Full text : Dudweiler Zeitung

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hedaktion. Druch und Verlag von J. Unterkeller. Dudweiler

F Wochen⸗Rundschau.
z1 „Die Welt wird schöner mit jedem Tag — Wer weiß,
vas alles noch werden mag.“ Trotz aller Daseinsmisere
n diesen teuren Zeiten ist man versucht, diesen Jauchzer
ms vollem Herzen quösteigen zu lassen. Leben wir doch
n einer Zeit der Erfindungen und Entdeckungen, wie sie
die Welt noch nicht sah. Kaum ist die eine uralte Sehn—
sucht des Menschengeschlechts, das Luftmeer zu beherr⸗
schen und dem Vogel gleich zu fliegen, in das Stadium
der Erfüllung getreten, als auch die schon andere, nicht min—
der inbrünstige Sehnsucht, den Nordpol entdeckt zu wissen, ur—
lötzlich Befriedigung gefunden hat. Und weil bekanntlich
doppelht besser hält, haben gleich zwei kühne Polar—
orscher kurz aufeinander ihren Fuß auf den bisher in
gzeheimnisvolles Dunkel gehüllten Punkt gesetzt. Wie da
orauszusehen war, hebt jetzt der Streit um die Priorität
im. Jeder der beiden verdienten Entdecker will der erste
gjewesen sein, der Licht in die finstere Polarnacht brachte.
Wir können dem Streit gelassen zusehen. Ob Cook oder
Peary der Primus ist, ist uns einerlei. Wir zollen bei—
den kühnen Männern unsere Bewunderung und warten
zas Urteil der Geschichte ab. Inzwischen aber freuen wir
ins der Tatsache, daß der Nordpol entdeckt ist, daß die
Wissenschaft uns zweifellos bald neue Wunder aus dem
Bereiche eines bisher unerforschten Teiles unserer kugeligen
utter Erde darbieten wird. Die Nordpolforschung war
yon jeher ein gefahrvolles Beginnen und mancher kühne
Dränger hat im Kampf um die Ruhmespalme sein Leben
m ewigen Polareis lassen müssen. Man denke nur an
»en kühnen Andree, der den Nordpol mit dem Lustballon
erreichen wollte und von seiner abenteuerlichen Fahrt ins
Ungewisse nicht mehr zurückkehrte. Wenn nun Zeppelin in
zie Spuren Andrees tritt und mit seinem allerdings lenk⸗
zaren Luftkreuzer zum Pol streben wird, dann wird ihm
gewiß der Erfolg, den Andree vergebens suchte, blühen.
MNan sieht, wie die beiden nun gelösten Probleme, Luft⸗
chiffahrt und Nordpolforschung, eng zusammenhängen. —
Wenn wir nun aus dem Reiche des Idealismus wieder
n unsere nüchterne Alltagswelt zurückkehren, dürfen wir
unächst feststellen, daß in der politischen Geschichte die
etzte Woche ziemlich die Physiognomie ihrer Vorgängerin
rug. Im Deutschen Reiche haben wir innen wie außen
roch ungetrübte Ruhe, wenn auch bereits die kommende
veniger ruhige Herbste und Winterperiode in den Zeit⸗
mgsspalten ihre Schatten vorauswirft. Bei uns feiern
noch die Politiker, während unsere Militärs, an der Spitzt
»er Kaiser, alle Hände voll zu tun haben. Wir stehen
nitten in der Manöverzeit. Der Kaiser weilte bei den
zsterreichischen Kaisermanöpvern und eilte dann zu den
gleichen eigenen Veranstaltungen in Süddeutschland, zu denen
ine selten große Zahl deutscher und ausländischer Fürft—
ichkeiten und hoher Militärs geladen ist und die an
mfang und Glanz alle bisherigen Mänöver übertreffen.
daß nord⸗ und süddeutsche Truppen wetteifern im fried—
ichen Kriegsspiel ist auch eine nicht alltägliche und dar—
im umso interessantere und erfreulichere Erscheinung, die
Ach nach außen ihren Gindruck nicht verfehlen wird

Daß Oesterreich⸗Ungarns Heermacht auf der Höhe
inserer anspruchsvollen Zeit steht, haben die großen Trup—
enübungen vor den beiden verbündeten Herrschern bewie—
en. Wir freuen uns dieser Tatsache; und unsere stillen
ind offenen Gegner werden sie respeltvoll vormerken. Die
jewaltige deutschösterreichilche Kriegsmacht ist und bleibt
in unvergleichliches Friedensbollwerk.
Englands König ist in aller Stille und ohne eine
zusammenkunft mit Kaiser Franz Josef gehabt zu ha—
en, von Marienbad nach England zurückgereist. Er ver—
zält sich in letzter Zeit auffallend still. Spinnt er seine
FIntrigen sozusagen auf Socken weiter, oder hat er
»as Geschäft, das so wenig einträglich war, an den Nagel
ehängt? Wir müssen hier abwarten, was uns die nächste
zukunft bringt. In den englischen Landen grassiert die
deutschenfurcht unvermindert fort. Schon jetzt baut man
ie zunächst nur für Eventualfälle vorgesehenen 4 weite—
en Dreadnoughts. Englische führende Militärs erstreben
ine neue Erweiterung und Organisation der Landarmee
ind hohe Generale tragen die Deutschenhetze und -Furcht
ie sie im Mutterlande ständig und bewußt nähren, nun
iuch noch in die Kolonien. Es ist eine böse Drachensaat,
e so ausgestreut wird.
In Frankreich feiert die Spionitis wahre Orgien.
zelbst in England könnte die Angst vor deutichen Spio—
en nicht größer sein. Die sfranzösischen Blätter uischen
zren leichtgläubigen Lesern alltäglich eine neue Spionen⸗
zchauermär zum Frühstück auf. Von all den nervösen
zrscheinungen in Frankreich und England sticht die ruhige
zesonnenheit in Deut'chland, sowohl in politischen als
uch militärischen und Volkskreisen, nicht minder in der
eutschen Presse, wohltuend ab. Ein Zeichen sowohl vor⸗
ehmen Krastbewußtseins als auch eines guten Gewissens.
In Marokko haben sich einige Stämme den Spa—
iern unterworfen. Die andern rebellieren unvermindert
»eiter. Ein Ende des teuren und fruchtlosen Spiels ist
mmer noch nicht abzusehen.
In Griechenland haben König und Roegierung den
turrenden und drohenden Offizieren nachgegeben. Kron⸗
rinz Konstantin, der Schwager des deutschen Kaisers
nd Generalkommandant der griechischen Armee, wurde
eines Postens enthoben und auch die übrigen Prinzen
1 Kommandostellen wurden aus diesen entfernt. Ob wohl
ieses Nachgeben die Ruhe im Reiche sichert? Man dari
s fuüglich bezweifeln.
—Von Holland gibt es zwar in politischer Hinsicht
seues nicht zu berichten. Dafür lenkt aber eine große
zolksgefahr, die aus dem Ländchen der Mynheers droht,
ie ängstlichen Blicke der ganzen Welt auf sich. Die Ch o—
era, diese furchtbare Volkswürgerin, ist in Rotterdam
ind anderen Städten aufgetreten. Manches Opfer hat
zsie Seuche schon gefordert, wenn auch eine rapide Ver—⸗
reitung, wie in der Hamburger Choleraperiode entsetz⸗
chen Angedenkens, glücklicherweise ausgeblieben ist. Wir
ürfen wohl unserem sanitären Ueberwachungsdienst ver⸗
rauen, daß nichts versäumt wird, den unheimlichen Gañ
pn unsern Grenzen fernzuhalten

2Bbolitische Rundschau.
Deutsches Reich. 425
*Ueber den Termin, an welchem der Reichstag wie
der zusammentreten wird, verlautet noch nichts,
doch ist es sehr unwahrscheinlich, daß er vor Ende No—
vember oder Anfang Dezember einberufen werden wird.
Der Stand der Etatsarbeiten wäre, soviel man hört, ei—
ner früheren Einberufung nicht im Wege, obwohl eine
richtige Veranschlagung der Einnahmen bei der Verwirr—
ung und Unsicherheit, die durch die neuen Steuern her—
vorgerufen ist, ihre Schwierigteiten hat; aber es liegt sehr
nahe, daß man den Abgeordneten und Beamten, welche
zurch die ungewöhnlich lange und arbeitsreiche Seffion
tark mitgenommen sind, eine möglichst lange Erholungs—
zeit gönnen will. Dazu kommt, daß Aufgaben von sol—⸗
hem Umfange und solcher Schwierigkeit, wie sie die
RKeichsfinanzreform dem Reichstage stellte, im nächsten
Winter nicht zu erwarten sind. Ueber die neue Reichs ver⸗
icherungsordnung, die das Hauptistück der neuen
Session bilden wird, wird sich der Reichstag, so wichtig
und schwierig das Werk an sich ist, sicher leichter verstän⸗
digen als über neue Steuern von 500 Millionen. Ein
Bedürfnis zu einer frühzeitigen Einberufung des Reichs—
tages liegt jedenfalls nicht vor. Der preußische
Landtag ist noch besser daran. Er ist im vorigen
Jahre nur der Besoldungsgesetze wegen im Herbste zu—⸗
ammengetreten. Eine gleich schwierige und zeitraubende
Aufgabe, zeitraubend deshalb, weil mit zwei Häusern zu
rechnen ist, ist in der nächsten Session schwerlich zu er—⸗
varten, und so wird man zu der Uebung der früheren
FJahre zurückkehren und den Landtaa im Vamar ein—
erufen.
* Die nächstjährigen Kaisermanöver sollen, wie das
B. T.“ meldet in Posen stattfinden. Während der Ma—
tövertage werde der Kaiser im Posener Residenzschlosse
Wohnung nehmen. In Verbindung mit dem Kaiserma—
töver sollen die Einweihungsfeierlichkeiten für das neu—
rbauto Schloß stattfinden.
* Nach den in Berlin vorliegenden Informationen
chließt das JapanischChinesische Mandschurei-Abkommen
veder, wie von einigen Blättern behauptet wird, eine
Pilitärkonvention zwischen den beiden vertragschließenden
Ländern in sich, noch richtet es die Spitze überhaupt ir—⸗
zjendwie gegen eine weiße Macht. Auch die Verhand—
ungen, die zum Abschluß des Abkommens geführt ha—
nen, waren ausschließlich auf die in dem Abkommen selbst
niedergelegten und ausschließlich auf die Mandichurei und
dorea bezüglichen Puntte beschränkt.
Fran kreich.
*In Paris veranstalteten etwa 300 sozialistische und
evolutionäre Arbeiter ein Manifest vor dem Palais der
panischen Botschafit. Sie stießen Puse aus:
stieder mit der spanischen Reaktion. Gegen das Bot—⸗
haftsgebäude wurden Steine geworfen und einige Fen—
terscheiben zertrümmert. Die Polizei vertrieb die Mani—
estanten. Spanier und etwa 40 franaösische Arbeiter sind
herhaftet worden

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