Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 217.
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5sonntagsblatt und heitere Blätter. d0 4 pro Aspaltige Patitzella
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23. Jahrgang.
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Postschließfach Nr. 14.

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i Leb sbank in Nürnberg v .VSeder Unfall itt bi iner W Eintritt der Nürnb Lebenshersi 3⸗Bank eigen, der Berletzte innerhals 20 Stunden nadqh dem Aufall in ürztliche Behandlung begeben. Todesfalle müffen se for
Anr w2 * Wao 32 Lod dusd eee ex Nhend ergeebrhtaev — ieenh I ie —* —ASS n dee Nurdt end ——— wy Wih e 8 en Lebensver sicherung e⸗Bank zu 8 find. 2* o 0 20 —F
t, naymen am Montag die Beratungen zur endguitigen
jeststellung des Reichsetats für nächstes Jahr ihren An—
ang. Es handelt sich bekanntlich darum, zu wissen, ob
urch weitere Abstriche das Gleichgewicht im Etat herge—
ellt werden kann, oder aber neue Steuerquellen erschtos—
en werden müssen.
* Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ veröffentlich:
ie amtlichen Unterlagen zur Stellung des preußischen
andwirtschaftsministsers in der Fleischnotfrage der De—
utation des Fleischerverbandes gegenüber. Das Blatt
erechnet in langen Statistiken Schlachtviehangebot, Vieh—
reise, Fleischkonsum in Berlin, Köln, Dresden, Frank—
urt a. M. und München, die alle zusammen eine Ge—
ihrdung der Volksernährung nicht darstellten. Das offi—⸗
iöse Organ kommt dann zu dem Schlusse, daß nicht die
deitere Oeffnung der Grenzen das geeignete Mittel zur
zerbilligung der Fleischversorgung sei, sondern die Si—
erung derFleischerzeugung imInland.
* Der Präsident des japanischen Oberhauses, Fürs
dotkugawa ist mit großem Gesolge in Berlin einge
toffen

—ü

I Politische Rundschau.
— — Deutsches Reich. —
v Im Reichsschatzamt geht die Arbeit zur Aufstel
ungides Etats für 1911 rüstig fort. Säniliche
dessorts sind die Bemerkungen der Finanzverwaltung 31
hren Etatforderungen zugegangen. Vom 20. Sep!e nbe
b erhält das Reichsschaßzamt die Beantwortungen o
tessorit.
*Wie die „Kieler Neuesten Nachrichten“ aus Berlin
rfahren, wird zu der Aufsehen erregenden Rede des Bot
chafters Fürsten Radolin bestätigt, daß der Fürst keir
reiwilligels Abschiedsgesuch eingereicht ha
ze, daß seine Verabschiedung tatsächlich wider seinen Wil
en und auf Drängen Herrn von Schöns vollzogen wor
en sei, damit der Platz des Botschafters für Herrn vor
zchön frei werde.
* Der Bürgermeister von Metz, Geh. Regierungsrat Dr
ur. Paul Böhmer, ist zum Unterstgatssetre
ärr int Reichskohbonialamt ernannt worden
Dr. Böhmer war bis zu selner vor nicht ganz zwe
Fdahren erfolglen Wahl zum Bürgermeister von Metz De
ernent für Kunstangelegenjeiten im elsaß—-lothringischen
Ninisterium in Straäßburg. Es war belannt, daß de—
Netzer Bürgermeisterposten nur eine Ducchgangsstation s*
d)r. Böhmer bedeutete.)
* In einer Versammlung der Demokratischen Ver
inigung teille der Reserent v. Gerlach mit, daß di
demokratische Vereinigung bei der kommenden Reichstags
wahl im ersten Berliner Reichstagswahlkreise, der jetz
zurch den fortschritilichen Abgeordneten K ämpf vertre
en ist, einen eigenen Kandidaten ausstellern
verde. Die Versammlung erklärte sich in einer Resolutio
amit einverstanden.
*Zur Zentenarfeier der Selbständigkeit Me
ikos versichert die „Nordd. Allg. Ztg.“, daß Deutschland
ie Feier mit warmen Segenswünschen für das weiter
zedeihen des zuhnnftsreichen Staates begleite. „Die deut
che Anteilnahme ist bereits dadurch zum Ausdruck ge
angt, daß eine Sondergesandtschaft dem Präsidenten Por—
irio Diaz ein Handschreiben Kaiser Wilhelmis überreich
at, worauf Porfiro Diaz seiner Freundschaft für Deutsch
and in herzlichen Worten Ausdruck gab. Möge es dem
reisen Präsidenten, dem wir gleichzeitig unsere aufrichtig—
en Glückwünsche zu seinem 80. Geburistage aussprechen,
soch lange vergönnt sein, mit weitschauendem Blick und
ielsicherer Tatkraft die Regierung Mexikos zu leiten und
as Land zu weiteren Erfolgen zu führen.“
**Eine Bestätigung der Nachricht von der nahe bevor—
ehenden endgültigen Uerernahme des badischen Finanz—
ninisteriums durch dessen setherigen stellverlretenden Lei—
er, Ministerialdirestor G'blLer, ist einstweilen nicht zu
rlangen. Man wird aber an die Richtigkeit glauben kön—
len. Es ist eine Ueberraschung oder auch keine, nachdem
zeheimrat Göller schon zu Leozeiten Honsells zur Ueber—
zahme des Postens vergeblich veranlaßt worden war. Die
zerufung kann als eine Fortsetzung der durch den Lau
esherrn — soviel man weiß auch persönlich — von je—
jer durchaus gebi ligten Sparsautkeitstendenz der Finanz—
ra Honsell aufgesaßt werden.
* Der preudische Landwertschaftsminisier Freiherr von
zchorlemer-Lieser berdsitet zur Ergünzung jseiner
lntwort an die Abordnung des doutschen Fleischerverban
es und die Mitteilungen in der „Nordd. Allg. Zeiuig“
ine umfangreiche Darstiell ung über den
tand der Fleiichfrage mit einem arosen Zablenma—
zrial vor⸗
* Die Zusammenlunft zwischen dem dentschen Kaiser
nd De 58 ein wird in der Weise stattsinden, daß die
zegegnunge entweder in Wiesbaden o der k
sgarten nach dem Friedverger Ausenthalt
zaren und nach Beendigung der Romintener Jagd da
faifers, also vorausfichtlich in der zweiten Halste des
tiober erfolgt. Nach der Zusammenkunft mit dem Za⸗
en wird der deutsche Kaiser nach Schloß Friedrichshof im
aunus reisen, um dort mit König Georg vo
Ingland zusammenzutreffen.
* Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers von Bethmann—
hollweq. der aus Hohensfinow nach Berlin zurückgekehr

Holland.
* Einer Meidung aus Auisterdam zusolge ist es wahr—
cheintich, daß die Königin Wilhelmine in der letzten
zälfte des Oltober dem belgischen Königspaar serneun Be—
uch erwidern wird. Ein auutlicher Entschiuß ist jedock
ioch nicht getrossen.
Belgien.
* Geruchtweise verlaulet, die belgische Regierung werde
demin chst die Mächte zu einer Zononferenz ensaden,
die den Zweck hätte. die Zotlabsectigung zu vereinsachen.
Griechenland.
* Bei Beg'un der Gröffnungssitzung der RNa—
ionalversammlung beantcagten d'ie Revisionisten die
zerend gung der Mitglieder, was hestigen Widerspruch ge—
unden hat. Es kam zu lärmenden Zwischenfällen, vis
)raguenis die Ruhe wiederherstellte. Die Eidesle' stung
»urde vertagt. Dann trat man in die Diskussion über
ie Besuanisse der Versammlung.
Türkei.
* In der Anleihefrage fahren die Konslantinope'en
ffiziösen Blätter fort, Ansichten auszusprechen, die dener
er Pariser Presse diametral gegenüberstehen. Sie erklärer
rotz des Dementis, die Anleihe sei fertig. In französi
hen diplomatischen Kreisen teilt man diese opt mistisch
Jarstellung der türkischen Presse nicht. Jedenfalls deutei
ie Verschiebung der Abreise des Großwesics von Parigs
uf neuentstandene Schwieriakeiten.

n Bezug auß ausgezeichnett Injchgaste des Radikalismus
»orausgesehen hat, tritt leider mehr und mehr in Wirk—
ichleit. Es ist auch richtig, daß diese Voraussicht nicht
yon der Pflicht entbindet, nach Möglichkeit Vorsorge da—
gegen zu treffen, daß nicht ein blinder Mißmut, eine un
estüme politische Verhetzung des Volles eine gefährlich
Lage schafse. Wir können aber versichern, daß an* der
»bersten verantwortlichen Stelle nicht nach Schlagworten
esucht, noch heute schon entschieden wird, welche einzelne
Frage bei den michsten allgemesnen Wahlen zum Reichs
age in den Vorcergrund zu rücken wäre. Mit Wahtpa
olen, die sich nicht aus der Nalur der Dinge ergeben.
nit künstlichen Schlagworten läßt sich dem Uebel, das
vir beklagen, überhaupt nicht beikommen. Leistet das
deutsche Volk in der praktischen Arbeit fortwährend Gro
ßes, so wird es sich auch in seiner politischen Betätigung
und Kultur der Herrschaft der Phrase entwöhnen und feine
Seschicle so wenig nach übler Laune, wie nach einseitigen
tlassen⸗ oder Interessentenwünschen bestimmen müssen. der
Reichskanzler hält für seine Hauptaufgabe, die Reichsge
chäfte so zu führen, daß das der Nation zum Gedeihen
des Erwerbslebens ebenso wie zu ihrem militärischen
Schutze Nötige gesichert und ihre stetige kulturelle Entwick
ung gewahrt werde. Es ist daher ein im einseitigsten
adikalen Parteiinteresse genährter Aberglaube, daß ir—
zend etwas einer geistigen oder wirtschaftlichen Reaklior
dehnliches im Werle sei. Eiune solche Absicht liegt aller
naßgebenden Faktoren des Reiches fern.
—
Arbeiterbewegung.
— Bergarbeiterstreik in Wales. Der bisher durch di
Bemühungen der Arbeiterführer verzögerte Konflilt au
»en Kohlengruben in Süd-Wales bricht nun ofsen aus
Auf den Canmbridschen Minen traten am Montag AV
Nann in den Ausstand otzne vorherige Kündigung unl
nntgegen dem ausdrücklichen Willen ihrer Gewerkschaftstei
er. Dieser Bruch der Abkommen mit den Unternehmern
ind der Disziplin gegenüber den eigenen Führern kanr
chwere Folge haben, falls sich die Gruben zur allgemei—
ien Aussperrung entschließen. Dann würden 200 000
Nann feiern müssen

Rußland.
* Die Angelegenheit des Schlachtschiffes „Slawa“
as nach Antivari gehen sollte, jedoch wegen Maschinen
hadens in Gibraltar liegen blieb, zieht weitere Kreise.
s verlautet, daß die Mechanismen des Schifses von s9
hlech'er Beschaffenheit sein sollen, daß ein radikale,
Imbau erforderlich ist. Eine besondere Untersuchungs
ommission wird das Schiff nach dem Eintreffen in Kron
tadt einer genanen Besichtigung unterziehen.
Bulgarien.
* Der König, der aus den Manövern zurückgekehr
st, genehmigte die Vorschläge Malinows behufs Rekon
truktion des Kabinetts. Alle Minister wechseln ihr«
Portefeuilles, außer dem Kriegsminister Nikolaew. Papri
ow und Satlahaschew scheiden aus. Das Aeußere über—
timnit Malinow, die Finanzen Liaptschew, das Innere
»er Präsident der Sobranje Slaveikow, Bauten und Bah—
ien Takew, den Unterricht Mollow, den Handel Kristew,
ie Justiz Muschanow.
Portugal.
* Der König hat durch Dekret 16 Pairs ernannt, die
ämtlich Parteigänger des gegenwärligen Ministeriums
ind. Ferner hat der König einem Amnestie für Preß—
ergehen erlassen

Fraukreich und die Türkei.
Der hochofsiziöse Konstantinopeler „Tanin“ setzt seine
Polemik gegen den Pariser „Temps“ fort und analysiert
etzt dessen leßte Angriffe gegen die Türkei. Der „Tanin“
ehauptet, die enger ßewordenen Beziehungen der Türkei
um Dreibund, welche ein Wiener Blatt bis zum Bünd—
uis verdichtete, brächten den „Temps“ in Harnisch. „Wenn
ie sranzösischen Zeiuungen nach Gründen suchen“, bemerkt
er „Tanin“, „warum die Tücrkei sich dem Dreibund an
eschlossen hat oder anschließen wird, können wir offen
agen, daß der Hauptgrund im eigenen Verschulden der
zranzosen gelegen ist. Hätte der „Temps“ sich nicht vom
zorn hinreißen lassen, sondern die Lage kaltblütig unter
ucht, so wäre er zu der Erwägung gelangt, daß mit der
ßzroklamation der Konstitution eine starke Hinneigung der
‚anzen Türkei zu Frankreich einsetzte; während früher in
zer Türkei die deutsche Politikt maßgebend war, schwenkte
sie neue Regierung um.“ Der „Tanin“ zählt die Einzel
erten des Umschwunges auf und erwähnt unter anderm
ie den Franzosen im letzten Jahre übertragenen Konzes
onen dreier Eisenbahnen — von Jemen nach Sanaa
om Panderma nach Soma und von Tripolis nach Homs
durz, überall wüchs der moralische und der materiele
zinluß der Franzosen, den zu steigern man sich weite
och bemühte. Das Blatt weist dann den Versuch zurück
ür die unberechligten Ansprüche der Oitomanbank ganz
zuropa alarmieren zu wollen und sagt, jetzt sei die Zeit
ekommen, wo die Oitomanen sich auf sich selbst besonnen
aben und keine Beleidigung ihrer Würde mehr vertra
en. Der „Tanin“ schließt, wenn er an Stelle des
Temps“ wäre, so hätte er bei der Kritik der gegenwär—
igen Fragen ohne Rücksicht auf die Ottomanbank sich nur
om eigenen Gewissen leiten lassen. Er wäre dann zur
xxkenntnis gelangt, „es wären unsere eigenen Fehler!“

AALWöW8stRBTks
J 7 J
Von der Luftschiffahrt.
*Der Protest gegen Jeannin im Ueber
andflug. Wie erinnerlich, haben die Aviatiker voch
rer und Lindpaintner gegen die Zuerlenn ng des
irsten Preises an Jeannin Protest eingelegt, weil e
e in den Konkurrenzbestimmungen vorgeschriebene Schlef
iber dem Mainzer Sand nicht ordnungsmäßig ausgeführ
‚aben soll. Dieser Protest hat Jeannin veranlaßt, in de
Fachpresse einen ossenen Brief an die beiden andern Avia
ker zu richten, auf den-lediglich Lochner geantwortet hat
Jeannin nennt seinen Starter als Zeugen dafür, daß e
die Schleise über dem Sand ordnungsmäßig ausgeführ
habe und betont, daß sein Flug Frankfurt-Mannheim ein.
Leistung gewesen sei, die turmhoch über der der anderer
herren stehe, die sich so reichlich Zeit gelassen. Er vertrit
die Ansicht, daß nicht sportiiche Motive die beiden ande
ten zum Protest veranlaßt hätten, sondern lediglich geld
liche Gründe. Der ganze Protest sei der unverhohlen
Ausdruck eines unsportlichen Konlturrenzneides. Hierau
erwiderte Lochner, der Aachener Millionärssohn, der ge
wiß nicht um des Gesdes willen, sondern aus sportlichem
*AWÜrgeiz fliegt, u. a.: „Ich widme mich der Aviatik ledig
ich aus sportlicher Neigung, als unabhängiger mit der
Flugmaschinenindusirie in keiner Verbindung stehender
privatmann. Mithin treffen die Gründe, welche Sie mei—
ier Proteserhebung unterschieben, nicht zu. Ich muß es
nir deshaib auch versagen, Sie mit „werter Kollege“ an
ureden. Wenn Ihre Behaupmungen wahr wären, dann
vürden Sie ja zweisellos Recht bekommen, und dann
vürden Sie sichh nicht schon vor dem Schiedsgerichtsspruch
n die Oeffentlichkeit flüchsen.“ In dieser Ausernandersetzing
 tritt der Gegensatz zwischen Berufsflieger und Her—
enflieger scharf zu tage. Jeannin ist bekanntlich Ange
tellter der Gesellschast „Aviatik“ in Mülhausen. Zweifel
o8 wird man spaͤter bei Flug!'onkurrenzen, wie ja heute
chon im Pserde- und Autosport, zwischen Veranstaltungen
ilr Berufssttieger und Herrenflieoer untertcheiden mäissen.

Oesterreich⸗Ungarn.
* Die „Neue F'»eie Presse“ schreibt zu dem Besuch des
entischen Kaisers: Die Zusammentunft Kaiser Wil—
elms mit Kaiser Franz Joseph versinnbildlicht das
zündnis. Dieses war zvom ersten Tage an populär und
t. noch populärer gewoͤrden, als in der Zeit europäischer
zpannung sein Inhaͤlt öffenilich bekannt gegeben wurde,
ind erhielt in der Annexionskrise eine Art Feuertause
die Allianz mit Deutschland ist im Gefühl der ganzen
dation verankert; aber verkörpert im Oberhaupte des Rei—
hes. Auch legte Kaiser Wilhelm tatsächlich von Anbe—
iinn seiner Regierungstätigkeit an den größten Wert dar—
uuf, die Allianz nicht nur dem Buchstaben nach, sondern
uch dem Geiste nach zu beobachten. Wien wird den ver—
ündeten Kaiser gewiß mit einer solchen Herzlichkeit emp—
ingen, die zeigt, wie eng Oesterceich-Ungarn und VDeutsch—
ind zusammenstehen, und wie im Innersten dieser durch
r Interesse gebotenen Zusammengehörigkeit doch auch das
efühlsmoment enthalten ist. Ist es doch mehr als
iplomatie gewesen, was das Bündnis geschafsen hat;
as eben gibt ihm die Wärme. Die Intimität zwischen
en Herrschein, die in der bevorstehenden Zusammenkunit
um NMusdruck kommt, symöolisiert dieses Verhältnis
Rußzland.
*æ Stolypin hat seine Sibirienreise bereits unterbrochen
und trat die Rückreise an. In gut informierten Dumakrei—
n will man wissen, daß Stolypin neben der Minister—
räsidentschaft auch anstelle Iswolsktis das auswärtige
tinisterium übernehmen werde. Dagegen werde er das
nnere an Reichssekretär Makarow abtreten. Das Gerücht
ißt sich nicht kontrollieren, doch wird es nicht für un—
gahrscheinlich gehalten

Bethmann Hollwegs Wahlparole.
Eine offizielle Erklärung.
VDie ‚„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ schreibt: An
leregt durch einen Artikel der „Frankf. Zig.“ hat sich die
kagespresse vielfach mit einer Wahlparole oder einem
Lahlprogramm der Regierung beschäftigt. Solche Erör—
erungen finden einen günstigen Boden in der Besorgnis,
on der die besten Kräfte der Nation im Hinblick auf die
zerbitterung unter den bürgerlichen Parteien und auf die
ozialdemokratischen Erfsolge bei den Nachwahlen zum
deichstage erfüllt sind. Ohne Zweifel hat jene Verbitte
ung bei diesen Erfolgen mitgewirkt. Was der Reichs
Anzler in soiner Reichstantrede vVonoo 21000

Um die Grafenkrone.
Ader die Gräfin sah nicht so aus und hatte, ihrem
ehr ernsten Gesichtsausdruck nach zu schliehen, Uchtz Soten!
isches sagen wollen. Das Auge dichtete sie nicht auf ihn,
icht in seinen offenen, forschenden Blick.
Es glitt in eigentümlicher Weise immer dicht an die—
em Blick vorüber, ohne daß man sagen konnle,es hätte
hn vermieden. Erusi schwieg und neigte nur das Haupt,
enn sie hatte, ihrem nur befstätigenden Toufall nact noch
eine Antwort erwartet.
„Sie lieben also unsere Tochter und haben sie heute
u Ihrer Frau begehrt bon dem Grafen.“ Kein Zittern
n ihrer fast gleichgültigen Stimme, so ungeheuer ihr doch
»ohl diese Vorflellung fein mußte.
Ja. Ich liebe Astrid und hoffe zu Gott, daß sie mit
em Segen ihrer Eltern meine Frau werden soll.“ Ich liebe
Istrid T dabei zuckte sie doch ein wenig mit den Augen, als
lickte sie in das ihr verhaßte, grelle Sonnenlicht.
„Der, Graf hat Ihre Werbung einfach abgewiesen, wie
ch aus seinen Worten entnommen, ohne weiter darauf ein—
ugehen.“ — FJawohl. Indefsen' —*
—
lrt zu entschuldigen wissen. Ein Vater macht vielleicht das
lück seiner Tochter in erster Linie nur von den passenden
ußeron Verbaltffen abhängiga. während die Mutier in
quormaten Fallen wohl zuerst das Herz und die Eigen
anlichteit ihres Kindes im Auge hat. Weein und meines
cannes Wille aber bedeuten schließlich dasselbe.“
Schade, daß ein so einfacher Mensch ihr gegenübersaß
er ihre Käffimertheit nicht zu würdigen bertand und sie
ahm wie sie genommen sein wollte. J
Frau Gräfin, ich habe kaum gehofft, so hoher Güte,
izoherzigem Verständnis für das, was Astrid für ihr
lück hält, zu begegnen.“ Warum sprach er nicht von
unserem“ Gluͤck? ....
Er hat kaum gehofft? So? — Also gut. Weiter, im
aten Kurs.“Er stimmte. „Was haben Sieè meiner Tochter
u bietens sagte sie nun in sanftem Geschäftston weiter.
e g Die trelieste, inigfie Liebe, den Willen und die Kraft
eguguich zu machen, brauche ich wohl kaum zu erwaͤhnen.
„Nein.“
* „An äußerlichen Glücksgütern besitze ich freilich nicht
J Mein Vater, der eine bekannte Kunstgärtnerei in Ber⸗
nocitzt. hat die Mittel aufgebracht, mir Lin kleines Güt⸗
p vielleicht kaum halb so groß wie Uhlenhaus, zu kaufen
mein dereinstiges Erbe alß Betriebskapital ur Ven

— flüügung gestellt. Des weiteren besitze ich ein anerkanntes
dapital in meiner Befähigung für meinen Beruf, in meiner
Arbeitskraft und Anspruchslosigkeit.“
„Und Astrids!“ sagte sie mit dem dämmerhaften
Lächeln. „Astrid liebt mich, und die wahre, treue Liebe,
Frau Gräfin, die Liebe zwischen Eheleuten ist eine große
Lehrmeisterin,“ sagte er sehr ernsthaft, aufmerksam gemacht
durch jenes Lächeln, als sie Astrids Arbeitskraft und An—
pruchslosigkeit hervorhob.
„Jawohl. Ganz recht. Sie duldet alles, trägt alles,
hofft alles, glaubt alles, jawohl, natürlich. Wer kennt sie
zicht, diese erhabene Lehrmeisterin, — besonders wenn sie
icht auf zu strenge Proben gestellt zu werden braucht.“ —
Dies war wieder ein starker Hauch ihres alten spöttisch—
sochmütigen Tones, der gegen ihren Willen hervorbrach.
Zie sah seine aufflammenden Augen und erinnerte sich der
Varnung vor dieser „nicht“ inferioren Natur.
„Astrid bringt Ihnen ja eine beträchtliche Mitgift zu,
igte sie fast herzlich und so, als sei sie im allgemeinen ganz
nverstanden. „Damit rechne ich nicht und darauf würde
hefraglos und klaglos verzichten,“ sagte er mit jugendlicher
ebhaftigkeit.
„Und Astrid?“ — „Mein Weib gehört zu mir und wird
ich mit kleineren Mitteln einzurichten verstehen, wenn sie
ieiner Liebe sicher ist, war die warme Entgegnung.
„Sie betonten vorher die treue Liebe unter Gatten,
18 Stütze in Not und Sorge,“ sagte sie, ablenkend von einem
efade, den ihr sein unerwarteter Idealismus verschloß. Sie
atte ihn in diesem Punkte verftändiger. weltkluger er—
artet.
„Gewiß. Damit allein dürften Astrid und ich unsere
ukunft bauen.“ — „Sind Sie der treuen Liebe meiner
ochter absolut sicher?“ — „Das bin ich.“ — „Woher?“ —
Es läßt sich das wirklich schwer mit Worten begti'et »
igte er plötzlich zögernd.
„So meine ich auch. Mit Worten und Gefühlen eine
o starke Treue beweilen wollen, ist Torheit. Ich möchte
zie mütterlich warnen vor dem Charakter meiner Tochter
indieser Beziehung, den ich etwas länger kenne, etwas
ründlicher zu studieren Gelegenheit hatte als Sie, Herr
ern. Ein Mädchen wie Astrid aus ihren Verhältnisse rei—
en, ihrer Familie entfremden — denn das würde in vie—
n Beziehungen ganz unvermeidlich sein — wäre nicht
»ohlgetan, ohne diese Liebe und Treue einer ernsten Probe
uvor unterworfen zu haben.“
„Welch eine Probe denken sich Frau Gräfin darunter?“
wie er, mißtrauisch ihr kaltes, gelassenes Wesen betrachnd.

KTeine mittelaltersiche,“ sagte sie jetzt mirklich lächelnd.

ur oie aueretnsachste, die wir aus witern wohl zu verlan—
sen das Recht hätten, aber nur verlangen wollen mit Ihrem
hollsten Einverständnis, doch dessen bin ich fast sicher, da ich
die Ueberzeugung hegen darf, daß Sie, Herr Kern, jeder
bernünftigen Vorstellung zugänglich sind. — Wollen Sie
zuch gütigst bedenken, daß es uns nicht leicht wird, unsere
inzige, schöne, reichbegabte Tochter so tief unter ihrem
Stande zu verheiraten!“
Sie hörte nicht, was er sagte, bis seine weiteren Worte
sie seltsam trafen.
„Glauben Sie mir, Frau Gräfin, auch ich habe schwer
gekämpft gegen diese Neigung, die mich in Kreise und Ver—
jältnisse bringt, in die ich nach Familiennamen, Gewohnheiten,
 Geschmack und Grundlätzen absolut nicht passe, nicht
gehöre. Sie erwähnen selbst, was mir schwere Sorge machte
und macht, die Ungleichheit unserer Geburt. Ich komme aus
den denkbar bescheidensten Verhältnissen einer kleinen Gärt—
nerwohnung in einem Dorfe bei Berlin, mein Geist und
Herz fühlen sich dort immer noch wohl und befriedigt. Und
Astrid? — Kaum wird ihr Herz und Geist sich da hinein—
tinden können! — sagte ich mir auch oft und oft. An ihrer
LZiebe, ihrem Willen, die nur mich und meine Liebe suchen,
zweifle ich bei Gott nicht, wie ich auch glaube, daß sie sich an
meiner Seite in die Enge meines Hauses, in beschränkte,
kleine Verhältnisse zu finden suchen würde, aber da ist ein
inderes, was ich fürchte: Die Macht der vornehmen Um—
gehung, in der sie jahrelang glücklich war. — Kann man
sies vergessen? Könnte ich es? Möchte ich in diesen Sa—
ons, unter diesen vornehmen Leuten mein arbeitsreiches,
östliches Leben. mit Tändelei in allem, der iede Kroft iedes
MNark fehlt, verbringen? — Möchte ich das köstliche, herriche,
 herrliche Gefühl: Unabhängig durch eigene Arbeit
nich selbst und die Meinen zu erhalten, dies Gefühl, was ich
in meiner Mutter, einer einfachen Bauerntochter, schon
ennen lernte, aufgeben, um in fremder Lebensluft, von
deni Gelde meiner Frau Bedürfnisse zu bestreiten, die ich
aicht begreife, wie sie die meinen vielleicht nicht begreift?!
And wenn ich's müßte um heißer Liebe willen, dies höchste
Opfer der eigenen Persönlichkeit bringen, könnte ich es denn
uf, die Dauer!? — Und wenn ich so von mir selbst denke
ollte ich da anders denken, wenn ich mich in die Seele des
eliebtesten Wesens versetze? Ach, die Grundbedingungen
nseres Leben sind ja ganz naturgemäß verschieden, und,
a, ich kann's wohl sagen, in banger Sorge habe ich mich
efragt, als Astrid mir ihre mich so namenlos beglückende
jebe schenkte, mir, dem einfachen, niedrig geborenen Diener
res Hauses, nicht, ob ich sie von ihren Eltern erbitten
irfte, — wein, oh ich sie, die ich über alles liebte, erbitten

— — — ——
obν. — u; luelß; nicht, oo Sie mich verstehen, ob ich die
echten Worte wählte, zweifelndes Empfinden klar zu
egen, was mit dem Kern der Sache, meiner und Astrids
edingungsloser Liebe, gar nichts zu tun hat,“ schloß er
hwer atmend mit zuckender Lippe seine tiefbewegten
bdorte, die fast wider seinen Willen aus seinem Herzen ge⸗
rrömt waren.
Und sie? — Sie reichte ihm die Hand mit herzlich war⸗
nem Blick. — Ein Blick, in dem etwas wie Bewunderung,
dankbarkeit und Bedauern gekommen. Jetzt hatte sie ihn,
vo sie ihn haben wollte. Bis auf den kleinsten Punkt hatte
hr sein Wesen Wort gehalten.
Berechenbar und zuverlässig in allem, hatte sie ihn Zug
in Zug berechnet. Vornehm und edel von Gesinnung, mit
ocherhobenem Haupte und nach oben gerichtetem Blick, ein
dles Hochwild, war er in die niedriggestellte Falle ge⸗
angen.
„Ich freue mich des feinen Verständnisses, das Sie,
verr Kern, für ein bedeutungsvolles Moment in Ihrer mit
Astrid gedachten Zukunft haben. Ja, Sie haben vollständi
echt und ich teile Ihre Befürchtung, Ihren Zweifel, uß
ind ob sich in diesem Falle das alte Wort von der Berührung
er Gegensätze bewahrheitet, ich meine, offen und ehrlich ge⸗
agt, ob die Namen Kern und Collas-Wolffenstein einen
sarmonischen Klang geben. — Selbstverständlich würde ja
in solcher Rangunterschiend heutzutage kein ausschlaggeben—
ner Grund für eine Trennung der Parteien sein. Ob aber
nallen natürlichen Konsequenzen mit Recht? — Jedenfalls
assen Sie uns diesen Schritt Ihrer Verheiratung mit einer
vräfin Collas-Wolffenstein nicht zu leicht nehmen, indem
bir nur die Wünsche unseres Herzens dabei berücksichtigen“
Davor bewahre uns Gott,“ sagte er langsam.
„Sie werden mir also nicht entgegenarbeiten, wenn daj
rbitte, was ich fordern könnte, zu Astrids Prüfung in der
Treue und Stetigkeit. Sie werden selbst zugeben, daß sie
»in eigentümliches, launisches, unstetes Wesen ist. Ziemlich
inreif, unbedacht, und geneigt zu abenteuerlichen Dingen.
Alles das paßt ebenfalls wenig zu Ihrem Charagkter.“
„Es könnte sich das aber mit der Zeit dämpfen, regeln.
dessern lassen. Wie gesagt, die Liebe —“
„Jawohl ist die Liebe eine gute Erzieherin, aber die
Natur widersteht jeder Erziehung. Sie läßt sich verhüllen,
unterdrücken, aber nicht umformen. — Was liebevolle und
trenge Erziehung tun konnten, tat die meine, denn mir
ind, gleich Ihnen, die häßlichen Uebertriebe an einem weib—
lichen Chatakter verhaßt. Und Sie sehen, dennoch schießen
alle möglichen gefährlichen, unsoliden Eigenschaften jetzt
olötzlich überall bei jeder Gelegenheit, gleich still gewucher⸗
em Unkcaut bervor“
            
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