Full text : Dudweiler Zeitung

Bl. Schießet nicht Vögel! Oft sieht man halbwüchsige
zurschen, die ihr Vergnügen daran finden, mit Schleudern
der Schußwaffen nach Vögeln zu schießen. Angeblich zie—
en sie nur auf Sperlinge, in Wirklichkeit nehmen sie jeden
dogel als Ziel, der in ihre Nähe kommt. Ist übrigens
in Sperling nicht auch ein lebendes und fühlendes Wesen,
em wir Barmherzigkeit schuldig sind? Wie oft werden
—
beiter? Die heruntergeschossenen, schwerverwundeten Vögel—
hen bleiben unbeachtet am Boden liegen, oder man zer—
ritt sie mit dem Fuße. So bringt die Jugend rein frevel—
Jaft Schmerz und Todesqual unter harmlose Geschöpfe; sie
ucht sich ein Vergnügen und wird dabei zum Mörder.
vin einziger Schuß, der eine Vogelmutter tötet, überliesert
die ganze Vogelfamilie dem Hungertode. — Fort darum
nit dem Vogelschießen. Ein edelgearteter Mensch muß
olche Roheiten tief verabscheuen.
Zur Achtung und Schonung der Natur fordert eine
ehr beachtenswerte Zuschrift an die „Dresdener Nachrichten“
uuf, in der es heißt: „An Sonn⸗ und Festtagen meint der
Städter, die ganze Natur gehöre ihm. Er glaubt nach
»em Satze zu leben: „vHier bin ich Mensch, hier darf ichs
ein“ und gebärdet sich doch in Wirklichkeit wie ein „Un—
nensch“. Er schont nicht der Wiesen, nicht der Felder,
nicht des Waldes. Er tritt den frisch sprossenden Rasen
ind die junge Saat nieder, als ob sie ihm gehörten; er
auft die Aehren des Getreides aus und läßt ungestraft
eine Kinder dies frevle Spiel treiben. Aus Gärten über—
»jängende Zweige sind ihm erbarmungslos ausgeliefert.
Nur selten aber trennt er sich mit scharfem Schnitte des
Messers vom Baume; nein, in unmenschlicher Weise zer—
leischt er die Pflanzen. Herabhängende Rindenfetzen und
lutende Wunden, aus denen der Saft quillt, kennzeichnen
zie Stellen, wo der Herr der Schöpfung auf seiuem Ver—
nichtungszuge still gestanden, um sich den Hut zu schmücken
der einen Strauß zu pflücken. Und noch eins! Von Ab—
cheu und tiefem Weh, zugleich aber auch von gerechtem
zorn werden wir erfüllt, wenn wir Sonntags an den
dauptstraßen, die das Heer der großstädtischen Waldläufer
oieder sammeln, die mit Sträußen bepackten Scharen dahin—
iehen sehen. Wie viele Bäume und Sträucher werden an
inem einzigen Sonntag zur Ruine! Das Wachstum vieler
Jahre wird in einem einzigen Augenblicke vernichtet. Und
das alles, um das Zimmer ein paar flüchtige Tage zu
chmücken. Wie oft enden die Zweige ihr Dasein schon
nach einigen Stunden im Straßengraben. Man sollte auch
zie Kindern, die sih mit Sträußen an den Wegen auf—
tellen, die Beute ihrer Vernichtungszüge abkaufen. Mit
edem Zehner reizen wir die Jugend zu neuen Verbrechen
an der Natur. Nicht lange wird es währen, so grüßen
uns am Wegesrand nicht mehr Bäume und Sträucher in
»er Fülle ihrer Kraft, sondern noch die Kranken und
Krüppel, die Verwachsenen, das Monstrum. Der gesunde
und unbeschädigte Baum und Strauch wird nur noch dort
u finden sein, wo Menschen leben, die ihn lieben nnd
schätzen. Der Großstädter ist leider der Natur vielfach zu
ehr entfremdet, um ihr mit liebevollem Verständnis begeg—
nen zu können. Ihm ist es nicht so leicht gemacht, zu be—
obachten, daß auch die Pflanze ein Leben hat, zu sehen,
vie sie sich freudig dem Lichte zuwendet, mit ihren Blüten—
ternen den Lauf der Sonne verfolgt, mit ihr erwacht und
nit ihr schlafen geht. wie der Baum dem Lichte zuwächst,
wie sich die Blüte schließt bei rauhem Wetter, und wieder
zffnet, wenn der Himmel freundlich lacht, wie die Pfanze
hre Blätter einrollt, wenn der Regen lange Zeit ausbleibt
Wie mancher hat sich bei all dem schon gefragt, ob die
Pflanze wohl beseelt sei. Darum, ihr Eltern und Erzieher,
ehrt eure Kinder nicht nur Naturwissenschaft, sondern vor
allem Natursinn und Achtung vor der Natur. Sonst gehen
wir einer Zeit entgegen, wo die Umgebung der Großstädte
an die Niederlassungen jener Barbaren erinnert wird, die
hre Grenzgebiete viele Stunden im Umkreise verwüsten und
»erüben ließen, um feindlichen Heeren den Aufenthalt dort
inmöglich zu machen.
Veteranen⸗Beihilfe. Wieder einmal beschäftigte sich
der Reichsftag mit der Fürsorge für unsere bedürftigen
Veteranen. Die Rechte, die Nationalliberalen und die
Fortschrittliche Volkspartei beantragten im wesentlichen über—
instimmend, bedürftigen Kriegsteilnehmern Beihilfen von
120 Mark jährlich zu gewähren. Die beiden ersterwähnten
Antragsteller schlugen zur Deckung des Bedarfs die Ein—
ührung einer Wehrsteuer, die Fortschrittlichen eine entspre—
hende Herabminderung der sogen. Branntwein-Liebesgabe
»or. Daß von der letzteren Lösung der Deckungsfrage die
zroße Mehrheit des Reichstags nichts wissen will und da—
ür schlechterdings nicht zu haben ist, war wohl den An—
ragstellern selbst von vornherin klar und unzweifelhaft. Es
vurde denn auch hiervon so gut wie gar nicht gesprochen.
Desto mehr und ausführlicher von der Wehrsteuer, die ja
eit Jahrzehnten immer wieder im Reichstage spukt und
zie wohl nicht eher zur Ruhe kommen wmind als hbis sie
260 d 5 h
rrgůnge des Lebens.
Frzäbluna von Wilhelum Gach.

1
Das ist ein tolles Leben und ein reges Treiben auf
dem großen Marktplatze am Kirmestage! Alt und Jung
at sich in den besten Festtagskleidern auf die Beine ge—
nacht teils um zu sehen, teils um sich sehen zu lassen.
Da wogt die Menge stoßend und drängend durcheinander;
der Bauer im neuen, blauen Kittel mit silberner Keite und
Halen, dem altmodischen Filzhut mit breiter Krempe und
der nie fehlenden kurzen Pfeife; die Bäuerin in der bun⸗
en Haube oder dem großen, weißen Kopftuche, dem hel—⸗
en Kattunkleide, dem roten Unnschlagetüchlein und mit
der Strohtasche am Arme.
An dem längst ersehnten Kirmestage hat sich das
Dörschen festlich geschmückt mit Kränzen, Girlanden und
Fahnen, deren lustiges Wehen und Flattern Teil zu neh—
nen scheint an der kindlichen Freude der Menschen
Am untern Ende der Budenreihe in der Nähe der
apelle hat ein Mann sich aufgestellt, der neben verschiede⸗
nen Gegenständen, die er feilbietet, auf einem zerbrechlichen
Tische auch ein großes Fernrohr, blank geputzt und fun⸗
lelnd im Sonnenstrahle, aufgestellt hat, und für eine kleine
Zilbermünze einen Blick durch das Wunderglas gestalbtet.
xilzig sind zwar die Bauern, aber neugierig auch. Sie
AUaubten Wunderdinge in der seltsamen, kupfernen Röhre
u sehen und erblickten nichts, als die sernen Berge, den
tirchturm des nächsten Dorf⸗s gader die Göuser der Stadt
zahe herbeigerückt.
Da trat ein aftes Mütterchen mit dem Gebetbuche un—⸗
er dem Arme an das Glas heran, besah sich das Wun—
derding, faßte es in die zitternde Rechte und entfernte sich
opfschüttennd, ohne einen Blick hineingeworfen und begrif—⸗
en zu haben, was es sei. Ihm folgte ein Bauer in den
zesten Jahren; aber seine schwankende Bewegung und un⸗
ichere Haltung bewiesen, daß sein Geist den Weingeistern
juen Opfer gefallen war, und auch er war blind für den
gwed der Fernmöhre. Dann aber näherte sich ein Herr
uus der Stadt, zog sein blauseidenes Schnupftuch aus
der Rodtasche, und begann nun, nachdem er die Gläser
»Rasßre sorafältia oebutnt batte seine Beobachtimnen an—

rgendeiner Form auch bei uns, wie in Oeiterreich, in Frant—
eich und in anderen Ländern eingeführt sein wird. Inm
»origen Jahren hatten sie die verbündeten Regierungen
elbst innerhalb des großen Steuerbuketts ihrer Reichsfinanz—
eform vorgeschlagen, und zwar in engster Verbindung mit
er Nachlaßsteuer.
Daß für unsere bedürftigen Veteranen etwas geschehen
nuß, darin sind sämtliche Parteien einig. Und wenn die
iierfür nach Ansicht des Schatzsekretärs erforderlichen etwa
2)2 Millionen Mark wirklich nicht anders zu beschaffen sind,
o werden diejenigen, die gegen eine Wehrsteuer Bedenken
aben, schließlich in diesen saueren Apfel beißen müssen.
denn daß der Vorschlag des Zentrumsabgeordneten Pauli—
Fochem, es sollten diejenigen Kreise des Handels und der
Industrie, die ihren Wohlstand der Gründung des Reiches
»erdanken, die Mittel freiwillig aufbringen, ist trotz des
Bravo! aus den Reihen des Zentrums wohl nicht ernst zu
iehmen und jedenfalls nicht ernst zu erwägen. So unrecht
Jat der sozialdemokratische Abgeordnete Schoepflin leider
nicht, wenn er im Hinblick auf die bisherigen Erfahrungen
»as vom Schatzsekretär geäußerte Wohlwollen für die Vete—
anen als eine platonische Kundgebung recht niedrig ein—
chätzte und meinte, der Schluß aller schönen Reden über
die Ehrenpflicht gegenüber den Veteranen“ werde dock
dieder sein, daß der Reichstag beschließt und die verbün—
»eten Regierungen sich absentieren. Auch darin mußté
nan ihm zustimmen, daß eine Jahresunterstützung von 120
Nark beim heutigen Geldwert nur ein Tropfen auf den
eißen Stein sein würde. Zum Schluß wurden die An—
räge auf Veteranenbeihilfe angenommen, und zwar ein—
timmig, wie der Präsident unter dem lebhaften Beifall des
Zauses feststellen konnt«
Das Aufspringen auf sStraßenbahnwagen während
dea Fahrt. Das Reichsgericht hat eine für das Sirßen—
ahn benutzende Publikum bemerkenswerte Entscheidung gefällt.
hen Anlaß dazu gab die Klage gegen die Stadt eines hiesigen
rztes, der beim Aufsteigen während der Fahrt verunglückt
»ar. Das Reichsgericht hat zugunsten der Stadt enschieden.
z8 lehnt die Ersatzpflicht aus einem Betriebsunfall auch dann
b, wenn die vielfach üblichen Schutzvorrichtungen zwischen
Notorwagen und Anhängerwagen nicht vorhanden sind.
)er Kläger, ein Dr. med. K. aus Köln, hatte gegen die
ztadtgemeinde Köln Ansprüche aus einem Straßenbahnunfall
seltend gemacht, den er beim Aufsteigen auf einen in lang—
mer Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen erlitten hatte.
zr wollte den Hinterflur des Motorwagens besteigen, als
er betreffende Straßenbahnzug stromlos über eine Straße
ihr. In diesem Augenblicke gab es einen Ruck. da der
zjührer den Hebel auf schnelle Fahrt gestellt hatte. Dr. K.
urde herabgeschleudert und kam unter den Anhängerwagen
—D
em Grunde nach als berechtigt an, weil die Straßenbahn
ur Anbringung von Schutzvorrichtungen zwischen den beiden
Vagen verpflichtet gewesen sei, und weil der Kläger in
einem Beruf als Arzt daran gewöhnt habe, viel mit der
ztraßenbahn zu fahren und dabei auf langsam fahrenden
Vagen aufzusteigen oder von ihnen obzuspringen. Auf die
zerufung der Beklagten wies das Oberlandesgericht Köln
en Kläger mit seinen Ansprüchen wegen überwiegeuden
igeneu Verschuldens vollständig eb. Wegen der vom Land—
ericht vorgebrachten Entschuldigung erklärte das Oberlan—
esgericht, daß das Auf- und Absteigen während der Fahrt
mmer mit erheblicher Gefahr verbunden sei und das be—
esonders dann, wenn dem Motorwagen ein Anhängerwa
gen froge. Wenn der Kläger auch mit der Zeit. eine ge—
visse Geschicklichkeit im Aufspringeu, erlangt habe so hän
se das Glück dabei doch von vielen Umständen ab, di
icht immer vorausgesehen werden könnten. Zudem habe
»er Kläger auch gewußt. daß das Aufspringen während
»er Fahrt von der Polizei vergoten war. Wenn die Be—
lagte das Aufsprineu bis dyhiu stillschweigend geduldet
abe. fo stelle das kein Mitverschulden dar. Was die
zchutzvorrihlung aulangt, die zwischeu den aneinanderge—
zangenen Wogen fehle, so erblickt das Oberlandesgericht
arin kein Verschulden der Bahn. Es hat die Ueberzeu⸗
ung gewonnen, daß solche Schutzvorrichtungen allgemein
icht angeleat werden und daß nach dem Stand der Te—
hnik solche Schutzgitter durchaus nicht den erhossten Schutz
ewähren. Die Refision des Klägers ist vom Neichsge—
icht zurückgewiesen und das Urteil des Therlandesgerichtẽ
»amit bestätigt worden.
Nersonalnachrichten. (Bergwerksdirektonsbezirk Saar—
rücken.) Nachstehende Hilfssteiger sind vom 1. Mai d. J.
ib bei den in Klammern beigesetzten Bergwerken zu Steigerr.
rnannt worden: Karl Maurer, Karl Weingardt (Kron—
rinzyj; Karl Weber (Dudweiler); Friedrich Antes (Sulz—
ach); Karl Dalheimer, Jakob John und Jakob Grenne
Reden); Christian Latz GHeinitz); Friedrich Hock (Friedrichs—
Jal); Janatz John, Philipp Eberle, Philipp Tiefensee
jsakob Eifler (Göttelborn); Matthias Lehnert (Camnhausen),
— OMm 66— e

ustellen; er sah hell und klar; das Telestop zeigte iym
ntfernte Dinge, die das unbewaffnete Auge nicht zu er—
nnen vermochte; ... aber nur bis auf eine gewisse Ent—
rnung, da wurde es auch für ihn Nebel, und vergebens
emühte er sich, den grünen Fleck zu durchdringen. „Die
döhre ist nicht schari genua“. wandte er sich an den Be—
tzer
„Mit Nichten, mein Herr, die Fernsicht und die Helle
es Blickes ist nicht begrenzt, weil die Gläser etwa zu
chwach sind, sondern deshalb, weil alles mensͤchliche
zehen und Forschen seine Grenzen findet.“ Der Städter
varf einen sfragenden Blick auf den seltsamen Mann mit
)»em Teleskope und schritt stillschweigend von dannen.
Der Besitzer der Fernröhre war in der Tat ein selt—⸗
amer Mann,; abgesehen von seiner fremdländischen Tracht
erriet schon das vielgefurchte Gesicht und das vor der
zeit ergtaute Haar, daß er ein sturmbewegtes Leben ge—
ihrt haben müsse, und sowohl Sprache wie Blick bekun—
eten, daß er nicht immer das armselige Gewerbe betrieben
abe, mit dem er sich jetzt des Lebens Notdurft erkämpfte
zin langer, mit Silbergrau vermischter, dunkelblonder Voll⸗
art dedte die untere Hälfte des Gesichtes; die hohe Stirn
mnd das Auge verrieten Intelligenz, aber der Blick des
Nannes war stechend, durchbohrend und hatte etwas so
Ubschreckendes, daß die jungen Mäödchen sich vor ihm ent—⸗
etzten. Vielleicht war es eine lange Kette von Leiden
ind Drangsalen gewesen, die diesen wilden, wirren Blick
ermsacht hatten; wer mochte das sagen? Viele empfanden
Nitleid, andere geheimes Grauen in seiner Nähe; aber ge—
ade dieser Umstand: seine Ruhe im Gegensatz zu der
Narktschreierei der übriaen Birdenbesiker lackte die Kand—
»ute herbei..
An der Seite einer wohlgenährtien, aber rüstigen Bäue—
in schritt ein junges, stttsam und ländlich gekletkdetes
RNädchen durch die Menge; das schwarze Thibetkleid, die
lendend weiße Schürze kleideten es allerliebst, und die
rinfachheit des Anzugs hob die natürliche Frische der
urpurnen Wangen und ließ den herrlichen Haarschmuck,
det in mächtigen, dicken Flechten den Hinterkopf deckte, in
im so herrlicherem Lichte erscheinen, — viel schöner, als
denn überladene Fülle moderner Putzsucht die natürliche
-zchönheit beeinträchtigt hätte. Es war eine jener Erschein—
ngen in Bezug auf Haltung, Anmut, Wesen und Ge—
15hil Aumn, hei denen der egoistische Stähbter Ach vor—

Der Bergdiätar Herr August Burckhard in Dudweiler
Sohn des verstorbenen Musikmeisters Burckhard, ist zun
l. Mai als Schichtmeister an die Kgl. Grubeninspektion zi
Buer in Westfalen berufen worden.
Die Wahl des Reichstagsabgeordneten Boltz wurd
in der gestrigen Sitzung des Reichstags entgegen dem Be—
schlusse der Wahlprüfungskommission, die nochmaeige Be—
weiserhebung beantragt hatte, für gültig erklärt.
Richter, Assessoren und Referendare in Preußen.
Nach den neuesten amtlichen Feststelluugen gibt es in
zreußen zurzeit 4817 Richter, 2806 Assessoren und 7694
seferendare. Auf die Jahre 1900 — 1908 verteilen sich die
Zahlen wie folgt:
Jahr Richter
1900 3937
901 3937
9075 1056
*

Assessoren Referendare
1756 4609
—1820 4954
979 5319
065 5718
* 24 209 6154
905 399 2198 6524
906 547 2272 7002
907 647 2479 7182
908 4730 2613 7528
Neunkirchen, 26. April. Der früher in Hostenbach
vohnende pens. Maschinenwerkmeisterg Schneider ging vor—
zestern mit seiner Frau und seinem Dienstmädchen in der
Rinematograph. Diebe drangen während seiner Abwesen—
heit in die Wohnung, schlossen den Schreibsekretär auf und
entwendeten 600 Mark und noch eine Summe, die den.
Dienstmädchen gehörte, die dasselbe erst kürzlich von ihrer
verstorbenen Mutter geerbt hatte. Sofortige aufgenommene
Nachforschungen seitens der Polizei mit Polizeihunden führ—
ten bisher zu keinem Ergebnis, da die Spuren bereits ver—
wischt waren. Es können nur Personen als Täter in
Betracht kommen, die mit den Verhältnissen genau bekannt
varen.
Reden, 26. April. Gestern fand die feierliche Ueber—
gabe des von Seiner Majestät allerhöchst verliehenen Kro—
ienorden? 4. Klasse an den Steiger a. D. Jakob Hans,
vohnhaft zu Heiligenwald, und des Allgemeinen Ehren—
eichens an den Kohlenmesser a. D. Johann Ziegler, wohn—
zaft zu Landsweiler, im Sitzungssaale der Königlicher
Berginspektion 6 zu Reden sta
Der Prager Siadtrat und Zeppelin. Der Pra—
zer Stadtrat beschloß, den Grafen Zeppelin einzuladen,
iuf seiner Fahrt von Wien nach Dresden mit dem „38.
ze in Prag zu landen. Die Debatte über diesen Gegen—
and gab zu längeren Auseinandersetzungen Anlaß, ob
ie sslawische Stadt Prag den deutschen Luftschiffer em
fangen könne. Es wurde hervorgehoben, daß das sla
oische Prag bereits Franzosen, Türten und Polen em
„fangen habe, und daß kein Grund vorliegen könne, die
»erühmte slawische Gastfreundschaft dem Grafen Zeppelin
zu verweigern. Das Einladungsschreiben an den Grafen
Zeppelin wird in ischechischer Sprache abgefaßt sein, auch
vird Graf Zeppelin, wenn er der Einladung Folge lei—
tet, bei seiner Landung vom Bürgermeister in tschechische:
Sprache begrüßt werden. Der Stadtrat hat weiter be—
chlossen, alle Maßnahmen zu treffen, um etwaige deutsch—
iationale Demonstrationen bei der Landung Zeppelins zu
verhindern.
Schmuggleraffäre. Aus Petersburg wird gemeldet,
daß gegen das Personal der Kaiserlichen Jacht „Stan—
»art“ eine Untersuchung wegen Warenschmuggel eingeleitet
vurde. Der „Matin“ spricht davon, daß sich ein großer
Zkandal vorbereite.
Untergegangene FijcberzZchaluppe. Aus Thors—
havn wird gemeden daßz e zischer-Schaluppe „Nord
stern“ während deßs 53eSurmes untergegangen, ist
Ihre gesamte Vesatzung, die aus 12 Mann vestand, dar
unter 5 Brüder, sind erunken.
Untergang eines Dampfers. Nach einer Meldunt
rus St. John auf Neufundland brachte der Fischerdamp—
er „Boothic“ eine Nachricht über den Untergang des
Dampfers „Aurora“. 187 Personen sollen ertrunken sein
Eine Bestätigung sehlt noch. — Nach Meldungen aus
New-NYork hat der nach dem Bericht des Kapitäns des
Dampfers „VBoothic“ untergegangene Robbendampfer „Au—
cora“ nur 17 Mann an Bord gehabt.
Zugentgleisung. Bei Conia in Kleinasien entgleiste
ein Zug der anatolischen Bahn. 5 Personen wurden ge
fötet. 18 erlitten schwere Verletzungen

Gerichtszeitung.
H Revision. Der Friseur Hans Jühnemann, der
m Januar wegen Ermordnung der Verkäuferin Alice Ra—
'owsty zum Tode verurteilt worden war, steht zum zwei
en Mal vor dem Berliner Schwurgericht. Das Riichege
richt hatte das erste Urteil wegen eines Formiehlers auf.
gehoben.
dJ' Das „umgeformte“ Schwein. Eine lustige Pfänd—
ungs geschichte beschäftigte in der Berufungsinstanz die
Ztrafkammer zu Halle. Dem Bergmann Hohnstädie
aus Hettstadt hatte cin Glänhiger zwei fette Schwein
anοrn sassen Von 7ma gensief an oa 77

oumdert fragt, wie es moglich set, daß eine solche Blume
rußer dem Treibhause des von der Kultur beleckten Städte⸗
lebens çebeihen könne. Als wenn die Natur bei Verleih—
ung ihrer Gaben sich in den Kreis einschränken ließe, den
die Menschen als einzig berechtigt zur Hervorbringung gei—
stiger und körperlicher Vorzüge gezogen haben! Hat nicht
oft wie zum Hohne das Spiel des Zufalls häüßliche, un—
ansehnliche Gestalten in das Flittergewand des Reichtums
und bevorzugter Stellungen im Leben gesteckt, damit die
prächtige Fülle den Deckmantel natürlicher Mängel bilde,
während oft die edelsten Formen in Elend und Schmut
und Armut ein umbeachtetes Dasein dahinschleppensa —
Des Mädchens Reize, ihr blühendes, heiteres Antlitz,
hr helles Auge, die Anmut und ungeschmückte Natürlich—
keit ihres Wesens, ihre Freundlichkteit und anerkannte
sedlichkeit konnten nicht verfehlen, auf die Hetzen der
Landföhne mächtig zu wirken; auch die Bauern wissen
in schönes und braves Mädchen zu schätzen und sind in
iesem Punkte, was Beurteilung der Schönheit und des
nneren Wertes anbelanat, nicht weniger feinfüblend als
in Städker. So kam es, daß wenigstens die Hälfke der
ungen M. er des Dorses, trotzdem sie arm war, sie mit
Freuden zu der „ihrigen“ gemacht hätten. Allein sie war
oerartigen Gunstbezeugungen so umahbar, allen Bewei en
einer das Maß gewöhnlicher Freundschaft übersteigender
Zuneigung so verschlossen und unzugänglich, daß sie bald
in den Ruf kam, eben so spröde und sittsam als schön
zu sein. Dies Benehmen, welches die jungen Leute in
den strengen Schramken gemessener Höflichkeit hielt, konnte
indes einen der Männer des Dorfes, Heimich mit Namen,
nicht abschrechen, das Mädchen mit andern, als nur Augen
der Freundschaft und Nachbarschaft anzusehen; durfte er
sich doch seinen Kameraden gegenüber rüühmen, ibre Hand
gedrückt zu haben
WDieser Heinrich folgte an dem heutigen Tage dem Ge⸗
genstand seiner stillen Liebe auf dem eben erwähnten Spa⸗
ziergange über den Narktplatz des Dorses und durch die
Neihen der Buhen, indem er mit Argusaugen sowohl das
Benehmen des Mädchens, wenn es Jemand grüßte, als
nuch das der Grüßenden beobachtete. Die Bäuerin, an
deren Seite das Mädchen daherging, von den Leuten des
Dorfes die Frau Halferin genannt, weil ste die Besitzerin
eines großen Gehöfes war, trat an eine Bude heran, um
3hr Glüch inom der Drebbretter zu berfuchen wel—

richtsvollzieher im Schwernesall gewaltet hatte, hte.
»er Bergmann, zumal sein Futtervorrat zu Ende
ticht mehr für verpflichtet, die Borstentiere zu füttern
verhungern zu lassen, dazu hatte er sie zu lieb, und
schlachtete er denn die Tiere, oder, wie sein Vertei—
sich ausdrückte, er sormte sie zu Schinken, Speckseiten
Würsten um. Als der Gerichtsvollzieher acht Tage
die Schweine versteigern wollte, war er sehr erstaun
„umgeformt“ zu finden, pfändete aber jetzt die Flei
ren. Hohnstädter wollte sich für die Mühe des
ens und der Wurstverarbeitung schadlos halten un—
veshalb mit seiner Familie tapfer von dem Schinken
der Gerichtsvollzieher sich nach einigen Tagen zur
steigerung der Fleischwaren einfand, waren sie stur:
sammengeschmolzen und es folgte die Anklage. De—
teidiger machte in der Gerichtsverhandlung geltend,
Hohnstädter sich tatsächlich um die Gläubiger verdien
macht habe, da er die Schweine nicht krepieren lief
dern sie umformte, wenn auch ein Teil des Wertes
loren ging. Das Gericht nahm aber Pfandbruch a.
»erurteilte den Angeklagten zu 10 Tagen Gefänagni—

Arbeiterbewegung.
— Aussperrung in der Metall-Industrie? »
Felten und Guilleaume-Lahmeyerwerken A.-G. in J
furt a. M. sind zwischen Fabrikleitung und v.
schaft Differenzen entstanden, die voraussichtlich zun
stand führen und vielleicht noch größere Folgen
werden.

—⏑ä⏑ — — —
Vermischtes.
Abkömmlinge deuntschen Stammes als Ho
von Negern! Ein beispiellos trauriges und besqan
des Blatt in der Geschichte deutscher Auswanderung 6.
die Entwickelung der deutschen Ansiedelung Seadord
auf Jamaika, über die das neueste Heft der Viertelj—
schrift „Das Deutschtum im Auslande“ berichtet. Di
delung geht auf das Jahr 1838 zurück, als infolge
Aufhebung der Sklaverei die Pflanzer auf Jamaitka
Neger mehr für die Arbeit in den Zucker- und
fee-Plantagen finden konnten und sich nun nach
umsahen. Gewissenlosen Agenten gelang es, durch
gerische Versprechungen 100 deutsche katholische —
und Handwerkerfamilien vom Niederrheine, aus 5
und der Rhön zur Auswanderung zu bewegen. A
ihnen zugewiesene Land sich als völlig unbrauchba
wies, kehrte der kleinere il der Auswanderer in
Heimat zurück, der größere aber war durch seine *
losigkeit zum Bleiben gezwungen, und nach einige
galten diese Auswanderer daheim für völlig versch
Und doch besteht die deutsche Kolonie Seafordtown
heute — aber freilich in welcher Gestalt! Die Sprac
Mutterlandes haben sie längst gegen das Pidgin-En
der Jamaika⸗-Neger vertauscht; doch sind noch manch
sche Namen, wie Großkopf, Schleiger, Sauerland, u
ündert geblieben, und manche deutsche Sitten und E
leben dort noch fort. Die trostlose Lage der Kolonie
dert ihr jetziger Missionar, P. Dermott, in einem
schen Blatte in Buffalo: die Leute leben in tiefster
mut; ihre ganze Hütte (seht in einer Strohhütte mi
paar Fuß Landes darum, gänzlich ungenügend zum
terhalt. Das schlimmste aber ist, daß sie gezwungen
sich von den schwarzen Grundbesitzern einige Acker
des zu pachten oder bei ihnen Feldarbeit zu tun.
deutschen Blutes in demütiger Abhängigkeit von Sa
zen. Mein Herz blutet, so schreibt der Pater, wenn
sehen muß, wie diese deutschen Knaben mit ihren b
blanken Augen, mit ihrem Flachshaar und ihrer w
Haut vor einem kohlschwarzen Landbesitzer in Unter
figkeit den Hut ziehen und ihn Massa anreden. Viele
diesen Kindern sind wahre Prachtkerle, und es ist her
reißend zu sehen, wie diese prächtigen Jungen und?
chen die Sprache und Manieren der Neger annehmen.
ter Dermott will nun diese deutschen Kinder durch Gr
ung einer Hausindustrie (Anfertigung von Panamab—
bon den Negern unabhängig machen. Der Caritas
band sür das katholische Deutschland hat sich zu
Zweck bereits mit dem Vereine für das Deutschtum
Ausland in Verbindung gesetzt. Dringend nötig if
ür diese verlorenen Kinder unseres Volkes zunächsi
Zchule zu schaffen; ist doch sogar ihr dortiger Schu
ter. Oraanist und Kirchenvorsänger ein Neger!
— Vö——
Die Straudung des „Zeppelin
Die Weilburger Katastrophe des „Z. 2“ erweip
hei näherer Betrachtung als nicht ganz so schwer.
wie bei Bülzig, bei Göppingen und an anderen Pe
wurde zunächst das Unglück mit den Auge des
betrachtet, der nur Zerreißpungen und Verbiegungen
nicht aber erkennen kann, ob Wesentliches getroffenen
Zerfetzte Hüllen, zerrissene Strahltrossen, zerknicktes
stänge verwirren zu leicht den Beick. Jetzt zeigt e—
nun, daß, abgesehen vom zerstörten Mittelstück de
letzungen des Schiffes erträglich genannt werden I.u
Die Gondeln mit allen Instrumenten und Maschine
inbeschädigt, Vorder- und Hinterschiff haben kaum gel
Freilich, als die ersten Meldungen einliesen, „Z.
'ollständig zerstört,“ wurde die Nachricht zunächst
chätzt. Tatsächlich hat sich denn auch bald erfreulichen
herausgestellt, daß die Katastrophe kein zweites Echt
am wie iat *2ee Gerietear hätten leicht

ches ihr im Falle des Gowinnes für wenig Geld ei
ßes Stück Honigkuchen versprach. „Drehe Du das
Varbchen“, wandte sie sich an ihre junge Begleiterin,
bin in solchen Spielen von ieher ein Unalüdcskind
wesen.“
„Sie wollen meinen Glücksstern auf die Probe Ge—
Halferin“, versetzte das Mädchen schelmisch lachend,,
ich bin nicht glücklich in solchen Dingen.“ Dabei hatt
Finger das Rad in Bewegung gesetzt — und verlorer
„Sehen Sie, Halferin, daß ich recht hatte; versu
wir es noch einmal.“ Das Resultat war dasselbe.
diesem Augenblicke trat Heinrich hetzu und bat das
chen, es möge erlauben, daß er für sie das Glück he
fordere. „Dreh nur zu“, sagte die Frau, ‚wenn Du
nicht glüchlicher bist, als wir beide, Heinrich, werd
Dich auch einen Pechvogel nennen.“
Heinrich warf dem Mädchen einen vlefsagenden
zu und gewann ein großes Kuchenherz, welches e.
freudiger, triumphierender Geberde Barbchen anbot
schön, Ihr habt es gewonnen, es gebört Euch“,
das Mädchen.
„Aber ich habe doch in Ihrem Namen gespie
men Sie!“
Barbchen weigerte sich „Nun, wenn sie es nich
meinte die Halferin, „gib es her; der Kuchen soll
nicht vertrocknen.“ Heinrich überreichte der Frau das
und trtat ärgerlich zurüch. Sein Blid fiel zusällig au
Renn mit dem Teleskope, der in unmittelbaret Nahe
und der junze Bauer war überrascht und unangeneb
rührt, als er das stechende Auge dieses Mannes n
Croßten Spannung, fast mit Entsetzen auf Barcch.
richtet sah. Dieses plötzliche Erschrecken, die mehr
wöhnliche Neugier, mit welcher der Teleskopenbesitz
Mädchen fixierte und verfolgte, mußte einen Grund
der tiefer ging, als daß nur des Mädchens —
Eindruck auf ihn gemacht hätte.
Heinrich trat an den Tisch, auf dem das 7
stand, heran, und fragte in fast gereiztem Tone:,
Sie das Mädchen?“ Der Angeredete schrak zusamme
sein Auge auf den jungen Bauer beitend, entaeg e
„Wer ist sie?“
„Was kümmert das einen Fremden?“
„Hier aus dem Dorfe gebürtig?“
Di Stimme haͤtte plötzlich einen welichen, we
Son andgenommen. Anast und Wweifel bhatfen die
            
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