javen, eignen sie sich istr alles. Professtonetse Bedenren
und Vorurteile, die uns Geburt und Erziehung enflößen,
allen weg. Heute öfssnen sie den Wagenschlag vor den
Theatern, morgen verteilen sie Prospekte. Wer chirurgi
che Instinkte hat, schneidet an den Straßenecken, denen
die der Stiesel drückt; die Hühneraugen oder verwerte
den Besitz einer Bürste, um Vorübergehende vom Stau
zu besreien; es sind die „Männer für alles“ des Boute—
»ards. Die Megotiers von Beruf hausen fast alle im
Quartier de Saint Medards; hierher schleppen sie ihre
Beute, die nun einer gewissenhaften Auslese unterworsen
vird. Zigarren- und Zigarettenstummeln werden auf den
Tisch geschüttet umund in Häufchen verteilt. Prima Ware
iefern die kaum angerauchten, schon nach wenigen Zügen
fortgeworfenen Exemplare. Die erntet der Kundige nur
in gewissen Plätzen in Paris. Der Jäger kennt sein
Jagdrevier: Vor den vornehmen Theatern, Resta'nrants
ind Klubs liegen die ägyptischen, die türkischen und bes—
seren französischer Marken, deren goldene Muündstücke im
Fot leuchten. Vor den Terrassen der Cafes dagegen, am
Eingang der Metro, an der Börse und vor den großen
Bank-Instituten weicht die Qualität der Quantität. Hier
bückt sich der fleißige Sammler unzählige Male für ganz
kurze Strümpfchen, und dies wiederholte Rückenbeugen
bringt, nach 12stündiger Arbeit. nicht mehr als 2 Frank:
50 Cent. ein. (Das Katzbuckeln in anderen Sphären ist
hier einträglicherl! Zum Glück hat den Megolier sein
Vorleben nicht daran gewöhnt, den Kopf hoch zu tra—
zgen und der Ricken der Alten, die dieses Geschäft mei—
tens besorgen, nähert sich bereits der Erde. Aber ihr
Tastsinn ist scharf geblieben, denn schon am Befühlen er—
klennen sie die verschiedenen Tabasssorten, untericheiden so—
'ort den nationalen Caporal von dem landsmännischen
Scaferlati, von den Blättern des Orients und der Ha
banna, denn die hyperbescheidenen Reste einer fünf Cen
times-Zigarre haben selbst im letzten Stadium ihrer Exi
kttenz nichts mit den aristokratischen „Londries“, „Clays“,
Bocks“ uimd dergleichen gemeinsam. Ist die Lese vollen
et, so werden die .Stümpfchen ihres Papiers oder Deck
latts entledigt, zerprückt und gesäubert, in Düten ver
packt, um am nächsten, Morgen in den frühesten Stunden
des Tages verkauft zu werden. Auf dem Platz Maubert,
im Fuß des Mont Saint Geneve, in der Nähe des
Pantheon, ist der kleine Tabakmarkt. Die Taschen voller
Düten mit Tabak, bieten die Megotiers hier ihre Ware
feil. 15 und 20 Cent. kostet das Dütchen, das die zu
Arbeit gebenden Männer für ilzge Pife oder zum „pri
ser“ („Schnupfen“) kanisjen. Auch an die Tahbakhändler las
sen die Megotiers psundweise ihne Waren ab, und schlief
lich liefern sie noch den Spitzentvrischerinnen die unbrauch
baren Tabakreste, die von den Mundstückchen oder ver
lohlten Endstückchen herrühren, zum Aufguß als Färbe
mittel. — Wohl jeder Parisbesucher sah von der Terrasse
eines Cafes aus, mitten im dent bunten, lustigen Treiben
ber vorüberziehenden Menge jene gebeugten Gestalten vor
iberschleichen, meist in Lumpen gehüllt, den alten Leder
ack auf den Rücken. Der Fremde hält sie für Bettler
obgleich ihr Blick blind ist sür die lustig dampfenden
staucher an den kleinen Marmorifschen. Gleichgültig schlür—
sen sie mit gesenktem Kopf dahin, bleiben plötzlich stehen
und picken vorsichtig mit der Spittzze ihres Stockes in ein
erloschenes Stümpfchen, das sie daun in den Sack gleiten
kassen. Und diese melancholischen Wesen, die verlernt ha—
ben den Himmel zu schauen,“ deren Horizont das Tro—
toir ist, die von ihrer Pflasterlese ein erbärmliches Dasein
fristen, sollen dem Staate Konkurrenz machen! Diese kleine
Schar gebeugter Rücken will sich min „sundikatisieren“. will
32 qufhaͤumen!*
*
Humoriftische Ecke.
Kinderwitz und Kinderweisheit. Das „New-Yor⸗
ter Morgenjournal“ veröffentlicht folgende, von Müttern
mitgeteilie komische Aeußerungen von Kindern:
Ich putzte Erdbeeren in der Küche, während mein
»reijaͤhriger Junge vor der Türe spiette. Alle paar Mi—
miten kam er und bettelte um Beeren. Beim vierten Male
agte ich: „Nun kommst Du aber nicht wieder“, worauf
der kleine Knirps saate: Nein. Mama. nun bleibe ich
rana hior
Eines Tages ging ich mit meiner Kleinen?an einer
Nädchenhochschule vorbei. Die Kleine fragte, was das
für ein großes Haus sei. Ich erklärte ihr, daß da grö
zere Mädchen hineingingen, um zu lernen und gescheit zr
werden. „Bist Du auch dahingegangen, Mama?“ war die
näͤchsie Frage. Ich verneinte. „Dann will ich auch nicht
gescheit werden, ich will auch Mama werden!“ saagte fe
rrd.
*
Als wir eines Tages von Geldangelegenheiten spra—
hen, sagte der kleine Herbert: „Nicht wahr, Mama, wenn
ich groß bin und Geld verdienen kann, dann brauchen
wir keinen Vapa mehr!“
Zum Sonntagnachmittag gab es Schweinebraten, den
der kleine Anton nicht liebt. Kein Zureden halij. „Du
stackerl!“ sagte da der Papa. „In Deinem Alter war ich
roh, wenn ich überhaupt Fleisch zu essen bekam, ganz
gal, was es war.“ „Ja, Papa!“ antwortete der Junge.
„Da hast Du es gut getroffen, daß Du zu uns gekommen
j4. Mir boben ieden Tan
1 — ü
die Tochter eines xapitans der repuvriranzchen AUrmee
unmöglich eine Spionin sein kann und Ihre Entschuldiq⸗
ung wegen der Verhaftung wohl verdient.“
„Sobald ich wirklich davon überzeugt sein werde, bin
ch bereit zu jeder Genugtuung“, meinte Soumis unbe.
hzaͤglich. Indes will ich auf Grund Ihrer Fürsprache das
Fraͤulein freigeben, unter der Bedingung, daß es mit dem
naͤchsten belgischen Schiff Stadt und Hasfen Bordeaux ver—⸗
äßt.“
Ich bitie Sie, Herr Generaltommissar, das ist un
möglich“, fiel Desiree slehend ein. „Ich muß meinen
Vater aufsuchen.“
Und wenn ich's auch erlaubte — es ist unmöglich,
daß Sie zu ihm gelangen. Orleans ist der Kriegsschau⸗
atß.
Die Zweihundertvierer stehen dicht vor dem Feinde.“
„Ich will Fräulein Bourlier begleiten und sie sichev
bis dorthin bringen“, erbot sich d'Alincourt großmütig. „Ich
ttehe mit meinem Ehrenwort für sie ein.“
„Sie wollten das? Nun denn, so will ich auch die
etzten Bedenken fallen lassen. Gehen Sie, mein Fräulein,
Sie sind frei. Viel Glück zu Ihrer verzweifelten Expedition.
Indes — ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen,
Herr Oberstleuinant Graf d'Alincourt. Ich werde mir er—
sauben, Ihnen Ihr Patent nach Orleans nachzusenden.“
Der Graf nickte dem Kommissar zu und bot Desiree
den Arm. Mit kurzen Worten des Dankes schieden sie von
dem Militär- und Zivilgewaltigen und verließen unangefoch—
ten das Stadthaus.
In der Vorhalle blieb das Mädchen stehen und schaute
dankbar zu dem schönen, stolzen Manne empor.
„Ich habe Ihnen viel abzubitten, Herr Graf“, be—
gann sie mit zitternder Stimme. „Sie werden mich ver—⸗
dammen. und dennoch erharmten sich sich meiner in der
Not.“
„Abbitten? Etwa, daß Sie mir Ihre Herzensgeschichte
nicht verrieten, schöne Desiree?“ sprach er lächelnd. „Das
zu verlangen, wäre indiskret gewesen. Erraten habe ich
es langst. Daß Ihr Verlobter ein Deutscher ist, schadet ihm
in meinen Augen garnichts. Ob Feind oder Freund, es
kann nur ein Ehrenmann sein, da Sie ihn lieben, und ich
habe umso mehr die Pflicht, einem, wenn auch feindlichen
Kameraden, seine Braut zu erhalten.“
„Wie edel Sie sind,“ sprach das Mädchen leise. Ich
fürchlete gerade, daß dieser Unistand Sie mir entfremden
würde. Ich hatte sogar die Absicht, mich heimlich vor Ihnen
in Sicherheit zu bringen denn ich durfte ia nicht hören. daß
Sie mich lieben.“
XM —— morr Fr3ein Bourfioe
Lokales und Vermischtes.
Dudweiler, den 20. Juli.
pferdeseuche. Die unter dem Pferdebestande der
zirma Philipp Kreuzer und Cie., Ludwigstraße 58, Saar—
rücken ausgebrochene Brustseuche ist erloschen.
Die Bergbeamten im Privatbeamtenpensionsgesetz.
der preußische Handelsminister hat die Oberbergämter zweeks
Fertigstellung der Vorlage des Privatbeamtenpensionsgesetzes
efragt, ob eine Berücksichtigurg der Bergbeamten in dem
Privatbeamtenpensionsgesetz zweckmäßig sei. Es soll dem
Minister darüber Material beschafft werden.
Ein Korpsbefehl an die Regimenter des 8. Armee—
rorps besagt, daß die Einjährigen während des Exerzierens
uuf dem Truppenübungsplatz Elsenborn künftighin in den
Mannschaftsbaracken unterzubringen sind. Bisher war es
»en Einjährigen gestattet, in den dort erbauten Hotels oder
u dem Orte Elsenborn Wohnung zu nehmen. Ferner ist
»en Offizieren der intime Verkehr mit den Einiährigen
während des Dienstes untersagt worden.
saison-Theater. Die Bräuning?sche Theatergesellschaft
heginnt bereits mit Benefizvorstellungen. Herr Schmidt
ind Frau sind die ersten. Zu ihrem Benefiz haben diese
ich das klassische Stück „Kabale und Liebe“ von Schiller,
gewählt. Wir machen auch an dieser Stelle auf die Vor—
tellung aufmerksam und wünschen den Benefizianten ein
echt volles Haus, damit auch ihnen in des Lebens Misoere
mal wieder ein Lichtblick fällt:
Vom Wetter. Heuer ist gar keine Gelegenheit ge—
doten, dem Wetter etwas gutes nachzusagen. „Und der
Regen regnete jeglichen Tag!“ Des morgens, wenn man
vach wird: Regen! Abends, wenn man sich zur Ruhe
hettet, Regen! Tas Barometer fällt: es regnet! Steigen
des Barometers: Regen! Und es höret nimmer auf!
Schier zum Verzweifeln — aber das nützt nichts. Auch
ie heutigen Wettervoraussagen: „Unbestäudig mit zeit—
beisen Regenfällen, durchgreifende Verschlechterung nicht in
fussicht“, bringt uns nur den kleinen Trost, daß es Gott
ei Dank nicht noch schlechter werden kann!
Das Teebad. Die letzte amerikanische Neuheit ist das
leebad. Eine Newyorker Dame, Frau Eleonore Sandow,
at festgestellt, daß nach einem Teebad die aufgeregtesten
derven sich beruhigen und hat infolgedessen — wie der
Gaulois“ erzählt — einen richtigen Feldzug uuternom—
nen, um ihre glorreiche Entdeckung oder Erfindung einzu—
ühren. Frau Sandow rät, nicht länger, aber auch uicht
heniger als eine halbe Stunde im Teebad zu bleiben.
Nan muß zu einem Bade mindestens hundert Liter nehmen,
arf aber dem Tee weder Zucker ‚noch Milch hinzufügen,
vahrscheinlich weil der Badende sonst in Versuchung ge—
aten könnte, die hundert Liter Tee auszutrinken. Uber
inen etwaigen Zusaß von Rum haf siehy Frou Sandoen
iicht geäußert.
Die Villa als Zuchthaus. Ein vermögender Wein—
händler in Neapel hielt seine Frau und seine 11 Kinder
seit Jahren in einem Landhause eingemauert, und zwar
edes Mitglied in einer gesonderten Zelle. Durch ein
Schiebefensterchen verabreichte er den Unglücklichen täglich
dahrung. Bis an die Zähne bewaffnet und von Hunden
imgeben, wachte er, daß niemand der Villa nahekomme.
Dder Mann war verrückt geworden, weil er glaubte, seine
Frau und seine Söhne würden sein Vermögen verschleu—
ern. Nur mit Aufbietung großer List gelang es, den ge—
ährlichen Narren zu überwältigen und die unalückliche
Familie zu befrei—
Vom Bau der Erdrinde im Ruhrkohlenbecken.
die Oberfläche des produktiven Karpons im Ruhrbecken
hildet, soweit man bis jetzt hat feststellen können, fün
daupt⸗-Mulden und ebensoviele Sättel. Die südlichtte
Mulde ist die Wittener mit dem über Hattingen, Stockum,
hdörde und Aplerbeck verlaufenden Sättel. Etwas weiter
iördlich senkt die Bochumer Mulde sieh ein, die von dem
Zattel zu Wattenscheid bis Kustrop begleitet wird. An
iese schließt fich die Stophenberger Mulde mit dem von
Speldorf über Gelsenkirchen verlaufenden Sattel. Weiter
nördlich befindet sich die große Emscher-Mulde, in welcher
die Ortschaften Horst, Herten, Recklinghausen und Datteln
siegen und die vom Gladbecker Sattel begleitet wird. Die
nördlichste der bekannten Mulden ist die Lippe-Mulde mis
dem sog. Dorstener Sattel. Hierzu ist zu bemerken, das,
sede nördlichere Mulde im allgemeinen tiefer einsinkt als
die nächstsüdliche, infolgedessen sich nach Norden zu imme.
üngere Karbonschichten auf die älteren südlichen auflegen,
wodurch die zwischenliegenden Sättel karbonreicher werden.
Stellenweise scheinen die unteren und daher älteren Karvon—
schichten die oberen durchbrochen zu haben. So ist man z.
B. an mehreren Stellen, wo man Gas- und Gasflammsohlen
glaubte antreffen zu müssen, auf Fett- und Mager—
ohlen gestoßen. Stellenweise werden diese Mulden und
in ihrem regelmäßigen Verlauf durch Gebirgsstör—
»eie Verwerfungen und Uberschiebungen unteches
und Sie werden sich das wohl gefallen lassen mufssen, ob—
wohl ich die Verlobte eines Ehrenmannes zu respektieren weiß
Welch' Glück, daß mich eine gewisse Eifersucht so schnell und
so früh auf die Beine brachte. So leicht wäre mir in einem
anderen Falle Ihre Befreiung nicht geworden.“
„Einen besseren Bürgen konnte ich wohl nicht finden.
Was haben Sie alles zu meiner Entlastung gesagt!“
„Das Blaue vom Himmel herunter habe ich gelogen“‘,
scherzte d'Alincourt ohne die geringsten Gewissens—
bisse. „Der Herr Generalkommissar muß denken, daß ich
nit Ihrem Vater und Herrn Tyrolt mehrere Scheffel Salz
gegessen habe. Indessen, ohne schweres Geschütz ging es ein—
mal nicht. Nun wollen wir Ihren Koffer aus dem Klatsch—
nest Minerve holen. Sie finden in meinem Hotel Unter⸗
eunft. Ich denke, Sie fürchten sich jetzt nicht mehr vor mir.“
„Nein, Herr Graf. Ich vertraue Ihnen unbedenklich.“
Sie verließen das Stadthaus. Es fand sich auch ein
Wagen, der sie nach dem Hotel Bourbon brachte.
z„Eigentlich ist es doch schade, daß Sie mich nicht lieben
können“, sagte unterwegs der Graf mit einem schweren Seuf⸗
zer. „Ich hatte Sie fest in mein Herz geschlossen und träum⸗
e von Hochzeit und noch schöneren Dingen. Das ist nun
illes vorbei. Sie werden einen Prussien nehmen. Das mag
Ihren patriotischen Papg'urg in den Harnisch bringen.“
Vesiree beichtete nun dem Fremden ihre ganze leidvolle
Lergangenheit. Er hörte aufmerksam zu und saate nur au—
veilen „Schade, schade!“ —
Defiree fand endlich Gelegenheit, zu Malvezin zu gehen.
Man wußte aber garnichts von dem Geschäftsfreund, der
ort sein Geld niedergelegt hatte und nicht mehr zum Vor—
chein gekommen war.
Zwei Tage später ging ein Militärzug nach Orleans
ib. Jede andere Eisenbahnverbindung nach dem Norden
hatte aufgehört. Nicht einmal Personenwagen standen den
Reisenden zur Verfügung; die Offiziere wie die Mann—
schaften mußten mit Vieh- und Transportwagen ohne Ver—
deck vorlieb nehmen. Bei der kalten, schneenassen Witterung
war das eine schwere Aufgabe. Desiree fügte sich in alles.
In Gesellschast von Offizieren, meist. zweifelhafter Qualität
reiste sie, frierend in einer Ecke des Wagens kauernd. Der
Braf tröstete sie und wich nicht von ihrer Seite, aber er
konnte seinen Kameraden nicht die gemeinen Worte, die
chrecklichen Flüche wehren, ebensowenig wie die beschim—
ofenden Ausfälle gegen die deutichen Offiziere, die Desiree
verletzen mußten.
Indessen d'Alineourts Ruhe und Sicherheit gaben ihr
on Halt. den sie mitten in den Strapazen und Gefahrer
zolche Querverwerfungen, durch welche die Mulden und
zättel beeinflußt werden, sind z. B. die Bickefelder Störung
Quintus) östlich von Hörde, die Margarether Verwerfung
idlich von Sölde und die Hageneyer Störung westlich von
»örde. Die bedeutendsten bekannten UÜberschiebungen sind
ie Sutan- und die Satunella-IUberschiebungen, von welchen
nie erstere eine Ausdehnung von fast 30 Kilometern hat
Diese Uberschiebungen sind durch Aufschieben älterer Ge—
teine auf jüngere entstanden und zwar infolge ungenügen—
»er Elastizität der leßteren. Im allgemeinen sind die
Karbonschichten im Norden des Beckens weniger gestürt ale
odie im Süden.
Handelskammerbericht über Kohlen und Koks. Von
der Königlichen Bergwerksdireklion ist der Handelskammer
folgender Bericht zur Verfügung gestellt worden:
„Die fiskalischen Saargruben hatten unter der Ungunst
der Konjunktur im Jahre 1909 ebenso sehr zu leiden, wie
andere Kohlenbezirke; nur machte sich bei ihnen der allge—
neine Rückschlag weit mehr und einschne dender bemerkbar
als in dem Jahre 1902, das der Tiesstand nach der Hoch—
konjunktur des Jahres 1899 bildet. Immerhin ist es ge—
ungen, trotz der verminderten Nachfrage, und obgleich
zie Belegschaft wesentlich erhöht worden war, mit wenigen
Feierschichten durchzukommen und die Förderung auf dem
ztande des Vorjahres zu halten. Der Absatz der fiskalischen
Saargruben hatte in erster Linie unter der Konkurrenz der
Privatgruben an der Saar zu leiden, welche wesentliche
Preiskonzessionen gemacht hatten, um ihren Ahnehmerkreis
uu erweitern und ihre stark gestiegene Förderung unterzu—
ringen. Aber auch der englische Wettbewerb lastete im
zerichtsjahre schwer auf dem süddeutschen Kohlenmarkt, und
s sind so niedrige Preise gestellt wie selten zuvor. Die
zinfuhr der englischen Kohle wurde durch das Darnieder—
iegen des Rotterdamer Frachtenmarktes und den günstigen
theinwasserstand erleichtert, der eine ungestörte und daher
illige Verfrachtung während des ganzen Sommers sicherte,
»o sonst die Schiffahrt zu ruhen pflegt. Die außerordent—
ich reichen Niederschlöäge während des ganzen Sommers
satten noch eine weitere Folge. Sie ermöglichten nämlich ein
fast ungestörte und volle Ausnutzung der Schweiz, und da
WV
Teil der Verbraucher erzielt, welche sonst im Hochwasser
hre Zuflucht zu der Dampfkraft nehmen mußten. Aus
ast allen Kreisen unserer Abnehmer liefen daher größere
bbestellungen ein, und es gelang uns nicht ohne weileres
eue Abnehmer für die überschüssigen Mengen zu finden
der milde Winter ließ eine Belebung des Hausbrandge—
chäfts aber überhaupt nicht zu und brachte einen weiterer
Rückstand des Verbrauches aus allen Kreisen unserer Ab—
nehmer. Wenn auch im Laufe des Jahres bei einzelner
Betriebszweigen eine geringe Besserung der allgemeinen
Marktlage festgestellt werden konnte, so kam diese erfreuliche
Tatsache dem Vertrieb der fiskalifchen Saarkohlen jedenfalls
zicht zu gute. Der Absatz nach dem Ausland, welchen wir
m Vorjahre so stark hatten zurückgehen lassen müssen,
at noch keine Aufbefserung erfahren und ist sogar noch
»eiter gegen die niedrigen Ziffern des Vorjahres zurück—
egangen; es war uns eben nicht möglich, die Konkurrenz
ie sich in der Hochkonjunkeur an unserer Stelle eingeschoben
atte, wieder zu verdrängen, wir mußten uns vielmehr
arauf beschränken, den Besitzstand zu halten, so gut es eber
zing, zumal das Mreisnipean ein durchaus unbefriedigendes
var. ...
Diese Angaben werden zumteil bestätigt durch die Be—
richte, welche der private Kohlenhandel erstattet. Nach
hnen übertraf die Krisis des Jahres 1909 himsichtlich
hrer tiefeinschneidenden Wirkungen selbst die von 1901
ind traf mit voller Wucht auch den Kohlenhandel. Er
var in der warmen Jahreszeit, wo die Absaktzverhältnisse
in und sfür sich schon vecht schwierig sind und durch den
chwachen Bezug der Industrie noch verschärst wurden, ge—
wungen, die gekauften Mengen voll abzunehmen und konnte
zie sich hieraus ergebenden Schwierigkeiten nur durel
Abstoßen von Mengen unter großen Preisopfern überwinden
Erschwerend wirkte hierbei die Preispolitik der Bergwerks
irektion, die im Gegensatz zu der des privaten Bergbaues
ind des auswärtigen Wettbewerbes sich den veränderten
Lerhältnissen nicht anschloß, vielmehr die Preise auf ihrer
Aten Höhe beließ.
Da die gesamte Industrie des Handelskammerbezirks
urch die Preispolitik aufs schwerste geschädigt wird, hat die
kammer eine eingehende Uptersuchung der mit ihr zusam—
nenhängenden Fragen veranlaßt. welche dem Kammerhe—
ichte beigefügt ist.
Jägersfreude, 18. Juli. In vergangener Nacht stürzte
er ca. 23jährige Straßenbahnschaffner Oswald aus dem
dritten Stock seiner in der Hauptstraße gelegenen Wohnung.
Er wurde nur mit dem Hemde bekleidet aufgefunden und
nn sein Zimmer gebracht. Es wird vermutet, daß er sich
vegen eines Schwindelqonfalles in das Fenster leate, wobei
»x das Uebergewicht ve
1. 14 — — —“
nicht entbehren konnte. Trotzdem fühlte sie sich überaus
elend. Immer mehr sah sie ein, daß sie ihre Widerstands—
kraft erschöpft hatte. Mit letzter Kraft klammerte sie sich
nur noch an die Hoffnung, den Vater wiederzusehen. Wenn
diese fehlschlug —
„Wie wäre es möglich“, sagte sie halblaut zu sich,
‚er muß leben und sich versöhnen lassen. Was ich getan,
lann nicht vergeblich gewesen sein.“
In tiesem Weh schlug sie ihre Händchen vor die Au—
zen und schluchzte leise vor sich hin.
„Grübeln Sie nicht, Fräulein Desiree“, bat der Graf,
der sie wohl beobachtet hatte, „weinen Sie nicht. Es nützt!
richts und nimmt Ihnen die Kraft, so tapfer zu sein wie
»isher. Nehmen Sie lieber ein Schlückchen von diesem vor—
refflichen Lafitte. Auch Sie ziehen in den Kampi kleine
desiree, stärken Sie sich.“
Desiree schüttelte den Kopf. Der Graf sah sie von der
Seite an. Er war mit ihrem Kräfteverfall sehr unzufvie⸗
nen.
„Wie wird sie es ertrogen!“ dachte er mit innigem
Mitgefühl.
Nach drei schrecklichen langen Tagen und Nächten lief
der Zug endlich in Orleans ein. Steif und zerquetscht wie
zerschlagen von dem unaufhörlichen Rütteln und Schütteln
entstiegen die Insassen dem Militärzug. d'Alincourt beeilte
ich, seinen Schützling unter Dach zu bringen.
Aber die Hotels waren überfüllt, die Bürgerquartiere
voll Soldaten. Nach der Schlacht von Coulmiers hatten
die Bayern die Stadt geräumt und waren nach Nordwesten
abgezogen. Infolgedessen hatten sich sämtliche. französische
Armeekorps, das fünfzehnte, sechzehnte ‚und ein Teil des
iebzehnten um Orleans zusammengezogen. In diesem Kriegs—
lager war es ein Wunder, ein Plätzchen zu finden, wo De—
iree ausruhen konnte; aber der Graf vollbrachte es.
Von einem Sanitätsoffizier geführt, gelangten die
Obdachsuchenden in ein Quartier in der Nähe der Place
de la vierge. Es war dort soeben ein verwundeter Oijfi—
zier verschieden; die Mannschaften hatten den toten Krieger
kaum hinausgetragen, als jene anlangten. Sie fanden ein
kleines, freundliches Stübchen bei einer Madame Josnes,
einer gefälligen, alten Witwe, die sich der Dame sosort an—
nahm und sie mit allem »versorgte, was sie selbst aufzu—
treiben im Stande war.
d'Alincourt verabschiedete sich von Desiree. „Ich suche
has Regiment 204 auf, wo es auch stehen mag, und bringe
FIhnen Nachricht“, versprach er. „Bleiben Sie ruhig hier.
Ich benachrichtige Ihren Vater und bringe ihn hierher mi—
gewalt, wenn es sein muß.“
Daes Mädchen dankte den Manne mift nassen Nugen
gaarbrücken, 19. Juli. Im Handelsregister wurde
hei der Firma Neufang'sche Brauerei Aktiengesellschaft in
S„t. Johann eingetragen: Durch Beschluß der General—
Versämmlung vom 29. Inni 1910 sind die 88 1 und 2
des Gesellschaftsvertrags abgeändert worden. Die Firma
autet jeht Neufang-Jaenisch Brauerei Aktiengesellfchaft und
jat ihren Sitz in Saarbrücken. Gegenstand des Unter—
nehmens ist außer dem in dem Gesellschaftsvertrage be—
stimmten Betriebe auch der Vertrieb von Jaenisch-Bier.
Dillingen, 18. Juli. Wie ein Lauffeuer ging heute
nachmittag die Kunde durchs Dorf, zwischen Pachten und
Beckingen habe sich jemand erhängt, und zu Vunderlten.
trömten die Neugierigen der Stelle zu, die in den Bruch—
viesen nahe der Felsmühle unmittelbar zwischen Straße
ind Eisenbahn gelegen war. Dort hing, mit einem Stricke
in einem niedrigen Weidenbaum befestigt, mit den Knieen
edoch fest anf der Erde der kaum 15jährige Hüttenarbeiter
J. Bingert aus Merzig, der seit leinhalb Jahren in Dil—
ingen wohnt. Die herbeigerufene Polizei ließ ihn sofort
)erunterholen und mit einem Karren in das Leichenhaus
ruf dem Friedhof bringen.
Ludweiler, 19. Juli. Gestern kurz vor Mittag wurde
insere Feuerwehr alarmiert. In der Scheune des Berg—
nanns Johann Guillaume war auf unaufgeklärte Weise
Feuer ausgebrochen, dem nicht nur sämtliche Vorräte zum
Opfer fielen, sondern auch das Wohnhaus des Guillaume
ind seines Nachbars Heinrich Schneider übergreifend in
Flammen setzte. In verhältnismäßig kurzer Zeit war die
chnell erschienene Wehr des Feuers Herr geworden. Möbel
ind Vieh wurden sicher geborgen, der ziemlich bedeutende
zchaden ist jedoch durch Versicherung gedeckt. Bei dieser
zelegenheit hat sich der Moyt unserer Passerleitung wieder
inmal bewiesen.
Geislautern, 18. Juli. In der Nacht zum Montag
türzte das Häuschen der Familie Gorges hier ein. Durch
en Regen hatten sich im Schlafzimmer Teile von der
Decke gelöst und fielen auf das Bett der beiden Kinder,
velche erwachten und um Hilfe scehrien. Kaum hatte man
ie Kinder in Sicherheit gebracht, da stürzte das Ganze in
ich zusammen. Nur die Frontmauer blieb stehen. Hinter
inem Bild hatten die Bewohner 48 Mark untergebracht,
ie jedoch trotz Nachgrabungen heute nicht aufgefunder
verden konnten.
Wehrden, 18. Juli. Am Samstag ist ein Italiene;
er den Koch bei seinen Landsleuten spielte, mit einer grö—
zeren' Summe Geldes und Hinterlassung vieler Schulden
urchgegangen. Gerade als er das Kostgeld seiner Lands—
eute einkassiert hatte, zog er von dannen.
Aus Elsaß-Lothringen. Bei Weißenburg schlug der
Blitz in eine am Exerzierplatz stehende hohe Pappel, in deren
Nähe sich das Patronenhaus befindet, vor dem ein Soldat
Posten stand. Derselbe wurde durch den Blitzstrahl sprach—
os und mußte sofort abgelöst werden. Er ist auf dem
Vege der Besserung. Ein auderer Blitzstrahl traf einen
nördlich der Stadt befindlichen, gewaltig großen Birnbaum
Sin Rebmann, der in der Nähe arbeitete, stürzte be—
vußtlos nieder, wurde später augefunden und in seine Woh—
rung geschafft. Er ist noch beitlägerig.
* Dortmund, 19. Juli. Gorsicht beim Pilrze⸗
»ssen.) Der Maurer Daniel Blum in Lünen ist mit
seinen beiden 12 und 6 Jahre alten Kindern durch Ge
iuß giftiger Pilze gestorben, ebenso ein Kostgänger der
Familie, der Lehrhauer Heinrich Benz. Das Befinden
der Ehefrau, die ebenfalls von den Pilzen gegessen hat,
st so schlimm, daß stündlich ihr Tod zu erwarten ist.
Sämtliche Personen sind im Jabre 1908 aus Ungarn au—
zezogen.
* Essen, 19. Juli. Werunglückte Bergleu—
e.) Auf Zeche „Ludwig“ verunglückten durch Steinfalt
aus dem Hangenden drei Bergleute. Von den Verun
zllückten konnten zwei Mann nur als Leichen zutage ge—
ördert werden. Der Dritte wurde schwer verletzt in dae
Fdrankenhaus geschafft.
* Essen, 19. Juli. Tarifvertrag.) Die hier ge
ührten Einigungsverhandlungen für das Bauge—
verbe im rheinisch-west'älischen Industriegebiet führten
ur Annahme eines neuen Tarifvertraas, der bis zum 31
März gelten soll.
* Hückeswagen, 19. Juli. (Jm Bad ertrun—
en.) Beim Baden in der Wupper ist der 18 jähriag⸗
einzige Sohn des Kaufmanns Rud ertrunken.
* Münster, 19. Juli. EGkigenartiger Unfall.)
Als ein hiesiger Gärtner mit seinem Wagen über die Ei—
enbahnunterführung an der Warendorfersiraße fuhr, fie—
en ihm von einer vorbeifahrenden Lokomotive Funken in
»ie Augen. Er verlor die Sehkrast auf dem einen Auge
yollständig, auf dem anderen teilweise.
* Vangenberg (Rhld.), 19. Juti. (MMor d.) Auf dem
Marktplatze erschoz der Schneider Heß nach kurzem Wort
vechsel den Bandwir er Heiderhoff. Er war sosfort tot.
Beide wohnten bei ihren Eltern; Heiderhoff hatte nur
tioch eine Mutter, deren Ernährer er war. Heß ist ver—
aftet worden.
* Friedrichshafen, 19. Juli. Erplhosion.) Heutt
»rmittag gegen 511 Uhr ereiganete fich in der Carbo
.
Wie groß, wie edelmütig handelte er an ihr! Als er vas
Haus verlassen hatte, kam die Wirtin zu der Einsamen
und fing an zu erzählen, was sie bewegte, vom Kriegce
ind von Kriegsnöten und von ver dauernden Einquarierung.
„Ausgeruht, liebes Fräulein?“ fragte Frau Josnes
reundlich. „Ja, so ein ungestörter Schlaf ist oft besser als
ẽEssen und Trinken, wofür ich übrigens auch gleich sorgen
verde. Da hatte ich einen Kapitän im Quartier, so einen
raurigen, lieben Herrn, der vor Kummer gebeugt und von
Närschen und Kämpfen ganz zerschlagen hier bei Nacht
nkam. Der warf sich mit Stiefeln und Sporen ins Bett
ind ich ließ ihn schlafen, obwohl er meine Kissen arg
eschmutzte. Als er endlich erwachte, war er ein ganz an—
»erer Mensch. Freilich lustiger wurde er nicht. Er wünschte
mmer zu sterben. Armer Mann! Sein Wunsch ist erfüllt
vorden; drüben an der Ecke haben sie ihn niedergestochen.
Nun liegt er in der kühlen Erde.“
„War Herr von Alincourt noch nicht hier fragte
Desiree, die kaum zugehört hatte. „Ich meine den Herrn
»er mich hierhergebracht hat?“
„Nein, liebes Fräulein. Er wollte ja zu den 204ern,
sat er gesagt. Aber, mein Gott, wo stehen die? Der Hert
Oberst Lancier, dem sie heute die Füße zuerst aus diesem
Zimmer getragen haben, sagte, die 204er hätten tapfer ge—
ochten. Aber viel wären von ihnen nicht mehr übrig. Ach,
iebes Fräulein, wenn man daran denkt, wie viel Menschen
terben müssen in diesem schrecklichen Kriege! Es ist schade
im alle, Freund und Feind. Auch Bayern habe ich im
Quartier gehabt, aber sie waren lauter gute Leute und
gesund, trotzdem sie ebenso viel mitgemacht hatten wie un—
ere Soldaten.“
„Horch, ging da nicht die Türe? Es kam jemand
agte Desiree, nervös zusammenfahrend
„Ich habe nichts gehört, aber ich will nachsehen“,
prach das Mütterchen und ging hinaus. Der Luftzug war'
hinter ihr die Stubentüm ins Schloß. Auf der Kommode,
iber welcher ein Spiegel hing, fiel ein Nippesfigürchen um
ind zugleich ein Bild, welches daran gelehnt hatte. Desiree
erhob sich und stellte beides an seinen Platz. Das unge—
wisse Licht, sern von der Lampe, ließ sie das Bild nicht
Jleich erlennen. Eine Frau war's in hellem Kleide, und sah
iie mit flüchtigem Blick. Während sie die Karte aus der
Hand gab, schaute sie in den Spiegel. Wie sah sie blat
und entstellt aus!
Tartserung faolof