Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 228. 23. Sahrgang.
Postschtießfach Nc. 14 — —X VV — 2 V —— Postschlietzfach Nr. 14.
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Amssiches Pubsskanonsorgan IIt zwel Bessagen: —XRX
—6 e die Bürgermeisterei Dudweiler, Sonntagsblatt und beitere Blutter. m 4 pro Apaltige Valigelle
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ebracht, — —V —
hel der Post bestellt 2.28 vlertel]ahrlich. Vernspreqh⸗Auschlutz Saarbrucken Arx. o, So. α . Redahion, DOruca uns Beriag von J Anternener⸗Vudweller. Bel Jahres⸗Abonnement hoͤchster Rabakt
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Die Strafprozeßreform gefährdet?
Als der Entwurf zur Reform der Strafprozeßordnungç
etaunt wurde, fand die Bestimmung, daß in Zukunst das
zaienelement auch bei der Bildung der Strafkammern be—
uͤcksichtigt werden sollte, ebenso großen Beifall, wie die
udliche Einführung der Berufung gegen Strafkammerur—
ile. Größtem Widerspruch dagegen begegnete es, daß
ch die Strafkammer als Berufsungsinstanz, und zwanr
henfalls gegen schösfengerichtliche Urteile, wie gegen dieie—
igen der Strafkammer, ausschließlich aus Berufsrichtern
ufammensetzen sollte. Schon damals fürchtete man, daß
ieser Ausschluß des Laienelemeunts, den der deutsche Rich
zttiag in Nürnberg im September 1900 auch auf de
ztrafkammern erster Instanz ausgedehnt wissen wollte,
umeinem Konflikt zwischen Regierung und Reichsstag An—
aß geben und damit das große Wert der Strafprozeßord⸗
ungsresorm in Frage gestellt werden könnte.
Und dlese Vorahnungen scheinen sich bestätigen zu
ellen. Hat doch die Strafprozeßkommission mit 16 ge⸗
m 12 Stimmen die Zuziehung des Laienelements bei
n Strafkammern als Berufungssenstanz (3 Richter, 2
chöffen) beschlossen, obwohl der preußische Justizm inister
zeseser mit großem Nachdruck für den Regierungsstand
unkt eintrat und kein Hehl daraus machte, daß der
deichkkanzler unler diesen Umständen auf die Verabschie—
ung der Strafprozeßordnungsresorm wenig Wert lege.
Röglich, daß die schließlich beschlossene stärkere Vertretung
es Richterstandes bei der Berufungsinstanz gegenüber
er ebenfalls beschlossenen Zusammensetzung der Strajf⸗
unmern und Schöffengerichte (2 Richter, 3 Schöffen) die
egierung schließlich veranlaßt, auch hier von ihrem
tandpuntte abzugehen; mög ich aber auch, daß sie die
tesorm der Strafprozeßordnung dann überhaupt zurück⸗
eht. Die Abstimmung in der Kommission, bei der die
zerire er der Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozial—
emokratie geschlossen, sowie die Zentrumspartei in ihrert
stehrheit für die Berücksichtigung des Latenelements bei
er Berufungsinstanz eintraten, läßt allerdings keinen
schluß auf die Majoritätsverhältnisse im Plenum zu, aber
denfalls besteht für die Regierung die Gesahr, die Straf⸗
rozeßordnung in einer ihr nicht zusagenden Form vom
leichstag angenommen zu sehen, wenn das Zentrum ge—
hlossen für die Hinzuz'ehung des Laiene ements stimmt
Die Frage, ob auch zu der Berufungsinstanz Laier
inzugezogen werden sollen, ist auch in Juristenkre ser
rittiig. Zwar hat der deutsche Richtertag, der zum ersten
sale in Nürnberg am 2. und 13. September vorigen
ahres tagte, sich dagegen ausgesprochen und kürzlich
ne Eingabe an den Reichstag gerichtet, in der er auch
mdieser Aenderung dementiprechend Stellung nimmt. Aber
uf der anderen Seite finden sich Juristen genug, d'e hier
ut der Meinung des weitaus größten Teiles des deut
jen Volkes übere ntimmen. Freilich, das Schlagwort von
er Weltfremdheit unserer Richter, mit dem die sonstiger
zorkämpfer des Laienrichtertums dür seine Ausdehnungç
intreten, findet hier ebensowen g Anwendung, wie be
insichtigen Jurisien der Gegenpartei das Schlagwort, da⸗
in noch ausgedehnteres Zusammenarbelten des gelehrter
tichters mit dem Laien den ganzen Richterstand herab
etzer würde. Aber wenn die Nürnberger Resolution aus
pricht, daß der gelehrte Richter größere Sachkunde bea
itze, als der Laienrichter, und dieser keine Gewähr für—
ie Unparteilichkeit der Rechtsprechung biete, so halten den
»ie Freunde des Laienrichtertums unter den Juristen ent
segen, daß man dann in logischer Konsequenz das Laien
ichterum überhaupt beseitigen müsse und sich nicht nu
egen seine Zulassung zur Berufungsinstanz wehren dürsfe
Welcher Richter der bessere ist, darum handelt es sich
zie der frühere Oberlandesgerichtspräsident DBDr. Hamn
nd der Amtsgerichtspräsident Dr. Becler in Nürnberg aus
ührten, gar nicht, sondern vielmehr darum, in welche,
zusammensetzung Berufsrichter und Laienrichter so mit
mander wirken können, daß. unter Ausnützung der bei—
erseitigen Vorzüge, der Fachlenntnis des geleyrten Rich
rs und des sozialen Verständnisses des Laieurichters dar
us eine gute, gerechte und vom Vertrauen des Volles
seiragene Rechtivrechuna erwächit. Denn das ist es id ge

z

Wieder gefunden.
Johanna war sehr bleich geworden . —
Meine Mutterl“ rief sie — Du sprachst von meiner
Kutler, Susanne, du, hast sie angeklagt. vor ihrem Kinde
TrJetzi mußt du meht jagen — jetßzt ware Sahweigen rine
ʒchuld. — Sprich, was hat meine Rutter getan?dd.
Die Alte sah düster vor sich nieder.
Du haft Recht,“ murmelte sie, — „einmal mußl du sa
ech alles wissen. Du mußt erfahren, was du deinem Vater
buldig p“ — f Joh —— *
„So sprich!“ rief Johanna. α
Die Alte streckte aoͤwehrend die Hand aus.
Jetzt nicht, jett nicht. — Erst laß mich Ruhe und Er«
lung findẽñ nach dieser stürmischen Stunde 72 ———
„Du weichst mir aus!“ sagte Johanna düster.
Susanne blickte sie ernst an. ———
„Beruhige dich! du sollst noch heute alles erfahren —
tmes Kind“ setzte sie traurig hinzu — „was du zu hören
ast, wirst du immer noch zu srüh hören.“
In diesem Augenblick tönte die Glocke hell durch das
ous. Johanna fuhr zusammen.
Das ist Helbig!“ rief sie und sprang aufßf.
Die Alte sah stannend auf das junge Mädchen, deren
e ebeiche Wangen sich plötzlich mit dunkler Glut ge⸗
hatten.
Helbig?“ rief die Alte — „wie kommt der hierher
Johanna hob stolz den Kopf in die Höhe. F
„Ich hab ihn, dazu aufgefordert, Susanne,“ sagte sie
wir wollen zusammen musizieren.“
„Welche Unvorsichtigkeit!“ rief die Alte. — Noch hast
mit Welberg nicht gebrochen — ja, du willst vielleicht gar
dant ihm bredzen — und schon ermutigst du einen
n
aih „Susanne!“ Johanna schaute beschämt zu Boden. Ver⸗
—28 rief sie und drückie der Alten einen Kuß auf den
ndn diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und
dete, daß Herr Referendarius Helbig unten im Besuch⸗
mmer warte. —V —
„Ich komme gleich!“ rief Johanna.
: 8o versprich mir wemgstens nichls Unbesonnenes zu
I wendete sich die alte Susanne an Johanna, als das
hen das Zmmer wieder veriafsen. 57.
sohanna reichie ihr die Hand. ..
sich hersprethe dae — fark zu Fein — so viel ich es

ade, was das deutsche Volk auf die Hinzuzieyung des
Laienelenients auch zu den Strafkammern und Berufungs—
nstanzen vor allem dringen läßt: Es hat, mag das nun
erechtfertigt sein oder nicht, das Vertrauen zu den ge—
ehrtlen Richtern verloren, da ihm viele ihrer Entscheidun—
sen durchaus unverständlich sind, wo nicht ungerecht dün—
en. Deshalb die Forderung des Laienrichters in den
veitesten Kreisen, nicht nur für die Strafkammer, sondern
iuch für die Berufungsinstanz. Denn, so schließt man,
vird nicht auch hier dem Laienelement Einfluß auf vdie
dechtsprechung eingeräumt, dagegen dem Staatsanwau,
vie es der Entwurf will, ein unbeschränktes Recht zur Be
ufung zugebilligt, so dürfte damit die neue Berufungs—
rafkammer lediglich an Sielle der alten treten. Wir
ätten eben nur eine Instanz mehr, die aber nur ebenso
om sachjuristischen Standpunkte aus richten könnte, wie
ie alte Strafkammer, und gegen deren Entscheidungen in
er Tatfrage es ebenfalls keinen Apperl an eine höhere
oznstanz qübe.

Politische Rundschau.
Deutsches Reich. J
sWie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ erfährt
dird der Reichsstag am 22 November zusam—
nentreten. Der Stand der Arbeiten der während
es Sommers tagenden Kommissionen, insbesondere der
erechtfertigte Wunsch der Versicherungskommission, ihre
lrbeiten vor Beginn der Plenarverhandlungen zu einem
bschluß zu bringen, war für die Wahl dieses Zeitpunk
es bestimmend gewesen.
* Bei der Metzer Bezirkstagsnachwahl ezhielten der
züttendirekter Miethe (Wilder) 1834 Stimmen, Bür
gjermeister Bertrand (Lothringer Block) 2004 Stimmen
ind Reinhard (Sozialdemokrat) 500 Stimmen. Es if
omit ein zweiter Wahlgang erforderlich, der wahrschein
ich am nächsten Sanntag itattfindet i
e Die Gerüchte von einem Attenktat auf der
zerliner Polizeipräsidenien von Jagow sind völlig aus
er Luft gegriffen.
Rußland.
oDie Nachrichten, die besagen, daß das S„“cchicksal
Zinlands schon besiegelt sei, sind zum mindesten ver
rüht. Es sind noch keine Entscheidungen getroffen wor
en, da einerseits noch die Entschließungen des Zaren
usstehen und andererseits auch die Regierung noch nich
iber die einzuschlagende Taktik schlüssig geworden ist.
Freilich war die ablehnende Haltung des Landtags vor⸗
jesehen und beschlossen worden, in einem folchen Falle
en Landtag einfach zu ignorieren und die Reichsgesetze
hne ihn einzuführen. In letzter Zeit hat sich in Regie—
ungskreisen eine Strömung bemerkbar gemacht, die im
jnteresse des Ansehens der Regierung zu energischen Maß
ahmen, zur Auflösung des Landtages drängt. Dies
Ztrömung ist stark genug, um den Gang der Ereignisse
u beeinflussen. Die Entscheidung wird nach der Rückkehr
Ztolypins fallen, der eine besondere Konferenz einberufen
vird. In jedem Falle wird die Regierung ihr Programm
urchführen, es handelt sich nur noch um die Modalitätan.
Vom Balkan.
vs An der montenegrinischen Grenze, in der Richtung
on Berane, fand ein mehrtägiger Kampf von Montene⸗
zrinern, die von Bewohnern der christlichen Ortschaft Ve—
iesta unterstützt wurden, mit mohammedanischen Grenz—
»ewohnern und türkischen Soldaten statt. Acht Moham—
nedaner und drei türkische Soldaten wurden schwer, zahl⸗
eiche Personen leicht verwundet, zwei Soldaten wurden
etötet. Der Kommandant der türlischen Grenztruppen
iahm die Intervention der Botschaft in Cetinje in An—⸗
vruch. worauf die Montenegriner abzogen.
China.
* Der Reichsausschuß in Peling ist feierlich eröffnet
dorden. Der Regent, sowie alle Prinzen nahmen daran
eil, während Fremde und Diplomaten ausgeschlossen blie
en. Die Sitzungsdauer soll drei Monate betragen. Vom
zolk wird die Eröfsnung des Reichsausschusses mit Gleich—
ültigkeit behandelt.

—

—I—

Vamit eilte sie zur Türe und die Alte hörte den Ton
ihrer hastigen Schritle auf der Treppe, die nach der unteren
Etage zu den Besuchszimmer führte. ,
äσαô * 5 ⸗ F s F
— * 4 22
8 Kapitel.
Unken im Empfangszimmer stand Helbig mit klopfen⸗
em Herzen und harrte des Erscheinens seiner Angebeteten.
Sein Blick flog über die einfache Einrichtung der beiden an⸗
inander stoßenden Zimmer. — Die Möbel waren altmo—
nisch und steif und ohne Geschmack: — aber auf den Tisch
varen saubere weiße Decken gebreitet, eben so weiß schim⸗
nerten die Gardinen an den niedrigen Fenstern und, vor
enselben standen wohlgepflegate Blumentöpfe, — alles legte
eugnis davon ab, daß eine sorgsam pflegende weibliche
and hier waltete.
SIohanna trat ein. Zum ersten Mal sah Helbig sie im
infachen Hauskleide. Das blonde üppige Haar war in
ichten Flechten um das liebliche Antliß geordnet, das dun⸗
elbraune Thibetkleid hob noch die blendende Weiße ihres
Teints. Noch nie war sie Helbig so reizend erschienen —
nit klopfendem Herzen ging er ihr entgegen. Sie reichte
hin mit herzgewinnedem Laͤcheln die Hand.
Wie liebenswürdig, daß Sie Wort halten!“ sagte sie.
Sie zweifelten daran?ẽ fragte er, indem er errötend
hre Hand an die Lippen zog.
„Man zweifelt stets gn dem, was man wünscht!“ ent⸗
jegnete sie und lud ihn mit einer Handbewegung zum, Sitzen
in. Er nahm ihr gegenüber auf dem niedrigen Rohrstuhl
Zlatz, der am blumengeschmückten Fenster stand. Das Fen⸗
er ging nach dem Garten hinaus — man sah durch das⸗
elbe in den Garten, auf die beschneiten Beete und die Dächer
er Hintergebäude, die den Garten begrenzten. Alles war
veiß und eintönig. wohin das Auge schaute. Gelbig wandte
ich von diesem tristen Bilde ab, und sah auf das junge
Nädchen ihm gegenüber, deren Kopf, halb versteckt unter
en blühenden Topfgewächsen, wie die lebenbringende Göt⸗
in des Frühlings selbst aussah. Die braunen schimmern⸗
den Augen waren auf ihn gerichtet, der träumerische Glanz
derselben drang ihm bis kief in das Herz hinein. Sein
zlick begegnete dem ihren, er versenkte sich in diese dunkle,
himmernde Tiefe und trank zündende Wonne aus ihr.
tunden hätten so vergehen koönnen — er hätte in glück⸗
ches Vergessen versunken noch immer in diese braunen
lugen schauen mögen. Aber diese Seligkeit des wonniger
Zergessens dauerte nur einen küurzen Moment. Fohannor

Die Fleifschnot.
Aus Wien wird berichtet: An dem sonntaglichen
demonstrationszug gegen die Fleischteuerung nahmen di
ozialdemotratischen Organ sationen, fowie bürgerliche Ver
ne und Frauen teil. Der Zug, an dessen Spittze di
zialdemokratischen Abgeordneten marschierien, bewegte
ich vom Schwarzenbergplatz über die Ringstraße zum
Viener Rathause und dauerte von 10 bis 1 Uhr. Wäh—
end des Ausmarsches wurden Tafemnm mit entsprechenden
lufschriften und Karikaturen umhergetragen und sttkrmische
tufe laut: „Nieder mit der Raubpoltik der Agrarier! Wir
vollen billiges Fleisch! Heraus mit dem argentinischen
zleischl Pfui Bienerth, pfui Weiskirchner, pfui Hohen—
lum!“ Ju der Volkshalle und vor dem Rathause hiel
en die sozialistischn Führer und auch Frauen Anspracher
iber die Teuerung. Um 14 Uhr war die Demonstration
in der über 200 000 Menschen sich beteiligten, beendet.
stuhestörungen kainen nicht vor. — In Kladno, dem gro
zen Industrieort Böhmens, sind bedrohliche Demonstratio
lein gegen die Lebensmitrelteuerung ausgebrochen. Tau—
ende von Arbeitern durchziehen die Straßen und fordern
jtaatshilfe. Sonntag Vormittag kam es zu Zusammen—
ößen mit der Gendarmerie. Die Statthalterei hat ein
zataillon Infanterie, drei Esskadronen Dragoner und 15060
Nann Gendarmerie nach Kladno entsendet.

Die Begegnung von Turin.
*2Aehrenthal sandle von Pontebba aus ar
zau Giuliano folgende Depesche: „Bevor ich Ita—
ien verlasse, drängt es mich, Ihnen herzlich für der
ebenswürdigen Empfang zu danken, den Sie mir 31
ereiten die Güte hatten. Es war mir besonders ange
lehm, unsere Unterredungen wieder aufnehmen zu kön
ien, die uns gestatteten, die Uebereinstimmung unsere
Ansichten betreffend die Fragen, die uns beschäftigen, fest
tellen zu können. Aufrichtige, freundschaftliche Grüße.“ —
Zan Giunuliano antwortete mit folgendem Telegramm
Ich danke Ihnen herzlich für die liebenswürdige Depé
che. Meinerseits drängt es mich, Ihnen die Versicherun.
zu geben, daß Ihr Aufenthalt in Italien bei uns dva—
este Andenken hinterlassen hat, und daß ich mich Ihne!
inschließe, um nochmals mit Genugtuung die Ueberein
timmung unserer Anschanuungen festzustellen. Aufrichtig
und freundschaftliche Grüße.“ — San Giuliano be
zab sich am Sonntag nach Racconigi, wo er von
Rön'g empfangen und zum Frühstück eingeladen wurde
DFWBEkE——————
Nationalliberaler Parteitag.
Kassel, 3. Oktober.
Bei Eröfsnung der zweiten Versammsung am Sonntacç
rotestiert zunächst Reb mann⸗-Karlsruhe sehr energisch
agegen, daß Abg. Beumer von dem Genossen
stebmann gesprochen habe. Es lasse ihn kalt, wenn So
ialdemokraien, Zentrumsmitglieder oder Bündler ihn als
Genossen bezeichnen, anders aber sei es, wenn ein Par
teifteund in dieser Weise einen Parteifreund behandle und
ihn mit einem Ausdruck belege, der erfreulicherweise in
»en nationalliberalen Reihen nicht zum parlamentarischen
Ton gehöre. Sollte aber gar dieser Ausdruck nicht gegen
ihn allein, sondern gegen seine sämtlichen Badener Freund—
gerichtet gewesen sein, in deren Auftrag er gesprocher
sabe, und einen Vorwurf macterieller Art in der Rich
lung enthalten, daß seine und seiner Freunde Gesinnun—
nicht als ganz hasencein zu bezeichnen sei, so müsse e
diesen Vorwurf aufs allerbestimmteste zurückweisen, „dem
es ist selbstverständlich, daß wir in Baden für VBasser
manu durch Feuer und Wasser gehen und bei allen tal
rischen Angelegenheiten in lokalen Organisationsfragei
insere prinzipielle Stellungnahme wiederholt und gan;
inzweideutig immer so betont haben, daß dem Herrn Ab—
jeordneten Beumer zu diesem Ausfall gegen mich und
neine Freunde ein Anlaß nach keiner Richtung gegeben
var.“ (Austimmuna.) Dr. Krausse unter dessen Nor—
saiß vie Artzerung Beumers gespatten war, erwiverr;
nahm an, daß die Ausführungen des Abg. Beumer *
so gemeint waren, wie Rebmann sie aufgefaßt hat. (Zu
Af- Na. nal) IAch habe ana —on. 25-Aßen-

 er, hätte seinen Kopf ge— iyre xXynie legen und
siehend rufen mögen: „Johanna, sei mein!“
Aber der mäunliche Stolz hielt ihn davon zurück Nicht
bon der Leidenschaft hingerissen, nicht in augenblicklicher
Erregung wollte er um sie werben, sondern ruhig und wohl
iberlegt. wie es einer edlen, reinen Liebe geziemte. Nicht
pon dem Sturm seiner Gefühle sollte sie überwältigt wer⸗
den, sondern frei und mit klarem Entschlusse sollte sie ihm
ihr Herz schenken.
Die Oestensche Phantasie war beendet — Johanna
sland auf: sie sah Selbig fragend an.
„Sie spielen mit großer Fertigkeit,“ sagte er sich zur
Ruhe zwingend, „aber ehe ich ein bestimmtes Urteil auszu⸗
prechen vermag, muß ich Sie bitten, mir ein klassisches
MNusikstück vorzuspielen, eine Mozartsche, Haydnsche oder
heethovensche Sonate.“
ZJohanna jsah ihn erstaunt an.
IS. habe hoch nie eine Sonate gespielt!“ rief sie.
mein Lehrer sagte inir stets, es gäbe nichts Langweiligeres
als Sonaten.
Selbig lächelte.
Eso lassen Sie mich Ihnen eine Sonate vorlpielen,
agte er, ‚und dann sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie die—
elbe langweilig gefunden haben.“ 9
Er setzte sich ans Piano. Ein schwermütiges Adagio
hdegann. Fohanna hörte lauschend zu — es war die Cis—
nosl⸗Sonale von Beethoven — sie wußte es nicht, aber der
nächtige Genius, der aus diesem Werke zu ihr prach er
zriff sie mit wunderbarer Gewalt. Zum ersten Male faßte
e, was Musit sei, es wurde ihr klar, daß sie noch nie wirk⸗
iche Musik gehört. Das, Adagio war beendet, jetzt begann
aß ftuͤrmische leidenschaftliche Allegro. Helbig spielte, es
nit Meisterschaft; Johanna fühlte ihr Herz höher klopfen,
ruschend ging fie naͤher, und als Helbig geendet, sahen ihn
wei grobe tränenfeuchte Augen mif ⸗nibuiostischem Ent⸗
ücken an.
Das war schön,““ rief sie, wunderbar, schön! Ach,
wie glücklich müssen Sie sein, so spielen zu fönnen.“
D ich wußle es. rief er, in freudiger Erregung auf
pringend und ihre beiden Hände ergreifend, „ich wußte es,
Sie würden den großen Meister zu würdigen verstehen. Ich
che Tränen in Ihren Augen, Johannal, O schämen Sie
ee Vrende suted van herttichsie Zeuanis ,ür
zie Macht des Genius.“
Er preßie seine Lippen auf ihre Hände; zum zweiten
Nal begegneten sich ihre Augen, es war ein Moment, aber
diesem Vonmient lag eine Welt — der Strahl der Liebe
atle gezündet. Er schlang seinen, Arm um sie, — „Jo—
aose tief er minvor Loedenschaft bebender Stimme,

um einen Scherz handle, ũber dessen Qualität man ar
lerdings verschiedener Meinung sein kann. Hätte ich au—
den Worten Beumers herausmerlen können, daß irgenj
ein Vorwurf gegen unsern Freund Rebmann hier versteck
zum Ausdruck gebracht werden sollte, so hätte ich gan—
selbstverständlich diesen Ausfall aufs schärfste zurückge
wiesen. Sodann erhält SchröndeerHKassel zu einem
Vortrag über Mittelstandspolitit das Wort
Er führt die verschiedenen Gruppen des Mittelstandes in
hren Interessen und Wünschen vor und kommt zu den
Ergebnis: Die Miltelstandsinteressen sind keine einhet
licchen, sondern die Wünsche der einzelnen Mittelstands,
zruppen bekämpfen sich gegenseitig. Was helfen alle Mit—
el und Mittelchen, wenn gleichzeitig eine Parteipolitil
zetrieben wird, die eine völlig einseitige ist und den Mit
telstand in Handel und Gewerbe schwer belastet, wie es
durch die verfehlte Politik der Reichsfinanzreform ge—
—
gemeine Politik Unterstützung werden. Arbeiten wir für
den Mittelstand, so arbeiten wir gleichzeitig gegen die
Sozialdemokratie und für das Blühen und Gedeihen des
Vaterlandes. GBeifall.) — In der Diskussion kamen noch
verschiedene Redner zu Wort. — Am Nachmittag fander
zwei öffentliche Versammlungen statt. Damit war de
geschäftliche Teil der Tagung programmgemäß erledigt.
General von Vernois.
In Stockholm, wo er seit Jahresfrist weilte, ist am
Freitag der frühere preußische Kriegsmin'ster, General der
Infanterie, Jusius von Verdy du Vernois einer
ichweren Lungenentzündung erlegen.
General von Verdy, der ein Alter von 79 Jahren er—
reicht hat, wurde am 19. Juli 1832 in Freystadt Echle—
sien) geboren. Er ging aus dem Kadetten'orps hervor
und wurde dann Leutnant im Infanterie-Regiment 14.
1861 als Hauptmann in den Generalstab versetzt, wan
er während der Niederwerfung des letzten polnischen Auf
standes von 1863 bis 1865 dem Oberkommando der rus—
ischen Armee in Warschau zugeteilt. An dem Kriege von
466 nahm er ole Maior teil und wurde zwei Jahr—

General veray cduvVernoĩs*
päter zum Abteilungschef im Großen Generalstabe er
zannt. Während des Feldzuges gegen Frankreich war er
bteilungschef im Großen Hauptquartier. 1877 wurde er
zrigadier, 1879 Direktor des Allgemeinen Kriegsdeparte—
nents, 1881 Generalleutnant und 1887 Gouverneur von
Straßburg. Im April 1889 wurde Verdy zum Kriegs—
minister ernannt, legte aber bereits im Oktober 1890 seir
Amt nieder und zog sich ins Privatleben zurück.
General von Verdy hat sich sowohl als aktiver Ofsi
ier, wie auch später im Ruhestande als Schriftste ler einen
edeutenden Namen gemacht. Auch auf schöngeistigem Ge
siet betätigte sich der Verstorbene, der ein reiches, um
assendes Wissen sein eigen nannte; sein Drama „Alarich
st in Straßburg und später in Berlin mit Erfolg aufge
ührt worden. Mit Verdy du Vernois ist auch einer der
venigen noch lebenden Helden des deutsch-französischen
krieges dahingegangen, welche damals an hervorragende
ztelle in den Gang der Ereignisse einariffen.

——
Augentiver jenrien sich vor veii vuhenoen Blicke des jun⸗
gen Mannes, sie siand rasch auf und öffnete den alten Flü—
gel, dessen schmale Klavitur und ausgehöhlte Tasten wenig
Wohlklang zu versprechen schienen.
Helbig fuhr aus seinen Träumereien auf. Er suchte
das heftig aufgeregte Blut zu heruhigen,
„Bitte, spielen Sie etwas!“ bat er leise.
.Sie setzte sich an das Hlavier und begann eine der be—
liebten Oestenschen Phantasien zu spielen, die, obgleich von
wenig tiefem Gehalt doch eine melodische angenehme Spiel—⸗
weise haben, und einem Laien in der Musik, der wenig ge—
hört hat, wohl gefallen können. Helbig trat an's Piaus und
ene den Augen dem Spiel der, weißen Finger
ie mit ziemlicher Fertigkeit über die Tasten hinflogen.
Aber noch immer tobte das Blut in seinen Adern
es pochte in den Schläfen und machte das Herz
böher schlagen. Vor seinen Ohren brauste es, er vermochte
dichts zu hören — unwidersteblich aoa es ihn hin au ihren
sich 8 plõtzliche Blässe bedeckte ihr Gesicht — sie rik
os.
„Nein — nein,“ rief sie, „nicht jetztl um Gottes Barmherzigkeit
 willen, verlassen Sie mich“
ér wich einen Schritt zurück: „Sie wünschen es?“
Ich bitte Sie flehentlich darum!“ 5
Aber ich darf wiederkommen, teures Nädchen, ich dark
weiter sprechen?“ Er ergriff mit fast angstvoller Bitte ihre
Hand und schaute ihr tief ins Auge.
Sie schauerte unter diesem Blicke; einen Augenblick
stand sie wie betäubt vom Uebermaß ihrer Gefühle — dann
riß sie sich rasch und fast heftig los:
gSahen Sie, Geduld! rief sie und ihre Stimme zit—
terte in tiefster Erregung. — „Bald — wird lich alles ent⸗
swedent 5
Hostig eilte sie hinaus. — Helbig schaute ihr mit einem
unsäglichen Gefühle des Glückes nach. *
Bald wird sich alles entscheiden!“ wiederholte er wie
segpnhelangen — und innen in seinem Herzen ijubelte es
auf:
Sie liebt mich! Sie liebt michl“
—LXVV

Draußen auf dem Flur des Hauses schreckte eine rauhe
Männerftimme Helbig aus seinen Träumen auf. Vor ihm
zum Ausgehen bereit stand Dr. Körner. Er maß den jun—
gen Mann mit gerade nicht sehr freundlichen Blicken — un⸗
herkenubares Staunen über Helbigs Anwesenheit in diesem
Saufe war nur 2u deutlich auf seinem Antlitz zu lesen
            
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