Nummer 163.
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Posischließfach N. 14. 77 päα — d —— —— Postschließfach Nr. 14.
Erscheint —J— 1383 pe 3 —33 J — Angeigen
naglich wit Narnchne der Sonn und — AA M J 34 1 J Gosten 10 3 pro Gspaltig Petitzeil⸗
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234222 * Waährend so der Sommer gluckuch verlebt und ver ecessenten, welche rzlich beim Minister Pichon wegen
Königin Luise von Preußen. laudert wird, nehmen dann im Herbst die Ausstattungs— der deutschen Zollerhöhungen für Champagner und Kog—
Am 19. Zul kehrt der yenderiste Todestag einer der orgen überhand. Auf die in Lyon bestellten Seiden iak vorstellig wurden und teilweise sogar Repressalien ge⸗
»elsten, aber Auch einer derjenigen Fürflennen“ Preußens offe, aus denen die Brautkleider gemacht werden sollen, gen Deutschland anregten, auch französische Weinbauer ge⸗
zieder, deren kurzes Leben reich an Le den und Entbeh— uß man schrecklich lange warten. Aber endlich am 13. unden. Diese Tatsache ist umso auffallender, als be⸗
ingen gewefen ist, die sie aber heldenmütig ertragen hat. ezember beginnt in Großmutters altem, flaschengrünen anntlich von unseren letzten Neutralisierungen er fran⸗
dönigin Luise schloß am 19. Juli 1810 während eines eisewagen, der auf seinem roten Untergestell fo wackelt, ösische Weinerport nach Deutchland in keiner Weise be⸗
gesuches auf dem Schlosse ihres Vaters zu Hohenzieritz in e Reise ins neue Leben. Am neunten Tage trrifft sie in roffen wird. Die überaus günstige Entwickelung, die
Mecklenburg die Augen zu dem Schlafe, von dem es auf em festlich geschmückten Potsdam mit dem Kronprinzen Frankreichs Weinaussuhr nach Deutschland genommen hat,
ieser Welt kein Erwachen gibt und ward in Charlotten Asammen, und nun erfolgt der feierliche Einzug in Ber— vird auch durch das neue Weingesetz vom vorigen Jahre
urg beigesetzt, wo ihr und ihrem Genmahl ein Mauso— nn in der prächtigen, goldstrotzenden Karosse, die noch ibsolut keine Einbuße erleiden, umsomehr, als, wie man
eimn errichtet wurde. Auguste Wilhelmine Amalie Luise eute die preußischen Königsbräute aufnimmt ... rört, der Bundesrat es sich angelegen sein läßt, etwaige
hurde als Tochter des Herzogs Karl Ludwig von Meck Am 24. Dezember 1793 fand in Berlin die Vermäh— därten, die sich für den Weinimport aus der Neuregelung
enburg⸗Strelitz am 10. März 1776 zu Hannover, wo ung statt; durch ihre Schönheit und ihren edlen Charat- rgeben, uumlichst zu beseitigen. Um die Entwickelung un—
hr Vater damals Gouverneur war, geboren. Im zarter er gewann sie aller Herzen. Als im Jahre 1797 ihr Ge— ere — aus Frankreich zu beurteilen, so
liter von 6 Jahren verlor sie schon ihre Mutter und iahl den Thron bestieg, teilte sie dessen Pflichten getreu— ürften folgende Angaben aus der anitlichen Stauistit von
ourde nach kurzem Aufenthalt in Herrenhausen in Darm ch mit ihm, begleitete ihn auf seinen Reisen und lin— Interesse sein. Im Jahre 1908 erreichte die Einfuhr voy
adt von ihrer Großmutter, der Landgräfin Albertine er erte die Not Unglücklicher, wo sie Gelegenheit dazu fand. Wein in Fässern einen Wert von 225 Millionen War
ogen. Hier verlebte sie einige sonnige, fröhliche Jahre zei Ausbruch des Krieges von 1806 ging sie mit ihrem egen 14,9 Millignen im Jahre 1898. Den 408 400
nd das alte Schloß“ am Markte in Tarmstadt war der zemahl, nach Naumburg, und nach der Schlacht bei Jens Doppelzentnern, die im letzten Jahre eingeführt wurden,
ummelplaßz Lmifens und ihrer zwei Schwefern echt kind ach Königsbera und Memel. Ihre demütige Unterred— —
scher Froͤhlichteit Von 1781 bis 1798 vberweilte sie bel ing mit Napoleon1. in Tilsit am 6. Juli 1807, wo ber. Und die Einfuhr von 208 000 Doppelzentner im
hrer Schwester, der Herzogin Charlotte von Sachsen-Hild urch man bessere Friedeusbedingungen zu erlangen hofft, Fahre 1897 zehn Jahre später, im auf
urghaufen, und lernte auf der Rückteise in Franksurt a. var vergeblich, und schwer litt die edle Frau unter der 25 900. Doppetzentner gugewachsen. In e Zahlen.
Ne“den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen ken hmählichen Verleumdung des Eroberers. Trotz des furcht ie dem eeiern Wondan Pdenehe ien Indn
jen, welcher seinen Vater in den sranzösischen Krieg be aren Sturzes des Staales verlor sie nicht den Mut und u Beschwer en geben. Eine ganz ähnliche Entwidelung
leitete. König Friedrich 2. ließ sich von der Landgräf'r as Gottvertrauen, und richtete durch zusprechenden Trof eigt die Einsuhr von französischem ee sie be⸗
m „Komödienhaus“ ihren beiden Enkelinnen vorfteller zren tiefgebeugten Gemahl wieder auf. Sie beteiligte sich iet sich heispielsweise 19001 noch auf a ionen ge⸗
ind war von ihrem Liedreiz entzückt Wie ich die bei lin auch an den Staatsgeschäften, und es ist ihr persön eeillonpet ne neer Weeh. Weher
den Engel zum ersten Mal sah“, schrieb er drei Tage cches Verdienst, daß Schlesien nicht an Napoleon abge eege b wigachen resen sranzosen 8
pater nach Berlin, es war ain Eiungang der Komddie, eten wurde. Auf Einladung des Kaisers Alexander 1. ser n wee — wie d e Preise
bd war ich so frappiert von ihrer Schonheit, daß ich ganz ꝛiste sie mit dem König am 27. Dezember 1808 nack We heee eDnde innn — oee sein
ufer mir war, als die Großmutter sie mir praͤsentierte betersburg, im Dezember 1809 wollte sie nach Berlin ve J reife keineswegs ijhrer ean nso a
Ich wünschte sehr, daß sse meine Söhne ehen möchten urücktehren, jedoch auf der Heimreise ereilte sie der Tod, * heguungen on noch nicht einer Mark pro Flasche
ind sich in sie verlieben.“ as edle Herz haile ausgelitien. inschränken werden
Anu demselben Theaterabend war auch der Kronprinz Politische Rund nau.
m In anernaun e ee ihe dee — Deutsches Reich.
e e urgischen rinzessinne ausgeschaut. * — n j.
xr wechselte sogar seinen Platz während des Stückes, um em Waderern —
esser in ihre Zoge sehen zu können. tonnte sich ihnen an u ahlreiche l'o tte d e
ber erst am nächsten Tage bei einem Ball im „Weifen hafft, und e sWler Schleier desGehennansse
zchwan“ nähern, wo er fleißig mit Luise tanzte. Drei Woe * da Aedn 23 ier 3 α nnn 3
kage darauf durfte er um ihre Hand anhalten. „So froh Den für Bau —* e edobooten in den Berech—
ch war“, schrieb er später im Andenken an d'ese unver— y c 8 fuͤhrlen Eu v * — r 5
eßlichen Stunden, „so verlegen war ich dennoch, und nach nin *9 Fen n en m e b —8— —* on ist
„ielem Stottern und unzusammenhängenden Phrasen faßte m nm n he n α ign b d
ch endlich Mut und nug ohne viel Umstände mein An— hadene —8* ngi asen e, dis . e epnie
iegen vor. Wir standen am Fenster, meine Frau mit dem en oe E bniss and V he Unterseeb
dücken an d'e Fensterwand gelehnt. Mit jungfräulicher der ann ene r en ee tiee
zeschedenheit, aber herzlichem Rusdruck will'gte sie ein, — e n ꝑ n “ ar Win v
chefrug, ob ich dürfte, und ein Kuß besiege te vie'en en ausgezeichneten Typ dieser Klasse ausgewäh
er ichen Augenblic ind baut nun eine mächtige Unterseearmada. Man wird
ich erinnern, daß deutsche Marinesachverständige der Ue—
Nun begannen glückliche Monde der Brautzeit, d'e erzeugung sind, daß in den engen Gewässern der Nord—
)ren Höhepunkt in den Besuchen des Kronprinzen erreich— e2e Unterseeboote eine große, vielleicht die
en, von denen aber guch der herzlich fröhliche Brieswech— ntscheidende Nolle in einer Schlacht spielen werden, und
el beredt erzählt. Keine ühersckwän gliche Liebesschwr— aß deutsche Unterseeboote selbst für Angriffe auf britische
nerei spricht heraus, aber eine imer inn'ger und fester zchlachtschifse, die in britischen Häsen liegen, verwendet
oerdende Neigung. Luise legt dem Kronprinzen Früchte derden können wegen der geringen Entfernung zwischen
ei, „damit die Briefe einen guien Geschmack bekoninien“, Lilhelmshaven und der Osttküste Englands. — Die Be—
e stickt ihm Börsen und sendet Stammbuchverse. In ih— eutung und der Einfluß dieser Marinesachverständigen ist
em glücklichen Uebermut begnut sie einen Brief mit den n Deutschen Reiche so bekannt, daß jedermann allein auf
Vorlen: „Grüne, arüne Petersite und Raufsalat“. En iesen Beweisgrund hin die ganze Meldung des eng—
inder Mal schreibt sie: „Ich munichts als singen und ten schen Blattes einschaͤzen wird. Hoffentlich bleibt eine
b3 z Woell enetdoh 3— 3 em we itfprechende Aufklärung für die Euͤgländer nicht aus.
— eeanrihere veordsrunuicht das olontalbe⸗
derodes“ Töchterlein ein Sols vor der ganzen Armee zu mtengefetz vom 8. Juni 1910.
anzen nach der Melodie: Wenn's iramer, wenn's immer *Bei der VLandtags-Erlatzwahl zum würt⸗
o wär .. Adieu, Koͤnigliche Hoheit meines Herzens Ich mbergischen Laudtag in Welz heim erhielten Kin—
nuß fort in die Kirche gehen, sont schlägt mich mein all el (Soz) 1000. Wurst (Vltsp.) 770, Scheiger
ßroßmäme.“ Vor der Großmäme hat sie überhaupt Angft: Heutsche Partei) 599 und Mohring (Bbd.) 601 Stim—
Ich esse eben beim Schreiben kößniche Klöße, mit Brol ien. Nachwahl ist notwendig. Abgestimmt haben 69
ind Butter; weun Großmama das bei Tisch merkt, so rozent.
vird Luise, obgleich sie eine Braut ist, einen tüchtigen * Die letzte Sitzung des preußifchen Staatsministeriums
Vischer kriegen.“ Nicht immer sind die Briefe kalligra— efaßte sich mit der neuen Wahlvorlage. Die Sitzung
hisch geschrieben: „So eine insame Feder besinne ich mich at eine Uebereinstimmung des Staatsministeriums mit
iicht, gehabt zu haben. Sie ist wie ein Besenstiel so en Vorschlägen des Reichskanzlers gebracht. Eine offi—
icke. Wenn Sie mit meinem Geschmiere zu Ende sind, iöse Ankündigung der neuen Vorlage steht für Anfang
derden Sie sagen: Pfui Teufel, wie hat die Jungler lugust bevor.
Inse ag sorzenen Gnädiger Herr, sie kann nicht dazu *Der joaialdemokratische Vorteivorstand verönon⸗x
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Montag, den 18. Juli 1910.
23. Jahrgang.
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Frauenstudium im Sommer 1910.
Oie Zahl der an den sämtlichen Universitäten des
teichs als Studierende eingeschriebenen Damen beläuft
ch diesen Sommer auf 2169 gegen 1432 im Vorjahr, 320
yor drei und erst 137 vor fünf Jahren, als den Frauen
iur die badischen und bayerischen Universitäten und die
Iniversität Tübingen zugänglich waren. Die Zahl hat sich
emnach binnen Jahresfrst um rund 56 vom Hundert
ermehrt. Der nachstehenden Uebersicht über die Verteil—
ing der Studentinnen auf die Fächer des alademischen
ztudiums sind die entsprechenden Zahlen bdes Sommer—
emesters 1909 beigefügt. Der Philologie, Geschichte,
zhilosophie und verwandten Fächern widmen sich 1217
damen, gegen 699 im Vorjahr, der Medizin 512 (gegen
2 —e nd ven Naturwissenschaften 313
— eg—J—“*——XXßX————
Bines Tages trat Frau don Tarandal, die mit Desiree
mu ihrer Pesitzung Luelwarden kei. Antwerven. wahrte. an
»em Mädchen, das schwermütig aus dem Fenfter in den
zerbstentblätterten Garten blickte.
„VATyrolt hat geschrieben“, sagte die würbige Dame. „Du
jast seinen letzten Brief nicht beantwortet; er ist unseret⸗
vegen in Angst. Warum schreibst Du nicht?“
„Ich konnte nicht, Tantchen“, antwortete die junge Dame
ief seufzend. „IIch vergehe vor Sorge um den Vatler und
ürchte, meine verzweifelte Stimmung möge sich in dem
Briefe wiederspiegeln. Ich hoffe noch immer auf eine Nach⸗
icht von Papa. Ach, Tante, so geht es nicht fort — ich
uwß etwas tun, um ins Reine zu kommen.“
„Du erschreckst mich, Kind. Was hast Du vork“ 9
Ich bin entschlossen, den Papa aufzusuchen. Noch heute
vill ich zur Stadt, um die Abfahrt des nächsten Dampfers
iach Bordeaux zu erfahren.“ J
Frau von Tarandal fiel vor Schreck auf den nächststehen⸗
hen Stuhl und schlug die Hände zusammen. 9
„Kind“, rief sie, „das ist offenbarer Wahnsinn“ Wié
villst Du Deinen Vater in dem ungeheuren Wirrsal finden
du haft keinen Anhalt, wohin sich Jean von Bordeaux ge⸗
vendet hat.“
„Mein Herz sagt mir, daß etwas Schlimmes geschehen.
der Groll allein hält Papa nicht ab, uns ein Lebenszeichen
u geben.“
„Ich nehme sein Schweigen so tragisch nicht. Aber
deine Reise könnie es werden. Ich denke gar nicht daran,
nit Dir dorthin zu gehen, wo der Krieg jetzt wütet, wie⸗
zer mitten in Blutvergießen und Kugelregen hinein. Nein,
dind, das kannst Du nicht von mir verlangen.“
Ich verlange es nicht, Tante, ich fühle mich kräftig ge⸗
nug, allein die Reise zu wagen.“
„Und Waldemar!? Was glaubst Du wohl, war er bdaau
agen würde?“
„Gerade seinetwegen habe ich mich zu diesem Schritte
ntschlossen“, erklärte Destree mit eigentümlicher Logikt
Sollie das Fürchterliche geschehen sein, daß mein Vatev
ot ist, so existiert kein Grund mehr, mich von Walbemar
ern zu halten; lebt aber Papa und ich finde ihn, so muß
ch alles aufbieten, um ihn versöhnlich zu stimmen. Meine
Zindesliebe, meine Aufopferung wird ihn rühren. Laß mich
iehen, Tante Nataly, ich handle nicht leichtsinnig, — dieser
zchritt ist das Resultat reiflicher Ueberlegung. Ich sterb
hier ja vor Ungeduld und Aufregung.“
„Ja, es war unrecht von mir, in dieser Jahreszeii
nuf Luekwarden zu sitzen, anstatt nach Vrüssel zu ziehen.
das Leben in der Haupistadt hätte Dich zerstreut. Hier mußt
du jia auf allerlei Torbeiten kLommen“ eew e
Das verwöhnte Frankreich.
Zu den französischen Beschwerden über unsere letzten
zollerhöhungen schreibt man der „Rh. W.⸗3.“: Nach den
berichten der französischen Presse haben sich unter den In—
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ziert, sein rechter Arm gleichsans. witt dem Bcwußrem
ehrte 2* ein entsetzlicher Schmerz in seinen Kopf, ein viel
er ei i —
archgeperez wkinet ehehuner verzweifelns, m⸗
zem er die Binde von seiner Stirn riß, daß ihm das Blut
Wer das Gesicht floß. „Eher tot als gesangen! Was soll
ch noch hier? Alles ist dahin — ich bin entehrt, ein Spott
neiner Gegner.“
Da richtete sich neben ihm eine Gestalt auf, und ein
zteiches Gesicht glotzte ihn mit erloschenen Augen an.
„Warum schreien Sie so, Verehrtester, und reißen sich
das Tuch vom Kopf? Zu Ende geht es darum doch nicht.
Sie Prussiens binden Ihnen den Schädel wieder ein und
die Hände auch, daß Sie sich nicht rühren können. Heidi,
s geht in die Gefangenschaft. Machen Sie's, wie ich es
zetan habe. Reißen Sie aus. Ich kann's leider nicht mehr.
Man hat mir beide Beine abgeschnitten.“
Es war Oberst Trepillon, der also sprach. Bourlier
wurde es blutig rot vor den Augen; sein Herz stand' still,
und stöhnend sank er zurück, immer das bleiche, verzerrte
vesicht in Erinnerung, bis tiefe Nacht seine Sinne deckte.
Als er wieder zu sich kam, rumpelte der Wagen durch
inen Wald. Der Mond schien durch die Zweige und be—
euchtete spärlich die schmerzensreiche Gesellschaft. Aber so
iel auch Bourlier nach dem amputierten Kameraden suchte,
r war verschwunden.
„Wir haben ihn in Bourgneuf zurüchgelassen“, sagte
er deutsche Lazarettgehilfe, der die Karren beaussichtigte,
wird wohl schon in der Grube sein. Glücklicher Kerl, was
ätte er ohne Beine anfangen können?“
Unter Feinden.
Roman von Karl Maththias.
12. Fortsetzung.)
Er stellte das Bildchen auf eine Kommode unweit des
Tischchens und begann seine Waffen nachzusehen. Dann zähl⸗
ie er seine Barschaft. Sie war sehr zusammengeschmolzen.
Was er vorderhand brauchte, hatte er allerdings — und dann
ven Sold — — bisher hatte er zwar nichts davon gesehen
— nur Geld ausgegeben, denn die Verpflegung war gleich
Rull — der gemeine Mann litt fast Hunger.
Dieser Gedanke brachte ihn zum Bewußtsein, daß er
elbst seit 24 Stunden nüchtern war. Er rief seine Wirtin
ind diese, eine gutmütige, gefällige Person, war sogleich be—
zeit, von ihrem Mittagsmahle herzugeben.
Während Bourlier speiste, ging die Frau im Zimmer
hin und her. Das Bild fiel ihr ins Auge.
Gewiß Ihre Frau Gemablin, Herr Kapitän“, fragte sie.
„Meine einstige Gattin. Sie ist seit Jahren tott Ich
vollte, ich ruhte an ihrer Seite.“
„O, so dürfen Sie nicht sprechen, Herr Kapitän“, tröstete
»ie Wirtin. Ich habe auch meinen guten Mann verloren
ind wünschte mir bei seinem Begräbnis den Tod. Jetzt lebe
ch doch gern trotz Not und Alter und freue mich meines Da—
eins, so gut es eben geht.“
Bourlier antwortete nicht. Sollte er dieser Frau
ein Leid erzählen? Sie vermochte ihm doch nicht nach⸗
zufühlen. In trüben Gedanken saß er da, bis die Dämme⸗
ung hereinbrach. Die Wirtin brachte ihrem Gafte einen gut
hereiteten Kaffee. Dabei nahm sie wieder das Bild zur Hand
— und als sie es fortstellte, fiel es um und kam hinter ei⸗—
ien einen Spiegel zu liegen.
Abends wurde die Besatzung alarmiert. Die 204er
trömten zum Appellplatze; ausgerasiet, gereinigt, gesättigt,
eigten sie wieder eine siolze Haltung. Bourlier war sofori
ei seiner Kompagnie, die nach kurzer Musterung in die Vor—
tadt abmarschierte.
Die Bayern waren nach einem tagsüber dauernden Ge—
echt im Walde von Orleans auf die Stadt zugerückt, wäh⸗
end der preußische General von Wiltich mit seiner Vivision
oon Rordwesten herankam. General von Tann hatte be—
schlossen, Orleans noch an demselben Tage, am 11. Ottober
u nehmen. Nachdem die Preußen sieben Batlerien bei Bois
sirard aufgefahren hatten, geiang es ihnen, die franzbfi—
chen Kanonen, die hinter siarken Verschanzungen standen,
innen surzem zum Schweigen zu bringen. Nun stürmte das
2. Insanierie⸗Regiment mir den s8zern und 9dern das
dorf Ormes. wo die Erfolge der Bayern abgewartet wurde
Biese hyauen das Gehslz dei Sartan tiar gemacht, «
zer das Dorf selbst, unterstützt von der Ariillerie, ausge—
äumt und die Franzosen hinausgetrieben. Die 204er wa—
en bestimmt, die Fliehenden aufzunehmen und sich den an—⸗
ringenden Bayern als ausgeruhte Truppen in den Weg zu
ellen.
Bei Martin stießen beide Heeresabteilungen zusammen.
Zourlier hielt das Gehöft, das abseits der großen Vorstadt⸗
traße lag, mit seinen Leuten besetzt und verteidigte es mit
zroßer Umsicht und Kaltblütigkeit. Um seiner Kompagnie
in Beispiel der Tapferkeit zu geben, entriß er einem Gefal—
enen das Chassepotgewehr und feuerte selbst Schuß auf
zchuß gegen den Feind ab. Solange nur Kleinfeuer seine
Zztellung bedrohte, lielt er es aus; als seine Position aber
in ein Kreuzfeuer von Kartätschen kam, folgte er dem all—⸗
semeinen Rückzug, um nicht abgeschnitten zu werden.
Das 1. bayerische Regiment saß der 2. Kompagnie der
OAer dicht auf den Hacken. Vergeblich verschanzte sich der
Iberst Trepillon abermals hinter den Mauern der Fabriken
ind hinter den Wällen der Gasanstalt. Die Gasometer gin—
jen in die Luft, und die preußischen Kanonen rasierten die
stauern der Fabriken und diese selbst weg.
Von seinem Befehlshaber, Oberstleutnant v. Heimleth
mwiderstehlich vorgeführt, gelangte das erste Regiment in
ie Stadt und drang, die Zollbarriere umgehend, bis zum
Narktplatze vor. Die 204er bildeten das Soutien der flie—
enden Franzosen. Bourliers Soldaten verteidigten die
ztraße Schritt für Schritt.
Als sie die Ecke der Rue Chesy erreicht hatten, und sich
ach der Galerie Imperiale wenden wollten, stürmte ihnen
ine Kompagnie bayerischer Jäger entgegen. Bourlier und
ein Leumant Perisser, sowie 20 Mann der Kompagnie wur—
en dadurch vom Regimente abgeschnitten und gerieten in
in Kreuzfeuer. Ersterer wollte sich in die nächstliegenden
säuser werfen, fand aber die Türen fest verschlossen.
„Ergebt Euch!“ rief der Oberstleutnant v. Heimleth dem
einen Häuschen Franzosen zu. Bourlier, der sich auf einen
zorbau des nächststehenden Hauses zurückgezogen, stieß ein
ohngelächter aus und richtete seinen Revolver gegen den
ffizier zu Pferde. Aber ehe er abdrücken konnte, erhielt er
ine Kugel in die Schulter und einen Bajonetthieb über den
chädel, daß er blutüberströmt zu Boden sank.
Als er wieder zu sich kam, lag er mit anderen Schwer⸗
erwundeten auf einem Karren, der im Dorse Bourgneuf
ielt. Man hatte die noch Lebenden in den Straßen von
)rleans aufgelesen und zum Verbinden nach den rückwärts
iegenden Ambulanzen geschickt.
Bourlier war verwundet, gefangen, in der Gewalt des
erhaßten Feindes. Sofort erkannte er die entsetzliche Tas
iche ieiner Lage. Er betaliete üch. Seine Stirn war banda
HOie Briefe, welche Herr Devereux in Sedan an seinen
dlienten Bourlier in Bordeaux geschrieben hatte, waren
ämtlich als unbestellbar znrückgekommen. Dadurch wurde
er Auftrag des Fabrikanten, das Schloß und die Fabrik
ei Bazeilles zu verka⸗fen, hinfällig, da die Unterschrift
es Besitzers nicht zu erhalten war. Auch Desirees Briefe
atten dasselbe Schicksal. Vergeblich waren ihre Nachforsch⸗
ingen durch die Post. Bei Herrn Malvezin war der Vater
ur einmal gewesen und hatte dort Geld deponiert. Damia
erlor sich jede Spur.
Desiree ertrug die Ungewißheit nicht länger. Ihre
zeele lechzte nach Versöhnung mit dem Vater. Hinter
ieser Sehnsucht verschwand alles, was ihr Herz sonst er⸗
üllte; der Geliebte, welcher sich auf dem Wege vollkom—
nener Heilung bei seinen Eltern befand; die Tante, für
ie sie sonst in danlbarer Zuneigung sich gern aufopferte;
er Bruder, um den sie bisher ties und innig geirauert
5*