Nummer 785.
Postschließfach Nr. 14.
Samstag, den 2. April 1910.
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Amtliches Publikationsorgan
——3JJ für die Bürgermeisterei Dudweiler.
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gebracht,
ei der Post bestellt A 2,25 vierteljährlich. Fernsprech-Anschluß Saarbrücken Nr. 69, 259, 269 u. 1261.
23. Jahrgang.
Redaktion, Druck und Verlag von J Unterkeller Dudweiler. Bei Jahres⸗Abomement höchster Rabatt.
verwundet. Die Strecke Köln-Düsseldorf war schon wie
derholt der Schauplatz ähnlicher Katastrophen und so wirt
es Pflicht der Eisenbahnbehörde sein, hier einmal gründ
lich nach dem Rechten zu sehen.
In Oesterreich steht das Ministerium Bienerth tro
der scheinbaren Erfolge immer noch auf schwachem Fufe
weil es keine Parlamentsmehrheit im Rücken hat. Ob fich
an diesem unhaltbaren Zustande etwas ändern läßt, müs
sen die gegenwärtigen Verhandlungen in dieser Beziehun—
ergeben. In Ungarn ist nun endlich ein entscheidende
Schritt zur Entwirrung der Krise untkernommen worden
Braf Khuen hat das Abgeordnetenhaus nach Hause ge
ichickt und sich dabei allerdings zum Skandal des ungari
chen Parteilebens von einigen Abgeordneten der reniten
en Justhpartei, schwere Verletzungen geholt. Jetzt geh
ein frischer Zug durch das Land und es ist zu erwarten
daß die Neuwahlen dem verwundeten Ministerpräsidenter
ine arbeits rohe Mehrheit bringen wird.
Der Zar von Rußland hat durch die widerrechtliche
Sinverleibung Finlands wieder einmal aller Welt gezeigt
wie er sich seine Friedensliebe in Wirklichkeit denkt. An—
die Komödie der Haager Friedenskonferenz wird nun kein
Hensch mehr glauben, wenigstens nicht mehr an die Auf—
eichtigkeit des Begründers. Nachdem Japan Rußland in
oer Mandschurei den Stuhl vor die Tür gesetzt hat und
iich dem tatenlustigen Zaren keine andere Gelegenheit mehr
»ietet, seinen „Heldenmut“ zu zeigen, hat er seine beute—
zierige Hand nach Finland gestreckt, um den Eid seines
Lorgängers, der dem finländischen Volk die Freiheit und
Inabhängigkeit zusagte, zu brechen. Wie lange wird es
noch dauern und der russische Scheinkonstituionalismus
wird zu Grabe getragen. Der autokratische Herrscher auf
Rußlands Thron hat seine Pläne noch nicht vergessen und
die augenblickliche Ruhe in seinem Volke gibt ihm neuen
Put. RNicht, daß Väterchen Zar die Rechnung ohne den
Wirt gemacht hat, denn uns will es scheinen, daß die Ruhe
n Rußland, die Ruhe vor dem Sturm ist, und wenn dein
o ist, könnte sich bei Nikolaus 2. leicht das Sprichwort
erfüllen: Der Krug geht solange zum Brunnen bis er
vricht!
In Abessinien ist die Kraftnatur des Kaisers Mene
liks doch nach langem Kampfe dem unerbittlichen Sense—
nann unterlegen. Die Thronfolgerpartei hat mit weiser
Gorsicht die Macht der Kaiserin gebrochen; sie hat das
deft in der Hand. Das ist für die Ausländer von gro
zer Wichtigkeit und es besteht weiter begründete Aussicht,
daß der deutsche Einfluß, den die mächtige Kaiserin ver—
dannte, nun aufs neue seinen Einzug halten wird.
Politische Rundschau.
—A
ss Die erste Lesung der Reichsversicherungsordnung
vird, nach einer Berliner Korrespondenz, im Reichstage
n der Woche nach Wicderaufnahme der Arbeiten vorge
tommen werden, die Beratung dürfte drei Tage wäh—
cen. Es ist beabsichtigt, die Kommissionsarbeiten sofort
in Angriff zu nehmen, um eine Aussprache über die all⸗
zemeinen Gesichtspunkte der Vorlage noch vor der Ver—
agung herbeizuführen zu können, um in diesen Punkten
noch eine Verständigung zu erreichen, so lange die Fralb
tionen versammelt sind. Es ist wahrscheinlich, daß die
Kommission noch nach der Vertagung einige Wochen ta—
gen wird, und zwar so lange, als der Landtag in Ber—
in versammelt ist. Da während dieser Zeit etwa 70 Dop
»elmandatare in Berlin anwesend sind, könnte ein Wechsel
n der Kommissionsberatung nicht für längere Zeit auf
)n gleichen Schuliern ruhen. Ob die Kommission auch
m Herbst vor dem Zusammentritt des Plenums tager
vird, hängt von dem Fortschreiten ihrer Arbeiten ab
Längere Zeit jedoch bei so wichtigen Fragen ohne Füh
ung mit den Frakltionen zu arbeiten, dürfte kaum anmn
gehen, schon bei den Kommissionsberatungen über den
teuen Zolltarif, wo es sich im allgemeinen um bekannt
virtschaftliche Fragen handelte, für die sich eine Marsch
route leichter aufstellen ließ, haben sich Mißstände darau⸗
ergeben, daß man des Rates der Fraktionsfreunde ent
»ehren mußte. Bei der Reichsversicherungsordnung han
delt es sich um 2ahlreiche technisiche Teggen und um schwie—
ige Materien, so daß die Verantwortung für die ein—
elnen Vertreter der Fraktionen eine große sein wird.
»mDie Vorlage über die Schiffahrtsabgaben wird dem
deichstage erst im Herbste zugehen, da die Vorlage im
ünstigsten Falle vom Bundesrate erst Ende April verab—
chiedet werden wird, vom Reichstage vor der vor Him—
nelsahrt eintretenden Vertagung der Session nicht mehr
eraten werden könnte.
* Der Reichstagsabgeordnete Dr. v. Dziembowsti
Pole) hat sein Mandat niedergelegt.
OesterreichUngarn.
* Der Inhaber eines elektrotechnischen Geschäftes und
rühere Postbeamte Franz Josepher in Wien wurde we—
gen versuchter Spionage zu gunsten Rußlands zu 6 Mo
taten Kerker verurteilt. Er hatte sich mit zwei Wachtmei—
tern in Verbindung gesetzt, um von ihnen Festungsplän
von Krakau zu belommen
ruüropäer innerhalb 36 Stunden sich an Bord dieses Schi
es begeben sollten. Die liberianische Regierung voerfügt
varaufhin, daß das deutsche Kanonenboot sich in der glei
hen Frist aus den liberischen Gewässern zu entfernen habe
der Kommandant des Kanonenbootes leistete dieser Auf
orderung sofort Folge.
die Reichsversicherunggordnung und die Frauen.
Mit der Zunahme der berufsmäßigen Tätigkeit der
zrauen hat auch die deutsche Arbeiterversicherung eine stei—
ende Bedentung für sie genommen; nach dem Statistischen
Fahrbuch für das Deutsche Reich waren im leßten Be—
ichtsjahr 13,3 Millionen Frauen versichert. Hierbei ist
u berücksichtigen, daß die erhebliche Ausdehnung der Kranm—
enversicherung zum großen Teil gerade den Frauen zu—
gute tommt. Denn von den einzubeziehenden Dienstbolen
nachen die Frauen 98 Prozent aus. Dazu kommen die
andwirtschaftlichen Arbeiter, die Hausgewerbetreibenden
ind die Gelegenheitsarbeiter, wie Putzfrauen, Näherinnen,
Väscherinnen usw. Daß alle diese weiblichen Versonen
unftig im Erlrankung-⸗ · « auf vestimmte Versicherungs—
eiftungen zu rechnen haben, ist zweifellos ein sehr gro—
zer Fortschritt. Es kommt hinzu die Hinterbliebenenver—
icherung mit ihrer Waisenrente für unerwachsene Kinder
ind der Witwenrente für den Fallder Erwerbsunfähig—
eit. Von grundfaätzlicher Bedeutung ist die Ausdehnung
des altiven Wahlrechts der Frauen, das bisher nur für
ie Krankenkassen bestand, auf die Berufsgenossenschaften
ind die Invalidenversicherungsanstalten. Freilich geht die
Forderung vieler Frauenvereine erheblich weiter, indem
ie das Wahlrecht zu sämtlichen Versicherungsbehörden ein—
chließlich Reichsversicherunggamt fordern. Dabei beweist
ber die Statistik über die Beteiligung der Frauen an den
krankentassenwahlen ein minimales Interesse, obwohl ge—
ade dort für Frauen besonders wichtige Angelegenheiten
n Frage stehen, wie z. B. die Anstellung weiblicher Aerzte
der weiblicher Krankenkontrolleure. Trotzdem nun aber
ie Frauen von dem ihnen heute bereits zustehenden
Lahlrecht so gut wie keinen Gebrauch gemacht haben, wird
hnen für die Unfallvversicherung und die Invalidenver—
scherung das Wahlrecht durch die Reichsversicherungsord—
ung verliehen. Daß man aber hierüber hinaus weiter—
ehenden Wuünschen Rechnung tragen sollte, darf als aus—
eschlossen gelten. Aber auch abgesehen von der Ausdehn—
ing der Krankenversicherung und der Einführung der Hin—
erbliebenenversicherung werden auch manche Versicherungs—
eistungen zugunsten der Frauen erweitert. Dahin gehört,
daß die Wochenhilfe statt 6 künftig 8 Wochen gewährt
verden muß. Wichtig ist ferner die Zulassung der Haus—
flege, die hauptsächlich den erkrankten Hausfrauen zugute
ommen wird und durch Krankenschwestern in der Wohn—
ing der Erkranlten geleistet wird. Schließlich ist auch noch
neden Beratungen des Bundesrats eine Bestimmung neu
ingefügt, die als ein Entgegenkommen an die Bestreb—
ingen zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und an
die Vereine für Mutterschutz anzusehen ist, nämlich die
ßewährung eines Stillgeldes an die Wöchnerinnen in der
döhe des halben Krankengeldes bis zu einem Zeitraum
hon 12 Wochen.
Sie baden sich
in senüssen,
wenn Sie auf unsere Zeitung abonniert haben.
Italien.
* Der „Agenzia Stefani— zufolge hat der deutsche
Reichskanzler an Luzzatti solgende Depesche ge
sandt: Wie ich erfahre, ist das Kabinett unter Ihrem Prä—
idium gebildet. Empfangen Sie meine ausrichtigen Glück—
vünsche. Ich sreue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu
jaben und durch unsere Unterhaltungen, an die ich die
reundlichste Erinnerung bewahre, in persönliche Beziehun—
jen mit Ihnen getreten zu sein. Luzzatti antwortete in
olgendem Telegramm: Ich dan?e Euerer Etzellenz herz—
ich für die liebenswürdige Depesche. Auch ich bewahre
ie lebhafteste Erinnerung an die Unterhaltungen, die ich
»as Glück hatte, mit Ihnen zu führen und in denen Sie
nir hohe Gedanken zum Ausdruck gebracht haben, wie sie
ines wahrhasft überlegenen Staatsmannes würdig sind.
England.
*In einem bemerkenswerten Artikel, den der englische
zournalist Blatchford in der Londoner Zeitung „Dailr
Nail“ veröffentlicht, werden die Vorteile geschildert, die
zie allgemeine Wehrpflicht für die en glische Na—
ion mit sich bringen müsse. Der Verfasser führt aus,
oaß er selbst Soldat gewesen sei, und daß er daher die
este Ueberzeugung habe, daß die allgemeine Wehrpflich
eine große Wohltat für England sein würde. Er weis
dabei auf den Unterschied hin, den man bei Soldaten, die
uus dem Arbeiterstande der großen englischen Industrie
tädte hervorgegangen ist, beobachten könne, wenn sie in
»ie Armee eintreten, und wenn sie einmal sechs Monat
edient haben. Der deutsche Arbeiter sei viel reinlicher
üchterner und fleißiger als der englische, welche Tatsache
uur dem Umstande zuzuschreiben sei, daß er die Schule
er allgemeinen Wehrpflicht durchgemacht habe, daß er
zoldat war. Er würde daher auch niemals in solch
hmutzigen Löchern wohnen wie der Engländer. Blatch
Ird schlägt vor, daß zunächst die jungen Leute zwischer
8 und 30 Jahren zum Militärdienst heranzuziehen seien,
amit England endlich einmal eine ordentliche Armee be—
omme. Später sollten dann nur Leute zu Anfang der
wanziger Jahre dienen. Lord Kitchener sei der geeignete
Nann dazu, die allgemeine Wehrpflicht in England prat—
isch durchzuführen.
Bulgarien.
* Wie verlautet, hat die bulgarische Regierung
as Verlangen der Pforte wegen Bestrafung der angeb—
ich an dem letzten Grenz-Zwischenfall schaldigen Grenz⸗
oldaten auf das entschiedenste zurückgewiesen.
Marokko.
*“)„Echo de Paris“ meldet aus Oran: Aus Marnia wird
gemeldet, daß eine deutsche Gruben-Gesellschaft sich in
der Bai von Sidi Messaud zwischen Uarek und Melilla
tniedergelassen hat. Sie landete zahlreiche Maschinen und
gerätschaften, um eine umfangreiche Ausbeutung der dor—
igen, wie es heißt, sehr ertragreichen Erzlager vornehmen
zu können. Die deutsche Gesellschaft soll im Einverneh—
nen mit der spanischen Gesellschaft handeln.
Liberia.
*,Daily Telegraph“ meldet aus Liberia: Ein neuer
Zwischenfall hat sich beiin Kap Palmas auf Li—
hberias ereignet. Der Kommandant des deutschen
danonenbootes „Cerberes“ hat die auf dem Boot befind—
lichen Truppen ausschiffen lassen und angeordnet, dak di
WXÆBE——…’Är—e—
Wochen⸗Rundschau.
Der Besuch des deutschen Reichskanzlers in Rom hal
das erfreuliche Ergebnis gezeitigt, daß die Beziehungen
Deutschlands zu seinem italienischen Verbündeten nicht nur
sollstäudig inlakt sind, sondern einen gewissen Grad von
derzlichteit ausweisen. Der jüngste Depeschenwechsel des
zertn von Bethmann-Hollweg mit dem neuen italienische:
Ministerpräsidenten Luzzatti hat das aller Welt auf—⸗
lieue vor Augen geführt. So war also die Befürchtung
die hin und wieder in deutschen Blättern zum Ausdruc
am, daß die italienische Kabinettskrise den Zweck des
anzlerbesuches nicht erfüllen lasse, erfreulicherweise nich.
am Platze, denn gerade die ministerlose Zeit ermöglichte
ꝛs dem Reichskanzler mit allen führenden Persönlichkeiten
der italienischen Diplomatie Fühlung zu nehmen, was al—
serdings fonst nicht möglich gewesen wäre. Der neue ita—
lienische Premier ist Herrn von Bethmann-Hollweg eben
sowenig ein Fremder als der Senator Giolitti, dem man
ja trotß aller Vorgänge auf die Dauer den Präsidenten
honen im iralienischen Miinisterium nicht streing macher
lann, weil seine Partei in den Parlamenten das Heft in
der Hand hat und jederzeit das jetzige Ministerium 31
türzen in der Lage ist, sobald Herr Giolitti Lust zeigt,
ein früheres Anmt wieder zu übernehmen. Die in Betracht
sommenden Männer sind also dem Dreibund wohl gesinnt
und was ebenso wichtig ist: das alte Mißtrauen gegen den
Dreibund scheint auch im italienischen Volle einem Ge—
ühle der Freundschaft Platz zu machen, denn die Presse,
zie sich aus Anlaß des Besuches in Begrüßungen und
Liebenswürdigkeiten überbot, bildet doch das Sprachrohr
»es Volkes. Wir können also mit Genugtuung konstatie—
en, daß der abgebrochene Faden zwischen Berlin und
stom wieder zusammengeknüpft ist und daß der Erneuer—
ung des Dreibundes, dem Hort des europäischen Frie—
vens, nichts im Wege steht. — In wenigen Tagen wer—
den die Parlamente wieder eröffnet werden und damit
vird der Kontakt des politischen Lebens wieder einge—
chaltet sein. Aller Voraussicht nach wird der Schluß der
etzigen Reichsstagstagung keine aufregende Szenen mehr
»ringen. Besonderes Interesse wird die Wiederaufnahme
der Beratungen im preußischen Landtag am 12. April
rntgegenzubringen sein. Steht doch die vielumstrittene
zreußische Wahlrechtsfrage zur Erledigung. Die Ungewiß—
eit wird bald einem positiven Ergebnis weichen müssen.
IEntweder kommt eine Einigung mit den Nationalliberalen
zustande, die allerdings nach dem Gange der Verhandlun—
zen kaum noch zu erwarten ist, oder aber das Herrenhaus
egt sein Votum in die Wagschale. Wenn die konservati—
en Mitglieder dieses Hauses die Beschlüsse ihrer Frak—
tion des Abgeordnetenhauses gutheißen, dann hat die Re—
gierung das letzte Wort zu sprechen. Wie die schließliche
Entscheidung sein wird, ist allerdings so ungewiß wie vor
wei Wochen. — Das furchtbare Eisenbahnunglück‘ bei
Mmülheim am Rhein hat vielen Familien Leid gebracht
9 Soldaten mußten auf der Reise zur Garnison weger
»er Unachtsamkeit eines Lokomotwführers ihr Leben las—
en, und eine große Rahl wurde mebr oder weniger schwor
AAEXιXÔXο äô— αια.
Koloniales.
Aufstands⸗Bewegung. Aus Portugiesisch—
Vestafritka treffen Nachrichten ein, die die bevorste⸗
yende Empörung der Stämme Cuanhama und Cuamata
melden. Ihre Unzufriedenheit soll durch die beim Ein—
reiben der Kopfsteuer begangenen Grausamkeiten verur—
acht worden sein. Die betreffenden Beamten sind meist
eingewanderte Buren, die rücksichtslos gegen die Eingebo—
renen vorgehen. Die Lissaboner Kolonial⸗-Regierung trifft
Maßnahmen, um die Ruhe aufrecht zu erhalten, ohne ein⸗—
große Expedition auszurüsten.
MDie Bevölkerung unserer Kolonien. Nach den
ieuesten amtlichen Feststellungen wird die Zahl der Ein—
vohner in unseren Kolonien auf 1424 Millionen angege—
den. Eine wirkliche Steigerung der Einwohnerzahl kann
nan nur in Deutitsch-Ostafrika feststellen, wo die Bevölke—
ung auf 10 Millionen angewachsen ist. Bei den anderen
airikanischen Kolonien ilt die Einwobnerzahl zurückgegan—
Das Heimatlied.
damit die Geschichte zum Abschluß kommt und vothar
Nutzlosigkeit seiney Bemühungen einsehen lernt.“
Siegfried war an das Fenster getreten. Er kehrte dem
Vater den Rücken zu, und so konnte der Graf nicht bemer—
en, wie es in den Zügen des Sohnes arbeitete. Röte und
Blaͤsse wechselten jäh auf seinem Gesicht, er trommelte mit
den Fingern nervös auf die Scheiben und suchte mit äußer—
ter Anstrengung Herr seiner Aufregung zu werden. „Für
heute hat Lothar allerdings seinen Zweck verfehlt“, fuhr
graf Düren, der das Gebaähren Siegfrieds auf seine Weise
deutete, ruhig fort. „Hätte Lothar mir sein Vorhaben mit—
geteilt, so würde ich ihm wenigstens gesagt haben, welchen
Veg unsere Göäste einschlagen. Denn da die Damen eben—
alls zu Pferde sind, nehmen sie die bequemere Straße durch
as Lautenthal, den Lärchenwald entlang, während Lothar,
o viel ich bemerken konnte, die Allee hinunterritt und den
irekten Weg nach Rhonsdorff einschlug. So muß er die
aefellichaft unbedingt verfehlen.“
Siegfried hatte während dieser Rede seine Fassung wie—
der gewonnen. Mit anscheinendem Gleichmut kehrte er zum
Frühftückstisch zurück. Sein Gesicht war zwar etwas bleich,
doch seine Stimme klang sehr ruhig als er fragte:
„Und wie dächtest Du Dir dieses Zusammenleben, Va—
ter, wenn Beatriee meine Frau wäre, und Lothar, wie Du
elbst sagst, wie toll in sie verliebt ist. Er könnte doch nun
ind nimmer ruhig neben uns dahinleben und zusehen, wie
iejenige, die er so heiß begehrt, an der Seite eines ande—
ren lebt?“
„Ach, das wird sich finden; Lothar muß eben vergessen
lernen.“
„Und denkst Du Dir dieses Vergessen so leicht und ein—⸗
ach?“
„Wenn man dazu gezwungen wird, ganz gewiß.“
Das wäre keine echte Liebe, die so leicht alles vergessen
önnte!“
„Zerbrechen wir uns darüber doch den Kopf nicht. Wenn
es nicht anders geht, soll Lothar einige Zeit fort von hier,“
ragte der Graf ungeduldig.
„Und du glaubst, wenn er dann zurückkommt, ist alles
gutt⸗ Welchen Begriff machst Du Dir von der Liebe Va—
ter?“
„Ich muß hier unbedingt Siegfried beistimmen“, schal—⸗
tete Fürst Santoff ein, „es würde ein recht unerquickliches
Zusammenleben werden.“
„Wenn man Lothar eine größere Reise machen läßt —“
„Je ferner man ihm den Gegenstand seiner Neigung
ückt, desto mehr wird die Leidenschaft wachsen!“ siel Sieg—
ried dem Vater in die Rede
„Wir werden doch nicht um Lothars willen unseren
dieblingsplan aufgeben sollen?“ rief Graf Düren und run⸗
elte die Stirn.
„Wenn sich aber Ihrem Plane andere, schwerwiegende
zindernisse in den Weg stellen, was dann?“ fragte der Fürsi
ind schaute gespannt dem alten Herrn in die überrascht blik⸗
enden Augen. aetetee
„Andere Hindernisse —, und welche, Fürst?“
„Nun, nehmen wir an —“ Santoff machte eine kleine
Pause —, „nehmen wir an, Siegfried liebte eine andere,
ein ganzes Lebensglück serde auf dem Spiel, würden Sie
ruch dann noch an Ihrem an festhalten?“
„Nun, ich denke, dieser Fall ist ausgeschlossen. Siegfried
veiß, daß Comtesse Beatrirce ihm zum Weibe bestimmt ist,
ind er wird darnach handeln!“
„Das heißt, er darf keine andere lieben, darf sein Herz
richt sprechen lassen?“ — ⏑2⏑2⏑2—22— —
— Der Graf zuckse die Achseln und den sirengen forschender
Blick fest auf Santoff richtend, sagte er im harien Ton:;:
„Ich fürchte fast, die Worte bedeuten etwas, es verbirg
ich daͤhinter ein Geheimnis. Aber ich muß Ihnen im Vor«
uus bekennen, — Ihnen und meinem Sohne, daß eine Aen—
»erung meines Planes unmöglich ist! Graf Rhonsdorff hai
nein Wort, und ich gedenle es unter allen Umständen zu
jyalten. Siegfrieds Werbung wird im Hause meines Jugend⸗
jfreundes als etwas Sicheres erwartet, Beatrice ist mir und
neiner Frau ans Herz gewachsen, wie ein eigenes Kind;
hre Erziehung war die denkbar sorgfältigfte. Wenn Sie die
romtesse erst kennen gelernt haben,“ — seine Stimme klang
etzt viel weicher als vorher, — „dann werden Sie auch be—
reifen, daß der Mann sich glücklich schätzen darf, der sie als
Zattin heimführt. Er nennt dann eine echte, köstliche Perle
sein eigen. Nein, — nein, Fürst“, wehrte er ab, als er sah,
daß Santoff Einwendungen machen wollte, „sagen Sie mir
nichts mehr von dieser Sache; wenn Sie die Comtesse ge⸗
ehen und gesprochen haben, dann werde ich Sie nochmals
ragen, ob Siegfried eine bessere Wahl treffen könnte.“
Santoff fbarrte trübe vor sich hin, er sprach kein Wort.
Zeine Augen suchten mit wehmütigem Ausdruck den Freund,
er, den Kopf in die Hand gestützt, in Gedanken versunken,
m Fenster saß. Er schien kaum zu hören, was da gespro⸗
hen wurde, wenigstens rührte er sich nicht. In diesem Au—⸗
genblick trat die Präsidentin, Gräfin Luise am Arm führend,
in das Gemach. Siegfried stand auf und eilte seiner Mut—
er entgegen. Ungestüm preßte er seine Lippen auf ihre
hand. Etwas in dem Wesen des Sohnes mußte ihr auf—
—
ete ibn von oben bis unten, dann suhr sie mu der weichen
Hand über seine Stirn und sagte mit ihrer gewoynten, sanf⸗
ten Stimme, die ihn sofort zu beruhigen schien:
„Ist etwas vorgekommen, mein Junge? Du bist so ernst
und fiehst so blaß aus. Hast Du die erste Nacht, die Du wie⸗
der im Elternhause zubrachtest, nicht gut geschlafen?“
„O doch, — doch, liebe Mama“, versicherte Siegfried.
Das leise Rauschen der Bäume wiegte mich wie sonst in
Schlummer. Eine Zeitlang lag ich wach, ein wohliges Ge—
fühl beschlich mich, ich glaubte, noch einmal ein Kind zu
zjein, mir war es, als säßest Du neben mir, und erzähltest
mir ein schönes Märchen, bis mir die Augen zufielen. Das
Märchen begleitete mich auch in meine Träume, ich hörte,
wie jemand ein süßes Lied sang, und dieses Lied löste ei—
nen dumpfen Druck, der mir vorher die Sinne befangen hielt.
— Es war mein Heimatlied, das ich im Traum singenr
hörte so, und doch wieder ganz anders, viel sanfter noch
ails ich iängst schon wieder aufgewacht war, sie hatte so et—
was Tröstendes, Beruhigendes für mich, so deutlich vernahm
ch die süße Stimme, daß ich noch jett darüber nachsinne,
vb das Ganze wirklich ein Traum gewesen. Man sagt, was
nan die erste Nacht in der wiedergefundenen Heimat träumt,
as wird wahp. Nun, wenn ich eine solche Stimme wie
eute Nacht einmal vernehmen könnte“, — aber so eine
ztimme gibt es garnicht“, unterbrach er sich selbst — ‚den⸗
ioch halte ich meinen Traum für eine gute Vorbedeutung,
neinst Du nicht auch, Alex?“ wandte er sich nun an den
Freund, der aufmerkfam zugehört hatte, während die Grä—
fin lächelnd auf den Sohn blickte.
„Du bist immer ein Schwärmer gewesen,“ sagte sie hei—
er, „doch nun weg mit den finsteren Falten auf Deiner
Ztirn. Wir können sie heute nicht brauchen; muß ich, Deine
ilte Mutter, Dich erst aufheitern? Gleich wird jetzt ein
röhliches Gesicht gemacht, weißt Du denn schon, wen wir
eurce erwarten? Da passen doch die trüben Augen nicht.
ind auch Sie, Fürst,“ wandte sie sich an Santoff, „wollen
nir gar nicht gefallen! Vermissen Sie hier irgend eine Be—
uemlichkeit, oder sonst etwas, — biite, sagen Sie es unge—
iert. Ich will, daß meine Gäste sich in meinem Hause
vohl fühlen! Ich glaube, ich darf es ohne Selbstüberhebung
agen, daß alle, die auf Schloß Düren geweilt, immer wie—
der gern dahin zurückgekehrt sind, wenigstens wurde mir
das allgemein versichert. Und so wird es hoffentlich auch
ei Ihnen sein!“
„Es muß ja jedem hier gesallen, gnädigste Gräfin,“
agte Santoff warm, und füthrte ihre Hand ehrfurchtspoll an
eine Lippen. „Ich kenne Sie erst seit gestern, aber ich em—
finde es doch als eine besondere Gunst des Schicksals, daß
⸗ mich zu Ihnen führte, und ich meine, so müßte jeder füh—
M. der in Ihrer Rähe weilen durüe!“
Erst später beim Frühstück wurde Siegfried die Sach
clar, denn als er zufällig dem Vater seine Verwunderung
uüber Lothar und dessen umgewohnt frühes Aufstehen aus—
Pprach, lachte Graf Düren auf:
„Die Sache ist doch einsach. Lothar hörte gestern von
mir, daß die Comtesse Rhonsdorff heute zum Besuch hier
erxwartet wird, und da ist er ihr entgegen geritten, um sie
schon unterwegs zu begrüßen.“
„Aus purer Höflichkeit sollte Lothar seinen Morgenschlaf
opfern?“ aͤußerte Siegfried ungläubig.
Na, selbstverständlich ist dabei noch etwas anderes im
Zpiei, ich merkte schon seit längerer Zeit, daß Lothar in
TFoͤmtesse Beatrice wie toll verliebt ist. Aber es ist bei ihm
doch bekannt, was zwischen mir und ihrem Vater beschlossen
st und er sollte sich darnach richten. Ich weiß nicht“, wandte
ich Grasj Düren an Santoff, der ihm gegenüber saß, b
Siegfried mit Ihnen darüber gesprochen hat, daß er und
Beatrice ein Paar werden sollen?“
„Ja, allerdings“, nickte der Fürst und betrachtete da⸗
bei angelegentlich seine glänzenden Fingernägel, als wäre
daran etwas Besonderes wahrzunehmen. *
„Nun“, fuhr Graf Düren eifrig fort, „Beatriece und Sieg⸗
cried waren schon als Kinder für einander bestimmt, die bei⸗
»en Familien verband von jeher eine innige Freundschaft.
Rhonsdorff hat nur die einzige Tochter, die er abgöttifch
iebt und nur schweren Herzens würde er in eine Trennung
»on dem Kinde willigen. Deshalb kommt ihm eine Verbin—
dung mit uns sehr gelegen. Dabei muß auch in Betracht
gezogen werden, daß Beatrice ofsenbar in Siegsried verliebt
ist — ja, verliebt, ich bleibe dabei“, wiederholte der Graf,
als sein Sohn eine heftig abwehrende Bewegung machte und
erregt von dem Sesfel aufsprang. „Wenn die Comtesse als
wohlerzogene junge Dame sich auch nichts merken laͤßt, so
geht: ihre Liebe für Siegfried schon daraus hervor, daß sie
ich so eifrig und so dit nach ihm erkundigte, daß sie sich in
seine Reiseschilderungen förmlich vertiefte, kurz, man konnte
es leicht aus hundert Kleinigkeiten wahrnehmen. Dazu kommi
noch, daß Beatrice gar kein Interesse für Lothar zu haben
scheint, der seine Bewunderung für sie offen zur Schau trägt.
Sie sieht nicht, oder will nicht sehen, wie seine Augen an
hrem Gesicht hängen, wie er sie mit den Blicken verfolgt,
wohin sie sich auch wendet. Wenn die Sache auch durchaus
leine Gefahr hat, so meine ich doch, es wäre an der Zeit.
aß Du mit Deiner Werbung balb öfentlich hexvortxetel