs Stirn.
„Sprich mir nicht davon,“ rief er, „der Gedanke, dah
man mir Eigennutz bei dieser Verbindung vorwerfen könnte
würde mich noch heute dazu vermögen, zurückzutreten.“
„Also noch immer die alte Empfindlichkeit!“ entgeg⸗
nete achselzuckend Marie. „Du hast nicht den Mut, der
Wahrheit offen ins Auge zu sehen, du willst deine verstän—
dige Handlungsweise, die jedermann nur billigen kann, vor
deinem phantastischen gefühlsseligen Herzen verteidigen. O,
geh' mir damit — du weißt so gut wie ich, was Reichtum,
was Geld heut zu Tage bedeutet, du suchst nur dem kalten
Kalkül den Mantel der Romantik umzuhängen; du willst
andere betrügen und betrügst dich doch nur selbst.“
8 53 urteilst über mich mie du es vorctohst i“ erwiderte
elbig.
„Natürlich, wie ich es verstehe; aber ich urteile wenig⸗
stens mit klarem Geist. Ich habe die Welt seit meiner
Fugend scharf beobachtet und habe gefunden, daß das Inter⸗
sse überall die belebende Triebfeder ist; nur die Leiden⸗
chaft verdunkelt oft das Auge der Menschen, daß sie ihr
Interesse nicht mehr erkennen, Die Liebe, die du schilderst,
ist nichts weiter als Leidenschaft dax Sinne. die mit dem
arsfften ühlen Mindoshouch vormohn“
Wwar in den ersten Tagen des Mai. Ein schöner,
iniger Sonntag-Nachmittag lockte die Bewohner Berlins
s der engen Stadt hinaus Eine bunte Schar fröhlicher
denschen strömmte aus dem Brandenburger Tore in den grü—
en einladenden Tiergarten mit seinen schattigen Pläßen,
men alten Bäumen und weißen Statuen, die aus dew
unkel der Bosquets leuchtend hervorschimmerten. Alle fuch
Erquickung nach der langen Winterzeit, nach schwerer
beit in dumpfen Stuben und rauchigen Fabriken; alle
iren heiter und froh und iubelfen mit den Ngeln des
unm die Wette.
tten durch die drängende, wogende Menge schritt
vofbig und sah mit heiterem Lächeln der allgemeinen
st zu, die gus jeder Miene der Spaziergänger zu ihn
rach Bei flüchtiger Anschauung schienen die funf vergan
nen Jahre kauin eine Veränderung auf dem frischen Jung
sgesicht hervorgerufen zu haben. Seine Augen blickten
h so hell, sein Gang und seine Haltung hallen noch die
be Elastizilät wie früher, aber, dem genaueren Besbach
Rtaing es trotzdem nicht, daß sich schmale Falten au
t Stirn und um die Mundwinkel gelagert hatten, die siets
n Zeugnis ablegen von überstandenen bitteren und ernsten
istes. und, Herzenskämpfen, Aber, diese Kämpfe lagen
ihren Schmerzen und Dualen bereits in der Vergangen⸗
it. Jahre waren uüber den Sturm der Gefühle dahin ·
sangen, der seine Seele, umnachtet hatte; er hatte die Un⸗
uürdige, von ihm so heihß Gelüebie,feit, ihrer Verlobung
q“ wiedergesehen. Der Onkel hatte wie ein Schutzengel
der ibm gewacht und, wad versoöhnend und ausgleichept
vishen ihn und den Vater getreten. Helhig war in kü.
de Zeit als er gehofft. nach Berlin zurückgerufen worden
hatte im Famtlenkreise, am Herzen der Mutter Trost
Heilung für feine wuride Seele gesucht. Mit ange—
ntem Jleiße, hatte er sich seitdem seinem Fachstudium
didmet und sich so die Zufriedenheit des strengen Vaters
Torben. Jetzt war er bereits besoldeter Assessor beim
n mergericht und aaft algemein in aien chligen Be⸗
nddelbig schritt die Tiergartenstraße entlang an den rei⸗
n Villen mit den zierlichen Gaͤrten und sprudelnden
nabrunnen vorüber, die heute in vornehmer Sonntags⸗
Idem Lärm draußen herabgelafsene Vorhänge und fest⸗
ossene Türen entgegen seblen, An einer der Gitter⸗
en blieb Heibig stehen und zog die Glocke. Die Tuͤr flog
er schritt üher die mit rosem Kies bedeckten Bege und