o Wien nach Bres1au, wo abends eine Landung
eabsichtigt und vorbereitet wird. Ven Breslau aus er—
olgt die Weiterfahrt am 12. Juni maraens nach Dres—
e'n. Von Wien bis Dresden führt Graf Zeprelin das
ruftschiff, hier übergibt er es dem Ober nen eur Dürr,
beil der König von Sachsen den Grafen ins Schloß ge—
aden und Graf Zeppelin die Eintadung angenemnen
at. Die Abiahrt des Lufftschifses ersolgt jedenfalls, be—
or Graf Zeppelin Dresden verlassen hat, also noch wäh—
end er Gast des Königs ist. Von Dresden aus soll es
im Morgen des 13. Juni weitergehen in einem Flug
iach Friedrichshafen. Ueber den Weg, den das Lustichisj
iehinen wird, sind nur Pläne gemacht, die wohl jedes
tartkte Unwetter ändern kann. Möglichst soll nach Wien
»er gerade Luftweg eingeschlagen werden; dann wäre
nöglich, daß München überssogen wird. Ter Flug von
Vien nach Brünn zur deutschen Grenze über Schlesien nach
zreslau und von dort in geradem Wege nach Dresden
ürfte nicht geändert werden: Dresden-Chemnite-Psauen
»ürfte auch nicht geändert werden, dann aber ist mög—
ich, daß das Luftschiff in geradem Wege die Strecke Re—
ensburg nimmt, weil in dieser Gegend noch kern Irp⸗
zelin“⸗Luftschiff war und möglichst Gegenden berührt wer—
en sollen, denen ein Luftichefs etwas ganz neues ist. Aus⸗
chlaggebend werden aber immer die Wetterverhältnisse mit
ein.
*Neue WriahtApparate. Die Wright-Gedell—
chaft teilt mit, daß zurzeit auf dem Fluaplatz in Johan—
uüsthal unter Leitung der Lehrer, Korvettenkapitän En—
zelhard, der Oberingenieure Mente und Keidel, 12 Schiü—
er üben. Das Honorar für den Uuterricht veträgt 1209
Mark für Käufer, wofür die Gesellschaft sich verpflichtet,
em Schüler Gelegenheit zu geben, wenigstens acht Flüge
nder Begleitung eines ihrer Lehrer auf ihren eigenen
Maschinen auszuführen. Die Wright-Maschine wird jetzt
nit Rädern und Stabilisierungsflächen geliefert. Man
ann bereits mit 30 bis 40 Meier Anlauf aufsteigen und
ei einem Wind von 6 Meter noch Flüge mit Passagieren
Ausfübhren.
*Verunglückter Aviatiker. An der Straße
ach St. Malo verunglückte der Aviatiser Eduard Sir,
der auf einem selbst erbauten, von einem Automobil ge—
ogenen Drachen-Apparat Gleitflüge ausführte. Der Ap⸗
»arat kippte um und begrub den Avpiatiker unter sich. Er
rlitt so schwere Verletzungen, daß er im Spital nach we—
rugen Stunden starb.
Die Prinz Heinrich⸗Fahrt.
Bei großer Hitze wurde die Strecke Nürnberg-Straß
zurg von den Prinz Heinrich-Fahrern zurückgelegt. Der
VWagen Nr. 99 ist in der Nähe von Griesbach vollständig
berbrannt. Der Wagen NAr. 19 erlitt Defekt. Um 7 Uhr
Abends waren 96 Wagen am Ziel angelangt. Prinz Hein
rich kam um 5 Uhr. Er nahm beim Statthalter Woh—
nung.
Wer erste Wagen der Prinz Heinrich-Fahrt, Nr. 45
»in Daimlerwagen, mit Ingenieur Bahlsen, ist um
12 Ubr 15 Minuten als erster in Metz angekommen.
*
Ein schwerer Unglinckssfall. Dienstag vormittag 10
ihr ereignete sich in Ober-⸗Enzen- (Elsaß) bei der Durch—
uhrt der Prinz Heinrich-Tour ein beklagenswerter Un
rücksfall. Gegenüber der großen Tribüne des Autoklubs
Colmar“ sprang vom Wagen Nr. 57 (Franz Heine in
dannover) ein Gummireifen ab. Der Fahrer verlor die
tencrung und fuhr mit voller Wucht gegen einen Baum.
der Wagen wurde vollständig zertrümmert. Zwei
Insassen sind tot und der dritte schwer
»erlhetzt. Auch ein Zuschauer wurde durch umherflie—
sende Trimmerstücke schwer verlettzt. Das Rennen
st —o *715äufingn eingestel“?“
Der Friede im Baugewerbe.
Der Beschluß der Arbeitgeber.
Der deutsche Arbbeitgeberbund für das Bau
zewerbe nahm nach einer Meldung aus Leipzig ein—
timmig die Vorschläge der Unvarteiischen-Kommission
115
Der Beschluß der Arbeiter.
Die Bauarbeiter haben in Berlin auf ihrem
ßerbandsstag die Einigungsvorschläge der drei
Zchiedsrichter als ein wesentliches Entgegenkommen ge—
zenüber, den Forderungen der Arbeiter angenom—
nenn, und zwar stimmten bei den Bauhilfsarbeitern 1014
dafür und einer dagegen, bei den Maurern 247 dafür und
7 dagegen, bei den Zimmerleuten 106 dafür und 103
zegen die Einigungsvorschläge. Als das Resultat ver—
kündet wurde. wurde es mit Beifall aufigenommen.
Zur Kretafrage.
Der Vorsitzende der Schiffsauslader in Kawale, Khe—
im Age, der seinerzeit den Boykott gegen Oesterreich
nszenierte, hat telegraphisch sümtliche Schiffsauslader-Kor—
porationen zum Boykott gegen die griechisscher
5chiffe aufgesordert.
Aus Rom wird berichtes In hiesigen mafgebenden
kreisen wird versichert, daß die verschiedenen Unierredun—
zen, welche der König von Griechenland mit dem Rönig
»on Italien hatte, bezweckten, eine neue internationale
kdonserenz über die Kretasrage einzuberusen.
Nachdem England dem uirsprüngktich allgemeinen
Plan entgegen, der die endgültige Regelung der
dretafrage verschiebt, zunächst lediglich die Zulassungç
muselmanischer Abgeordneter ohne Vereidigung anstrebt,
will Frankreiscch zwar aus europäischer Solidaritäl
und zur Vermeidung des Anscheines, als sei es gekränk
iber die Ablehnung des französischen Gesichtspunktes, vor—
erst weiter mitarbeiten, jedoch verhehlt man sich in einge—
veihten Kreisen nicht, daß man den eingeschlagenen Weg
für aussichtslos hält. Man rechnet mit der Möglichteit,
da große persönliche Interessen Frankreichs nicht in Frage
tehen, sich zurückzuziehen.
Vochsstum der Bevölkerung und Zunahme der
Selbstmorde.
Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, das nan
ald zu Ende geht, hat die Bevölkerung des Deutschen
teiches von rund 56 auf 64 Millionen gesteigert, d. h.
m ein Achtel oder 126 Prozent. Die weibliche Bevöl—
zrung überwiegt dabei die männliche; bei der letzten
zolkszählung 1900 war das Verhälinis 30,7 zu 29,88
stillionen. Das Verhältnis der städtischen zur ländlichen
zevölkerung hat sich seit der Begründung des neuen Deut—
hen Kaiserreiches, in dem Zeitraum, der unser Vaier—
and aus einem Agrarstant zu einem Industriestaat ge—
nacht hat, ganz verschoben. Standen 1871 den 1479
Nillionen staͤdtischer Bewohner noch 26,22 Milltonen läand—
icher gegenüber, so hatten sich jene bis 1905 um 20 Mil—
ionen vermehrt, diese um 400 000 vermindert, so daß die
Zahlen damals 34,82 und 25,82 Mitlionen lauteten, und
vie Abwendung vom Lande dürfte in den letzten 5 Jah—
en kaum abgenommen haben. Die Abkehr von der Land—
virtschaft — ihre Gründe bleiben hier außer acht — und
iie Verstärkung der Gewerbe, das Anwachsen der Groß—
—
ier starken Nervenanspannung, zu einer größeren Unrast
es Lebens beitragen müssen; man klagt über das
zchwinden der Gemütlichkeit und nennt die Nervosität ein
dennzeichen unserer Zeit. Findet die Verstärkung der Ner—
osität nun auch einen Niederschlag in der Vermehrung
er aufregendsten Auslösung dieses psychischen Phüno—
nens, des Selbstmordes? Das kleine statistische, nach
20o0 GSuchnrton aThabetisch geornoo h,nsueb d8
——
er wissen-chaftliche Hilfsarbeiter am statistischen Amt vor
harlottenburg Dr. E. Simon in diesem Frühjahr ver—
ffentlicht hat und dem uniere Augaben entnommen sind
ibt in dem Jahrzehnt von 1598-1907 folgende Zahlen
nännlicher Selbsinnorre au: 85514: 81469; 59873 9449;
763; 10017: 3701: 6013: 9573: 913; während in der—
eiben Zeit bei Franen die Zeibssmorde, bei denen sich
nich mit einieen ZThrantinfen eine Vermeßenng zeigt,
ucht ganz ein Tristtel der anpeführten Zaßsen ergeben.
ach Prozenten berechnet, kamen in den Jahren 1902 bis
908 in Orien mit 15 000 und mehr Einwohnern auf
0000 Personen 2,5 bezw. 2,7 Seitbstmorde vor, d. h.
ie Zahl der Selbstmorde mehrt siech nicht in einem stär—
eren Maße als die Bevölkerung; es liegt also kein Grund
u Befferchtungen vor, ganz abgesehen davon, daß man
atürlich nicht alle Selbstmorde auf Rechneena einer durch
de Lebensart hervorgeruisenen Nervosität seßen dari.
Kunst und Wissenschaft.
J Komponist Robert Schumann. Am 8. Juni 1810
sat der berühmie Komponist Robert Schumann in Zwickar
n Sachsen das Licht der Welt erblickt. Schon in seinen
1. Lebensjahre komponmerte er Chor- und Orchester—
verke. Schumann darf neben Mendelssohn mit Recht als
Robert
er vornehmste Repräsentant der in der 30er Jahren von
er deutschen Musik eingeschlagenen romantischen Richtung
zjelten. Schumann ist im Jahre 1856 in Eudenich bes
zonn gestorben.
I Christine Hebbel. Die Witwe des bekannten Dich
»exrs Friedrich Hebbel, Cheristine Hebbel, lbieg
chr is ti ne· AEbt
m Sterben und verweigert jede Nahrungsausnaymo,
zie ist die Burg-Schauspielerin Christine Enghaus und
eit 1846 mit Hebbel in Wien verbheiratet —
Lokales und Vermischtes.
Dudweiler, den 8. Juni.
Preise. Bei dem 1. Bezirks-Turn- und Spieltag in
eiligenwald (am vergangenen Sonntag) erhielten bei der
eranstalteten Wettspielen Preise: 2. Rudolf Haldy, T.V.
ägersfreude; 3. Peter Dittlinger, T.— und Sp.-«C. Herren—
ohr; 5. Johyann Schäfer, Herrensohr; 7. Karl Sesterhenn,
errensohr; . Emil Kronenberger, Allgem. T.«VB. Dud—
neiler; 10. Johann Lösch, Herrensohr; 11. Karl Haldy,
zägersfreude; 13. Ludwig Gottschall, Jägersfreude; 14.
deinhold Pitz und Otto Grimm, Allg. T.«W. Dudweiler:
5. Ludwig Reinewald, Turnerbund Dudweiler. Beim
Faustballspiel-Spiel siegte der Allg. T.«V. Dudweiler gegen
en T.«V. Sulzbach (je 1. Mannschaft); 2. Mannschaf!
Allg. T.e»B. Dudweiler gegen T.« und Spielelub Herren—
o»hr; 2. Mannschaft 5-MSulzbach gegen T-NJägerseude.
Bl. Die Hitze und die Arbeitstiere. Der Umstand,
»aß in der heißen Jahreszeit täglich Zugtiere an Hitzschlag
rkranken oder gar verenden, sollte dringend zur Mahnung
dienen, daß den Tieren eine erhöhte Fürsorge zu teil werde.
VLor allem sollte der brennende Durst der Tiere gestillt
verden. Eine Erkältung ist ausgeschlossen, sobald sie in
Bewegung bleiben. Man sollte also Pferde und Zughunde,
o oft sich unterwegs Gelegenheit bietet, mit kleiner Wasser—
gabe tränken; daß man Tiere am Rastorte mögtichst aus
der Schaktenseite halten läßt, ist ebenfalls notwendig.
Für Fuhrleute dürfte folgender Fall von Interesse
ein, der am Mnuntag das Saarbrücher Schöffengericht be—
chäftigte. Der Fuhrmann H. R. wurde überführt, am 9
März auf der St. Johannerstraße mit einem großen, schwer
eladenen Wagen den Transport der Straßenbahn fahr—
ässig gefährdet zZu haben. R. inachte wit dem großen
WPagen noch Wendungen über das Gleis, als die Straßen—
»ahn schon ganz in seiner Nähe war. Er hat dieses Ver—
ahren mit 6 Tagen Gefängnis zu büßen.
Eingesandt. Ein Kurzschrift-Kursus nach dem System
Stolze-Schrey“ beginnt am Mittwoch den 22. Juni im
Lereinslokale des „Stenographentlubs Stolze-Schrey“.
Reute abend beginnt der Fortbildungsunterricht für die
Mitglieder des Klub und wird um vollzähliges Erscheinen
sebeten. Auf die Anzeige in dieser Nummer wird ganz
esonders aufmerksam gemacht.
Personalnachrichten. Die Baufteiger Rudolf Wenning
eziw. Adolf Sawatzky sind vom 1. Juli ds. Is. vom Berg—
verk Gerhard bezw. von der Bergwerksdirektion nach den
Zergwerken Camphausen bezw. Sulzbach versetzt worden
— Der Bausteiger Karl Ullrich des Bergwerks Sulzbach
vird vom 1. Juli JD J b nach dern Berawerk Gerhard
Hecsetzt.
Ueberfall. Der Bergmann Sp. aus Dudweiler zechte
m ZJahltage in einer Wirtschaft in Sulzbach. Beinm Nach—
ausegehen spät abends wurde er auf der Sulzbacher
traße überfallen und seiner Barschaft beraubt. Man ist
en Tätern auf der Spur. Eine Verhaftung hat bereits
attgesunden.
Die Einlssung der Lose zur 1. Klasse der 223. Preuß.
lassenlotterie muß in der Zeit vom 8. bis 21. Juni er—
Aa WMea esolarann GBriß 6464 444 8 244
zur Auszahlung. Die Einlösung der Lose hat fortan am
etzten Erneuerungstage einer jeden Klasse bei dem zustän
igen Einnehmer wieder bis 6 Uhr abends zu erfolgen
Der 8 Uhr-Bureauschluß ain lekten Erneuerungstage i'
aufgehoben worden.
Vom Wetter. Die außerordentlich hohe Temperam.
der letzten Tage hat in zahlreichen Gegenden Mittel-Euro—
pas Gewiiter ausgelöst, die großen Schaden angerichie
yaben. Auch eine Anzahl Mienschenleben sind durch Blitz
chlag verloren gegangen. So treffen von der Mosel, ver
Zaar und aus der Eisfel Mieldungen über strichweise nie—
ergegangene Unwetter ein, die vielfach enormen Schaden
nriüͤchteten. In Wiesbaden und Umgegend hat das Un—
wetter kolossalen Schaden angerichtet. Eine Frau wurde
zom Blitz erschlagen, ein Arbeiter schwer verletzt. — In
der Nähe von Rönigsberg wurden zwei Hirten und ein—
AUrbeiterfrau vom Blitze erschlagen und mehrere Personen
chwer verletzt. Auch viel Vieh ist auf den Feldern durch
ßHlitzschlag getötet worden, eine ganze Anzahl Häujer unt
Scheunen wurden vom Blitz in Braud gesteckt. Im Waadt
land wurde ein großer Teil der Weintutturen durch Un.
wetter vernichtet. Ter Schaden ist enorm.
Schlagfertige Geister. Schlagfertigkeit ist die Sensa—
ion des Geistes. Sie ist der Beweis für ein bewegliches
Denken. Schlagfertigkeit ist die laut gewordene Gegenwarf
des Geistes, die in Worte umgesetzte tätige Gedankenarbeit
Schlagfertigkeit wirkt auf den Menschen erheiternd, aussöh—
nend, man kennt Beispiele, die imstande gewesen sind, Men—
chenleben, die dem Tode schon geweiht waren, zu erretten
Man weiß zu berichten, daß eine schlagfertig gegebene Ant—
vort die betlemmende Stille einer ungewohnten und unan—
jenehmer Situation rettend unterbrechen konnte. In den
chlagfertigen Menschen erblickt man gute Gesellschafter,
vitzige Köpfe, und ein Teil der deutschen Literatur hat es
ich zur Aufgabe gemacht, Ueberlieferungen der Nachwell
zu erhalten, Aussprüche bedeutender Menschen späteren
nitzuteilen. Nun ist diese in Worte umgesetzte Geistesge—
genwart nicht immer das Aktribut eines besonders geschul—
en Denkens. Man braucht nicht viel gelernt zu haben
und kann doch recht schlagfertig sein. Man braucht in sei—
iein Hirn nichts von dem Geiste vergangener Jahrhunderte
aufgespeichert zu haben und kann doch die rechte Antwort
m rechten Augenblick geben. Es ist das Wesen der Schlag—
ertigkeit, die Lachlust der anderen zu erregen, ohne dabe'
derleßend zu wirken. Schlagfertigkeit ist nicht zu verwech
seln mit Bosheit, mit satirischer Schärfe. Sie ist nicht der
Witz um den Preis eines Witzes, sie ist die rechte Antwort
in den Grenzen des feinsten Taktes. Es sind uns aus
den Memoiren der Großen Schlagfertigkeiten überliefert,
die geistvoll genug waren, um ihre Wirkung noch nach
Jahren auszuüben. — Eines Tages kam Grimm zu Goethe.
von dem Wunsche beseelt, den Meister persönlich kenner
zu lernen. Goethe, der den Besuchern seiner Zeitgenosser
nicht immer liebenswürdig gegenüber stand, wandte sich an
den Märchendichter und fragte mit der übertriebenen
Freundlichkeit, die andeuten soll, daß man sich belästigt
ühlt: „Was steht in ihren Wünschen, Herr Grimm?“
Singeschüchtert stammelte Grimm: „Ich wollte Ew. Ex—
zellenz gern einnal sehen.“ Darauf, ohne ein Wort zu—
entgegnen, drehte Goethe sich im Kreise langsam und feier—
lich um, heftete seine Augen auf Grimm und sagte: „Ist
die Schaustellung beendet?“ „Gewiß“, entgegnete Grimn
und blieb auf dem Platze stehen. „Ich wollte mir abe'
noch die Frage erlauben, was ich für die Besichtigung zr
zahlen habe?“ Göthe mußte herzlich lachen, wie er selbst sagte,
o herzlich wie seit langem nicht, und die Unterhaltung, die
siich daraus ergab, war angeregt und lebhaft. Friedrich
Schlegel liebte es, seinen Spott über eitle Menschen aus—
zugießen. Er verkehrte viel mit dem Syndikus Grieß
einen hübschen aber eitlen Menschen, der auf seine bekannt«
Schönheit nicht wenig eingebildet war. Grieß hatte das
Unglück, von einem ungefährlichen aber hartnäckigen Aus—
chlage befallen zu werden, der ihn hinderte, sich den Men—
chen zu zeigen. Schlegel, der wußte, daß die Eitelkeit des
Mannes ihm mehr Schmerz verursachte, als sein Leiden
»esuchte ihn eines Tages, ging an dem Diener vorüber ir
das Krankenzimmer und rief boshaft lächelnd aus: „Wes—
salb entziehen Sie Ihren Anblick unseren Augen, Her—
hryndikus Sieß?“ „Oh, Sie sehe ich immer gern, Her
Schriedrich Flegel“, war die Antwort des Kranken.
Schwerer ist es natürlich, seine Geistesgegenwart und
5chlagfertigkeit in schweren Lebenslagen zu behaupten.
zalzae erwachte eines Nachts von einem sonderbaren
ßeräusch, das ihn auf die Vermutung brachte, Einbrecher
nüßten in seineer Wohnung einen Besuch abhalten. Er
etzte sich im Bette auf, und es hoben sich dunkle Gestalten
ie sich an seinem Schreibtisch zu schaffen machten, während
wei Männer mit geladenen Revolvern sein Bett bewachten.
Lergnügt rieb der Dichter sich die Hände und lachend
ies er aus: „Wie amüsant, meine Herren, ich sehe, Sie
ind im Begriff, in einer Schublade Geld und Wertsachen
zu suchen, in der ich seit mehr als zehn Jahren vergeblick
bemüht bin, derartige Kostbarkeiten zu finden.“ Schleunigsi
ergriffen die Diebe die Flucht. Balzac konnte eine Nacht
ruhig zu Ende schlafen, die ihn das Leben hätten kosten
können. Die großen Geister der Geschichte besaßen nahe
zu alle ein ausgeprägtes Gefühl für die Schlagfertigkeit,
ind Napoleon war ein besonderer Verehrer schlagfertiger
Menschen. Er hatte in seinem Regiment einen jungen
Adiutanten, von dessen Geistesgegenwart er noch nicht
iberzeugt war, und den er daher wie alle Menschen, von
denen er nichts hielt, schlecht behandelte. „Wo ist Napolcon“
fragte dieser Adjudant, als er einen eiligen Auftrag für
den berühmten Feldherrn hatte. Napoleon stand hinte:
inem Zelt und hörte die Froge. „Wenigstens könnter
Sie doch „Monsieur“ vor meinem Namen setzen“, sagt
der Feldherr und nahm dem Adjutanten den Auftrag ab
„Ew. Exzellenz werden verzeihen, ich habe aber niemal—
Monsieur Cäsar oder Monsieur Alexander sagen hören“
var die schlagfertige Antwort, die Napoleon darauf auf—
nerksam machte, daß der Geist des jungen Menschen seinen
Anforderungen gewiß genügen könnte. Und wirklich, er
erwies sich als tüchtiger und geistesgegenwärtiger Soldat
Auch seine Gemahlin, die reizende Josefine Beauharnais
vurde durch Schlagfertigkeit entwaffnet. Sie war eine
Verehrerin alles Schönen und wollte in ihrer Umgebung
cine häßlichen Menschen sehen. Als eine Hofdame nach
ängerer Krankheit entstellt durch das Leiden wieder in den
Dienst der Kaiserin trat, fragte sie: „Seit wann, meine
Liebe, haben Sie das Schloß der Schönheit verlassen?“
Die Hofdame fühlte, daß durch diese Worte ihre Entfernung
aus der Umgebung der Kaiserin besiegelt war, und sie
entgegnete zagend, aber doch schlagfertig: „Seitdem Ew.
Majestät von dem Throne der Liebenswürdigkeit herun—
tergestiegen sind“ Die Kaiserin nahm die arme Enntstellte
in ihre Arme, küßte sie und saate: „Ihr Geist kann mich
mit vielem aussöhnen.“
Schont die Saatfelder! Wer zurzeit eine Wanderung
durch die Felder unternimmit, blickt mit Wohlgefallen auf
die üppigen Saaten, die inedie Ahren schießen, um das
wertvolle Brotkorn zu zeitigen. Leider macht man vielfach
die bedauerliche Wahrnehmung, daß bei den Grundstücken
die an Fußwege grenzen, die Saaten vielfach zertreten sind
örmliche Pfade sühren in die Acker. Vielleicht sind e
nutwillige Kinderspuren üder die Fußtapfen von Blumen
JFavuser o dvesy Roru vy—, Varrsopor NMio 133 X56æ
felde ihr Mittagschläfchen halten oder ihr Nachtquartiern
aufschlagen. In allen Fällen ist es eine Rüeksichtslosigkei
gegen den Landmann, dessen Hoffnungen durch derartig
Verwüstungen zum Teil vernichtet werden. Darum bitter
wir: Schonet die Saaten!
Vorsicht beim Durstlöschen. Alljährlich treten in
den warmen Jahreszeiten auch bei Erwachsenen heftig—
und bisweilen langwierige Magen- und Darmstörungen auf
Nach den Beobachtungen der Arzte sind diese Störunge
nicht selten auf den Genuß eiskalter Getränke, namentlick
auch der aus den Straßen feilgehaltenen und eiskalt ver
abfolgten Mineralwasser, Sodawasser und dergleichen zu
rückzuführen. Zur Vermeidung ernster Gesundheitsstörunger
st also hier Vorsicht geboteu. Insbesondere sollen derartig
alte Flüssigkeiten niemals in größeren Mengen auf ein—
nal, sondern nur langsam schluckweise getrunken werden
Auf diese Weise wird auch der Zweck, den Durst zu löschen
besser und nachhaltiger erreicht.
Belohnungen. Die in letzter Zeit häufig vorgekonn
ienen Fälle von Bahnfreveln, bei denen die Täter uner—
nnt blieben, haben dem Minister Anlaß gegeben, die Ei—
enbahndirektionen darauf hinzuweisen, daß die von ihnen
ür die Ermittelung der Urheber solcher Bahnfrevel aus—
zesetzten Belohnungen oft zu gering gewesen sind, um den
eabsichtigten Zweck zu erreichen. Kunftig soll für die Er—
nittelung und Anzeige der Urheber von Freveln, durch die
»ie Sicherheit des Bahnbetriebes gefährdet wird, eine Be—
lohnung von nicht unter 300 Mark, in schweren Fällen
von mindestens 500 Mark ausgesetzt werden. Wird durck
den Frevel ein Unfall herbeigeführt, so sind die Königl
Eisenbahndirektionen ermächtigt worden, die Belohnunger
auf 1000 Mark zu bemessen. Wenn es im Einzelfall
weckmäßig erscheint, über diesen Betrag hinaus zu gehen.
so ist dazu die Genehmigung des Ministers einzuholen. —
Weitere hat der Minister bestimmt, daß den im Arbeits—
verhältnis bei der Eisenbahnverwaltung beschäftigten Kriegs—
veteranen zur Teilnahme an Jubelfeiern von Regimentern
in deren Verbande sie einen Feldzug mitgemacht haben
Urlaub mit freier Fahrt unter Fortzahlung des Lohnes
bewilligt werden darf
Wiedereinführung des Ankunftsstempels? Bekannt—
lich hatte das Reichspostamt sich bisher den Wünschen
nach durchgänziger Wiedereinführung des Ankunftsstempels
wenig geneigt gezeigt, weil es die dafür erforderliche Mehr—
arbeit für zu groß hielt. Wie nun eine Berliner Korre
spond. erfährt, hat ein Postmeister einen Apparat konstru—
iert, der am Finger befestigt werden kann, und es der
Beamten ermöglicht, ohne irgendwie erhebliche Mehrarbei
den Ankunftsstempel allen Postsendungen währe d ihrer
Sortierung aufzudrücken. Das Reichspostamt soll nunmehr
dem Wunsche nach Wiedereinführung des Ankunftsstempele
tfreudig gegenüber stehen.
Vereinfachungen beim Militär. Bekanntlich fsin
jüngst von verschiedenen Seiten zwei Vereinfachungen au
militärischem Gebiet angeregt worden: Der Fortfall de
zweiten Kontrollversammlung und die Sereinfachung de
Ersatzgeschäfts durch Zusammenfassung des Musterungs- unt
Aushebungsgeschöfts. Für den evenluellen Fortfall eine
Kontrollversammlung wird zur Zeit durch Umfrage festge.
stellt, ob dieser Fortfall angängig ist, unter welchen Be—
dingungen er eintreten kann, und in welche Zeit die be
stehenbleibende Versanemlung zu legen sei. Was die Ver
einfachung des Ersatzgeschäftes anbetrifft, so liegen die ge—
forderten Berichte in der Zentralstelle zur Sichtung vor
Wie sich die gesamte Aushebung künftig gestalten wird
entzieht sich zur Zeit noch jeglicher genauen Kenntnis. Mar
nimmt aber an, daß vor der endgültigen Einführung ers
eine Erprobung in mehreren Korpsbezirken. vermutlich scho
im nächsten Jahre, stattfinden wird.
Wie bekämpfen wir die Fliegenplage? Ein ein
faches Mittel, um Fliegen zu entfernen, besteht darin, daß
man in den Zimmern alle, auch die oberen, Fenster öffne
und bei gleichfalls geöffneten Türen starke Zugluft entste—
hen läßt. Die Zugluft ist der Fliege unerträglich und
schon nach wenigen Minuten sind die Zimmer fliegenfrei
Was die Fliegenplage in der Speisekammer anbelangt, so
sei darauf hingewiesen, daß alle Insekten blaues Licht nich
vertragen können, Wenn man daher die Fenster der Speise—
kanmer mit blauem Papier beklebt oder aber besser mi
iner blauen Gardine versieht, ist man ganz sicher, weden
Fliege noch Ameise darin zu finden.
Fischbach, 7. Juni. (Eingesandt.) Der nationalliberale
Bezirksberein Fischbach-Camphausen hielt nach langer Ruhe
»ause am vergangenen Sonntag hier eine vorzüglich besuchte
VLersanunlung ab. Herr Berginspektor Christ eröffnete di—
Versammlurg mit einer kurzen Ansprache, in der des ver
torbenen früheren Vorsitzenden, Ortsvorsteher Jung, wie
inderer verstorbener Mitglieder gedachte, zu deren ehrenden
vedenken sich die Anwesenden von ihren Sitzen erhoben
In das von dem Vorsitzenden ausgebrachte Kaiserhoch
stimmte die Versammlung begeistert ein. — Die daraufhin
vorgenommenen Vorstandswahlen ergaben die einmütige
Wiederwahl des alten Vorstandes und die Znwahl mehrere
neuer Herrrn. Sodann beleuchtete der Vorsitzende de—
Kreisvereins, Herr Professor Dr. Herwig aus Saarbrücker
in eingehenden Ausführungen die politische Lage, wie sie
sich durch die Reichsfinanzreform und die preußische Wahl—
rechtsfrage gestaltet hat. Der Redner wies überzeugend
iach, daß das Zentrum sich in beiden Fragen nicht vor
nationalen Gründen hebe leiten lassen, sondern lediglick
»arteipolitischen Erwägungen gefolgt sei. Dank seiner ge
chickten Taktik sei es dem Zentrum gelungen, wieder zu
jerrschenden Partei im Reiche und in Preußen zu werden
Diese Stellung sei vor allem wegen der Kuhhandelspolitik
die es treibe, so gefährlich. Jede Zustimmung des Zentrum—
auf nationalem Gebiet müsse mit kulturellen Zugeständnisser
hezahlt werden. Die nationalliberale Partei werde den
Zentrum gegenüber stets eine scharfe Kampfstellung ein—
nehmen. Ihre energische Haltung bei den großen Frager
im Reiche und in Preußen sei von der gesamten Wähler—
schaft freudig begrüßt worden. Wie die Partei auf wirt
schaftlichem Gebiet den Ausgleich anstrebe, so werde sie auck
den Rückschritt bekämpfen, wo er sich zeige. — In der
Diskussion wandte sich Herr Steiger Mang scharf geger
das Verhalten des Zentrums in nationalen Fragen, inden
er die Stellung des Zentrums zu Bismarck und bei den
Kolonialaufständen beleuchtete, die Verleugnung der Inter
essen des Mittelstandes durch das Zentrum vor allem be—
der Reichsfinanzreform und die Unwahrhaftigkeit des Geschreis
nach einem neuen Kulturkampf nachwies. — Herr Partei—
sekretär Koester aus Saarbrücken beschäftigte sich sodanr
mit der Reichsfinanzreform und widerlegte an Hand der
Tatfachen die unglaublichen Verdrehungen und Verleumdun—
gen, mit denen die ultramontane Presse gegen die national—
liberale Partei arbeite. Dem Zentrum und der neuen
Mehrheit sei es zu danken, wenn unter den 500 Millionen
neuen Steuern nicht eine einzige wirkliche allgemeine Besitz
steuer sich befinde, während die Nationalliberalen auf zwe
berschiedenen Wegen je 200 Millionen Mark geforder
hätten. Wie das Zentrum bei der Reichsfinanzreforn
einen den Wählern gemachten Versprechungen in das Gesich
geschlagen habe, so habe es auch bei der preußischen Wahl
echtsvorlage ein zweideutiges Spiel getrieben. Zum Schlu
mios der Modnor nach daß der andgebliches Vamnf dos Qot