dem Hauptplatz WMiel eine Versammbang ab, wobe
die Abgg. Wolf. At, Lühlwerth und Weidenhofer spra
chen. Das Schiff mit den Tschechen fuhr bis Ispendorf
nase der oberösterreichischen Grenze und trat dann die
Rückfahrt an. Bei dem abermaligen Passieren von Mell
wiederholte sich das gleiche Schauspiel, bis das Schif
rasch außer Sehweite kam. Nachmittags um 5 Uhr legte
das Schiff in Nußdorf an, ohne daß das dort versammelte
Publisum eine Ahnung von der Nationalität der An
kommenden hatte Die Rückfahrt bis zum Praterquai hatte
die Behörde mit Rücksicht auf weitere Zusammenstöße mi
den dort wartenden Deutschen verboten. An vielen Orten,
dar vter auch Krems, wurden die Tschechen mit stürmi—
schen uirufen begrüßt. Bei Schönbühel wurden einige
Reneolverschüsse gegen das Schiff abgegeben, an anderen
Orten wurde ein Steinbombardement eröfinet. das jedoch
das Schiff nicht erreichte.
Die Kretafrage.
Die kretische Kriegsgefahr.
erscheint durch die in ihren wesentlichsten Zügen bereits
mitgeteilte türkische Note in drohende Nähe gerückt. Al—
lerdirngs braucht man, wie uns geschrieben wird, trotz
der neuerlichen Zuspitzung der Sache noch nicht an der
Erhaltung des Friedens zu verzweifeln. Solange noch
kein Schuß gefallen ist und für diplomatische Verhandlun
gen noch Zeit bleibt, erscheint ein Ausgleich noch immen
möglich, da doch auch die Jungtürken sich des Risikos be⸗
wußt bleiben werden. Aber häßlich, traurig und nieder
drückend ist die ganze Geschichte, da die Schwäche und die
Unehrlichkeit der modernen Staatskunst der Kul
turvölter“ so recht jämmerlich zur Erscheinung kommt
Ein Glück für Deutschland, daß es aus dem faulen
„Konzert von Kreta“ rechtzeitig ausgeschieden ist! Hof⸗
jentlich hält sich unsere Regierung auch weiterhin zurück
namentlich auch von einer sogen. Konserenz, die neuer
dings in Vorschlag gebracht ist. Mögen die vier Schutz
mächte sich erst einmal darüber einigen, wie sie die von
ihnen angerichtete Verwirrung beseitigen wollen. Deutsch—
land hat zunächst nur die Aufgabe, dem näher beteiligten
Desterreich für den Ernstfall den Rücken zu stärken.
Einzelne vorliegende Meldungen besaagen über die
Lage noch folgendes:
Der mäßigende Einflhuß der Mächte hat, wie
verlzutet, den gewünschten Erfolg gehabt. Der
letze türkische Ministerrat beschäftigte sich mit den einge—
lauseuen Berichten der türkischen Botschafter in London
und Rom. Auch die öffentliche Meinung ist weniger er—
rent Man erklärt, die Antwort der griechischen Regierung
auf tdie jüngste türtische Note in Rom abwarten zu wollen.
Gerüchtweise verlautet, daß ein Teil der Mannschaf!
des italienischen Kreuzers, der in der Suda-Bai einge—
troffen ist, gelandet wurde.
Zwei französische Panzerschiffe haben
Vorräte an Kohlen und Proviant eingenommen und sind
von Toulon nach Kreta abgegangen.
In Kreta löste sich die Notabelnversammlung nach
zweitägigen Debatten beschlußlos auf. Die Konsuln der
Schutzmächte eröffneten der kretischen Regierung, daß bei
einem fortgesetzten Widerstand in der Flaggenfrage auch
die Autonomie Kretas gefährdet werde. Die Regierung
fährt fort, für eine Unterordnung unter die Raschläge der
Mächte zu wirken. Vicle kretische Politiker vertreten die
Ansicht. daß kein Kreter sich bereitfinden werde, die Flap
gen einzuziehen, sondern, daß statt dessen den Schutzmäch
ten widerstandasos die Einziehung 2u überlamen isei.
Arbeiterbewegnug.
— „Herr im Hause.“ Seit ungefähr zwei Monaten
st reiden in iel die städtischen Arbeiter,
weil bei der letzten Etatsberatung die von ihnen ver ang—
len Lohnerhöhungen und Kürzunzen der Arbeitszeit mit
Rücksicht auf die ungünstige Fnanztage der Stadt abge—
lehnt wurden. Die Stadtverwaltung hat sich durch die
Heranzieyung fremder Hilfskräfie zu helsen gesucht und
später Arbe tswillige eingestelkt. Die anzänglich mit dem
Streitk verbvundeßen Unzuträglichkeiten auf dem Gebiete
der Straßenreinigung sowohl wie auf dem des Abfuhr—
wesens konnten bard beseiligt werden. Allgemein gilt
der Streit für die Arbester für verloren. Sie selost sind
dersclbden Ansicht. Kürzlich wurden nun von der Srreit—
leiuung WBerhandlungen mit dem Wragistrat wegen
der Wiedereinstellung der Arbeiter eingete tet. Man sve sr—⸗
bangte, daß die alten Arbeiter wieder zu dem aliten
Lohnsatz und unter Sicherung ihrer Rechtsansprüche auj
Unterstützung in Krantkheitsfüllen, auf Ferien usw. anuge—
stellt werden sollten. Der Magistrat lbehnte diese
Forderung ab, erklärte sich aber bereit, die asten Leute
nach Bedarf wieder einzustellen; und zwar sollten sie bis
zum 1. April nächsten Jahres nur den Lohn neu einge
stellter Arbeiter erhalten, um dann wieder in den Voll
besitz ihrer alten Rechte auch bezüglich der Lohnhöhe zu
gelangen. Die Streitkenden haben dieses Angebe
abgelehnu?. Sie erblicken in der ihnen vom y»
bet, hatte sein Herz der Biebe zu Zynen verschließen ron⸗
nen? Wie kämpfte ich mit meinem Gefühl, als ich hörte,
Sie seien verheiratet! Aber als ich dann Lissies Tod und
zudem von ihrer Untreue und Grausamkeit gegen Sie er
fuhvr, da wuchs meine Liebe zu Ihnen schrankenlos und
ungehindert mit jedem Tage! Was sind Studium, Wil—
lenskraft, Berufserfolge und deraleichen einem Weibe. das
wirklich liebt?“
J Da saß nun Isabel, errötend und weinend, genau
wie jedes andere törichte, alberne Mädchen, genau so
wie einstmals ihre schöne schottische Mutter, zu deren
Zeit ein Mädchen auch nicht im entferntesten daran dachte
Medizin, Chemie oder Mathematik zu studieren.
Sie saß im Lehnstuhl, und vor ihr stand Robert. Es
schien, als haͤtten die beiden die Rollen gewechselt und
als sei Roberts Schwäche und Hilfsbedürftigkett mit
einemmale auf seine tapfere, liebenswürdige Pflegerir
üboergegangen.
„Ich darf Sie nicht in Ihren Erfolagen hindern“. be
harrte er.
Ich urteile anders als die Welt“, entgegnete ste.
„Ich weiß, daß Sie Ihr Unglück nicht verschuldet haben.“
„Einigermaßen trage auch ich die Schuld daran.“ Er
hatte sich von ihr abgewendet und blickte zum offenstehen—
den Fester hinaus. In seinem Herzen brannte es wie
Scham, daß er als Mann, als reichbegabter Mann, im
Leben Schiffbruch gelitten, während dieses Mädchen so
glänzende Erfolge zu verzeichnen hatte.
„Wie armselig ich mir vorkomme“, dachte er. „Zwei
jede in ihrer Art schöne, hervorragende Frauen sind in
folge meiner niedrigen Stellung veranlafzt worden, mi
ihre Liebe selbst zu gestehen.“ Laut fuhr er fort: „Das
Schicksal hat mir übel mitgespielt. Lassen Sie mich ersi
bersuchen, Ihnen zu zeigen, liebe Isabel, daß ich nock
Mut und Tatkraft besitze. Lassen Sie mich erst einmal
ein Werk vollenden, einen Platz im Leben erkämpfen
und wenn Ihnen dann noch etwas an mir lieat, so wol
n ö— 44— —4————— hor— 4—
rat zugemeitesen Bewahrungsfrist eine Art Straie dafür
daß sie in den Streit eingetreten sind. Man muß in de
Tat das Vorgehen des Wtagistrats mißbilligen, denn e
erschwert den alten Arbeitern die Wiederaufnahme der A—
deit unnötig und demütigt sie ohne zwingenden Grund
Daß Autorität un“ Disziplin in den städtischen Betriebe
herrschen sollen, ist selbstverständlich, aber es ist doch et
was un'ozial wenn er in dieser unschönen Weise zu er
tennen gibt. daß er „Herr im Hause“ sein wil.
* 154 2
Vermischtes.
Die Schlacht am Iselberg vor 100 Jahren. An
13. Au zusi jährte es sich zum 100. Male, daß Andrea—
Hofer, der vielgenannte Sandwert von Passeyer, sein ei
matland Tirol das dritte Wal aus den Händen der Fran
zosen befreite. In dem Wafsfenstillstand von Znaim an
10. Juti 1809 haätte Oesterreich zum zweiten Mal end
gültiz auf Tirol verzichtet. Allein die Tiroler hierte
diese Nachricht fuüur Lug und Trug, und außerdem ware
sie durch ihren vorgehenden zweimöligen Sieg über de
Feind so selbstbewußt, daß sie glaubien, sich auch ein drin
tes Pal auf ihre cigene Kraft verlassen zu können. St
fort nach dem Absch uß des Wafsenstillstandes ließ Nape
eon Tirol von allen Seiten durch mehr als 50 000 Man
überfsuten. Die grausamen Maßnahmen der Oberbefehls
haber ließen die Flammen des Aufstandes ungeheuer em
porlodern. Es war am 2. August, als Hoser seine be
rühmten Laufzettel wieder von Tal zu Tal wandern, di
Feuerzeichen auf den Höhen aufflammen ließ. Am 3. Au
gust erlitten die Sachsen an der engsten Stelle des Eisacd
ales, der später „Sachsenklemme“ genannten Stelle, durc
einen Regen von totbringenden Kugeln und künstliche
Stermlawinen furchtbare Verluste. Nach zweitägigem hel
denmütigem Kampfe mußte sich Oberst von Egloffsftein mi
einen noch übrig gebliebenen 600 Mann ergeben. De
ranzösische Oberkommandant Lefebvre, der von der Nie
derlage der Sachsen Kunde erhalten hatte, rückte sofor
on Innsbruck ab, und drang über den Brenner geger
Mittenwald vor. Allein vor den anstürmenden Trrole
Haufen mußte er alsbald wieder zurückgehen, und de
siegestrunkene Landsturm der Tiroler besetzte den vo—
Innsbruck lagernden Iselberg. Am 13. August ordnet
der Oberkommandant von Tirol, Andreas Hofer, den An
griff auf die Feinde an. Es war eine Riesenschlacht, di
wischen den 18 600 Tixrolern und den 25 000 Mann ge
schlagen wurde, über die Lefebvre verfügte. Der Isel
berg war das Zentrum des blutigen Ringens, in den
oor allem der Wirt von der Mahr und Speckbacher Wun
der der Tapferkeit verrichteten. Alle Versuche, den Tiro
lern die Höhen zu entreißen, scheiterten. Beiderseitige Er
müdung und eintretende Regengüsse ließen die Schlach
am nächsten Tage zur Ruhe kommen, und gegen Abem
traten die Franzofen den Rückzug durch's Unterinntal an
Der Oberkommandant von Tirol hatte seine Heimat zun
dritten Mal von den Feinden befreit, und zog am 14
Augustni iß Hofburg der Lapdeshauptstadt Inns
uruct —I———— Landeah — distadt
Damenmoden vor 3 Cren. Es ist eir
seltsames Zusammentrenen, dar im Juti 18390, arso vo
einem Jahrhundert, die unförnlich großen Hüte der da
maligen Damenwelt ebenso großen Widerspruch hervorrie
fen, wie sie es benute tun. Im „Journal des Lirus un
der Moden“ findet sich eine Schilderung de veibliche
Huttracht, die unweltürlich an ein Bild erinert, wel
ches eines unserer gelesensten Witzblärter vor kurzem wie
dergab. In dem Modebrief heißt es: „Bei unsern Schö
nen ist gegenwärtig eine Mode an der Tagesordnung, di
nicht die Approbation unserer Elegants erhalten kann Es
sind nämlich äußerst große Strohhüte, mit enem 6 Zol
breiten Rande, deren Schirm und Seitenwände das Ge—
sicht so vo ltändig bedecken, daß der Vorübergehende
wenn er hineinschauen will, sich schlechterdings genötig
sieht, eine Kniebeugung zu machen, weun er anders sein
Neugierde nicht zu mäßigen weiß. Ihren Zweck: Schut
zegen die Sonnenstrahlen, erfällen diese Hüte ebenso gi
wie die großen Halskragen, welche unsere Schönen jetz
zieren, und womit sie Hals und Racken bedecken; sie hä
ben ganz die Form der Halstragen der ehemaligen reichs
städlischen Rtatsherren, nur sind sie ohne Falten und mi
Spitzen besetzt.“ Diesem Berscht sei noch einer aus dem
August 1809 angejügt, in dem es u a. heift: „Die große
hitze während des Augusts nötigte unsere Schönen, sich so
eicht als möglich zu kleiden, und wir sahen darum auch
auf allen Promenaden nichts als Numphen und Grazier
n leichten Gewändern, welche die schönsten Umrisse der
ieblichen Gestalten verritten, herumwandeln. Man trug
esonders eine Gattung Ueberröcke mit herunter liegender
dragen in Doppelfatten gelegt, lange Aermel, fünsmal ao
zebunden und das Gewand unten zweimal garntert von
dem allerfrinsten Mousselin. Die schönen Gesichter blickten
reundlich unter feinen Basthütchen mit Pfeilchen geschmück:
zervor. Auch rragen einige unserer elegantesten Damen
etzt Kleider, welche noch über den Chemisenzug —
chräge Bedeckung in Form ines Halstuches üver den
Busen haden. und die auj Bruit und Schrser mit Wopit
Ste yod die riaren, hunnen Augen zu ihm
empor. 7 — *7
„Sie können mich niemals so lieben. wie ich Sit
liebe“, sagte sie.
„Es war damals eine Art Verzauberung“, erwidert⸗
er mit abgewandten Augen, „Alicia erschien mir wie die
Prinzessin des Feenmärchens, und nach der Ansicht vieler
ist sie auch eine Prinzessin. So verschwand sie ja aud
wie eine Fee, und mir kommt die Nachricht von ihren
Tode so seltsam vor, daß ich mich förmlich zwingei
nußz, daran zu glauben. Sobald es angeht, werde id
Zssies Muttey aufsuchen und alles au fobren Aichen. bi
Umstände ihres ploͤtzeichen Todes und den Grund meines
VerstosSung.“ —
„Ja, tun Sie das“, versetzte Isabel kurz und mi
einem etwas gezwungenen Laͤcheln.
„Ich leugne auch nicht“, fuhr er fort, doß Lissies
Andenken mir — stett..
«Mehr sein wird, als der Besttz irgend einer anderen
lebenden Frau“, flel thm Isabel in die Rede, „und die
fen Vorzug will ich ihr durchaus nicht rauben. Alice da
Bruce ist za, wie gesagt, eine Prinzessin.“ — *
— Aber, Sie verdienten es, die erste und einzige Liede
eines pz 8 sein“, rief Robert aus, Es
amut gewiß vie änner, die Sie lieben!“ p
AIch glaube, es sind nur wenige“, entgegnete sie
„aber zufallig sind diese mir alle höchst gleichgüͤltig. Mi
kommen die Männer unferer Zeit alle so gewohnlich, der
üchtlich und egoistisch vor. Die Frauen sind selbst schutt
hbaran, der moderne Nann ist leider nur das, wozu ithr
die moderne Frau gemacht hat. Ich liebe Sie, Robert
eben weil Sie nicht so sind wie alle andeten·
„Lissie pflegte zu sagen, ich sei zu geduldig“, meint
ber junge Mann. „Geduld ist meine Lehrmeifterin. Wenj
ein Mann in meiner Lage den Muth und die Gedul
verliert, so springt er einfach ins Wasser dort, wo es
am tiefsten ist. Mein Leben ist frei von Schuld Abe
an Grfala hat n mir stota ια XAS 4
teintuevyen befestigt wird. Vie turtischen Perse sind fer
ner noch sehr beliebt und werden häufig geragen.
Das sizilianische Erdbeben und die Seekabel.
Die Seekabel in der Straße von Messina, die die Insei
mit dem Festland verbinden, haben wider Willen dazu
beigetragen, einiges Licht in den Ursprung der Erdbe—
ben, denen Messina zum Opfer fiel, zu vringen. In der
Zeitschrist Elektrische und maschinelle Betriebe lesen wir
„Die Insel Sizilien ist mit dem Festlanoe ihecr die Merr—
enge von Messina durch sieben Seekabdel verbunden, die in
einer Tiese von rund 500 Metern unter der Meerescbes
läche lie en. Insolge des Erdbebens war der telegraphi—
che Verlehr durch diese Kabel gestört, was darauf schlie
zen ließ, daß sie Schaden erlitten hatten. Es wurde da—
er deren Hebung vorgenommen, wobei es sich ergab. daß
im Neeresvboden gewaltige Veränderungen vorgegangen
ein mußten, insbesondere wurde man gewahr, daß die
dabel mit einer sehr hohen Sandschicht bedeckt waren, da—
jer die Hebungsarbeiten sich ungemein schwierig gestalte
ten. Das siebente sadlichst gegen Kap Gabico zu gelegene
dabel war durch die kräftigsten Maschinen überaupt nichlt
zu heben und mußte daher verlassen werden. Die geho—
henen Kabel zeigten an mehreren Stellen Brandschäden:
ticht nur die Panzerung und die Isolierung waren ge
chmolzen, sondern auch die Kupferleiter selbst wiesen Ver
schmelzungen auf Es deutet dies jedenfals auf den
Ausbruch eines unterseeischen Vulkans hin. der das Erd
reben verursacht haben dürfa—*
Generalstreik und sterbende Kinder.
In Schweden ist Generalstreit und die Miichzufuhr
nach Stockholm ist eingestellt. Dieser Tage tatnte nun ein
Telegramm aus der schwedischen Hauptsiadt mit, daß in
olge des Milchmangels die Kindersterblichkeit in Stock
solm bercits zugenommen habe. Diese Kinder, die an
Milchmangel zu Grunde gegangen, stehen auf der Liste
ils die ersten Opfser eines Streils, der von Ansang an
ils sein Programm festgestellt hatte, daß „bei aller Ener—
zie des wirtschaftlichen Widersiandes doch auf die Haupt—
inforderungen hygiensscher und sanitärer Wohlfahrt Be—
dacht genommen“ werden solte. Und tatiächlich muß man,
wenn man von all den von den Streikfführern getroffenen
Maßregeln hört — Zurückberufung der Totengräber an
die Arbeit, Fortbetrieb der Wasserleitungen, Beleuchtungs—
an!agen ꝛc. —, nur glauben, daß ihnen in der Hitze der
Vorbereitungen zum Kampf dieses Detail der Milchzufuhr
für die Säug inge entgangen ist, daß sie nicht wissentlich
solche Bitternis heraufbeschworen haben. So darf man
wohl annehmen, daß der Appell des Dichters Halben—
tamm an die Streikenden, die Milchzufuhr zu ermögli—
hen, Erfolg haben wird. Wie man selbst im Kriege die
Kranken und Verwundeten schont, so müßte und sollte
auch während des leidenschaftlichsten Streikkampfes zumin
dest vor jeder Kinderstube ein „rotes Kreuz“ sichtbar sein
von jedermann von Menschlichkeits wegen tief respektiert
In einem Roman des Kapitäns Marryat wird eine
rührende Episode von einem Schiffbruch erzählt: Eine
schwarze Amme, die ein halbverschmachtetes weißes Kind
an die Brust legt, gerät in Verzweiflung, weil sie außer⸗
stande ist, dem Kinde Nahrung zu geben. Wie nun ein
— V
die rauhen, gegen atle Sentimentalität gefeiten Matrosen
alles beiseite, um mirten im Sturm und in Gefahren zu—
erst dem armen Wurm Nahrung zu bringen. Der eng—
lische Romancier schildert diese Szene in exgreifendster
Weise, und an sie wird man unwillkürlich gemahnt, wenn
man von der abgesperrten Milchzufuhr in Stockholm hört
und davon, daß zarte Kinder daran zu Grunde gehen
Hoffentlich ist diese grausamste, von einem Zufall ver
schuldete Episode schon vorbei, und das rote Kreuz der
Menschl'chkeit hat die Kinderstuben von Stockholm unter
seinen Schutz genommen. Mit Frauen, Kranken, Greisen
und Kindern, führt das „N. W. T.“ aus, führt man nir—
gend mehr Krieg, wo die Atmosphäre der Zivilisation
weht. In Schweden lebt die Frau, dle das Schlagwori
vom Jahrhundert des Kindes in unsere Zeit warf. Aber
auch jenen, denen das Wort noch nicht vertraut ist, fällt
der Gedanke zentnerschwer auf die Seele, daß Kinder lei
den oder gar sterben müssen, weil ein Lohnkampi ausge
sochten wird.
etnmal dluhden, dann, Isaber, rommen Sie und reilen e
ihn mit mir!“ —
„Der Erfolg wird kommen, bald Ihnen blühen —
und gerne werde ich iihn mit Ihnen teilen. Aber auch
Mißgeschick will ich gerne mit Ihnen tragen, Robert!“
Sie hielt ihm bei diesen Worten ihre Hand hin, die
Hand eines tapferen, ehrlichen und warmfühlenden Mäd⸗
chens, und er drückte sie herzlich in der seinen. Dann aber
zing er gerührten, aber betrübten Herzens von dannen.
Robert war noch zu schwach und apathisch, um den
zanzen Wert seines Glückes zu ermessen, das ihm die
Ltebe eines Mädchens wie Isabel Mure sozusagen zu
Füßen gelegt hatte. Lisstes Andenken, des ihm während
der ganzen trüben, endlosen Zeit seiner Krankbeit vorge⸗
schwebt hatte, war noch zu eng mit seinem ganzen Sein
derwebt. Sie hatte seine Briefe zurücgesandt, alleinz
vas wußte er denn von den näheren Umständen dieses
scheinbaren Verrates? Was von ihrem auffallend plötz⸗
ichen Tode? Dies alles wollte er, mußte er jetzt aus⸗
jorschen. Seine Zukunft indessen hatte er nun JIsabel
herpfändet. Und es war gut so, um ihretwillen! Sein
Leben konnte ebensogut ihr wie ihm selbst gehören, und
das Glück, eine Frau wie Isabel sein eigen zu nennen,
war gewiß kein wertloses Geschenk. Erst aber mußte er
äch einen Platz in der Welt etobernn. V
— — ———
* —J J —
Als Robert endlich an der Türe seines verlassenen
Ateliers anlangte, war seine Hand kaum imstande, den
Schlüssel in dem verrosteten Schloß umzudrehen. Schon
diese kleine Anstrengung war zu groß fuͤr den Rekonva—
leszenten. Drinnen sank er. einer Ohnmocht nahe. au
einen Stuhl.
Sein luftiges Reich sah noch genau so aus, wie er
es an enem Abend verlassen, da er Lissie zum letzten⸗
male gesehen. Dort standen noch die Teetassen auf dem
niedlichen Tischchen, aus denen sie getrunken. Traurige
Reste jones letzten trauten MNahles, seit welchem nun schon
elf lange Monate verflossen waren. Und wiederum kan
eine traurige Stimmung Über den einsamen Träumer.
Wo sie auch immer sein mochte, ob lebend oder tot,
tteu oder untreu, ihr gehörte sein Herz auf immerdar.
Es dauerte eine geraume Weile, ehe sich Robert von
seiner momentanen Schwäche erholt hatte. Dann stand
er auf und zog den Vorhang von dem Bilde der verlo
enen Geliebten. O, wie hatte er ste gelliebt, wie liebte
sie noch immer! Ein Strom von Licht schien von ihrt
nuus3 ehen, strahlend waren die Augen, schimmernd Haar
and Antlitz. Sein Herz schrie auf in Schmerz und
Sehnsucht. *
Lijssie, meine Lissiet Wie soll ich es ertragen? Wäre
ch nur mit Dir gestorben! Ich möchte auch im Tode
ni4 Dir bhoereint Feint““