Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 171. 23. Jahrgang.
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Sonntagsblatt und heitere Blatter. g0 4 pro aspaltige Vatitzelle
Redaktion, Druck uno Verlag von Anterketner⸗Pudweiler. Bei Jahres⸗Abonnement hoͤchster Rabas

Mittwoch, den 27. Juli 1910.

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— rode ReichsStagswahlen ftaufinden soctien, ein außeror⸗ hatten oder die unter verschiebenen Titein an der Ver—
entlicher Parteitag einberufen werden soll, der sich mit teidigung teilnahmen, fragmentarische Erzählungen über
»en Wahlen zu beschäftigen hätte. Die Budgetabstimmung den Krieg veröffentlicht, denen es gewiß nicht an Kunst
der badschen Landtagsfraktion soll nach den Beschluüssen and Interesse fehlt. Auch allgemeine Geschichten sind
»es Parteivorstandes nicht als besonderer Punkt der Ta— geschrieben worden, in vielen Hinsichten werwollze aber
zesordnung, sondern unter Punkt „Vorstandswahl“ von aotgedrungen unvollständige und manchmal tendenziöse.
inem besonderen Referenten behandelt werden. wãäre XS umn, die bisher unvermeidlichen
ichen Lücken auszufüllen, im Geiste völliger Unparteilichkeit
* In einer Wyseerreine Ige Woßnsdemoteaten in ie Schriftstucke zu vereinigen und zu verössentlichen, die
nudapest wurde gegen die unentschiedene Haltung der Re— esaneten bei volliger Sachtenninis die segee *
zierung in der Frage der Wahltreform energisch Stell— ter Epoche zu rzahlen. die so übheraus reich au. Leh—
ing genommen und beschlossen, zum Zinsquaärtal behufs en ist. Eine Demolratie, wie die undere. hat das
Demonstration gegen den Mietwucher die Mietbezah— necht, die ganze Wahr heit zu erfahren, um ein billiges
ung zu verweigern und mit den Familien auf die Straße Arteil über die Menschen und die, Dinge zu fällen, de—
58 24 en Wirksamkeit in ihre Geschicke so tief eingriff. Von
u ziehen. Nach der Versammlung kam es zu einem Zu— ene 3 Vo
ammenstoß mit der Polizei. wobei mehrere Verhaitungen zu eresse erscheint e⸗ hauptsüchlich, die Rolle und die
tflgten Lerantwortung eines Jeden zu bestimmen. Vom nicht
* Budapester Blätter melden, daß die heurigen Kai— ninder großem Interesse ist es, die Ursachen Imserer
ermanöver in Südungarn wegen der Epidemie ganz gsolierung in dem Augenblicke darzulegen, da die Feind⸗
bgesagt worden seien. Diese Meidung bezeichnet das eligteiten begannen, und auch die Motive, aus: denen
Fremdenblatt“ als unrichtig; die Manoͤver werden statt— zewisse Mächte, auf deren — wir Angß zu zählen
inden, jedoch an einen auderen Ort mit ent prechender perechtigt glaubten, uns im Stiche ließen.
lenderuna der Disposiiionen. r Vie weit die in diesen Programmsätzen verkündete
öllige Unparteilichkeit wirklich durchgeführt ist, kann na—
England. ürlich erst nach eingehender Prüfung des Werkes beur⸗
*æ Der „Figaro“ schreibt: In London bestehe offenbar eist werden
zie Absicht, Lord Kitchener in Konstantinopel zum eng—
lischen Gesandten an Stelle Sir Gerhard Lowthere
u ernennen, welcher einen anderen Poiten erhalten wird.
Türkei.
*Zu dem Gerücht, die Türkei beabsichtige einen
Anschlußz aun den Dreibund, verlautet aus durchaus
zurerlässiger Quelle, daß Oesterreich ernstlich erwägt, mi
der Pforte ein Bündnis in Form einer Militärkonvention
einzugehen, um die Ueberlegenheit Rußlands zu bekämp—
en. Der türkische Großwesir wird auf einer Reise nach
NMarienbad dem Grafen Aehrenthal auf dessen böhmischen
Besitzung in dieser Angelegenheit einen Besuch abstaätten
— Wie eine spätere Meldung besagt, wird auch der öster—
ceichischungarische Krieasminister der RZusammenkunft bei
vokn⸗er

Die englische Zivilliste.
Das englische Unterhaus hat in voriger Woche die
Regierungsvorlage angenommen, durch welche anlat lich
der Thronbesteigung König Georg 5. die Zivillite
des englischen Königshauses aufs Neue geordnet wird.
die Vorarbeiten dazu waren bekanntlich einer Nom mis⸗
fion anvertraut, die eine Erhöhung der Zivi liste um
13 000 Pfund Sterling (ein Sterling ist: 20,43 M.) beim
Parlament beantragte, sodaß damit die Bezüge der eng—
schen Königs familie, die unter König Eduard 621090
Pfor Sierl. betrugen, auf jährlich 634 000 sieigen, Hier—
hon entfallen 470 000 Pfid. auf die Zivilliste des Königs
und seiner Gemahlin (33 000 Pib.), 70 000 Pid. auf die
Zivilliste der Königin-Mutter, je 7000 Pfd. auf die der
drei Töchter des verstorbenen Königs Edward, die Herzo—
gin Luise von Fise, die Prinzessin Viktoria und die Kö—
nigin Maud von Norwegen. Von den Geschwistern des
erstorbenen Königs erhält Arthut, Herzog von Con—
aaugbt 25 000 P'd., die Prinzesfinnen und Herzoginnen
on Schleswig-Holstein, von Argyll, von Battenberg. von
Albany und von Sachsen-Koburg-Gotha je 6000 Pfund,
ußerdem die Großherzogin-Witwe von Mecklenburg⸗Stre—
ritz, König Eduards Cousine, 8300 Pid. Sterl. Der Resi
von 12700 Pfd. entfällt auf Pensionen, die die Zivil⸗
liste an Hofbeamte des verstorbenen Königs zu zahlen hat.
In dieser Aufstellung sind aber nicht die Einkünfte einbe—
griffen, die dem Thronfolger, Prinzen Eduard Albert,
pwie seinen Geschwistern zusallen sollen. Ersterer erhält
chon jetzt die Einkünfte der Herzogtümer Cornwall (etwa
35 000 Pfund) und Lancaster (63 000 Pfund), die Kron⸗
»omänen sind und schon seit geraumer Zeit zur Apana—
zierung der Prinzen von Wales dienten. Letztere, also
zie Prinzen Albert, Henry, Georg, Johann und die
Prinzessin Viktoria-Alexandra fallen vorläufig der Zivil—
iste des königlichen Haushalts zur Last, bis die Prinzen,
ßom Eintritt ihrer Großjährigkeit ab, ein jährliches Ein—
ommen von 10 000 Pfd. erhalten, und die Prinzessin
in solches von 6000 Pfund. Außerdem soll der künf—
igen Gemahlin des Prinzen von Wales ein jährlicher Zu—
chuß von 15 000 Pfund gewährt werden. Daß in der
gesetzesvorlage, betreffend die englische Zivilliste, auch für
Witwen-Apanagen reichlich gesorgt ist, ist selbstverständlich.
Wie man sieht, ist das königliche Haus von Groß—
britannien und Irland durch die Munifizenz der Parla—
ments überaus gut gestellt. Und dieser Eindruck verstärkt
sich noch, wenn man berücksichtigt, daß, mögen auch jetzt
die Kosten der Staatsbesuche auf die Zivilliste übernom—
men sein, gleichzeitig einmal das königliche Einkommen
nicht mehr, wie bisher, zur Einkommensteuer herangezo—
gen werden soll, zweitens aber die englische Zivilliste
»on allen den Ausgaben nach wie vor verschont bleibt,
vie sie die kontinentalen Herrscher für die Instandhaltung
der Schlösser und Parks, den Betrieb der Hoftheater und
ür die Ausstattung und Erhaltung der Museen zu twragen
haben. Auf der anderen Seite aber hat, mag das auch
aur formale Bedeutung haben, der König von England
»ei der Verwendung der Zivilliste nicht die unbeschränkte
Freiheit, deren sich zum Beispiel der König von Preußen
erfreut. Die Gehälter seines Hofhalts unterliegen, wie
eder andere Budgetposten, der strengen Kontrolle des
Parlaments, sodaß es nur hieraus verständlich wird, daß
der Arbeiterführer Barnes das Gehalt eines Hofbeamten
2000 Pfd. Sterl.) anfechten konnte, der dasselbe angeb
lich nur beziehe, weil er „ein ausgezeichneter Golfsspieler,
ein guter Schütze, ein bekannter Sportsmann wäre und
n dem Rufe stände, einer der bestangezogensten Männer
Londons zu sein.“ — Da außerdem alle männlichen Mit—
zlieder der englischen Flotie ihre Gehälter als Offiziere
hes Heeres und der Flotte beziehen, kann es nicht Wun—
»er nehmen, wenn man die Gesamteinnahme des englischen
Königshauses auf rund 780 000 Pid. Sterl., das sind
etwa 15,6 Mill. M., schätzt. Die englische Zivilliste ist
ilso niedriger als die preußische, die kürzlich auf neun—
ehn Millionen Mark erhöht wurde. Aber das ist nur
cheinbar, wenn man bedenkt, daß der König von Preu
zen für die Schlösser, Hoftheater, Museen usw. zu sor—
zen hat, Ausgaben, die, wie oben ausgeführt, für die
malische Zivilliste fortfallen

Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Von gut unterrichteter Seite verlautet, daß Staats
ekretär von Tirpitz seine Entlassung einge—
de icht habe. Herr von Tirpitz kann sich nicht entschlie
zen, sich der auch in Deutschland laut gewordenen Mein—
ing für eine Verständigung auf dem Gebiete des Flot—
enausbaues mit England anzugliedern und hält es nack
einer Ansicht für unangebracht, an einer Stelle zu stehen,
on der man ein Wirken erwartet, das ihm nicht Ueber—
eugung ist. Der Wechsel im Reichsmarineamt wird sick
ofort nach der Rückkehr des Kaisers von der Nordlands
eise vollziehen.
* Zur angeblichen Parlamentsmüdigkeit Basser⸗
nanns wird der „Deutschen Zeitung“ aus nationallibera—
en Kreisen geschrieben: „Seiner Partei tut Bassermann
einen Gefallen, wenn er sich noch weiter in den Schleier
er Undurchdringlichteit hüllt. Der Ruf: „Hie Junglibera—
ismus“ — „Hie Rechts-Nationalliberalismus“ tönt von
Tag zu Tag seindseliger und die Meinung, daß die na—
ionalliberale Parte: in der Tat vor einer Spaltung stehe,
vird dadurch immer stärker befestigt. Wie es scheint, will
bassermann die Taktit des Staatsmannes verfolgen, der
ein Abschiedsgesuch einreicht, um seine Stellung zu fsesti—
zen. Uns wili scheinen, als ob Bassermann diese Rolle
eines liebedürstenden Mägdeleins nicht so gut stehe, wie
die eines Führers im Streit.“ — Das Blatt fügt hinzu,
»aß zwischen dem Reichskanzler und Basser—
nann bereits die seste Verabredung getroffen sei, daß
Zassermann im Reichsstage und damit an der Spitze der
bartei verbleibe; die Partei solle Bassermann ietzt einen
wWahlkreis verschaffen.
* Die vielbesprochenen Worte des badischen Ministers
von Bodmann über die Sozialdemokratie in der
Ersten badischen Kammer lauten nach dem amtlichen Sitz
ingsbericht wie folgt: Allerdings, wenn man immer nach
tibt. wird man eine revolutionäre Bewegung nicht 4
salten, namentlich dann nicht aufhalten, wenn man zu
ipät nachgibt. Aber wenn es sich um Bewegungen han—
delt, die aus dem Volke hervorgehen, wird man genau
abwägen müssen, welche Forderungen man für gerechtfer—
tigt hält und welche für ungerechtsertigt. Die ersteren
nuß man zugestehen, und den anderen muß nian ein un—
erschütterliches Nein enigegensetzen. Wenn Herr Freiherr
von Stotzingen die Sozialdemokratie als eine Krankheit
bezeichnet hat, und gesagt hat, der Revisionismus sei
eine schleichende Krankheit, die noch gefährlicher sei als
die akute, so möchte ich demgegenüber sagen: Die Beweg—
ung der Sozialdemokratie kann man doch nicht schlechthin
ils eine Krankheit bezeichnen. Sie ist in ihren Zielen,
oweit sie auf Abschaffung der Monarchie und auf die Um—
gestaltung unserer ganzen Gesellschaft, auf die Vergesell—
chaftung des kapitalisierten Eigentums usw. gehen, ge—
wiß zu bekämpfen, und kann in einem gewissen Sinne als
topistisch und vielleicht auch als eine Krankheit bezeich—
tet werden. Sie ist aber außerdem eine großartige Ar—
deiterbewegung zur Befreiung des vierten Standes, zur
ẽEmporhebung der großen Massen der Arbeiter, die mit
irbeiten wollen im Staatsleben, die sich betätigen wol
en, und in dieser Beziehung muß man ihnen entgegen—
ommen. Ich wiederhole: Es handelt sich bei den Forde
ungen einer solchen Bewegung darum, sie zu prüfen, zu
wägen und darüber zu entscheiden, wo man entgegenkom—
men darf und muß, und wo man ihnen entgegentreten
nuß, und wenn man begründeten Forderungen nicht recht⸗
eitig entgegenkommt, dann begeht man einen Fehler, der
»as Gegenteil vom Staatserhalten ist.“
* Der Ausschuß der Heidelberger Studentenschaft hai
eschlossen, dahin zu wirken, daß das geplante Bis—
narck-Denkmal auf der Elisenhöhe von der deutschen
Ztudentenschaft mit errichtet wird, indem ieder Student 50
Pfennig beisteuern foll.
* Zur Tagesordnung des nächsten sozialdemokrati—
ichen Parteitages schreibt man dem „Vorwärts“ aus
dem Parteibureau: Auf Anfrage sei mitgeteilt, daß der
Parteivorstand den Punkt ‚Reichstagswahlen“ nicht auj
oie Tagesordnung des Parteitages gesetzt hat, weil für
— AfgII D IIA 2ö , ⏑ —

— — — —
3
Internationaler Straßenkongreß.
Ein internationaler Straßenkongreß, der vorg zwei
zahren zum ersten Male in Paris tagte, tritt am näch—⸗
ten Sonntag in Brüssel zusammen. Die ständigen
Lusschüsse haben ein umfangreiches Material gesammelt,
»as den Kongreß beschäftigen wird. Deutschland ist durch
ieben Delegierte vertreten. Von allgemeinem Imieresse
ist zunächst der Punkt der Tagesordnung, der sich X
den Umwälzungen im Bau von Chausseen usw. beschäf⸗
tigt. Durch das rapide Wachsen des Automobilvéèhkehra,
besonders am Rhein, in Frankreich und anderen Loͤndern
muß der Bau von Landstraßen auf andere Grundlagen
gestellt werden. Die Versuche, die in England, auf! dem
sontinent und in Amerika mit der Oberflächen- unb In⸗
nenteerung der Chausseen, Quaritee-Pflaster usw. g mach
worden sind, sollen auf dem Kongreß, der von Rallen
Ztaaten beschickt werden wird, eingehend beleuchteb“ wer⸗
den. Dann soll die Verwendung von Holz zum Shrußen⸗
»au zur Sprache kommen. Von Wert ist dann noch die
klärung der Frage des besten Unterbaues für Chäausseen,
dlein- und Straßenbahnen, zur Vermeidung foriwühren⸗
der Ausbesserungen, die Bekämpfung des Staubes,6 die
Reinigung und die Besprengung der Straßen, ibreil e⸗
leuchtung und Erhaltung.
Die Mitglieder des Kongresses werden sich schkleßlich
nit den Bedingungen befassen, unter denen Wagen, Au—
los usw. nach Gewicht, Geschwindigleit usw. für EStra⸗
zen, Chausseen usw. zugelassen werden können, mit der
Verwendung von Straßenwalzen, die durch Explosionsmo—
oren betrieben werden, sowie mit einem neuen vVerfah—
en des Aufreißens der Straßen. Auf der Tagesordnung
teht ferner: Die Lerstellung von Fußwegen, die Beseiti
gung von Schnee und Eis, die Zahlung der Fahtzeuge
sach Tonnengehalt usw., der Bau von Straßen in Groß⸗
adten mit aus«gedenntern Sirakenhahnbefrieb uim. N
ö ü
Von der Luftichiffahrt.
*zDer Eindecker auf der Landstraße Der
Billerbecker Flieger J. Suwelack hat eine kühne iFahrt
zemacht. Er ist mit seinem selbsterbauten Eindeckenn wie
im Autonobil, von Billerbeck nach Münster gereistoeß um
hier auf der Loddenheide Flugversuche zu unternehmen.
Der elegante, sehr stabil gebaute Eindecker, der ereits
uuf kurzen Flügen erprobt ist, hat zwar unterwegsceinen
leinen Motorschaden erlitten, im übrigen aber die Neber—
andreise durch teils bergiges Gelände ausgezeichnetber⸗
tanden. Namentlich auf der letzten Strecke vor Münsier
at er eine glänzende Fahrt gemacht. In den Straßen
Münsters erregte das flügellose, nur 10 Meter itbange
z5lugzeug mit der surrenden Holaschraube an der Stirn—
eite großes Aufsehen

Amerika.
* Wie aus Buenos-Aires gemeldet wird, hat der Pan—
imerikanische Kongreß die Einsetzung einer Kommission
ur Vorbereitung eines Defensiv-Bündnisses sämtli—
heramerikanischer Staaten beschlossen. Der
on den Delegierten Brasiliens vorgelegte Entwurf über—
rägt die Leitung des Bündnisses den vier Staaten: Nord—
imerikanische Republik, Mexiko, Brasilien und Argentinien,
die damit als gleichberechtiate amerikanische Großmächte
merfäannt werden sollsen

Kuba.
* Der „New-Yort Herald“ meldet aus Havanna: Nach
Informationen aus Santiago de Kuba befürchtet man
dort, daß in nächsier Zeit in olge der unter der Bevölle—
rung' herrschenden Aufregung ein Aufstand ausbrechen
dürfte. General Nimez ist verschwunden. Alle Ver—
uche, seine Pläne und Absichten aufzudeclen, sind ergeb
nislos geblieben. Oberst Janet hat sich nach einem unbe
cannten Reiseziel eingeschifft und man glaubt, daß zwi
chen Beiden Uebereinstimmung herrscht, und daß sie dem—
nächst als Führer einer Insurretktionsbewequng auftreten
verden.

Ein französisches Geschichtswerk zum Kriea
1870 - 1871.
Von der diplomauischen Vorgeschichte des Krieges
von 1870—71, die der Minister des Aeußern, Pichon, im
Jahre 1907 angeregt hatte, liegen nunmehr die beiden
rsten Bände fertig vor, die die Verwicklungen wegen
Schleswig-Holstein mit Dänemark vom Dezember 1863
bis zum Mai 1864 umfassen. Diese Arbeit ist auf die
Schriftstücke der nationalen Archive von den berufensten
Forschern aufgebaut worden. Ihr Zweck wird durch den
un ibrer Spitze veröfientlichten Bericht des Ministers Pie
Auidenten Fallteres cotennzeihmet, worin
ißt:
„In Frankreich haben gewisse Personen, die die
hmoro Nufaabe der Reate ung in ener 2eit der FT

5

Unter Feinden.
Roman von Karl Matthiasæ
22. Fortsetzung.)
n rsrt Nerven, mein vLieb“, jagte er, sie kssend.
Nun werden wir leben und mit dem Segen Deines
Vaters glücklich sein. Fortan kann und wird er nicht länger
widerstehen. Nun muß sich uns seine sruhere Liehe wießne,
zuwenden.“
Es wäre töricht gewesen, die Heimreise auch nur um
einen Tag aufzuschieben. Das Sand lag offen vor ihnen,
die Eisenbahnzüge verkehrten regelmäßig bis zur Grenze,
und da sich Desiree kräftig genug fühlte, nahm sie Abschied
von der treuen Josnes, und sie fuhren nach dem initeri—
mistischen Bahnhof, der statt des gänzlich zerstörten alten
Bahnhofs in der Samoh Vorstadi errichtet war. dig
ließ es sich nicht nehmen, den Scheidenden das letzte Lede—
wohl nachzuwinken. Er hatte sich unsinnig gefreut, daß sein
Brief den Herrn Leumant geiroffen und hergebracht hatte.
Und der Leutnant erwies sich nicht undankbar und lohnte
dem wackeren Berliner mit einer Handvoll hartey Taler,
die damals in Orleans besseren Kurs hatten als die
französischen Banknoten. Ueber Fontainebleau, Chalons
und Nancy gelangten die Wiedervereinten, ohne Paris zu
berühren, nach Deutschland und fuhren mit Schnellzugs⸗
eile Dresden, dem schönen Elb⸗Florenz zu.
Bourlier wäre ganz zufrieden infeiner Abgeschieden⸗
heit gewesen, wenn ihn das Ausbleiben Waldemars nicht
eunruhigt haãtte. An Desirees Wiederfinden dachte er nicht.
ẽr zählte sie zu den Toten, aber er fürchtete für die Si—
derheit des Sohnes, üder dessen Gewallfirelhe ihe hern,
luftlärung gegeben hatie
Täglich fragte er den Feldwebel oder Herrn v. Wini—
erode, die abwechselnd lamen, um sich von seinem vor—
andensein zu üÜberzeugen, ob und wann der Kommandant
zuructommen würde, ja, er fraͤgte Feradezu, ob fichdieset
nach Sedan begeben habe. Er fühlte ordentlich Sehnsucht,
as ihm verhaßte Gefich zu sehen, ihm jehlte jemand, au
? m er seine Unzufrie denheu auslassen konnte. Sein Chau—
bimis mus sagte hm doß er ainee e dagu habe. Die
Südarmee Franlkreichs, bei der e gedient haite, in Trüm⸗
ger geschlagen, Bourbalt troh Gar valvientenund vller
en omimage ess Tuberste debranetdie rdermee ver⸗
gichtet. die Feftungen alle, aile ber und a wil—
helm in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen, das
machte den alten Freischarler rasend vor Zorn. Heftig
warf er die friedlichen Buͤcher, bie ihm Waidemar über—
en. bei Seite und herneite iche, e

Zeinmgen, auf alles WNeltend, wos die Wernnage ui. 2.
rachte.
„Man sollte Ihnen die aufregende Lektüre entziehen“,
'agte Winigerode, den er eines Tages in ein politisches
Bespräch verstricken wollte. „Es taugt nicht fürd so ner—
»öse Männer wie Sie, sich über etwas zu ärgern. dasß
nan nicht ändern kann.“
„O, wäre ich an der Spitze meiner Kompagnie, meine?
Bataillons geblieben!“ rief Bourlier zornig, „die Bayern
hätten nicht so leichtes Spiel gehabt.“
Ihre Tapferkeit ihn Ehren“, entgegnete der Offizier
lächelnd, „darum fällt Paris doch, und der deutsche Kai—
ser zieht durch den Triumphbogen in die Weltstadt ein.“
„Das geschieht nie, nie, eher bleibt die Sonne stehen!“
„Die Sonne von Metz, Sedan, Orleans und St.
Quentin? Sie hat auf alle Niederlagen Frankreichs nieder⸗
‚eschaut und ging um keine Sekunde später unter, als im
dalender vorgeschrieben war,“ lachte der Offizier.
„Es ist nicht edel, Herr Leutnant, mich so zu demü⸗—
igen“, knurrte der Alte.
— ,‚Warum fangen Sie an? Da muß man Ihnen schon
zie Wahrheit sagen. Nun, ich werde Sie nicht lange mehr
urgern. Herr Tyrolt ist angekommen und wird es sich ge—
viß nicht nehmen lassen, seinen Schwiegervater selbst zu
nspizieren.“
Bourlier schnitt eine Grimasse. Das Wort Schwieger⸗
dater ärgerte ihn, aber die Ankunft Waldemars machte ihm
Freude. Trotzdem heuchelte er Gleichgiltigkeit.
„So“, sagte er, ‚meinetwegen konnte der Herr in
Frunkreich bleiben, am besten sechs Fuß tief unteyr der
Erde.“
Pah“, meinte Winigerode, das ist Ihnen nicht
Ernst. Sie können die Zeit nicht erwarten, ihn wiederzu⸗
sehen, und mit Recht, denn er hat Ihnen viel Gutes er
vtesen. Dies himmlische Quartier, die ausgezeichnete Ver⸗
flegung, alles haben Sie ihm zu verdanken, und nun
»ringt er Ihnen sogar noch etwas mit — eine Ueber—
aschung.“
„Mir? Was denn? Ich habe ihn nicht beauftragi.“
„Glaub' schon, aber Augen werden Sie machen und
hm um den Hals fallen.“
„unsinn“, sagte Bourlier rauh. „Das passiert nicht,
elbst wenn ey — aber das ist ja nicht möglich, denn
desiree ist tot, tot.“
Trotz dieser Ueberzeugung tat Bourlier in der fol—
zenden Nacht kein Auge zu. Seine Wirtsleute hörten ihn
imablässig hin- und herschreiten und mit sich selbst sprechen.
In früher Morgenstunde fuhr Waldemar vor dem
daufs⸗ in oinem geschlafienoen Magen vor cü— 403

—,;;U U —
rat in Bouruiers Zimmer Seine Bru schm uctte dae
eiserne Kreuz. Er hatte den Orden bei seinem Eintreffen
vorgefunden. Der Empfang desselben auf der Romman—
dantur hatte ihn aufgehalten, so daß er erst am nächsten
Tage bei Bourlier vorsprechen konnte.
Das war's, was Winigerode mit der Ueberraschung
zemeint hatte.
Bourlier sah das Kreuz auf den ersten Blick. Er
annte auch die Bedentung desselben. Höhnisch blickte er
Tyrolt von der Seite an, erhob sich schwerfällig von seinem
Sitze und blieb salutierend ftehen.
„Ich melde mich zur Stelle, Herr Leutnant“, sprach
er, als ob dieser täglich bei ihm erschienen wäre. Der Ex—
lapitän liebte es, bei ieder Gelegeuheit den Untergebener
Jerauszukehren.
„Herzlichen Gruß, Herr Bourlier“, entgegnete Tyrolt
„Sie kommen aus meinem Vaterlande?“ Kfragte Bour—
ier, mit den Augen zwinkernd. „Haben Sie vielleicht den
könig von Preußen zum deutschen Kaiser krönen helsen?“
„Das nicht“, erwiderte der andere, ohne seine Ruhe
zu verlieren. „Mich führten nicht Staatsaktionen nach Frank—
reich, sondern private Angelegenheiten, die Ihnen vielleicht
nteressanter erscheinen werden als jener historiich bedeut—
ame Att.“
„Dazu gehört nicht viel“, meinte der Alte achselzuckend.
Herr von Winigerode erzählte mir, Sie hätten eine Ueber—
raschung für mich.“
„Mein Kamerad täuschte sich nicht. Ich habe etwas
ür Sie mitgebracht, und ich bin überzeugt, daß Sie es
dankend von meiner Hand empfangen werden.“
„Hm, der Orden ist es nicht“, dachte der Franzose, „et⸗
vas anderes also? Laß sehen.“
„Nun folgt wahrscheinlich das Verzeichnis aller Wohl—
taten, die mich hier aufgedrängt, wider Willen aufgezwungen
wurden“, fuhr er hämisch fort. Ich konstatiere, daß ich
nichts verlangt habe und nichts verlangen werde. Weshalb
geben Sie sich nur die Mühe? Mein Schwiegersohn können
Sie doch nicht werden, denn Desiree ist tot.“
„Wissen Sie das so genau?“ fragte Waldemar mit
blitzenden Augen. „Diese Redensart paßt nicht mehr, Herr
Bourlier. Gerade um eine neue Spur zu verfolgen, die zu
Desiree führen konnte, bin ich nach Frankreich gereist und
iesmal nicht ohne Erfolg.“
„Desiree lebt?“ fragte der Vater mit einem freudigen
lufschrei, „Sie haben sie gefunden? O sprechen Sie die⸗
vahrheit, sagen Sie, was Sie wissen.“
„Wenn ich sie in Ihre Arme führte, würden Sie dann
en unvernünftigen Groll begraben, den Sie mir unauf—
XA 2—⏑— 1————— —IIM ——S——R— — 2

en? Sie haben mich den Mördevr Ihres
Soynes genannt. Ich fand Olivier und enttkräftete Ihre
Anklage. Ohne Erfolg! Ich bewies Ihnen, daß ich mei⸗
ier Braut fern, ach nur zu fern gewesen war. Ohne Er
olg! Sie schmähten mich und hielten mir ais Belohn—
mg meiner Dienste vor, daß Desiree tot sei und meine Hoff⸗
iumng aui ihre Hand vergeblich. Nun ich aab die SHof—
mmng nie auf, und srage Sie, wollen Sie Ihren Sroll ber⸗
jessen, wenn ich sie Ihnen zuführe?“ r 53
„Spannen Sie mich nicht auf die Folter. Haben! Sie
Desiree gefundenk“ uͤn
Jal⸗ —
Gott sei gelobit Werde 5 ie wiedersehen?“
Za. Doch nur, wenn Sie ihr verzelhen und sie Neve⸗
‚oll aufnehmen wollen.“
Alles, alles will ich vergessen‘, versprach Bourliev.
‚Wir haben beide zum Uebermaße gesuhnt, was wir tim
Zorn und in der Verblendung taten. Wenn Sie je ein
Ätom von Zuneigung für mich gefühlt haben, bringen Sie
nir mein Kind, daß ich mich mit ihm versöhnen und es in
neine Arme schließen kann.“ J
„Und ich?“ wollte Waldemar fragen. Aber er drängte
zas Wort zurück. Die unbefriedigte Sehnsucht des Vaters
ührte ihn, riß ihn fort, jeden perfönlichen Vorteilaus
der Hand zu geben.
Nunm denn, ich will Destree holen“, sagte er, „sie
vartet im Wagen auf die Erlaubnis, hier einzutreten.“
Desiree, mein Liebling, mein verlorenes Kind“! riefs
Bourlier in hellem Entzücken und eilte mir jugendlicher
gehendigkeit bei dem Offizier vorbei aus dem Zimmer zum
Vagen, wo er jauchzend die Tür aufriß.
„Mein süßes Kind, mein Töchterlein!“ jauchzte ed und
sob eine verschleierte Dame aus dem Fond.
Des Schmerzes in seinem Arm nicht achtend, trüg er
ie auf seinen Händen in die Stube und ruhte nicht eher,
zis sie vor ihm auf einem Stuhle saß. *75
Zitternd vor Erregung schlug er den Schleier zurück
ind betrachtete ihr blasses Gesichtchen mit funkelnden Au—⸗
gen und betastete es mit bebenden Fingern. Dannküßte
und herzte er sie und sprach auf sie ein, als ob sie ein
leines Kind wäre. Und Desiree erwiderte seine Lieblkosungen
 und schluchzte und erzählte vor ihrer Sehnsucht? und
ihrem Kummer, von ihrer Krankheit und Rettungund
firich wehmütig überp des Vaters graues Kopfhaarumd
den verwilderten Bart.
Waldemar haͤtte sich bescheiden zurückgezogen. Ebwar⸗
lete ab, bis der tolle Sturm des Wiedersehens vorbeige⸗
Jangen war, Desiree dachte an ihn zuerst. Sie machlen sich
son deg Naters Umarmung frot umd trat zu den GEeliehb⸗
            
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