Nummer 110.
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Postschließfach Nr. 12.
Samstag, den 14. Mai 1910. 23. Jahrgang.
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Mit zwei beilagen: 7 A⸗klamen
Sonntagsblatt und Bumsristijche Battsr. do preo gipaltige Petitzei⸗.
Erscheint
äglich mit Ausnahme der Sonn, und
Feiertage.
Amtliches Publikationsocgan
A ennt prete für die Bürgermeisterei Dudweiler.
nonatlich 70 frei in's Haus
gebracht,
xei der Post bestellt A 2,28 vierteljährlich
Ninaunmara⸗
Feensprech⸗ Anschlug Saarbrücken Ne. 60, 260, 260 u. 1261.
Nedaktlen, Druch und Berlag von J Unterkeier Dudweer
Vel ahres⸗Abonnoment hochster Ndati
TT —
sonen verwickelt. In zwei veutschen Privatbanken wur
den deklarierte Waffenfendungen beschlagnahmt.
— —
Heer und Flotte.
*Der Kaiser hat bestimmt, daß zur Hebune
des gegenseitigen Waffenverständnifj
ses und zur Deckung des Mobilmachungsbedarfs de—
Verkehrstruppen alljährlich zum 1. Oktober auf ein Jah
zu kommandieren sind: zu jedem Eisenbahnregiment: en
qOberleutnant oder Leutnant der Infanterie, zu jedem Te
legraphen-Bataillon: zwei Oherleutnants oder Leutnant:
der Infanterie, drei Oberleumants oder Leutnants der Ka
ballerie oder der Feldartillerie; von iedem Eisenbahn-Re
giment: ein Oberleutnant oder Leutnant zur Infanterie
bon jedem Telegraphen-Bata'llon: ein Oberleutnant ode
Leutnant zur Kavallerie oder zur Feldartillerie. Es kom
men nur Offiziere in Betracht, die als solche nicht kürze
als drei und nicht länger als elf Jahre gedient haben
Die zu den Telegraphentruppen kommandierten Offiziere
zie sich nach Fähigkeit und Neigung für diese Waffen
gattung besonders eignen, können gegen Ende des Kom
mandos zur Versetzung vorgeschlagen werden.
— —
Roosevelt in Berlin.
Donnerstag Abend fand zu Ehren Roosevelts ein
Diner beim Reichskanzler v. Bethmann-Holl
weng statt, an das sich ein Empfang schloß. Trotz der
großen Anstrengungen war Roosevelt außerordentlich frisck
und hatte für alle, deren Bekanntschaft er erneuerte oder
die ihm vorgestellt wurden, liebenswürdige Worte. Er
äußerte wiederholt, daß er über den herzlichen Empfang
in Berlin gerührt und voller Bewunderung für Deutsch
land sei, dem er seine ganze Liebe entgegenbringe. Vie
bemertt wurde eine längere Unterredung mit dem Grafen
Zeppelin. Roosevelt erkundigte sich nach dem Stande de
Rordpolfahrt, der er lebhaftes Interesse entgegenbringt und
beglückwünschte Zeppelin zu seinen bisherigen Erfolgen
Um 14 Uhr verließ Roosevelt mit seinem Sohn das⸗
Reichskanzler-Palais und begab sich nach seinem Heim. in
der amerikanifschen Botschaft.
Theodore Koosevelt begab sich Freitag Vormit
tag in Begleitung des Oberbürgermeisters Kirsschne
nach Busch, wo er die städtischen Hospitäler, Siechenhän
ser und die Irrenanitalt besichtigte.
— SsnαÊàä&..
Zum Ableben Königs Edward.
London, 13. Mai. Ein Telegramm aus Quebee
meldet, daß die Regierung in Ottawa beschlossen habe
reinen Kredit von 175 000 Franks zu gewähren, um an
Tage der Beisetzung des Königs Edward alle öffentlichen
Denkmäler mit Trauerschmuck zu versehen. Der größte Tei
der Provinzial-Regierungen hat ich diesem Beispiel an
geschlossen.
London, 13. Mai. Wie der Pariser „Matin“ berich
set, haben die bevorstehenden Beisetzungs-Feierlichkeiten be
reits eine große Menge Neugieriger nach London gelockt
Der Verkehr auf den Bahnhöfen schwillt immer mehr an
Jeder Zug bringt neue Scharen, die Zeuge sein wollen
von den Feierlichkeiten bei der Beisetzung des verstorbenen
Königs. Ein gutes Geschäft machen dabei die Hausbe
sitzer und Wohnungsinhaber der Straßen, durch welche
der Trauerzug sich bewegen wird. Für Fensterplätze wer
den enorme Summen bezahlt. Für ein einziges Haué
wurde die horrende Summe von 100 000 M. bezahlt
a u7
zen sich erst seit dem vierten Jährhundert. Auf der Kir—
henversammlung zu Elvira im Jahre 305 wurde das Fest
n die Reihe der christlichen Hauptfeste aufgenommen. An—
änglich feierten die Christen das Pfingstfest nur einen
Lag lang, wie auch das jüdische Pfingstfest, das erste
ẽrntefest im Jahre (3. Mose 16), welches sieben Wochen
iach dem Passahfeste stattsfand, einen Tag dauerte. Spü—
er dehnte fich die Feier des christlichen Pfingstfestes sogar
iuf sieben Tage aus, bis sie im Jabre 1094, zugleich mit
ner Feier des Oslierfestes, auf drei Tage beschränkt wurde
zegenwärtig ist dieselbe in den meisten Ländern nur zwei—
ägig. Die mannigfaltigen Gebräuche, welche mit dem
zfingstiest in Verbindung stehen, sind zum nicht geringen
keil heidnisch-germanischen Ursprunges und weisen auf die
zeit der Einfuͤhrung des Christentums in unserem Vater—⸗
ande zurück. Sie verschmolzen wie bei den übrigen Fe—
ien allmählich mit der christlichen Anschauung und trugen
vesentlich dazu bei, letztere selbst mehr und mehr bei un—
eren Vorfahren einzubürgern. Feierten doch schon unsere
litvordern um die Zeit unseres Pfingstfestes (Monat Mai)
in Frühlingsfest zu Ehren der nun zu voller Pracht ent
alteten Schöpfung.
Natur und Religion sind keine Gegensätze. In der
datur predigt die gewaltige Stimme Gottes. Lauschen
bir ihr, daß wir des Pfingstgeistes teilhaftig werden
dann wird auch Pfingsten herrschen in unseren Herzen.
Las vermöchte uns die Erhabenheit Gottes auch wohl
esser zu predigen, als seine gewaltigste Schöpfung, die
Natur mit ihrem Auserstehen im Frühling. In seiner
Schöpfung hat sich der ewige Vater der Liebe allen Men—
chen offenbart, ohne Unterschied der Religion, des Be—
enntnisses oder der Nationalität. Und wenn jetzt zum
eblichen Feste der Pfingsten die ganze Nauur im bräut—
ichen Schmucke prangt, wenn die Bäume im frischen
Maiengrün schimmern. die Blüten und Blumen ihren Duff
ausströmen, die rieselnden Quellen im funkelnden Son—
nenschein glitzern und fröhlicher Vogelsang Feld und Wald
»xfüllt, dann ziehen die Menschen mit Recht hinaus in den
rwroßen Tempel der Natur, daß die Offenbarung, die
Bfingstpredigt in sie Einzug halte. Sonnenaufgang am
fingstsest! Da kommt ein Gefühl, eine Stimmung in
inser Inneres, weihevoll; wir spüren den Hauch Gottes,
ind es ist keine Profanierung, wenn wir behaupten, daß
vir in solchen Momenten teilhaftig werden eines heiligen
gJeistes, den Gottes Gnade an diesem Tage uns sendet.
Oft hallte in den letzten Jahren die weite Welt von
vüstem Wafsenlärm wider und mehr als einmal haben
vir rote stait grüner Pfinasten erlebt. Gegenwärtig sieht
s friedlicher aus. und selbst die Feuerzeichen aus dem
Trient beginnen zu verblassen. Nichts sollte die Völker
indern. sich in Eintracht und Freundschaft zusammenzu
hließen und dem Geist der Pfinasten zu gehorchen, der
ille Unterschiede zwischen Groß und Klein, zwischen Reich
ind Arm aufhebt. der Brücken von Sprache zu Sprache
on Nation zu Nation schlägt, der nichts kennt als Men
hen, als reines, unversälschtes Menschentum. Der Frie
ensgedanke schwebt immer noch als Ideal über der Po
itik, er ist noch nicht als fesiter und unverlierbarer Besit
nden Völkerverkehr aufgenommen. Indes sind gewisse
zntwickelungsstufen erreicht, die man als erfreuliche An
räherungen an jenes Ideal begrüßen kann.
Möge Pfinasten uns mit einem neuen Geiste erfüllen,
der uns den schwierigen Anforderungen des Lebens ge—
bachsen macht! Mögen uns mit dem Frühlingsfeste auch
eue Kräfte erblühen zum Kampfe gegen alle Reaktion,
um Kampfe für Licht und Freiheit, für Recht und Volks
vohl! Steige empor, Pfinstsonne, in voller Pracht und
Najestät! Fülle die Herzen mit Lenzeslust und Freude
ind mache für kurze Zeit die arauen Sorgen des All—
aas vergessen! Möchte allen beschieden sein eir
Frähblhiches Pringstfest'“
— üä 22
zu Ehren Roosevelts am Donnerstag beim Röichskanzler
raf Zeppelin an der Spitze der nichtoffiziellen Personen
unter den eingeladenen Gästen sitand.
* Der „Reschs-Anzeiger“ veröffentsectrt die Verleihung
des Roten Adlerordens 1. Klasse an den Kölner Erzbischof
kKardinal Fischer.
* Der neu gewählte Bischof Karl Joseph von Pa—
derbonrn ist in Berlin eingetroffen, wo er am Freitag
vom Kaiser in Audienz empfangen wurde.
* Die Entwertung der Postwertzeichen, wie sie zur—
zeit in größeren Städten erfolgt, hat zu mannigfacher
Flage Anlaß gegeben, da durch die Stempelung der Post
karten ein Teil der Mitteilungen auf der Vorderseite un—
eserlich gemacht wird. Es werden deshalb zurzeit im
keichspostamte Versuche angestellt, den Stempel der Stem—
elmaschinen mit so feinen, senkrechten Strichen zu ver—
sehen, daß die Leserlichkeit des Terxtes auf Post
karten dadurch nicht beenträchtigt wird.
*æ Der Bundesrat erteilte den Gesetzentwürfen über
Zuständigkeit des Reichsgerichts und Aen
derung der Rechts anwaltsordnung und den
Befetzentwurf zur Ausführung der revidierten Berne
debereinkunft zum Schutze der Werke der Litera
ur ꝛc. ihre Zustimmung. Die Vorlagen über die Aus—
ührungsbestimmungen zum Wechselstempelgesetz und über
die Erstattung zuviel erhobener Reichsstempelbeiträge sind
naenommen worden
Rußland.
* Anläßlich der bevorstehenden Aunexion Koreas durch
Fapan erklärt man von einer dem auswärtigen Amte
sehr nahestehenden Seite, Rußland habe gegen die
Annexion nichts einzuwenden, da diese die In
eressen Rußlands in keiner Weise berühre. Das Einver
tändnis Rußlands sichere das freundschaftliche Einver
iehmen mit Japan und das gemeinsame Vorgehen im
Rsten. Im Hinblick auf die amerikanischen
Bläne hinsichtlich der Neutralisierung der Mandschurei
ind auf die herausfordernde Haltung Chinas sei ein
Finvernehmen mit Kapan von eminentem Wert
4
—
ihhhnnn....
Frau Sonne blickt mit freundlichem Sche—
In jedes Stübchen und Kämmerlein.
Zie küsset die Men'schen gar zärtlich und spricht:
Erwacht jetzt, Ihr Schläfer, kommt, zaudert nicht.
zu pilgern in Gottes schöne Natur,
der Pfingstschmuck liegt auf Wald und Flur!“
ind Alt und Jung und Groß und Klein,
Zie wandern über Berg und Tal;
Koran hüpft der goldene Sonnenstrahl,
Beleuchtet die Blumen auf grüner Au,
Lerkläret die Gräser blinkenden Tau
Und schleicht zuletzt ganz leis' und fein
Zich auch ins Menschenherz hinein.
Drin muß nun schweigen Haß und Neid,
s6s muß verstummen Sorg' und Leid,
Und unter Lachen und heiterem Scherz
Zieht Fried' und Freude ins Menschenherz.
5s hebt sich voll und weit die Brust
Aind singt mit den Vögeln in jauchzender Lust:
du guter Gott gabst uns so viel!
deine Gnade ist ohn' End' und Ziel!
fẽs fühlt mein Herz und singt und preis
Dein seliges Walten, du heiliger Geist!
Vom Balkan.
* Die Situation in Kreta wird immer verwickelter
die meisten christlichen Abgeordneten in der kretischen Na
ional-Versammlung beginnen zu verlangen, daß die Mu
elmanen den Eid auf König Georg leisten, andern—
alls ihnen der Eintritt zur Kammersitzung gewaltsam ver—
weigert würde. Die Parteiführer versuchen, ihre Anhän
ger vor unüberlegten Schritten zurückzuhalten.
* Der türkische Ministerrat beschloß, von den Schutz
mächten Kretas darüber Aufklärung zu verlangen, was
diese unter der Aufrechterhaltung des Status quo verste
hen. Sollte die Eidesleistung der Abgeordneten auf den
Namen des Königs von Griechenland damit einbegriffen
sein, so will die Türkei dies nicht alzeptieren. Nach Ein
treffen der Antwort der Schutzmächte will die türkische
Regierung ihre weitere Haltung gegenüber den Kretern be
timmen.
* Den Blättern zufolge unternimmt die türkische Flotte
(anläßlich der Zuspitzung der Kretafrage) eine Fahri
nach dem Archipel.
Griechenland.
* Die Gärung unter den Offizieren ist wieder im Zu—
iehmen begriffen. Das Korps in Lorissa hat telegraphisch
Protest beim Kriegsministerium erhoben gegen die Mas—
jenverabschiedung von Ojfizieren.
Amerika.
*26 Senatoren haben dem Senat einen Antrag
interbreitet, der den Präsident auffordert, die Einfüh—
ung von Arbeiterschutzgesetzen baldigst zu veranlas
en. Ein zweiter Antrag, der von 12 Senatoren unter
eichnet ist, fordert eine Adresse an den Präsidenten, in
velcher die Mißbilligung des Senats wegen Nichteinschrei
ens gegen die Lebensmittelteuerung ausgesprochen wer—
n soll.
Von der Luftschiffahrt.
*gur ZeppelinsKatastrophe— Aus Köln wird
berichiet: Die uüber die Zeppelin-Katastrophe in der „Ber—
liner Ksrrespondenz“ gegebene Darstellung verursacht ir
fachmännischen und Interessentenkreisen großes Kopfschüt—
teln, speziell die Bemerkung, daß die Befestigung des Bü—
gels am Laufsteg sich gelöst und die innere Ankertrosse die
dorderen Stäbe des Laufsieges abgefeilt habe. Hierzu is
zu bemerken, daß nach dem an Ort und Stelle alsbald
nach der Katastrophe von erster fachmännischer Seite auf
enmmenen Talbestand nicht die Ankertrosse im Anner⸗
Pfingsten.
Der deuische Name „Pfingsien“ ift entstanden aus dem
zriechischen Worte „Pentekoste“, d. h. der fünfzigste, näm—
ich Tag nach Ostern. In der ältesten christlichen Kirche
iannte man die fünfzig Tage zwischen Ostern und Pfing—
ten⸗,die fünfzig Tage der Freude“ und betrachtete sie
ils ein großes, zusammenhängendes Fest. Sichere Spu—
en eines besonderen Pfingstfestes, dem die in der Apo—
telgeschichte (Kapitel 2) erzählte Begebenheit der Aus—
nießung des heiligen Geistes zuarunde geleat wurde *
92y
2 222 —
Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Die Berliner amtliche Stelle bestreitet entichzieden daß
wischen dem KRKaiser und dem Reichskanzler
inerseits und dem Grafen Zeppelin andererteits eine
Ubkühlung oder gar eine Spannung eingerrelen sei.
IIßz Rewe's mirydn die Fatiache angeführt. dakß zum Dinot
Aegypten.
* Es wird bestätigt, daß in Kairo eine große, weitver—
weigte revolutionäre Verschwörung entdeckt wurde. Es
otlen von der Eingeborenen-Armee über 100 Offiziere ver
zaftet worden sein. Im Palast des Vizekönigs wurder
don unbekannter Hand zwei Bomben niedergelegt
IAn die Nerschmßrung find eine Anzahl hochstehender Mor
Irrgänge des Lebens
Erzählung von Wilhelm Koch.
„Entschlagen Sie sich dieser traurigen Gedanken, der
Arzt hat es verboten; Sie werden leben vind 'glüd—
iich sein.“
„Mir ist es heute so sonderbar“, fuhr nach einer klei—
ien Pause die Kranke fort; „ich fühle Erleichterung und
veniger heftigen Schmerz; aber das sind nicht die An—
‚eichen der Genesung, sondern die Vorboten des nahen
Todes.
Weinen Sie nicht, liebes Fräulein, Sie sind so aut,
umd ich möchte Sie nicht betrüben; für Sie hat das Wort
dod einen schaurigen Klang, nicht für mich. Wer wie
ch das Leben nur von der rauhen Seite kennen lernte,
er begrüßt das Ende desselben freudig. — Der Himmel
ohne Ihnen reichlich alle Liebe. die Sie mir. iner
dremden erwios⸗
unten aus einem Buche vorzulefen; mit seinem —
oußte sie solche Lektüre zu wählen, von deren Inhalt sie
nussetzen durfte, daß er erheiternd, beruhigend und
röstend auf das Gemüt der Frau wirken werde; auch
eute war sie zu diesem Zwecke gekommen und eben im
zegriffe, in einem Erbauungsbuche einen passenden Ab—
chnitt auszurählen. als sie von einem Dienssmädchen ab⸗
erufen ward.
„Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, gnädiges Fräu—
ein; er läßt sein Erscheinen zu so früher Stunde mit der
vichtigkeit seines Zweckes entschuldigen.“
Alwine war angenehm überrascht, Julius nach lan—
er Abwesenheit zu begrüßen.
„Herr Krause“, sagte sie, ihm freundlich die Hand
eichend, und eine leichte Roͤte üb rgoiz ihre Wangen,
endlich lassen Sie sich blicken. Es war nicht recht von
Ihnen, sich Ihres Versprechens so spät zu erinnern. —
Aber Sie sind erreat. — Sie zittern. mein Gott, ist Ih—
en unwohl?“
„Nein, Fräulein von Kowalsky, ich bin wohl, ganz
nohl; — aber wie befindet sich die Kranké?“
„Schwach; der Arzt gibt wenig Hoffnung.“
„Der Arzt lügt; sie muß leben!“ — seine Stimme zit—
erte merklich und die Brust arbeitete schwer — „kann ick
die Frau sprechen, — allein sprechen?“
„Sie sind sonderbar, Herr Krause. Sie sind in auf
eregtem Zustand, es muß etwas Außergewöhnliches Sie
etrosfen haben, — und ich weiß nicht, ob Sie die Kranke
etzt sprechen dürsen, — der Arzt hat ihr jede Erregung
rengstens untersagt.“
„Lafsen Sie den Arzt, ich will selbst Arzt sein. —
)er Ziveck meines Besuches ist ein so seltsamen, so au—
zerordentlicher, — — hören Sie mit einem Worte: ich
sabe die Familie der Unglücklichen entdeckt, — sie wird
in auf dem Fuke folden — o. führen Sie mich azu der
vau.“ —
„Die Familie? — Herr Krause!“
Verübeln Sie mein Drängen, mein Ungestüm nicht“,
iel ihr Julius in die Rede, „ich bin in der Tat erregt,
m höchsten Grade erregt; halten Sie mein taktloses Be—
iehmen den Umständen zu gute, die Sie bald genug er—
ahren werden, und erlauben Sie der Familie der Frau
en Eintritt.“
„Von ganzem Herzen, aber ich bitte und beschwöre
zie, vorsichtig zu sein; zbde plötzliche Genitservec
na könnte der Kranken den Tod bringen.“
„Seien Sie unbesorgt, — Freude kötet nicht.“
Mite, 4—838 ⸗— 9
griffe stand, seiner utter gegenuver zu rreten, oer Aus⸗
bietung seiner ganzen Willenskraft, um die nötige Fassung
zu behaupten; er zwang sich mit Gewalt, äußerlich ruhicç
uind gefaßt zu erscheinen, so sehr es auch in seinem In
nern pochte und pulsierte. Seine Augen leuchteten umnd
trahlten in freudigem, kindlichem Entzücken, als er die
Tür des Zimmers hinter sich schloß und gedämpiten
Schrittes dem Lager sich näherte.
Das bleiche Äntlitz der Kranken überflog ein freudige⸗‘
Lächeln, als sie ihren Wohltäter erblickte, und sig be—
———
Julius, tief durchschauert, erfaßte die kalte Hand und
er schral zusammen, als er den hoffnungslosen Zustand
seiner Multer gewahrte.
„Ich bin gekommen“, sagte er, ‚mich nach Ihrem Be—
finden zu erkundigen.“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, werter Herr,
ich danke Ihnen säusendmal für alles, was Sie mir ge
an, denn Ihre Bemühungen haben mir die letzten Tage
meines Lebens erleichtert und schmerzlos gemacht, — ich
lann es Ihnen nicht vergelten, aber beten werde ich für
Mie. —
„Keinen Dank, liebe Frau, — o, — konnte ich Sie
»urch ein Machtwoͤrt gesunden lassen, — ich bin dem gü—⸗
eigen Walten des Geschickes zu unaussprekhlichem Danke
herpfbichtet. daß es mich zu Ihnen geführt·.
Die Kranke sah ihn fragend an. 2
„Ich habe Ihnen eine Nachricht mitzureilen, liebe
Fumi, eine fröhliche Botschaft; fühlen Sie sich stard ge⸗
nug, eine solche anzuhören?“
Erstaunt blickte die Kranke auf und bemühte sich, ihr
Haupt in den Kissen aufzurichten. Ich verstehe Sie beim
besten Willen nicht, bester Herr.“
„Vopvab aber bitte ich Sie, ruhig und gefaßt zu blei—
den und sich nicht aufzuregen, der Arzt hat es verboten.“
„Sprechen Sie; ich weiß, von Ihnen lann nur Gutes
kommen, und wenn am Ende meines Lebens noch ein
Strahl der Freude in die Nacht meines Unglückes leuch
en soll, dann sterbe ich doppelt gern und getröstet.“
„Ich muß 5 Ihtr Tagebuch zurückkommen“, hub Ju—
ius nach einer Pause mit unsicherer Stimme an; Ihre
Zchicksale haben mich tief ergriffen ... ich vermißte in der
——
Ztktadt Ihrer Geburt: — dari ich diese Liichen nünaινα
Die Augen der Kranken erweiterten sich, sprachlos hin
en sie an dem Munde des jungen Mannes, und der ganz
us drud Ihrer Züge nerriet die höchste Ueberraschung sc
„Vassen Sie es mich mit lurzen Worten sagen: id
kenne Ihre Eltern, sie nennen sich Krause und wohnter
in in früherer Zeit in R... ich kenne Ihre — Kinder.“
„Meine Kinderl!“ rief die Kranle mit fast übergroße
Anstrengung und Tränen entstürzten ihren Augen, ch
Herr, sprechen Sie, reden Sie weiter.“
„Ihr Sohn wurde in dem Hause seiner Großeltern
erzogen, Ihre Tochter dem städtischen Waisenhause über—⸗
geben: spaͤter, als Ihr Mann nach vielen Irrfahrten reuig
zurückkehrte und in Folge seiner Aussagen kein Zweife
mehr über die Geburt der Kinder obwalten konnte, nah
men die Großeltern auch das Mädchen zu sich. Es ist eir
braves, gutes Mädchen geworden.. und Ihr Sohn, der
sich den Studien der Rechtswissenschaft widmeie, ist jetzi
Student ...“ Die Stimme versagte ihm, eine Traͤne um—
re seinen Blick, und brennend und verlangend bingq seir
uge auf den seiner Mutter.
Da, aber konnte Julius nicht länger melr an sich
halten, seine Gefühle übermannten ihn, und mit vo
Freude bebender Stimme rief er, zärtlich die Urme aus
breitend: „Mutter! liebste, beste Mutter? ... Dein Sohn
hin ich! ...“ und neigte sich über das Vager der Kranken.
schloßz das teure Haupt in seine Arme und drückte einen
langen, innigen Kuß auf die Lippen seiner Mutter.
Ein einziger, unartikulierter Laut hatte die Stille des
BSemaches durchzittert, dann herrschte Grabesruhe....
Seelenkrunken, überwältigt von der Größe ihres Glül.
—V
iber doch so unaussprechlich glückselig, so von Wonn
zurchschauert, daß jeder Nerv freudig erbebte, ruhte die
Mustter in den Armen, an der Brust ihres Kindes, an dem
Herzen ihres Sohnes. Sie fühlte das Pochen dieses
raven Herzens, sie fühlte den heißen Atem und die be—
edte Sprache kindlicher Liebe in der suummen Umarmung.
Das waren selige, süße Augenblicke, — Minuten, derer
Wonne ein ganzes Leben voller Qual aufwog.
„Du mein Kind'“, fragte endlich die Glückliche wei—
nend und lachend, unter Schluchzen und Freudentränen
zugleich, Du mein Sohn? — Gott des Himmels, — id
danke Dir!“ Und lang und innig ruhten ihre Augen au
seinen Zügen, wie wenn sie mib diesem gesättigten Blickke
das Bild ihres Kindes ganz in ihr Herz hätte aufneb—
nen können.
Ja, teuerste Mutter, Dein Sohn, dem es vergönn—
war, die Spur seiner ungekannten unglücklichen Mutte
nofzufinden, um sich und sie so unsagbar glückich ⸗
oß— wvn nHne é—r von Dir ay I —
Alwine hatte mit echt weiblicher Aufopserung und
er ganzen Teilnahme, deren ihr junges Herz fähig war,
ie Pflege der Kranken übernommen und erwartete als
Lohn ihrer Mühen die Genesung der Frau. Einesteils
vollte sie durch diesen Alt Julius ihr Dankgefühl an den
dag begen, andernteils hatte die hilflose Lage und das
ẽklend der Unglüchlichen ihr Mitleid wachgerusfen. Das
unge Nädchen, welches im Schoße des Ueberflusses er—
ogen, bis dahin nur das Leben von der heitern Seite
ennen gelernt hat, siand zum ersten Male an einem Kran—⸗
mlager und erfaßte zum ersten Male die Bedeutung de—
vortes arm.“ Das Schicksal dieser Frau, ihre Verlassen-»it
und Not gewährten Alwine einen Einblick hinter die
Alissen des Lebens; der Schleier eines glüdlichen Wah—⸗
es, die Welt sei ein Zaubergarten, fiel vor ihren Au—
en; staunend und entsetzt halte sie den Erzählungen ihrer
chutzbefohlenen gelauscht. Sie hatte es sich zur Aufgabe
esetzt, die Kranke zu retten und dem Leben zu erhalten,
ind es betrübte sie die Hoffnungslosigkeit der Frau. Das
Nädchen, dem bisher kein Wunsch ungausführbar, kein Ding
mmöglich geschienen, sah sich ohnmächtig dem Walten
mer höheren Hand gegenüber. —
Alwine pflegte, um das Gespenst der Langweile zu
erscheuchen und den nohh immer ungeschwächten Geist der
Rledeketionsenen 21 t—orhalten von Zeit 20 20it dor