Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 79.
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Postschlietfach Nr. 14. —
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Donnerstag, den 7. April 1910.

238. Jahrgang.

Postschließfach Nr. 14.

Erscheint
zaglich mit Ausnahme der Sonn⸗ und
Feiertage.

5 Amtliches Publikatlonsorgan J
Abonnementspreis di ür I
nonetih 10. 3 frei ims Haus für die Bürgermeisterei Dudweiler.
gebracht, —
bei der Post bestellt A 2,28 vierteljährlich. Fernsprech⸗Anschluß Saarbruücken Nr. 60, 280, 268 u. 1261.
Die Krise im Baugewerbe
und die Regierung.
Zu dem drohenden Ausstand im Baugewerbe erfährt
die ih W. Zig.“ von hochstehender, besonderer Seite
olgendes:
Nachdem in allerletzter Zeit die Spannung im Bau—
zewerbe derart zugenommen hat, daß ein allgemeiner
Ausstand, so beklagenswert und schädigend für beide Teile
rauch waͤre, immer mehr in den Bereich der Möglich—
teit gejogen werden muß, ist auch der Ruf nach der Re—
Rerung als Vermittlerin zwischen Arbeitgebern und Ar—
eilnehmern erschallt. Bei dem großen Interesse, das
Jeutzutage in allen Regierungskreisen, mögen sie nun mit—
lelbar oder unmittelbar beteiligt sein, der Sozialpolitik
entgegengebracht wird, kann es wohl keinem Zweifel un—
seruegen, daß ein Eingreifen des Staates, um versöh—
send und vermittelnd zu wirken, schon seit langem statt⸗
gefunden hätte, wenn ein tatsächlicher Nutzen davon zu
rwarten gewesen wäre. Da sich die gesamte Bewegung
vahrscheen ich in ihrem Vorwärtsschreiten über ganz
Deutschland erstreden wird, so ist neben dem Ministerium
ür Handel und Gewerbe und für öffentliche Arbeiten, auch
das Reichsamt des Innern in hohem Maße an der Sache
—D
delbrück sind sich des Ernstes der Lage wohl bewußt. Es
hat früher eine Zeit gegeben, wo von sozialdemokratischer
ZSeite jedes Eingreifen des Staates als eine unberufene
rinmischung betrachtet wurde. Seitdem aber Arbeitgeber
ind Arbeitnehmer, zu Verbänden vereinigt, sich gegen
iberstehen, hat sich diese Auffassung wesentlich geändert.
In dem vorliegenden Fall, der unter Umständen die
schwerwiegendseen Folgen für Deutschland heraufbeschwö⸗
en sann, und wo Millionen an Werten auf dem Spiele
S liegt für die Regierung die größte Schwierigleit
arin, den richtigen Zeispunkt abzupassen, um dann dem
möglichst allseits cuzgesprochenen Wunsch, den Vermittler
u spielen, entgegenzukommen. Erfolgt der Einspruch zu
rüh, ehe die Sachlage genügend geklärt ist, so kann er
eicht eine Verschärsung der Zustände nach sich ziehen, da
nuich nur das geringste Henneigen zu Gunsten der Arbeit⸗
eber die Erbitterung in Arbeiterkreisen erhöhen, anderer⸗
cus eine Unterstürusig der Arbeitnehmer die'e leicht ver—
mlassen könnte, ermutigt durch die ihnen zur Seite
lehende Staatsautorität, zu weitgehende Forderungen zu
tellen, die unannehmbar wären.
Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände hat man
oohl den Wunsch, einen Massenausstand mit allen seinen
edauerlichen Folgeerscheinungen nach Möglichkeit zu ver—
sindern, glaubt aber den Zeiwpunst erst dann gekommen,
venn eine Vereinbarung zwischen den streitenden Par—
eien selbst nicht mehr im Bereiche der Wahrscheinlichkeit
zegt. Im Ministerium für öffentliche Arbeiten hat man
ereits den durch die Ausstandsbewegung hervorgerufenen
esonderen Umstänoden insosern Rechnung getragen, als der
Heinisiser in Fällen, wo durch einen frivol angezettelten
Streit der Arbeitgeber nicht in der Lage ist, den vertrag—
ich festgelegten Termin innezuhalten, eine Verlängerung
der Fris zuͤgestanden wird, doch gilt diese Verfügung siets
nur von Fall zu Fall nach möglichst wohlwollender Prüs—
ing. Einen förmlichen Streikparagraphen in den Vertraͤ⸗
gen aufzunehmen, nachdem die Arbeitgeber ohne weiteres
zon ihren Verpflichungen bei Arbeitseinstellung entbunden
verden, konnte sich das Ministerlum jedoch bisher nicht
entschließen. Aehnlich denkt man auch in anderen Ressorts
Aller Wahrscheinlichkeit nach werden schon in den näch
ten Tagen Beratungen zwischen den beteiligten Stellen
tattfinden, wie trotz der erheblichen Schwierigleiten dem
IAohenden Zwist im Baugewerbe zu begegnen ist. Auj
eden Fall aber muß es als falsch bezeichnet wer—⸗
cn wenn hie und da die Gerüchte auftauchen, als ob
zie Regierung tatenlos dem aufziehenden Gewitter ent—
Jegensaähe und warte, bis es zur Entscheidung XI
Soͤlange noch Aussicht vorhanden ist, daß Arbeitgeber und
Arbeimehmer unter sich ohne fremde Unterstützung einig
werden, was entschieden das beiderseitige Verhältnis au
lange Zeit hinaus bessern würde, muß vom Staate eine
dewisse Zurückhaltung beobachtet werden.

Mit zwei Beilagen:.
Sonntagsblatt und humoristische Blätter.

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Redaktion, Druck und Verlag von J Unterkeller Dudweiler.

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Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
*In Berlin tagten am Sonntag Vertreter der
srankenkassen und der Geschäftsausschuß des Deutschen
Aerztebundes. Beide beschäftigten sich mit der neuen
Reichsversicherungsordnung. Die Vertreter der Kran—
enkafsen bessossen eine Eingabe an den Reichstag, in der
1. a. die bekannten früheren Forderungen zur Kassenarzt⸗
rage nicht nur aufrecht erhalten, sondern noch verschärft
hurden. Der Geschäftsausschuß des Aerztevereinsbundes
eschloß die Berusung eines außerordentlichen Aerztetages
um 17. d. Mis. nach Berlin zwecks Stellungnahme zu
en auf die Aerzte bezüglichen Vestimmungen des ge—
annten Entwurfes.
*Eine Massenpetition deutscher Frauen betreffend das
zerbot weiblicher Bedienung in Gastwirtschaf—
enn ist dem Reichstage zu gegangen. Die Vorkämpferin
uf diesem Gebiete, Frau Jellinek⸗Heidelberg, hat 130 000
Anterschriften gesammelt, um von den Kellnerinnen eine
nerträgliche Schmach zu entfernen, deren körperliche Ei—
enschaften kapitalistisch ausgebeutet würden.
* Der Zentralvorstand der Demokratischen Vereinig⸗
ing beruft jetzt den zweiten Parteitag der DTemokratischen
Bereinicung ein, der in der Zeit vom 15. bis 17. Mai
n Koln a. Rh. stattfinden soll. Auf der Tagesordnung
teht u. a. der Programmentwurf, über den Herr von
herlach referieren wird. Den politischen Jahresbericht
vird Dr. Breitscheid erstatten.
Rußland.
x*Die „Reisch“ verössentlicht eine Unterredung mit eil⸗—
iem Staatsmanne, der an der Ausarbeitung des Planes
er Marinereform hervorragenden Anteil genommen hat.
der Plan ist in strenger Uebereinstimmung mit der Reor⸗
anisation der Armee entworsen. Bemerkenswert ist vor
AIlen Dingen, daß es dem Finanzminister Kolowzow ge—
ungen sein soll, eine Kombination zu finden, wonach
ie für die Reorganisation erforderlichen Summen im Be⸗
tage von 1 Milliarden ohne eine auswärtige Anleihe
schafft werden können. Die Schifssbauten werden von
Zkaͤlischen und privaten Werften beforgt. Das Ausland
rhält keine Bestellungen, ausgenommen auf diejenigen
naschinenteile, die in Rußland nicht hergestellt werden
zunen. Gebaut werden sollen gleichzeitig Panuzerschisse,
edeckte Kreuzer, Torpedobootzerstoͤrer und Unterseeboote.
In zehn Jahren sollen fünfzehn große Schiffe geliefert
berden, abgesehen von den Hilfsfahrzeugen. In jeder
dategotie werden nur Schiffe desselben Typs gebaut, um
inheitliche Geschwader zu erzielen. Vorerst geht man an
ie Reform der total untaug üchen staatlichen Werften, doch
vird in Fachkreisen diese Absicht durchaus steptisch beur⸗
eilst. (Es wöre interessant zu erfahren, wie sich Hert Ko⸗
owzow die Aulbringung dieser Summe denkt. D. Red.)
Frankreich.
*Es geht das Gerücht, daß der Kriegsminister, Gene⸗
al Brun, der jüngst im Senat wegen seiner un beküm⸗
nerten Haltung um die Militär-Luftschiffahrt so heftig
ingegriffen wurde, seine Entlassung geben will. Es heißt
zuch, daß der Ministerpräsident Briand nicht hindernd in
den Weg itreten wird.

veitere Vetstarrungen verlangt hat. Die Arnauten beab—
ichtigten, Pristina anzugreisen, über das gleichfalls der
Belagerungszustand verhängt werden soil.
*Lut telegraphischer Meldung aus Kursemlie
zomibardierte Schefkel Pascha, der Kommandant der Ues—
usber Garnison, die an der nördlichen Grenze liegenden
aruautischen Orischaflen. Die serbische Regierung erhielt
nuch ven ihren Grenzbehörden Meldung über diese Un—
nhen und hat deshalb Maßregeln zum Schutze der Grenze
angeordnet.

rer und Bauhilfsarbeiter fefistellen konnte. Weiter relu
er mit, daß am 25. April in Berlin ein außerordentlicher
Bewerkschafts-Kongreß stattfindet, der zur Reich-versicher⸗
ingsordnung Stetlung nehmen soll. Die Abstimmung er—
Jjab die einstimmige Annahme der vorgeschlagenen Reso—
utien und damit die einstimmige Verwersung des Ver—
tragonusters der Arbeitgebver. Ein Beamter des Mau—
rer Verbandes gab im RNuftrage sämtlicher Angestellten
der in Frage kommenden Verbände die Erklaͤrung ab, daß
sie beschlossen haven, sür die ersten 14 Tage ein halbes
Monatsgeyart, für die übrige Dauer des Kanmpfes 25 Pro⸗
zent an Lie Streitkasse abzu ühren. Einstinimig angenom⸗
men wurde sodann eine Reihe auderordeatlicher Maßnah—
men für die kommende Lohnewegung. Darnach verpflich—
ten sich ale Mitglieder, die während der Lohnbeweg'ing
zen Verbaͤndsbeiträgen und den örilichen Zuschlagen einen
besonderen Srreikbeirrag zu leisten, der pro Tag berechnet
wird und für eden vollen und halben Arbeitstag zu ent—
richten ist Was die Streik-Unterstützung anlangt, beschloß
der gemernsame Verbandstag, daß Mitglieder, die wah—
m Bauzewerbe beschäftigt bleiben neben den regelmäßi—
end des Kampfes der Organisalion beitteien, übechaupt
eine Unterstürung echalten sollen. Die Wariezeit für den
ßezug der Streit- Unterstüßzung wurde cuf 14 Tage fest—
gesetzt. Dieser Beschluß wurde einstimmig uner stürmi—
chem Beifall gefaßt. Der Verbandstag der Zimmexer
»erwarf gleichzeitig einstimmig das Vertragsmuster der Un—
ernehmer. Es wurde eine Resolution angenommen, in
velcher ebenfalls das Ansinnen des Arbeitgeber-Verbandes
ür das deutsche Baugewerbe mit aller Entschiedenheit
bgelehnt wurde. Auch der Verbandstag der christlichen
zauarbeiter faßte einen einmütigen Beschluß, der sich gegen
Jas Vertragésmuster der Arbeitgeber richtet. Er beschloß,
sür den Kampf ähnliche Maßnahmen zu ergreifen, wie
der Verband der Maurer und Bauhilfsarbeiter

Amerika.
* Der Krieg zwischen Chile, Ecuador und Columbien
einerseits und Peru andererseits ist wahrschenlich gewor ⸗
den. Die Angrifse auf das perugnische Konsulat in
Guayaquil und das Konsulat von Equador in Lima sind
iehr ernster Natur.

— MMAA—
Beschäftigung der Gefangenen.
Gegenüber den vielen Beschwerden aus den Kreisen
»er Gewerbetreibenden über die Konlurrenz der Gefäug⸗
uisarbeit hatte im vorigen Jahr der Staatssekretär des
Reichsjustizamts zugesagt, daß bei der reichsgesetzlichen Re—
ge.uig des Strafvollzugs auch die Beschästigung der Ge⸗
angenen eine Neugestaltung erfahren würde. Hierfür sind
iun folgende Grundsätze in Vorschlag gebracht worden:
In Würdigung der sittlichen Bedeutung nützlicher Tätig—⸗
eit soll in Zukunft grundsätzlich kein Gefangener unbe⸗
chäftigt sein; das Prinzip, kurze Freiheitsstrafen oder das
Infangssiadium längerer Strafen durch Entziehung der
Irbeit empfindlicher zu machen, soll also aufgegeben wer⸗
den. Dabei soll nicht die Arbeit an sich zur Unterscheid⸗
ing der verschiedenen Strafarten dienen, sondern ledig⸗
ich das Maß und die Art der geforderten Arbeit. Zucht⸗
Jaussträflinge werden dem strengen Arbeitszwang unter⸗
vorfen, sie sollen zu Arbeiten innerhalb und außerhalb
»er Anstalten herangezogen werden, wobei schwere und
ingestrengte Arbeit verlangt wird, die den Tag ausfüllt.
das Recht zur Selbstbeschäftigung besteht bei Zuchthaus—
trafe nicht. Demgegenüber soll bei der Zuteilung von
Arbeit an Gefängnisgefangene stets der Individualität der
etzteren Rechnung getragen werden. Es kommen daher
Arbeiten in Betracht, die dem Beruf der Gefangenen ent
prechen unter möglichster Berücksichtigung berechtigter Wün—
che. Um dem Ehrgefühl der Verurteilten Rechnung zu
ragen, sollen sie zur Außenarbeit nur mit ihrer Zustim—
nung verwandt werden. Für den Haftgefangenen gilt in
rster Linie Selbstbeschäftigung; nur insoweit er es daran
ehlen läßt, soll eine Zuweisung von Arbeit stattfinden.
zierbei ist jedoch der Lebensstellung, dem Beruf und bil—
gen Wünschen der Gefangenen Rechnung zu tragen. —
sußer der Art und dem Maße der Arbeit wird die ver—
chiedene Schwere der Straftaten noch in der Höhe der
em Gefangenen für seine Arbeit zu gewährenden Beloh—
iung und den bei Selbstbeschäftigung zu zahlenden Ent
chädigungen zum Ausdruck kommen
Gerichtszeitung.
PM Prozeß Kluge. Vor der dritten Strafkammer des
Landgerichts 1 begann die Verhandlung gegen den Pro—
uristen Fritz Kluge, der bei der bekannten Berliner Firma
doppel 500 000 Mark veruntreut hat. Die Sache, die im
April v. J. schon einmal zur Verhandlung stand, mußte
zamals wegen Erkran'ung des Angeklagten vertagt wer—
»en. Bei Eintritt in die Verhandlung begann der Ange—
lagte zunächst seinen Lebenslauf zu schildern. Plötzlich
zrach er ab, das Gesicht verfärbte sich und er fing heftig
zu schluchzen an. Der Vorsitzende ließ eine Pause eintre⸗
den. Mehrere Aerzte bemühten sich um den Angeklagten.
— D——— —
Arbeiterbewegung.
— Zur Maurer-Bewegung. In der Dienstag-Nach—
nittag Sitzung des gemeinsamen Verbandstages der Mau—
er und Boauhilfsarbeiter ist, wie angekündigt, die Ent—
cheidung gefallen. Sämtliche noch zu Wort kommenden
stedner sprachen im Sinne der Ausführungen des Refe—
renten, Reichsstags-Abgeordneten Bömelburg, der in sei—
nem kurzen Schlußwort die volle Einmütigkeit der Mau—

Essen, 6. April. Im ryheinisch-westfälischen Industrie—
gebiet haben zahlreiche Arbeiter im Baugewerbe, be—
eits ihre Kündigung zum 15. April erhalten. Von
der Kuͤndigung werden nicht nur die Bauarbeiter, som
dern auch die im Holzgewerbe beschäftigten Arbeiter be—
kroffen. NAuch in Essen haben die Arbetgeber im Bauge—
werbe, soweit sie dem Arbeitgeberverband angehören, ih—
ren Bauarbeitern zum 15. April gekundigt, und zwar
nit der Motivierung, weil Differenzen wegen des Ab—
chlusses eines Tarifvertrages zwischen den organisierten
Ebeitgebern und Arbeitnehmern im Baugewerbe bestehen.
dinfällig wird die Kündigung wenn bis dahin ein Ver—⸗
ragsabschluß z2ustandekomm

*
Von der Luftschiffahrt.
sEin neuer lenktbarer Luftkreuzer von
en Siemens-Schuckert-Werken ist sertiggestellt und schwebt,
efüllt und aufgetakelt, in der großen drehbaren Ballon—
jalle der Firma bei Biesdorf, zum Ausstieg bereit. Er
burde am Dienslag durch den Inspeltor der Verkehrs—
ruppen, Generalleulnant Freiherr von Lyncker, der Majo—
en Groß und Sperling und miehreren Offizieren des Luft⸗
chifserbataillons besichtigt. Erläuterung gaben die Kon⸗
utteure des Luftschiffes, Hauptmann a. D. Aroah und
orinaenieunur Titiu—

Belgien.
Der „Soir“ will wissen, ein Einverständnis
wischen Heutschland, Enghand und Belgien
infichtlich der Grenzstreitigkeiten am Kongo sei auf
olgerider Basis proponiert: Belgien soll das westliche Ufer
»es Albertfees erhalten, dagegen aber an England alles
enseits Semlikis gelegene Gebiet abtreten. Deutschland
rhalte nur einen Teil Kiwu Ruzizus, dagegen bewillige
nan Kompensationen nach dem Tanganyka zu. Dafür
ber follen den deutschen Gesellschaften im Katangagebiet
ronzessionen eingeräumt werden, um den Einfluß des eng—
lischen Kapitals aufzuwiegen.
Tuͤrkei. ——53
zDer Aufftand der Arnauten hat auf Pristina
ibergegriffen. Die Regierung übertrug Ssch e ftet Pa—
scha das Kommando, der mit einem Bataillon und ei—
er Gebirgs⸗-Batterie bereits abgerückt ist und die Arnau⸗
»n angegriffen hat, infolge deren aroßer Uebermacht aber

— —
Kunst und Wissenschaft.
J Ein falscher Velasquez. Die „Morning Post“ be⸗
ichtet über einen falschen Velasquez, der un er dem Na—⸗
nen „Die Venus mit dem Spiegel“ bekannt und seit 1906
ich im Besitz der National-Galerie besindet. Diese hat das
gild feiner Zeit für 1125 000 Franks erworben. In ei⸗
sem Briese, welchen der bekannte Künstler Grieg an die
Morning Post“ geschrieben hat, erklärt dieser, daß er
as Wert studiert habe und auf der einen Seite die Buch⸗
taben J. B. d. M. gefunden habe, welches die Initia⸗
en des Namens Jean Bautista del Marza, des Schwa—
jers des Velasquez sind.
4 Ist der Mars bewohnt? Der bekannte Astronom
rofessor Percival Lowell, der als einer der ersten Beob—
schler der Marskanäle Weltruf erlangt hat, trat jünzist in

——

Das Heimatlied.
Herrgott. Sas mm venn nun schon wieder loss“ rie
Marie, die derben Arme in die Hüften ftemmend.
„Sehen Sie doch, das Tuch das Sie auf den Tisch
zreiteten, hat einen Riß, und ist auch sonst nicht tadellos,
ꝛ»as müssen Sie fortnehmen, es sieht zu schlecht aus. Alice
— meine Frau' verbesserte er sich rasch, aͤrgert sich wenn
le dergleichen sieht.“
Ach, da hätte ich aber wirklich viel zu tun, die gan—
en Sachen wieder wegzuräumen; ich habe gar keine Zeit
dazu, die gnädige Frau wir auch gleich da sein,“ meinte
das Mädchen leichthin. *
„Gehen Sie nur, Marle, und holes Sie rasch ein an
deres Tuch, ich werde selbft den Tisch noch einmal decken.
„Die anderen sind in der Wäsche,“ bekannte das Mäd
ben achselzuckend. Ich habe der näbdigen Frau schon ofi
gesagt, wir müßten eigenilich noch Wäsche nachschaffen —
In diesem Augenbiick ertönte draußen die Klingel.
v I8 wird meine Frau sein, gehen Sie rasch, die Türe
öffnen.
Gleich darauf trat Fürst Santoff ins gimmer. BBR
AAh, Du bist es, Mlex,“ vief Siegfried, dem Ankommen⸗
den einige Schritte entgegengehend. „Komm, setze Dich zu
mir, wirst Du heure endlich einmal mit uns speisen?“
Ach nein, Siegfried“, entgegnete der Fuͤrse ausweichend,
ich wollte Dich nur zu einem Gang ins Freie abholen; Du
ommst so wenig hinaͤus, es ist miegt aut immer zu Ha⸗se
u sitzen.“
„Beine Frau ist noch nicht da, sie hat Probe und muß
greich kommen, wir speisen dann zusammen.“
Aber die Probeist langst aus, ich sah schon vor einer
salben Stunde verschiedene Damen das Theater verlassen.“
„So? Run, da wird Alice irgendwo festgehalten wor⸗
den sein. Sie feiert heute ihren Geburtstag und ich hube
Rswegon alles sein herrichten lassen, ich moͤchte doch sehen,
se suh swreut, wenn sie lommm, Bille biede voch un
kssen da.
n⸗ Nein. iI9 will Euch nicht stören,“ meinte Santoff und
nnate gedankenvoll im Zunmer umher. Es tat ihm weh,
»en Freund stets so gedrückt zu sehen, doch wagte er nicht,
hn zu fragen, was ihm fehle, — eine gewisse Scheu hieli
hu davon ab. Aus verschiedenen Andeutungen hatte er
ommen, daß es mit dem Geide etwas kapp herging.
gerne hätte er dem Freunde eine größere Summe zun
—XX fürchtete, diesen mit seinem An
erdieten ĩu ren

„Im Fruhahr reise ich nach Hause, Siegfried, da lommt
hr beide, Du und Deine Frau, mit, als meine lieben
Häste, nicht wahr?“ sagte Santoff nach einer keinen Pause.
„Es wird sich schwerlich machen lassen,“ entgegnete der
Angeredete, „Aliee muß im Sommer viel studieren“
„Ach, das kann sie bei mir auch.“
„Du weißt ja, meine Frau genießt nicht gerne Gast⸗
treundschaft.“
„Aber bei dem Freunde ihres Gatten?“
Der Fürst hätte Siegfried so gerne losgerissen, ihn ein
wenig aufgeheitert; außerdem konnte das junge Ehepaar
den ganzen Sommer, wo Alice kein Engagement hatte, sor⸗
zen⸗ und kostenlos bei ihm leben. Daß Siegfried das nicht
zegreifen wolltel Wenn seine Kasse schon jetzt knapp war,
vie sollte das erst im Sommer werden, wo die Einnahme
wusblieb? Ach, wie bald hatte sich diese ganze Heirat ale
ein Mißgriff erwiesen! Wenn Siegfried auch nicht klagte,
Zantoff wußte es doch, daß der Freund litt, um so mehr,
ls die Sehnsucht nach der geliebten Heimat, die er für im⸗
ner verloren hatte, ihm tief im Herzen saß. Dev Fürst
ierkte das am deutlichsten, wenn er Siegfried sein Heimat⸗
ied singen hörte, was fast täglich vorkam. Es schien, als
b es das einzige Beruhigungsmittel für ihn wäre, und
och klang es so tief traurig. So konnte nur ein Mensch
ungen, der recht unglücklich war. Wie oft hatte Santoff
hon heimlich gewünscht, der Freund wäre Alice nie begeg—⸗
et, oder diese hätte ihm damals, als er in unbeschreibli—⸗
jer Aufregung die Heimat verließ, den Laufpaß gegeben.
diese unselige Leidenschaft für das schöne, aber stolze und
herzlose Weib war Siegfrieds Unglück gewesen, und die⸗
es Unglück packte ihn mit eisernen Armen und umkrallte
„as Herz des Freundes. Santoff begriff heute garnicht mehr,
vie Siegfried dazu kam, sich so übermenschlich in jenes Weib
u verlieben.
Alice war nicht dazu geboren, die Pflichten einer Haus⸗
rau zu erfüllen; man merkte das schon c.i der Wohnung
und aͤn allem, was darin enthalten war. Auf Teppichen
und Möbeln lag der Staub, und leine emsige Hand fand
ich, welche die Spinnweben von den Wänden kehrte.
„Also, Du willst nach Hause reisen?“ begann eben
Ziegfried wieder, „ach, da wird es recht still und einsam
um mich sein, ich fürchte, ich werde Dich sehr vermissen.“
Deshalb sollst Du ja mit mir kommen!“!
Siegfried schüttelte trübe den Kopf.
zAlice wird nicht wollen — wirst Du lange sortblei
ven?“
„Vermutlich ja — ich weiß noch nicht. Mein alter,
reuer Verwalter, dem ich die Oberaufsicht übertrug, schreibt
an allerxlei Perbesserunagen unn Meuerungen. die en cinalb

hren gedenkt, von neuen, landwirtschaftlichen Maschinen
ind so weiter, auch vermutet man auf meinem Grund und
ßoden ein großes Kohlenlager, verschiedene Anzeichen deu
en darauf hin. Das alles erfordert die Hand des Herrn.
und dann, das Kind, mein kleiner Junge, darf mir doch
nicht ganz entfremdet werden. Ich beklomme jetzt mit einem
male ordentliche Sehnsucht nach ihm. Wenn die Berichte,
die man mir fendet, wahr sprechen, muß der Kleine ein rei—
endes Kerlchen geworden sein, das meiner lieben, verstor⸗
zenen Frau sehr ähnlich sehen soll. Vielleicht fesselt mich
»as Kind auch wieder ganz an die Heimat, vielleicht ent⸗
liehe ich ihr bald wieder — wie gesagt, das alles weiß ich
ioch nicht. Aber wenn Du mir die Freude machen woll⸗
est, zu miv kommen — — —“
Erv wurde unterbrochen, draußen tönte laut und schrill
die Korridorklingel.
„Das wird meine Frau sein — endlich!“ fuhr Sieg—
ried auf, und ging, um nachzusehen.
„Nein, sie war es wieder nicht,“ sprach er zurückkehrend,
nur der Theaterdiener, der irgend etwas auszurichten hatte.“
Siegfried wurde sehr unruhig.
„Wo nur Alice so lange bleibt? Und gerade heute hatte
ich mich so gefreut, ihr eine Ueberraschung bereiten zu kön⸗
nen. Nun wird das Essen schlecht werden.
„Wir wollen doch einmal im Theater anfragen, ob die
Probe noch nicht zu Ende ist,“ riet Santoff.
„Ja, das wollen wir.“
Draußen empfing die beiden Freunde eine grimmige
gälte, ein eisiger Wind fegte durch die Straßen und trieb
Ueine Schneekristalle vor sich her.
„Die Probe ist schon lange zu Ende,“ hieß es im
Theater.
Der Portier, der diese Auskunft gab, lächelte spöttisch
dabei. Eyr kannte diesen Herrn „Bernhardi“ ganz gut, alle
Welt wußte, daß derselbe auf jeden eisersüchtig war, der
nit seiner schönen Frau einige Worte wechselte. Es hatte
h aus demselben Grunde schon manche unliebsame Sze—
cb aespielt.
An der nächsten Straßenecke trennten sich die Freund
Als Siegfried nach Hause kam und Alice noch immer 28
ntraf, warf er sich mißmutig in einen Sessel. Das Feu—
m Kamin war längst erloschen. Das beftellte Diner, F
mterdessen eingetroffen war, stand erkaltet auf dem festlich
edeckten Tisch, man hörte nichts als das einsörmige Tich⸗
er Uhv. Auch das Mädchen war nirgends zu entdecken.
Stunde um Stunde verrann. Siegfried wurde es sehn
ange.
WVenn Alice nur nichts zugelloße

Er setzte sich an das Klavier und begann zu spielen,
Das beruhigte ihn wieder einigermaßen. Er dachte zurücdh
in seine Heimat, an seine sanfte, gütige Mutter, und dabei
am, ihm selbst unbewußt, die heiße Sehnsucht nach dem
nerlorenen Paradies wieder über ihn.
Unwillkürlich drängten sich ihm wiederum die Worte
enes Liedes auf die Lippen, seine Finger spielten die Me—
odie, die er leise sang. Er war so in seine Gedanken ver⸗
ieft, daß er überhörte, wie draußen jemand klingelte.
Gleich darauf trat seine Frau ins Zimmer.
„Schon wieder dieses abgeschmackte Lied, ich sollte mei—
ten, du bekämst es nachgerade selbst satt,“ rief sie ungedul—
»ig und warf den schweren, pelzbesetzten Mantel auf den
nächsten Stuhl.
Sie war allerdings eine blendende Erscheinung. Die
iefschwarzen Augenbrauen stachen lebhaft ab von dem zar
en Weiß des Gesichts, aus dem ein paar kluge Augen
örmlich herausleuchteten. Die hohe, schlanke Gestalt konnte
nan nicht leicht übersehen.
„Wo warst Du denn so lange, Alice?“ fragte Siegfried,
ndem er aufftand und sie forschend betrachtete.
„Sieh mich nicht wieder so vorwurfsvoll an! Ich war
nit einigen Kollegen und Kolleginnen im Restaurant. Jeh
veiß nicht, wie sie es erfahren haben, daß heute mein Ge—
urtstag ist, kurz, sie wollten ein Glas Wein auf mein Wohl
rinken und schleppten mich mit! Diesem uͤbermütigen Voll
ann man nicht widerstehen!“
„Wollen wir jetzt essen?“ fragte Siegfried, auf den ge—
deckten Tisch deutend.
„Danke, ich habe schon gegessen; es ist ja ohnedies alles
kalt und ungenießbar geworden.“
Kein Wort der Anerkennung fand sie für das, was
senbar für sie hergerichtet war, nicht einntal eine Ent—
chuldigung, daß sie den Gatten so lange warten ließ. Sieg⸗
fried empfand dies als Kränkung und ein leiser Vorwurf
rängte sich in seine Worte, als er sagte: „Nach mir fragst
Du natürlich nicht! Ob ich mit dem Essen auf Dich woarte,
das ist Dir einerlei. Ich wollte Dir heute eine Extrafreude
bereiten, bestellte Wein, Blumen, alles für Dich, währent
du mit anderen speisest!“
„Mein Gott, Du hättest das Geld sparen können,“ ent⸗
egnete sie herb. „Man könnte dasselbe zu etwas Nütßli—
herem verwenden, Du weißt doch, daß wir das Geld sehr
rötig haben, wozu diese unnützen Ausgaben?“
Siegfried sentte den Kopf. Wenn Alice auch den Vor—
vurf, daß er nichts verdiene, nicht aussprach, er fühlte ihn
ennoch heraus. Das war es ja, was ihn so bedrückte, daß
r untätig zusehen und sich von seiner Frau ernähren lassen
nukte. ßs allas walis en . um nur dielen ertr
            
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