23. Jahrgang.
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Die kretische Nationalversammlung.
Laut dem ojitziellen Sitzungsprotokoll der kretischen
dationalperfamméung erfsolgte die Eröffnung derselben
adurch, daß der kretische Ministerpräsident Skuludis die
olgende Verordnung verlas-: „Im Namen des Königs der
zriechen Georg 1. beschließt und verfügt das Exelutivko—
itee in Berücnsichtigung der Beschlüsse des griechischen
arlamens in Rreta vom 30. September 1908 und 16.
zember 1909 die Verkundung der Eröffnung der Arbei—
der Versenimlung.“ Der Verlesung folgten lebhafte
ationen und Hochrufe der christlichen Abgeordneten und
s den überfüllten Zuschauertribünen auf die Vereinig—
g Kreias min Griechenland und König Georg. Die 16
ohammedanischen Abgeordneten hatten sich vollzählich
gefunden. Sie überreichten dem Parteiführer Micheli—
2, der als Alterspräsident den Vorsitz führte, sofort
folgenden ischriftlichen Protest: „Herr Präsident, wir
erschriebenenen mohammedaͤnischen Bevollmächtigten zur
tten kretischen Parlamentssession haben die Ehre, Ih—
bekannt zu geben, daß wir im Namen des mohamme—
nischen Elements, dessen Repräsentanten wir sind, ge—
die in Uebereinstimmung mit den griechischen Gesetzen
olgte Eröfsnung der Arbeiten der heute zusammengetre—
ien Versammlung protestieren. Wir bitten Sie anzuord⸗
u, daß unser gegenwärtiger Protest zu Protokoll genom⸗
wwird.“ Präsident Michelidakis nahm den Protest
ugegen und schlug sodann vor, daß die Abgeordneten
ren Eid ableisten sollen. Die christlichen Abgeordneten
hwuren hierauf: „Wir schwören im Namen der h. Drei—
ltigkeit, dem Vaterlande und dem verfassungsmäßigen
mige der Griechen Treue zu wahren, Gehorsam der Ver—⸗
sung, den Gesetzen und den Beschlüssen des Staates.“
e stürmischen Hochrufe auf die Union und den König,
e sich nach diesem Eide wiederholten, waren noch nicht
erklungen, als sich die mohammedanischen Abgeordneten
hermals zum Protest dem Präsidentensitze näherten. Als
ner derselben dem Präsidenten ein Schr'fistück entgegen—
ichte und der Prasident die Hand ausstreckte, um es an—
anehmen, sprang der Abg. Daskalojannis hinzu, entriß
em Türken das Schriststück und zerriß es. Wie das of—
zielle Sitzungsprotololl konstatiert, erklärte Präsident Mi—
helidakis sofort, daß diese vereinzelte tadelnswerte Hand—
ung eines Deputierten nicht als Willensausdruck des Par—
aments aufgefaßt werden dürfe, sondern daß die Moham—
nedaner die Freiheit hätten, zu protestieren. Berichte, die
iber die Darstellung des offiziellen Sitzungsprotokolls hin—
msgehen, schildern die Vorgänge erregter. Sie besagen,
aß gleichzeitig mit der Entreißung der Protestschrift durch
askalojannis ein anderen Abgeordneter den Türken fest—
elt und ein Drister ihm den Mund zuh'etlt Jedenfalls
iben die Szenen nur kurze Zeit gedauert. Sobald der
arm und Streit sich etwas gelegat hatte, verkündete der
räsident den Tod von König Edward von England und
hlug vor, daß die Veriammlung zum Zeichen der Trauer
zre Sitzungen für drei Tage unterbreche. Das Parlament
rhob sich in Schweigen von seinen Sitzen, stimmte dem
zräsidenten zu und endete sofort in Ruhe seine Sitzung.
die Protestschrift der Mohammedaner gegen die Eideslei—
ung, die sie dem Parlamentspräsidenten sowie den Kon—
ilaragenten der Schutzmächte übergaben, lautet: „Wir un—
rzeichneten mohammedanischen Bevollmächtigten zur drit—
en kretischen Parlamenissession beehren uns bekannt zu
zeben, daß wir, einzig und allein auf die Hoheitsrechte
es ottomanischen Kaiserreichs über die Insel gestützt und
in keinem andern Vorgange außer der von der ottomanischen
degierung gewährten Autonomie beteiligt, im Namen des
aohammedanischen Elementes, dessen Vertreter wir sind,
jegen den uns entsprechend den griechischen Gesetzen ge—
nachten Vorschlag zur Eidesleistung im Namen des Kö—
tigs protestieren.“ Die beiden vorstehenden Proteste wer—
»en gegenwärtig von den chrüftlichen Deputierten Kretas
ils besonders provokatorisch bezeichnet, sodaß Regierung
ind Parlament berechtigt seien, in Erregung über die
Berletzung ihrer nationalen Gefühle die Zulassung der
MNohammedaner zu weiteren Sitzungen ohne Eidesleistung
u versagen. Der Wortlaut der Proteste hat indessen nichts
Lerletzendes und Provokatorisches an sich. Auch die Be—
sauptung, die Provokation liege darin, daß die Proteste
nmitten des Enthusiasmus der christlichen Deputierten
jberreicht und nicht auf gelegenere und ruhigere Stunde
2
bezeichnet, da die Mächte in dieser Rote den Status quo
anerkennen, wie er zwischen der Türkei und den Mäch—
ten im Jahre 1898 vereinbart wurde. Die Pforte har
die Schutzmächte dahin verständigen lassen, daß sie einer
definitiven Lösung der Kretafrage unter Gewährung einer
weitgehenden Autonomie zustimmen würde.
Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Eine starkbesuchte Vertrauensmännerversammsung der
Fortschrittlichen Volkspartei in Marbach erklärte
inter den gegebenen politischen Verhältnissen die Ausstell—
ing einer eigenen Kandidatur bei der Ersaßwahl im
weiten württembergischen Reichstagswahlklreise iür er—
orderlich.
* Unter zahlreicher Beteiligung von Delegierten aus al—
en Teilen Deutschlands fand unler dem Vorsitze des Groß—
Dmirals von Köster in Berlin die zehnte ordentliche
zauptversammlung des deutschen Flottenvereins statt.
Als Ort der nächsten Hauptversammlung wurde Nürnberg
—A
* Im Zirkus Busch fand eine öffentliche große Ver—
sammlung des Weltbundes der evangelischen
Jungfrauenvereine statt. Als Vertreterin der Kaiserin
var die Hofdame Gräfin von Gersdorff erschienen. Die
Anfsprachen der Delegierten aus aller Herren Länder wech—
elten ab mit Vorträgen des Vereinschors und Gemeinde
ang. Da Tausende keinen Einlaß mehr fanden, wurde
ine zweite Versammlung im nahe gelegenen Dom abge—
jalten.
* Der Abg. Armin soll, nach einer Meldung aus
Berlin erklärt haben, daß die Nationalliberalen
die Wahlrechtsvorlage in der Fassung des preußischen
derrenhauses ablehnen werden.
raurre:ciy.
Der französische Minister des Aeußern, Pichon, er—
lärle vor seiner Abreise nach Paris einegen Vertretern
der englischen Presse folgendes: Ich kann mit großer Ge—
iugtuung als Ergebnis meiner Anwesenheit in England
in der Spitze der französischen Mission und auf Grund
neiner Unterredung mit Mitgliedern der englischen Regie—
rung feststellen, daß unsere Politik und die gegenseitigen
freundschaftlichen Gefühle fortbestehen. Das taditionelle
Prinzip der Monarchie, welches wir in den historischen
Worten zusammenfassen: Le roi est mort, vive le roi, ist
eineswegs mit der republikanischen Demokratie unverein—
dar. Wenn in Frankreich irgend etwas vorhanden ist,
was über den Parteien steht, ist es die Einheit der dip—
lomatishen Aktion, die alle persönsichen Fragen unberück
ichtigt läßt.
* Dem „Temps“ zufolge brachte Minister Pichon aus
London die Gewißheit mit, daß ein friedliches Arrange—
nent der in Persien bestehenden Schwierigkeiten zu er—
warten ist.
Belgien.
* Folgende Wahlrejultate sind bekannt: 40 Katholi—
en, 17 Liberale, 7 Sozialisten. Ministerpräsident Schol—
laert wurde in Loewen wiedergewählt. Die Katholiken
verlieren einen Sitz
Persien.
* Zwischen Deutschland, Großbritaunien und Rußland
chweben in bezug auf Persien seit geraumer Zeit duo
iatische Verhandlungen. Ueber ihren Stand im gegen—
värtigen Augenblick der Oeffentlichkeit Mitteilung zu ma—
hen, wird an zuständiger Stelle nicht für zweckmäßig ge—
alten. Es kann jedoch festgestellt werden, daß die laut
jewordene Annahme, als ob diese Verhandlungen eine
Zuspitzung erfahren hätten, durchaus unzutreffend ist. Un—
zutreffend ist auch die Meldung eines ausländischen Blat—
tes von einem Geheimvertrage, der zwischen Deutschland
ind der Türkei hinsichtlich Persiens abgeschlossen sei; ein
olcher Vertrag besteht nicht. Auch die weitere Behaupting
ausländischer Blätter, daß Deutschland neuerdings in
Zersien politische Ziele verfolge, entspricht nicht den
“zatsachen. Völlig im Einklange mit den früher abgege—
»enen Erklärungen, verfolgt Deutschland in Persien nach
vie vor nur mirtschaftliche Zwecke NMusländische Klagen
Athen, 23. Mai. In diplomatischen Kreisen herrscht
die Meinung vor, daß die durch die Kretafrage geschaffen«
Situation noch nie so ernst war, wie augenblicklich und
die Konstellation für Griechenland die denkbar ungünstigsie
ist. Daneben erhalten sich hartnäckig Gerüchte. daß mar
von der Einberusung der Nationalversammlung absehen
wolle, da sie die Realisierung der großen Anleihe unmög
lich mache. An maßgebender Stelle wird dies jedoch in
Abrede gestellt, Nach Nachrichten aus Pera wurde dor—
der Boykott gegen griechische Waren verkündet
Die Unruhen in Albanien.
Uesküb, 23. Mai. Der Kriegsminister hielt an die
Einwohnerschaft eine Ansprache, in der er Gehorsam ge—
gen die Gesetze und Abgabe der Waffen verlangte. Unter
diesem Eindruck begann sokort die Gewehreinlieferung
lus den umliegenden Ortschaften treffen ununterbrochen
konfiszierte Waffen ein. In Mitrowitza wurde das Stand—
recht verkündet, womit sofort die Einziehung der Waffen
»infetzte. Widerstand wurde bis jetzt nicht geleistet.
Zur Beisetzung König Edwards.
London, 23. Mai. Aus Anlaß der Thronbesteigungç
zes Königs Georg hat die Admiralität beschlossen, allen
Militärpersonen der aktiven Marine, die am 23. Mai Ge—
sängnisstrasen bis zu 3 Monaten Dauer wegen Diszipli—
narvergehen einschließlich Trunkenheit und Fahnenflucht
»erbüßten, den Rest der Strafe zu erlassen.
Paris, 23. Mai. Der Londoner Korrespondent des
„Journal“ erfährt aus bester Quelle, daß Kaiser Wilhelm
ich sehr über die Haltung und die Worte des ranzösi—
tchen Ministers des Aeußern, Pichon, befriedigt geäußert
sabe. — Als Nachtrag zu den Trauerfeierlichkeiten sei er⸗
vähnt, daß außer der Republik Frankreich auch das ver—
chwundene Königstum Frankreich am Sarge Edwards ver—⸗
treten war, allerdings so. daß niemand davon etwas
merkte.
Paris, 23. Mai. Der „Matin“ widmet dem Besuch
des deutschen Kaisers in London einen längeren Artike
und kommentiert besonders kritisch den Eindruck, den der
Besuch des deutschen Kaisers und sein Verhal
ten in London auf das Ausland und namentlich au
Frankreich gemacht hat. Im allgemeinen hat der Besudc
des Kaisers im Auslande und namentlich in »Frankreich
Sympathien hervorgerufen. Dies zeige am bemerkenswer⸗
esten die englische Presse. Die früheren deutsch-fseindlichen
Blätter benutzen alle möglichen Redewendungen, um ihr«
Haltung dem deutschen Kaiser gegenüber möglichst unauf
tällig zu ändern. Der „Matin“ schließt mit den Worten:
Der ritterliche Charakter des Kaisers, sowie die loyale
und versöhnliche Haltung und die freundlichen Worte, mit
denen er den französischen Minister Pichon begrüßt hat
und nicht zum wenigsten der deutlich ausgesprochent
Wunsch der Einheit und der Einigung zwischen den ein
zelnen Völkern, die Anerkennung der Notwendigkeit des
Weltfriedens und des Staatenbundes haben für die Sache
des Friedens und der Annäherung namentlich zwischen
England und Deutschland mehr getan in der kurzen Zeit
als die Diplomatie in langen schwierigen Verhandlungen
hätte tun können.
Paris, 23. Mai. „Echo de Varis“ meldet aus Lon—
don: Unter Vorbehalt wird mitgeteilt, daß der österreichi—
sche Thronfolger, unzufrieden über gewisse programmatisch
Enzelheiten seinen Aufenthalt in London vorzeitig abge
brochen und seine Abreise früher als geplant, angetreier
jabe.
Zur Kretafrage.
Konstantinopel, 23. Mai.
In dem mit der Unterschrift des Abgeordneten Hus.
sein Djahid, des Intimus der Minister Djavid und Ta
laat, veröffentlichten heftigen Artikel des „Tanin“ gegen
ie Politik der kretischen Schutzmächte heißt es am
Zchluß: „Wir Ottomanen können diese Politik nicht län—
gjer ertragen. Die heute zu Uebungen ins Marmarameer
ibgehende Flotte muß direkt nach Kreta gesandt wer—
den, nicht etwa nur in die kretischen Gewässer, nein, in
die Häfen selbst. Sie muß in der Sudabai vor Anker
gehen und den Kretern von dort ein Ultimatum siellen.
WVir können nicht mehr zurück. Wenn die Mächte es wol—
en, sollen sie ein zweites Navarin veranstalten. Unsere
Geduid hat ein Ende.“ — Der heutige Artikel Hussein
Djahids erfährt allgemeine Beachtung. Wenn auch nicht
ingenommen wirb, daß seinen Drohungen wegen der
Besetzung der Sudabai sogleich die Tat folgen wird, gilt
er doch als getreues Barometer der hier herrschenden
Stimmung. In amilichen türkischen Kreisen befürchtet
man auch, daß der in London anwesende König von Grie—
chenland die Gelegenheit zu einer Aussprache wahrnimm
und dem König aus den Kreisen seiner hohen Verwand
ten einflußreiche Fürsprecher zur Seite stehen könnten. Es
ist möglich, daß die scharfe Auslassung des „Tanin“ unten
diejem Gesichtswinkel zu beurteilen ist.
Die Pforte teilt der Regierung in Athen mit, daß si
die Teilnahme von kretischen Deputierten an der griechi
schen Nationalversammlung als Neutralitätsbruch Grie
henlands auffassen und die Türkei sich für diesen Fall al
angegriffen betrachten müsse.
Die neueste der Pforte von den Schutzmächten zuge—
gaandene Note wird in Renriorunae2froisen aAlge hefriedidenf
Das Bild des. Toten.
ewegungen des Zuges yatten die Scheiben geklirrt: Nicht⸗
var natürlicher, zum Kuckuck auch! Einen Augenblick darauf
viederholte sich das Geräusch, ein scharfer, bestimmter, ner⸗
nöser Ton, der von jemand herzurühren schien, der es eilig
at. Ich öffnete die Augen und setzte mich aufrecht: Dort,
imn Dunkel der Nacht, stand jemand hinter dem Fenster und
eobachtete mich. Ich anterschied ein bleiches, unbewegliches
zesficht und zwei Augen, die mich ansahen. Ich sprang auf,
ilte zum Fenster hin und öffnete es, — es war niemand
cal In diesem Augenblicke fuhr der Zug gerade in den
chwarzen Schlund eines Tunnels.
„Halluzination!“ sagte ich noch zu mir selbst uund stieß
ie am Boden liegende Broschüre, die offenbar meine Phan—⸗
asie erregt hatte, mit dem Fuße von mir. — „Halluzina⸗
ionen eines Mannes, der in einer müssigen Stunde abge⸗
chmadtes Zeug gelesen hat.“ Ich tat mir Gewalt an, lehnte
mich wieder in die Polster zurück und schloß die Augen:
Ich wollte unter allen Umständen wieder einschlafen.“
„Ich hörte das donnernde Geräusch des Zuges, der un⸗
ter den mächtigen Gewölben der Gallerie dahinbrauste, und
die Durchfahrt schien mir eine Ewigkeit zu dauern. Ein un⸗
seimliches, drückendes Gefühl wollte mir den Atem beneh—
nen. Doch die Schlafsucht übermannte mich und ich hatte
nicht die Kraft, mich zu rühren und mich diesem Alp zu ent—
ziehen. Noch einen Momen? — und ich wäre tief eingeschla—
ien gewesen. ...“
Träumend fuhr ich mit der Hand über die Stirn, um
den bleiernen Schlaf zu verscheuchen. Seltsam, — meine
dand war kalt wie Eis! Ganz instinktiv wollte ich nun die
indere Hand auch bewegen, um zu sehen, ob auch diese
dasselbe Gefühl der Kälte auf meiner Haut errege. Meine
beiden Hände berührten sich und ich fübhlte. dak beide aanz
warm waren!“
„Ich zitterte... .. Diese eisige Hand, die mir über
die Stirn gefahren war, war die Hand eines andern, war
nicht die meinige! Ich unterdrückte einen Schrei und sprang
auf. Füpr einen Augenblick sah ich im Halbdunkel des Wag—
gons einen Mann vor mir. Er stand da mit ausgebreiteten
Armen, gerade als wollte er jemand vor einer Gefahr schüt—
„en, und sein bleiches Gesicht war mir zugewandt. Auf der
Stirn, die von einer Eisenbahnermütze halb bedeckt war,
zog eine gerade, tiefe Falte, wie eine Narbe, ihre Furche,
die aussah, als ob sie blute. Die farblosen Lippen des
Mannes bewegten sich, und der bleiche Mund murmelie et—
vas. Ja, ich verstand, daß er, ohne daß ein vernehmbarer
Ton von seinen Lippen kam, klar und dentlich aber schnell
agte: „Ein rotes Licht!“
„Ein Augenblick — ein blitzähnlicher Moment! Dann
yraußn ich mit sinem Mnastschrei. von ⸗ine unbeßeobor—
und unbegreiflichen Gewalt getrieben, durch das Kupee, in
dem sich außer mir niemand mehr befand, riß die Wagentü
auf und stürzte mich blindlings, ohne zu überlegen, hinaus
Als ich nach einigen Minuten meiner Sinne wieder mäch—
lig wurde, lag ich umversehrt im Grase, gerade vor der
Ausgangsöfsfnung des Tunnels.“
„Aber welch ein fürchterliches Schauspiel sah ich jetzt,
200 Schritte weiter! Der „1442 b“ wapv mit einem aus der
entgegengesetzten Richtung kommenden Zuge zusammenge—
stoßen, und die Waggons der beiden Trains bildeten nun—
mehr einen gewaltigen Trümmerhaufen, aus dem die heprz—
jerreißenden Hilseruse der perstümmelten —X
)rangen.“
Eine der größten Eisenbahnkatastrophen, die dem 24.
Mai und dem Zuge .1442 b“ eine traurige Berühmibeit ver—
schafft hat, hatte sich ereignet. Ich war dabei und nud wie
durch ein Wunder davongekommen.“
„Als einer der ersien brachte ich die Kunde davon in den
nächfien Ort. Dort angekommen, siel ich plötzlich ohnmüch
tig in die Arme der Umstehenden. Ein starkes Fieber packte
nich und ich lag 4 Tage in wilden Phantasien.“
Kaum geheilt, wollte ich nach Neapel. Ich packte meine
ijeben Sachen und zog dann meine Brieftasche hervor, um
meine Rechnung beim Wirte zu begleichen. Alles war in
Ordnung — — — nur das Bild des Toten war isort“
—ñ— — —
.. Buntes Allerlei 8
5 o1*
—— un es A — 8
Im Mai soll man nicht heiraten. Warum nicht?
Ich weiß es nicht, aber unsere Vorfahren sagten es; sie
halten den Grundsatz:
Es ist noch (weder) Witwen, noch Jungfern gul
freien
Im Maien,; denn es pflegt sie bald zu gereuen.
Und nun gaben sie auch einen Grund für diese Regel an
Sie leben selten lang; auch ist das Sprichwort wahr:
Was in dem Maien freiet, ist nicht der besten Haar
(Art).
Die guten Vorfahren konnten sich bei dieser Regel auf
die Römer berufen, denn in den Fastis 5, 487 - 490 sagt
uuch schon Ovbid vom Mai fast wörtlich dasselbe und
nerkwürdig, schon Ovid führt es als ein Sprichwort im
Munde des Volkes an, indem er zugleich einige Verse
kurz vorher bemerkt, daß um diese Zeit die düstern Nacht⸗
geister (Lemures) herumschwärmen, denen man sonst die
Tempel verschlossen habe.
Die Ehe ist das Ziel, welchem alle Jungfrauen ent⸗
gegen steuern. Daß viele es nicht erreichen, ist nur ihre
eigene Schuld, denn beim ersten Freier brauchen sie ge⸗
wöhnlich zu — viel Vorsicht, beim zweiten haben sie ihre
— eigene Ansicht, beim dritten nehmen sie — keine Rück
sicht, beim vierten haben sie — keine Einsicht, da schließ!
sich auf einmal die — Aussicht und es bleibt ihnen nichts
— als die leere Uebersicht. 42
Das hänsliche Leben bei den Tscherkessen regel
sich nach auffallend strengen Gesetzen. Die gewöhnlichsten
Zärtl ichkeiten der Eheleute: ein Kuß, ein Händedruck und
dergleichen finden nie in Gegenwart anderer — selbst nicht
der nächsten Verwandten statt. Es gilt einem Manne
schon als Beleidigung, wenn man sich bei ihm nach dem
Befinden seiner Frau oder Töchter erkundigt. Selbst
weibliche Verwandte der Frau würden solche Fragen nie
in Gegenwart von Fremden tun. Der Mann darf weder
teilnehmen an den Gesellschaften, welche die Frau em—
pfängt, noch die Frau an denen des Mannes. Von der
nach dem Koran erlaubten Scheidung wird nur äüußerh
elten Gehtaub gemach ——— —
Schluß.
‚Und hast Du den Leuten das Porträt dann zugeschickt?“
Guido Rambaldi lächelte melancholisch und fuhr fort:
Ich stellte die sorgfältigsten Nachforschungen an; ich
chrieb an alle meine Bekannte, die ich in Sardinien hatte;
ch wandte mich an die Unterpräfekten und an die Dorf—
hulzen: Ich konnte keine Nachricht über den unglücklichen
dossu erhalten. Endlich bekam ich von dem Bürgermeister
eines Wohnortes — eines wilden, zwischen Felsen verlore⸗
jen Nestes — einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß
dossu niemand hinterlassen habe. Niemand beweinte ihm
Iso, niemand interessierte sich für ihn. Der einzige, der weh⸗
nütig des Toten gedachte, war ich. Ich behielt infolgedessen
zas fertige Bild und hob es in meiner Brieftasche wie ein
rauriges Andenken, wie ein Heiligtum auf.“
„Es verging ein Jahr.“ Hier wurde die Stimme Gui—⸗
os ernster und feierlicher; seine Augen glänzten fremdartig,
ind seine Hand, mit der er während seiner Erzählung etwas
zestikulierte, begann zu zittern. IIm Mai des folgenden Jah—
es rief mich der Beginn der Bauernbewegung nach Pulien.
MNein Blatt interessierte sich stark für diese sich hzer und dort
m Süden Italiens bemerkbar machenden Bewegungen und
ch sollte nun eine Serie von Berichten darüber schreiben.
Ich reiste am 24. Mai, nachmittags 5 Uhr 40 Min. mit
»em bekannten Zuge „1442 b“ ab.
Einer von den Zuhörern, in dem sich die Furcht zu regen
egann, sprang auf, um ihn zu unterbrechen. Rambaldi je—
och machte ein Zeichen mit der Hand und fuhr fort:
„Hört! Die Nacht war ziemlich frisch und die Waggonenster
waren geschlossen. Ich lag allein in einem Kupee 1.
—X
vor kurzem erschienenen Broschüre. Das Hefitchen behandelte
ine Frage die damals sehr modern war: Den Spiritismus.“
„Das Schweigen, die Einsamkeit, das einförmige Schau—⸗
eln des Waggons ließen mir das Buch aus der Hand fal⸗
en und ich begann einzuschlummern. Wie im Traume hörte
ch noch, wie das Zugpersonal die Namen von 2 oder 3
ztationen ausrief, und dann — nichts mehr. Der „1442 b“
aste, in Dunkel gehüllt, durch die Landschaft dahin, stürzte
ich in Tunnels, kam pfauchend wieder daraus hervor und
ührte die große Zahl von schlafenden Reisendon durch die
ichte Finsternis dahin.“
„Auf einmal schreckte mich ein Geräusch von meinem La⸗
ser auf. Es war mir, als habe jemand ganz leise an das
Nanenfeniter qgeklopfßz. IAch lauschte? — nichts! Durch die
„Wirklichkeins .. Schein? ... Wer kann das sagen?“
schloß Guido Rambaldi, mehr zu sich selbst, als zu uns spre—
chend. „Dies ist die Tatsache! Was ist nun das Uebernatür
liche und was ist die Wirklichkeit?“
Keiner von uns wagte den Mund zu öffnen. Sogar
Alberto Bizcardi, der stkeptische Bucklige, schwieg und stellte
ich, als atme er den Rauch einer vor mehr als 5 Minuten
wusgegangenen Zigarette ein. Draußen klatschte der Novem
herregen eintönia an die Scheiben des Cafeehauses.
Bwahrt die Eintracht, wollt ihr sicher fein
Bewahrt die Freiheit und ihr habt das Glück!
Doch mit der Zwietracht kehrt das Elend ein
Und Schmach und Knechtschaft kommen binterdrein.
Ueber ein kleines, o Seele vou Sc,
Schwindet dein Kummer und geht wie er kam! *.7
Fließen auf Erden der Tränen auch viel
Ueber ein kleines, hat alles ein Ziel.
43.