Arbeiterbewegung.
— Die Aussperrung der Metallarbeiter. Herr Kom—
ierzienrat Ernjst von Borsig, der Vorsißende des Vervan—
es der Berlener Metailindustrietlen, außerte sich zu einem
Ritarbeiter des „B. T.“ über die Aussperrung in der
Netallindustrie, uͤber ihre Ursachen und Wirlungen sol—
endermaßen: „Die dirette Ursache der Riesenaus perrung
st der Werftarbeiterstreik in Hamburg. Da die Werijtar—
eiter bisher keine Nerigung zum Nachgeben gezeigt ha⸗
en, hat sich der Verband der Werften, der auch dem Ge—
amtverband der Metallindustriellen angehoͤrt, an diesen
nit der Bitte um Unterstühung gewendet. Dieser Bit.
st der Gesamtverband um so eher nachgekommen, als im
zereiche der einzelnen Zweigverbände für die streikenden
dambuͤrger Werftarbeiter große Geldbeträge gesammelt
barden. Allein von Berlin isit eine ungeheure Summe
zeldes aufgebracht worden. Den Vereinigten Metallindu—
riellen mußte daran liegen, den Arbeitern zu zeigen, daß
EDD—
ich halte den Beschiuß der Aussperrung von 60 Prozent
ller Melallarbeiter sür richtg und durchaus notwendig
zemerken will ich, daß die Aussperrungsbeschlüsse in Ber—
in und auch im gesamien Verbande einstimmig gesaß
vorden sind. Es ist auch anzunehmen, daß sich der Ar
eitnehmerverband jetzt weit eher zum Nachgeben bereil
rllären wird. Tatsächlich sind auch schon Verhandlungen
u die Wege geleitet. Ich hoffe, daß diese Verhandlungen
m Inieresse beider Parteien zu einem gedeihlichen Ab—
hyluß kommen werden. Der 8. Oktober ist deshalb als
zeitpunkt der Aussperrung gewählt worden, weil ein sehn
roßer Teil der Mitglieder des Gesamtverbandes ihre Ar—
eiter mit vierzehntägiger Kündigungsfrist angestellt ha—
en. Ausgesperrt werden naturgemäß in erster Linie so—
ialdemokratisch organisierte Arbeiter und die Mitglieder
»er Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften, die sich mit ihner
olidarisch erklärt haben. Die nationalen und die nicht
ganisierten Arbeiter sollen möglichst verschont werden.“
-Die Aussperrung ist lediglich eine Machtfrage oder bes
r gesagt, eine Geidfrage. Der Gesamtverband der Me—
allindustriellen beabsichtigt, durch die Riesenaussperrung
ie Gewerkschaftskassen zu leeren. Daß die vorhandenen
zeldmittel nicht weit reichen können, folgt daraus, daß
20 000 Arbeiter von der Aussperrung betroffen werden.
z8 ist auch anzunehmen, daß die Arbeiter weit eher zum
dachgeben und zur Aufgabe ihrer unberechtigten Forderun—
en bereit sein werden, wenn die Mittel erschöpft sind
NKaturgemäß wird die Aussperrung auch schwere wirt—
chaftliche Folgen zeitigen. Arbeimehmer und Arbeitgeber
verden großen Schaden erleiden. Trotzdem müssen wir,
im einmal Rückgrat zu zeigen, so handeln, wie wir es
getan haben. Ich hoffe immer noch, daß die Verhand—
ungen am Montag eine Verständigung herbeiführen
verden. — In Hannover und Leipzig haben
die Metallarbeiter beschlossen für den Fall daß die Aus—
perrung von 60 Prozent durchgeführt wird, in den aus—
zesperrten Betrieben die Arbeit im vollen Umfange nie—
derzulegen. — Der christliche Metallarbeiterverband hat in
st Un zur geplanten Aussperrung Stellung genommen.
xẽr lehnt jede Verantwortung ab, ist zu Einigungsver—
sandlungen jederzeit bereit und mißt den sozialistischen
berbänden die Schuld an der Affäre bei.
— Drohende Tucharbeiter-Aussperrung. Die in
dent Arbeitgeberverband der Lausitzer Tuchindustrie orga—
iisserten Tuchfabrikanten der Städte Cottbus, Forst, Gu—
»on, Spremberg, Luckenwalde, Sommerfeld und Finster⸗
walde machen durch Aushang in ihren Betrieben bekannt,
zaß sie am 5. Oktober abends ihre Fabriken bis ausf
weiteres schließen, falls nicht bis zum 27. September
ibends die in Forst in einigen Betrieben streilenden-Spin—
tereiarbeiter die Arbeit zu den bisherigen Bedingungen
wieder aufgenommen haben. Von der angedrohten Aus—
werrung würden zirka 25 000 Textilarbeiter betrossen.
— Streik und Aussperrung. Nachdem der größte
keil der Arbeiter der Fiumer Petroleum-Raffinerie, sowie
iner ganzen Reihe anderer Netriebe in den Streik getre—
en ist, haben die Arbeitgeber beschlossen, eine allgemeine
Iusasperruna sämtlicher Arpeitor narzunebmen J
Von der Luftschiffahrt.
Der Flug über den Simplon. Der Avia—
iker Chavez ist in Brieg um 1.29 Uhr nachmittags am
Freitag aufgestiegen, um den Simplon zu überfliegen. Um
1.45 Uhr passierte er den Simplonpaß. Um 2,11 Uhr
xraf er in Domodossola ein. Der Aeroplan überschlug
ich an der Landungsstelle in einer Höhe von 5 Metern
ind wurde zertrümmert. Chavez wurde hierbei verlevt
uid ins Krankenhaus gebracht. — Als die Meldung, daß
shavez in Brig aufgesliegen sei, in Domodossola einge—
rkoffen war. bemächtiale sich der Bevölkerung fieberhafi⸗
xẽxregung. Alle eilten zum B—— Nach einen
sjalben Stunde gespanntester Erwartung säh man GChave;
n den Lüften erscheinen. Die Zuschauer gerielen in unbe
chreibliche Begeisterung. Die Menge schwenkte die Hüte
ind brach in laute Beifallsruse aus. In den höheren
ruftschichien herrschte vollständige Windstille, so daß Cha—
ez im Gleitfluge niederging. Er war auf den wehenden
deftigen Wind nicht vorbereitet; sein Apparat verlor das
Üleichgewicht. kippte um und bearub Chaperz imter sich
igt mit einem Laut, einem Blick durfte ich dich locken,
ufen. Von selber mußtest du kommen — ganz allein —
hne meine Silfe, meine Bitte, meine heißen Wünsche zu
kennen; denn gar zu ungleich waren unfsere Lebensverhält⸗
nisse, gar zuviel mußtest du aufgeben, um mein sein zu
önnen. Dein ganzes Selbst — alles, was du bisher liebtest
ind gewöhnt warst — mußtest du hingeben, um mein Weib,
nein Glück sein zu können. Still und bang stand ich neben
em — den ich dich so mutvoll um mein Herz kämpfen
ah, und durfte dit nicht helfen, durfte dich nicht gewaltig
znschlingen, denn sieh, ich hätte es dereinsi nicht ertragen
onnen wenn auch nur der Schatten eines Zweifels in dir
e erwacht wäre — an meiner Seite — in meinem engen,
escheidenen Seim: daß ich viel ebr dazu getan bneg
zu selbst. — als meine Ehre mir erlaubt habe — dich schöne,
remde, seltene Blume dem heimischen Boden zu entreißen,
der dich nährte und pflegte, dem du entsprofsen warst, um
aur mir zu gehören. Nicht dein Vater, nicht deine Mutter
durften dem Gatten ihres herrlichen Kindes jemals dereinst
den leisesten Vorwurf mißbrauchten Vertrauens machen
mnnen, um mich einst mit soichem Tone: Sohni nennen zu
önnen, wie es dein Vater in schweret Ssnuide heüse 32
2 84pi601
Ernst Kern saß am Schreibtische des Grafen. Stunden—
ang saß er gebückt über der furchtbar hoffnungslosen Ar—
eit, aus den Trümmern eines zusammengebrochenen Hauses
grauchbares zum Wiederaufbau zu suchen.
Still wars im Gemach, still nebenan. Ab und zu fuhr
ver Arbeitende unruhig zusammen, wenn es ihm wor.is
abe es sich da drinnen geregt.
Aber die Frau, die Gaͤttin war ja bei ihm. — Leise
ickte die Uhr in die Stille der Nacht, langsam, stetig schob
ich der Zeiger von Zahl zu Zahl, von Skunde zu Stunde,
Tropfen. eintönige Tropfen fallen lassend ins“ Meer der
xwigkeit. Einmal aus der Tiefe des Waldes gedehuter, un—
ete Klageruf eines wachenden Nachtvogels, das Auf—
jeulen eines Hundes, ein schwerer Seufzer des MNenschen,
der unter den wirren, massenhaften Trümmern und Scher—
bhen den guten, ehrlichen Nanmen eines anderen hervorzu—
ketten suchte. So riesenhaft hatte er die Aufgabe nicht ver—
muten können. — Endlich legte er die Feder und den Stift
hin, schob die Papiere sämtlich bis auf eins in ein Fach des
Schreibtisches, schloß ab und verließ das Zimmer, jedes cin.
welne BPlott. das or solbsft hoschjäHhen zu cinß uns
dieser wurde mit verschiedenen Quetschungen und einem
zruch des linken Beines unter den Trümmern hervorge—
»gen und in das Kranlkenhaus gebracht. Seine Verletz⸗
igen sind nicht ernster Natur. Der Chefarzt und zwei
sistenzärzte bemühten sich um Chavez. Als er aus sei—
er Ohnmacht erwachte, beklagte er sich über Schmerzen in
en Beinen. Die Menge drängt sich vor dem Kranken—
ause. Die Nachrichten über den Zustand des Aviatikers
verden veröffent'icht. Von der Unfallstelle nahm sich die
henge als Andenlen Stücke Leinwand und Holz von
einein Apparat mit. Das Organisationskomitee wurde
»on dem Unfall benachrichtigt, übermittelte sein Beileid
ind beauftragte den berühmten Chirurgen Carlo-Turin
unit der Behandlung. Im Krankenhause wurde festgestellt,
aß Chavez auch das rechte Bein gebrochen hat. Die Hei—
ung wird, wenn keine Nomplikationen eintreten, etwa6
is 7 Wochen ersordern. Das Allgemeinbefinden ist be—
tied. gend. Man beabsichtigt, an der Landungsstelle einen
zedentstein aufzurichten. Das Befinden von Chavez ist
erhältnismäßig gut. Er ist bei klarem Verstand, doch
ntwortete er kaum auf die Frage, ob er sich erinnere
obie das Unglück geschehen sei. — Das Hauptkomitee des
zimplonfluges schlug den Unterausschüssen vor, Chavez
en Hauptpreis von 70000 Lire zuzusprechen. Der
dest von 80 000 Lire soll als Preis für einen Wettflug
Nailand —Varese—Stresa ausgesetzt werden
—2— 2
Spiel und Sport.
dJ Prinz Heinrich⸗Fahrt 1911. „Prinz Heinrich v
zreußen“, so schreibt „Daily Chronicle“, „tut viel Guteds
ür die Förderung guter Kameradschaft zwischen Deutsch
ind und England durch das Arrangement des freund—
chaftlichen Automobilkampfes zwischen Deutschland und
ngland, der nach der Krönung König Georgs stattfinden
huird. Gegenwäͤrtig studiert, wie bekannt, der Prinz die
uglische Strecke der Prinz⸗Heinrich⸗Tourenfahrt 1914 und
dnimnt dabei mit den ersien Familien Englands mit Lan
ind Leuien in Berührung. Sobald Prinz Francis Tech
er Bruder der Königin und Präsident des Exekutivkomi—
zes des englischen Automobiltlubs von einer Operation,
er er sich unterziehen mußte, hergestellt ist, wird eine
usammenkunft des Konkurrenz⸗ und Streckenkomitees statt⸗
inden. Prinz Heinrich, Admiral Rampold und Gras
zünster vertreten den deutschen kaiserlichen Automobilklub.
zeder Wagen wird mit der deutschen und der englischen
slagge dekoriert sein und einen militärischen Kontrolleur
nitführen, die Engländer einen Deutschen, die Deutschen
inen Engländer. Die Tour wird zwölf bis vierzehn
'age in Änspruch nehmen und durch Gegenden von hohem
istorischen Interesse und landschaftlicher Schönheit führen.
die Wagen, die die geringsten Defekte aufweisen und die
uͤrzesie Zeit für Reparaturen brauchen, werden bei der
Zreisverseilung besonders berücksichtigt werden. Die An—
ieldungen sind zahlreich. Es werden bereits die Pläne
ür den Empfang der Teilnehmer an den Hauptpla tzer
nitworfen.
O Radsport. Die deutschen Radsportverbände planen
ach dem Muster von Frankreich eine Radwe!tfahrt durch
Zeutschland, die in zwei Gruppen, sür Amatenre und Be
ufsfahrer ausgefahren werden soll. Der gemeinsame Star
st in Dresden. Von da führt die Route in sieben Tager
ber Chemnitz⸗Rurnberg⸗Franksurtetdösn⸗annover-Lüne—
urger Heide-Hambu g⸗Stralsund-Setriu und Breslau nach
Zzerlin. Die Strecke ür Amateurfahrer geht nur bis Han
iover, die Endroute legen die Beruisfahrer allein zurüchk
ODie Oktober-Versammlung in Leipzig, die über ein
durchgreifende Neuorganisation des Rennwesens innerhal.
bdes Deutschen Radsahrer-Bundes beschlieden soll, wird sid
zuch über die gevlanse Radrundiahrt ichlüisia machen.
Gerichtszeitung.
J Das beleidigte Offizierrorpo. In Weimar nahm
er umsangreiche Prozeß gegen den 69 Jahre alten Pro—
essor Lehmann-Hohenberg vor dem Schöffenge—
icht seinen Anfang, der schon wiederholt die Oeffentlich—
eit beschäftigte. Lehmann hat sich unter der Anschuldig—
unng der einsachen und der verleumderischen Beleidig
ung des preußischen Offizierkorps und des
Zachverständigen des preußischen Kriegsministeriums im
dortmunder Hügerprozeß, Obersten Wischer (Naumburg),
u verantworten. Zur Anklage steht ein Artikel des Be—
huldigten in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift
Der Rechtshort“. In diesem „Ein Wort aus dem deut—
yen Volke“ betitelten Artilel wurde darüber Klage geführt,
„aß im Deutschen Reiche keine Gerechtigleit herrsche. Als
zeispiel wurde der Fall des Kaufsmanns Grosser heran—
ezogen, der, wie erinnerlich, das Attentat im Reichsge⸗
cht verübte. Lehmann-Hohenberg sprach nun in dem
rtikel die Ueberzeugung aus, daß Grosser das Opfer
hwerer Rechtsbeugungen geworden sei und sagte unier
eutlicher Anspielung auf den bekannten Fall des früheren
bersten KLüger wörtlich folgendes: „Sonst galt es in bür—⸗
erlichen Kreisen und noch mehr in denen der Ofjfiziere,
ine Ehrverletzung durch Anzeige bei Gericht oder durch
zenugtuung mit der Waffe von sich abzuhalten; heute kann
ian im Amte bleiben oder als Offizier kommandieren,
elbst wenn man als Halunkte oder Meineidiger debrand—
Er begab sich hinauf oen zeremnoenztimmern im odveren
Ztock, die für die Herzogin Sarrasch und Prinz Monti so
ürstlich eingerichtet worden waren. Eins davon bewohnte
jun sein einfacher, alter Vater.
Der alte Kern richtete sofort den Kopf auf, als Ernst
in das Bett trat. „Na, nu?“ fragte er, nicht sofort sich auf
en Stand der Dinge in diesem fürstlichen Schlosse besinnen
önnend. „Vater, verzeih, daß ich deine Nachtruhe störe,
ber es gibt Sachen, die man sich außer stande fühlt, auf—
uschieben. Sie müssen und wollen erledigt werden, zur
Ztunde, zum Augenblick.“
„Ist der Graf tod?“ — „Nein. Das heißt, ich weiß es
icht. Seine Frau ist bei ihm.“
Man möchte beinahe fragen, was sie denn da will?“
rummte der Alte. — „Aber wenn er im Sterben lage, wäri
ie wohl herausgekommen, sich Beistand gu holen.“
„Von dir? Na, das glaube ich nicht. Aher was gibts
—DDDD—
ein Befuch jederzeit höchst angenehm ist, Sohn“ Er tostett
nach dem Feuerzeug.
„Willst du Licht machen, Vater?“ fragte Ernst, sich au
en Stuhl am Bett niederlassend. „Natürlich. ber wil
u bei dieser magischen Mondscheinbeleuchtung von den mi
lückten Gründungsversuchen deines verehrten Schwiegeraters
erzählen? Denn deshalb, wegen der Devesche bist du
och gekommen? Was?“
Das Licht brannte, und sein grell flammender, rötlicher
rin ließ den blassen Mondschein verschwinden in dem
emach.
Ernst starrte vor sich nieder, während sein Vater sich
nleidlicher Gemütsruhe wieder zurücklehnte. „Fang an,
ẽrnst. — fang an, sonst schlafe ich am Ende wieder ein.“
Ein schmerzliches Lächeln zuckte über Ernsts Gesicht.
Vater, willst du den Zettel da erst mal überseben?“ fruote
r endlich schwer atmend.
Der Alte schob die Nachtmütze nach hinten, befestigte die
zrille auf der Nase, zog das Lcht so nahe als es möaglich
dar, ohne den Sammet seines luxuriösen Betthimmels an—
uzünden, und überblickte die Notizen seines Sohnes.
„So?“ sagte er dann nur und legte den Zettel, auf
elchen Ernst die Summen geschrieben hatte, die notwendig
baren, den Namen des Grafen Collas-Wolffenstein vor der
cchande öffentlichen Konkurses zu bewahren, auf die him«
nelblaue Atlasdecke. — „Gründungsgeschichten — Ehren⸗
ühriges ist's nicht, wie du siehst.“ — „Seh ich gar nicht.
zin überzeugt vIich Ehrl ra 2 nten
„Nein, Vater, nichts Ehrloses, keinerlei Schwindel
ffären vom Grafen Collas!“ r Ernst — Sch —
narlt worden ist.) Das ist leine Uebertreibung, sondern
Satsache, die belegt werden kann.“ Dieser Artitkel sollte sich
uf den großen Hügerprozeß beziehen, der seinerzeit vom
dortmunder Landgericht wochenlang verhandelt wurde
ind in dem der Oberst Hüger eine gerichtliche Klarstellung
einer Verabschiedung als Oberst des Feldartillerie-Regi
nents in Ulm herbeizusühren bestrebt war. — Pro'esson
LehmannHohenberng war zu der Ueberzeugung ge?ommen,
daß dem Obersten Hüger bitteres Unrecht geschehen war
zInsonderhekt betrachtete Professor Lehmann-Hohenberg der
ils Sachverständigen des preußischen Kriegsmin' stersums
ätig gewesenen Oberst Wischer als einen Mann, der egq
nit seiner Eidespflicht als Zeuge und seiner Sachverstän—
igenpflicht nicht genau genonrmen habe. — Als Vertei—
»iger des Beklagten ist Rechtsanwalt Dr. von Pannwit
ätig. Professor Lehmann-Hohenberg ist ein hochgewachse.
ier Mann mit schneeweißem Haupt- und Barthaar. Er
var Professor in Bonn, Breslau und Kiel. Er hat zum
deutigen Termin eine große Anzahl von früheren Hffi—
ieren, Aerzten und anderen Personen als Zeugen in An
rag gebracht, darunter auch die Gräfin Stephanie v. Pfeil
ind KleinEllguth, Kapitänleutnant zur See a. D. Ber—
jer, Hauptmann a. D. Lutmer, Oberst Hüger (Dortmund),
Iberstleumant von Wartenberg und den früheren kaiser—
ichen Botschaftsrat Witte-Berlin. Das Gericht hat jedoch
ie Ladung' aller dieser Zeugen als unerheblich abgelehn
ind zu der Verhandlung nur den Geheimen Medizinalral
dr. Binswanger und Bezirksarzt Dr. Rüdel-Weimar alg
Zachverständige über den Geisteszustand des Angeklagten
seladen. Gegen die Vernehmung des ersten Sachverflän
rigen hat LehmannHohenberg den Einwand der Besfan
jenheit erhoben. Das Gericht beschloß auf Antrag dese
zachverständigen Professor Berger-München und nwotz ener
ischen Einspruchs des Verteidigers, den Angeklagtenn6
Vochen zur Beobachtung seines Geisteszustandes einer öf
entlichen Irrenanstalt zu überweisen und den Prozeß zr
»ertagen. Der Angeklagte erklärte, gegen d'esen Gerichts
»eschluß sofort Berusunng einlegen zu wollen und im Fall—
oer Ueberführung in eine Anstalt nur der Gewalt weichen
zu wollen.
RUs ascα Alt.
Frau von Schonchect. Aub Derlin wird berichtet
Frau von Schöneveck ist wieder in hecr ehenchen xoh
iung eingeirosfen. Sie hat vereiis vor 14 Tagen das Sa
natoruum verlassen und inzwischen in Begtenung ihres
Schwagers eine Reise nach Helgoland gemacht.
Die euglischen Spione. Eine sehr grose Anzahl
erdächtiger Rapiere wurde durch einen Zufall in den
Zprungfedermairatzen des Sofas und des Beites gesun—
en, die der unter dem Verdacht der Spionage verhastete
engländer Trench in einem Zimmer. des Emdener Unlon—
dotels benutzt hatte. Man fand yhort außerdem eine
Schachtel Blitzlicht-Patronen, fserner drei Tagebucher mit
usführlichen Notizen über. die Fortifikationen an der
stordseeküste, sowie Karten und Photographien der Forts
»on Borkum, Kiel, Wilhelmshaven usw. Der wichtigste
Fund bestand in 19 kleinen Zetteln, auf denen die Be—
estigungsplane und die Geschutzstände am Kaiser Wilhelm⸗
xanal, auf Helgoland, Curhaven, Wangerod und Borkum
tizziert waren. In den Planen; waren auch die Fahr—
vasser genau verzeichnet. Alles wurde von der Polizei
eschlagnahmt. In eingeweihten Kreisen spricht man die
bermutung aus, daß die englischen Spione deutsche mili—
arische Helfershelfer gehabt haben. Man hält es für
us geschlossen, daß die Verhafteten die Tiefenmessungen
elbst so genau ausführen konnten, wie dies aus den ge—
undenen Papieren hervorgeht.
Der Gerechtigkeit eutzogen. Aus Eger wird gemel—
detdet: Der aus Breslau zugereiste Buchwald verübte in
»em Augenblick Selbstmord, ais er wegen versuchten Raub—
nordes an einem Bankbeamten verhasiet werden sollte.
Die Cholera. Zwei Malrosen, welche auf aus Un—
‚arn kommenden Schissen in Wiren angekommen sind,
»urden unter choleraverdächtigen Erscheinungen in das
pidemie-Spital überführt. — In Mohaes und Um—
ebung wütet die Cholera immer, heftiger. Die Bevölke—
uig steht den Bemahungen der Aerzte feindlich gegen—
ber, da sie diese veschuldigt, die Seuche hervorgerufen zu
aben. Nach sicheren Meldungen soll die Cholera bereits
ach Krogatien übergegrissen haben. — In der War—
chauser Vorstada Praga ist der Schneidermeister Roejka
inter choleraverdächtigen Umständen erkrankt. Es wurden
ofort alle Vorsichtsmaßregein getroffen.
Schießversuche gegen Lenkballons. Im Lager
non Chalon werden vom 27. September ab Schießver—
uche gegen Lenkballons stattfinden, welche mehrere Tage
auern werden. Ee
Der Herzog der Abbruzzen. Der Herzog der Ab—
ruzzen, der sich in Paris unter dem Namen Graf Sareto
mshielt, verließ Paris, um sich auf seinen Posten nack
Zenedig zu begeben. Er wurde zum Bahnhofe von den
zeiden Brüdern der Miß Eikins begleitet. Der Herzog
prach die bestimmte Erwartung aus, daß König Vikton
Fmanuel die Familie Elkins im Laufe des nächsten Mo
iats in Racconigi zum Frühstück laden werde. Alle ma—
eriellen Fragen, die sich auf die Ehepakte beziehen, sin
ils geregelt anzusehen.
Sensationeller Ueberfall. Aus Nizza wird berich
teie Der Cbefredakteur des Blattes „Depeche“, der frühere
„on iym? — ZJa, weirß ich mcht. Kenne ihn nicht so
enau wie du ihn kennen magst. Aber — den Ribbentrop,
ieh mal, den feinen Justizrat — ist ja wohl gar Geheimer
eworden — den kenne ich.“ V
„Und du glaubst —?“ stieß Ernst erschreckt heraus. Bin
»ositiv überzeugt.“ — „Nun, dann erst recht“ Dann muß
»ie Summe geschafft werden —“ PV
„Muß geschafft werden? Willst du sie schaffen?“ —
„Gewiß. Vater. Und du wirst mir helfen
10 G46563*.
Ein prachtvoller Anblick bot sich am andern Mortzen
us den Fenstern des Schlosses. Eigenartig schön. Weit
inaus lag eine hohe, glänzend-weiße Schneedecke über der
ẽbene, über den Hafenplätzen, über Weg und Stea und den
reiten Stufen der Freitreppe, köstlich schön in ihrer weißzen,
einen Unberührtheit, funkelnd wie Myriaden Brillanten
m strahlenden Sommerlicht, unter dem tiefblauen Himmel
er durchsichtig schien wie blaues Glas.
Früh am Morgen war der Arzt gekommen und hatte,
ur Freude und Erleichterung sämtlicher Hausbewohner,
»as Befinden des Grafen sehr zufriedenstellend erklärt und
venn nicht besondere Umstände einträten, völlige Genesung
n Aussicht gestellt.
.Astrid hatte morgens den Gatten nur flüchtig begrüßen
önnen, als er in ihren Salon trat, ihr die frohe Meldung
zu machen, daß es dem Grafen besser gehe. Ernst wurde
ofort wieder abgerufen, da Depeschen und Eilbriefe erlediqgt
verdon mußfen.
*
„Herr Kern wünscht Frau Gräfin zu sprechen.“ Ein
ragendes Aufblicken. von Friedrich verstanden. „Der alte
zerr Kern.“
„Ich bedaure — ich bin nicht wohl. Ich werde mich
zur Ruhe begeben,“ setzie sie in einem gewissermaßen ver—
vindlichen Ton hinzu, des Dieners wegen.
Sie war soeben qaus dem Zimnier ihres Gemahls ge
ommen und wollte sith nun in ihr Privatgemach begeben
ils Friedrich nochmals erschien. „Frau Gräfin verzeihen,
her Herr Kern bittet dringend, ihn zu empfangen. Er habe
Wichtiges mitzuteilen.“ — ch lasse bitten.“
Knut Kern trat ein. Der Blick, mit dem er sie einen
Moment schweigend betrachtete, enthielt ziemlich deutlich
inen Anflug dessen, was aus dem ihrigen sprach — so un—
ꝛerhohlen sprach!
Sie wünschen mir oine eilige Mitteisuna 2u machen
aaigemwalt Renanucoli, überflel in einem Kaffeehause
zerausgeber des „Phare du Litoral“, Caillet, versetzt
mnen Stockhieb und feuerte einen Revolverschuß auf
ib, ohne ihn jedoch zu treffen. Renaucoli wurde festge
ommen. Er erklärte, daß er Caillet wegen der im „Pha
n Litoral“ veröffentlichten Angriffe vergeblich zu einer
duell aufgefordert habe und da habe er sich genötigt
ehen, sich selbst Genugtuung zu verschaffen
Zuge⸗Zusammenstoßz. Aus Rostow am Don wir
erichlet: Bei einem auf der Wladikawkas-Bahn erfolgu
zusammenstoß zwischen einem Güter⸗ und einem Peri.
enzug wurden viele Personen getötet und verlezßt.
Eine chinesische Köpenickade. Wir lesen im Tag
»latt für Nordchina: Auch in China hat jetzt der Hau'
nann von Koͤpenick einen Nachahmer gefunden. Ein ar
»em Norden kommender Herr brachte folgende gelunge
Beschichte aus der Nähe von Kiren mit. Dort trieb“
ängerer Zeit ein Hunghutzenhäupiling namens „Hu.
Fong“ (‚Der rote Wind“) sein Unwesen. Er hate
Bande von etwa 4000 Anhängern. Der Bezirksmanda
hat.e einen Preis von 10 000 Taels auf den Kopf
zanditen gesetzt. Unlängst erschien nun im Namen
Nandarinen ein hoher chinesischer Beamter mit dem trr
mopf, in grüner Sänfte und mit großem Gefolge.
erlangte den Mandarinen zu sprechen, dem er einen«
ijalbesehl aus Peking überbringen solle Er wurde
roßen Ehren empfangen, und der Mandarin geleitete
fremden in seine Privalsgemächer. Dort angelangt,
angte der hohe Beamte, mit dem Mandarin allein
assen zu werden, da er den Auftrag habe, mit ihm
ein zu verhandeln. Nachdem diesem Wunsche gewillf
vorden war, schloß der Fremde die Tür ab unde
em verblüfften Mandarin eine Browningpistole unter
Nase, indem er sagte: „Ich bin Hung Fong, auf deñ
dopf du 10 000 Tae's gesetzt hast, ich bin gekommen
nir abzuholen.“ Der erschreckte Mandarin entnahm
em Geldschranke das Geld, übergab es dem Räuber,
hn darauf fesselte und knebelte und ihn in das au
zende Schlafgemach sperrie. An die Tür hestele er e
zefehl, worin jeder mit Todesstrase bedroht wurde,
anerhalb 24 Stunden das Zimmer beirete. Der Rä
ing darauf in aller Ruhe hinaus und sagte: Er habe
er Unsersuchung, zu der er beauftragt worden sei, an
Interschleife sestens des Mandar nen entdedt. Er
hm Arrest bis zu seiner Rücktehr diktiert und niem
zAle es wagen, den Gefangenen vor seiner Rückkehr
esrelen. Keiner wagte zu demonstrieren, und dere
zeamte zog mit seinem Gefolge undbehettigt weiter.
ie Beamien des Mandarinen, die telegraphisch in den
achbarten Orten nach dem Verbleib des hohen He
erlundigungen einzogen, hörlen, daß niemand von
iwas wüßte, schöpften sie Verdacht und begaben sich
ie Gemächer des Mandarinen, den sie in seiner ung
ichen Verfassung antrafen und besresiten. Vom Hunglu
on Köpenick hat aber niemand bis jetzt weiteres gel—
Eine schicksalsreiche Kirche. Man schreibt der
z.“ aus der Altmark: Eine schicksalsreiche Kirche be
zalzwedel in dem ältesten Gebäude der Stadt der
zorenzkirche. Sie war ein Jahrhundert nach der Re
iation als Bötitcherwerkstatt vermietet. 1699 wurde
um Salzmagazin umgewandelt, weshalb sie noch ha
m Vollksmunde den Nanmen „Salzkirche“ führt. Um
Nitte des 19. Jahrhunderts, im Teuerungsjahr 1849
iutzte man die Kirche als Kartoffel-Lagerraum und d
vard sie der damals in Salzwedel liegenden Arüllerie
danonenschuppen übergeben. 1859 verkaufte der Magist—
ie Kirche an den bischöftichen Stuhl in Paderborn,
eit 1870 wird sie wieder als katholische Kirche benu
Eine Wunderwurst. Eine Wurst mit wunderba
zigenschaften — wenigsteus nach den Angaben des
inders — soll von Zürich aus in den Verlehr gebr
oerden. Die Wunderwurst ist vor allem für das Mil
estimmt und soll da die Fleischration und Konserven
eten. Dieser Wunderwurst werden solgende Vo
»om Hersteller nachgeruhmt: „Dank ihrer Zusannee
ing bei Verwendung wes besten Fleisches ist sie sogar
iach 10 Jahren in unveränderter Schmachkhaftigleit
rießbar. Ungezieser und Zersetzungselemente prallen
hr ab Die Wurst kann an der Luft oder im trocken
taum, im heißen Sonnenbrand oder im Wintersrost,
jeschnitten oder unangeschnitten, monatelang aufbewa
verden, ohne daß sie von ihrer Schmackhaftigleit unde
undheitszuträglichteit auch nur das geringste einb
10 solcher Wurste von der Dicke einer Zervelatwurst
och in agepreßter Form) und einer Länge von 18 bie
zentimelern sind leicht im Tornister eines Soldaten
erpacken und reichen nachweisbar für 10 Tage als *
ung vollkommen aus, ohne daß der Sodat daneben n
twas anderes genießen müßte. Die Wurst ist infolge ih
Zusammensetzung wetter-, feuer- und wasserwiderstan
ähig. Durch bloßes Sieden im Wasser erhalte man
hr eine schmackhafte Suppe, durch welchen Prozeß
Purst selbst von ihrer Schmackhafugl!eit keineswegs
üße.“ Hierzu schreibt der Zuricher Mitarbeiter der
semeinen Fleischerzeitung“: Ich habe eine Reihe hie,
Neßgermeister und Wurstfabrikanten um ihre Meinung
ragt. Das einstimmige Urteil der hervorragendsten Fo
naͤnner geht dahin, daß der neuen Wurst eine Reihe v
ẽigenschaften angedichtet seien, die bei einem Fleischpi
zukte auch bei Anwendung aller Kunst unmöglich erz
werden könnten. Das Ganze wird ohne weiteres
Schwindel beaeichnet
—
arf ich virren, ich rurz zu fassen, jagrte sie jowuyrern
„ich nehme an, daß Sie sich gleichzeitig bon mit zu vor
chieden wünschen.“
„Das Vergnügen habe ich allerdings auch,“ war die
sassene Erwiderung. „Nun?“
„Kurz fassen kann ich mich leider nicht, Frau Gra
ind, muß schon bitten, mir einen Sitz zu gestalten und
p zu setzen,“ sagte er ruhig und zog einen Stuhl on
disch.
Sie blieb immer noch neben dem Sessel stehen, was ih
a er hier nicht den Kabalier spielen wollte, nicht zu
indern schien, sich selbst zu setzen.
Die Angelegenheit, welche mich herführt, betrifft e
ind Ihr Haus.“ — „Darüber hätten Sie mir Milteiln
u machen?“ — „Ja, da der Graf in Geschäften nicht.
prechen ist, werden Sie wohl die Gewogenheit baben met
rich orrubüren“
„JIhr Sohn hat Sie beauftragt?“ — „NKeinesn
Mein Sohn würde mich niemals ersucht haben, Ihnen d
zu nahen, da er in seiner Zartheit und Gutmütigkeit we
cheinlich glauben würde, daß ich Ihre * verle
könnte. Auf Gefühle kommt es hier aber sehr wenig
in, deshalb fällt es mir gar nicht ein. Ihnen welche ersr
u wollen.“
Sie starrte ihn mit hohem Erstaunen an, dah
chneller zur Sache kam, als er eigentlich beabsichtigt g
ürchtend, daß sie ganz einfach das Zimmer verlassen win
„Sie haben die Depesche gesehen, welche gestern unmitte
den Schlaganfall des Grafen veranlaßte.“
„Mein Mann bekommt häufig Depeschen. Ich lese
niemals. Es handelt sich gewöhnlich um Geschaäftssach
— „Auch diesmal. Die Depesche meldete dem Grafen
nißglückte Spekulation..
Sie zog in stolzem Unwillen die Brauen zusammen,
hm voll zuwendend. „Was geht Sie das ans Bilden
ich vielleicht ein, daß in unseren Kreisen ebenfalls „das
chãft“, von der Frau weitergeführe wird, wenn der 9
erkrankt? — Ich habe damit nichts zu iun. Wenden
ich an Ribbentrop — wenn Sie eima boi dor Goche Ner
gehabt haben.“
„Ich wollte, es ginge mich wirklich nichts an. Ich p
aß die Verluste dabei für mich und meinen Sohn nich
ommen werden.“ — „Ah sol! Jetzt verstehe ich. Sie
die Verwandtschaft. Astrids Erbe, im Auge, im Fal
Hann doch noch stirbt an dieser Krankheit,“ sagle *
isiger Ironie, sich langsam niederlassend, „nun, was
Zie also weiter bemerken über das Erbe Ihrer Schn
nchtor? Xch häre“