— 183 23. Jahrg. J — Montag 9. Aug. 09
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Der neue amerikanische Zolltarif.
Unter Präsident Roosevelt wurde mit großem Tam
zam die Revision des amerikanischen Zolltariss in Szen
gesetzt, um die mit den hohen Schutzzoͤllen unzufriedenen
Republikaner bei der Präsidentenwahl nicht auf die de
mokratische Seite fallen zu lassen. Nachdem aber jetzt de:
neue republitanische Präsident Taft glücklich gewählt ist
haben es die Trusts und Synditate durchgeseßt, daß si
unter dem neuen Zolltarif, der den Namen des Senatore
Payne führt, auch nicht zu lurz kommen, im Gegenteil
Und die Regierung — auch Praäsident Taft persönaich —
yat ihre ganze Kraft eingesetzt, um den neuen Tari,
durchzudrücken. Nachdem das Repräsentantenhaus den
Ppayneschen Tarifentwurf mit 1883 gegen 175 Stimmen
zugestimmt hatte, bestand noch die Gefaähr, daß die Sena
toren der hauptsächlich Viehzucht treibenden wesilichen
Staaten wegen der Zollsätze auf Schuhwerk den Payne⸗
schen Tarif zu Fall bringen könnten. Nun ist es aber
noch gelungen, durch entsprechende Zugeständnisse ihre Zu
stimmung zu gewinnen. So wird alid der Vaynesche Ta
rif Gesetz werden.
Der jetzt geltende Zolltarif ist der sogenannte Ding
lbey⸗Tarif. Er trat am 24. Zuli 1897 an die Stell—
der Mac Kinley-Bill, mit der die amerikanische Hochschut
zollpolitik eingeleitet wurde. Die Mac Kinley-Bill, welch—
1890 eingeführt wurde, hatte einen doppelten Zweck, ein
mal sollte sie die amerikanische Produktion gegen die euro
päische Konkurrenz — vornehmlich in Frankreich, Eng
land, Deutschland und Oesterreich-Ungarn — schüßen, dan
aber auch den allgemein üblichen Unterschleisen der Zoll
beamten einen Riegel vorschieben. Schon die Mac Kin
ley⸗Bill hatte einen gewaltigen Rückgang der Einfuhr ge
wisser Artikel im Gefolge. Besonders die deutsche Textil
industrie hatte darunter zu leiden, und die Wiener Perl
murterinduftrie mußte nach Inkrafttreten der Bill allei
3000 Arbeiter entlassen. Es trat denn auch in Amerike
se'bst ein Rückschlag ein. Nach der Wahl des demokrati
schen Präsidenten Cleveland erfolgte im Jahre 1894 eine
»edeutende Herabsetzung der Zölle, aber bereits 1897 simt
durch die Dingley-Bill die Zölle noch über die Kinaley
Bill hinaus erhoͤht.
Wie bereits gesagt, sollte jetzt eine Revision des Ta—
rijs Zollerleichterungen bringen, tatsächlich kam es aber
für die Textilindustrie zu Erhöhungen der Zollsätze, eben
so wurden die Zölle für Eisenwaren, Wein, Bier und
Spirituosen bedeutend erhöht. Die Gegner des neuen Ta
rifs berechneten sogar, daß die Erhöhungen die Ermäßig
ungen noch übersteigen. Auf die Einzelheiten kann natür
lich hier nicht eingegangen werden. Nur das eine möge
erwähnt werden, daß nun auch die Amerikaner zu dem
zuerst von England angewandten Mittel greisen wollen,
die Konkurrenz des Auslandes durch Angabe des Ur—
prungslandes zurückzudrängen. So sollen Messer, auch
Rasiermesser, wenn timlich, auf allen Klingen den Namen
des Fabrikanten und des Ursprungslandes in hervortreten
der Schrift eingegraben haben, dasselbe gilt für Uhren
Zifferblätter, Uhrgehäuse und Uhrwerke. Wir glauben
—Made in Germany“ wird aber die deutsche Konkur—
r eurücka udrängen vermögen,
* no
Bier mit einem Beinpenavnunuob von ein Zenumeter ge—
stattet. Das Gesetz tritt am 1. August 1909 in Kraft.
*Auf ein Schreiben, das der Vorsitzende des Deutschen
Vereins für das nördliche Schleswig, Landgerichtsrat Dr
ahn, an den Reichskanzler v. Bethmannu⸗-Holl—.
weng richtete, antwortete der Kanzler, daß er der nach
drücklichen Förderung und Stärkung der
NRordmark stets seine besondere Auimerksamkeit widmer
werde.
*Wie sehr nach dem neuen sächfischen Pluralwahl—
recht sich die Zusammensetzung der Wählerklassen verscho
ben hat, lassen die Wahllisten bereits deutlich erkennen
danach besitzt z. B. die Stadt Reichenbach bei etwa 30 00
Finwohnern etwa 5320 Wähler mit zusammen 10 160
Ztimmen. Von diesen haben etwa 2600 Wähler ein
Stimme, 1400 Wähler zwei Stimmen, 460 Wähler dre
Stimmen und 860 Wähler vier Stimmen. Auffallend is
die Tatsache, daß die Zahl der Wähler mit vier Stim
nen die der Wähler mit drei Stimmen um fast das
Doppelte übersteigt, eine Erscheinung, die, soweit Zifsern
hierzu vorliegen, auch in Plauen, Glauchau, Freiberg und
Annaberg konstatiert worden ist.
Schweden.
*Die städtischen Beleuchtungsarbeiter
n Stockholm haben sich dem Generalstreik ange
chlossen. Es besteht jedoch keine unmittelbare Gefahr des
Versagens der Beleuchtung, da für mehrere Tage vorge
orgt ist und der Betrieb mit Hilse von Ingenieuren aui
recht erhalten wird. Andere Ingenieure haben sich bereit⸗
freiwillig gemeldet, wurden aber abgelehnt, da Zusam
menstößkße mit Streikenden befürchtet werden.
Vom Balkan.
* In Wiener diplomatischen Kreisen befürchtet mar
mehr als den Einmarsch türkischer Truppen in Thessalier
den Ausbruch von Mafssacre in Mazedonien, da di
oortige muhamedanische Bevsölkerung aufs äußerste gege:
die Griechen aufgehetzt in. In Griechenand im man auf
einen türkischen Angriff gefaßt, falls die Schutzmächte nich
durch eine Flotten-Demonstration in Saloniki der türki
schen Aktionslust eine Grenze ziehen.
* Die Volksstimmung tritt in Saloniki immer entschie
dener dafür ein, die Kretafrage gewaltsam zuüs
sen. Die mil tärischen Vorbereitungen sind sehr weit ge
diehen. Das Volk drängt zur Entscheidung.
* Der „Maten“ erfährt an zuständiger Stelle, daß die
vier Kreta⸗Schutzmächte sich zu einer energischer
Aktion entschlossen haben. Die Pforte wird in einer
Note ersucht, ihre herausfordernde Haltung gegenüber Grie
henland aufzugeben, dessen Gebaren gegenüber der otto—
manischen Regierung niemals herausfordernd oder dro
jend gewesen sei. Gleichzeitig werden die Kretenser be—
nachrichtigt, daß die Schutzmächte unter keinen Umständen
die Hissung der griechischen Flagge auf öffentlichen Ge
bäuden dulden werden. Endlich wird an die griechische
Regierung das Ersuchen gerichtet, die griechischen Offi—
ziere, welche in kretensischen Diensten stehen, endaültig aus
dan Liiften der ariechischen Armee zu streichen.
Serbien.
Rosared wird gemeldet: Es bestätigt sich, daf
»runctteDifferenzen bestehen, und daf
WRaichitsch und Milowa—
—funo
warotto.
c,Petit Parisien“ berichtet aus Tan ger über einer
Zwischenfall, der leicht zu ernsten Folgen hätte führer
önnen: Der spanische Konsul hatte einem Beamten des
Roghi Unterkunft gewährt. Der Pascha von Tanger, der
iesen verhaften lassen wollte, umstellte das spanische
donsulat mit Truppen, deren Anwesenheit den spanischen
konsul derart erregten, daß er mehrere Schüsse auf die
Truppen abgab, ohne jedoch zu treffen. Glücklicherweise
vurde das Feuer nicht erw dert, da sonst eine Plünder⸗
ing des Konsulats die nächste Folge gewesen wäre. Der
konsul forderte seine Regierung auf, eine Flottendemon
trat.on vorzunehmen und entsendet fortwährend Kuriere
iach Ceuta, um für seinen Schützling die notwendigen
bäfsse zu erlangen.
Hof und Gesellschaft.
** Der „Matin“ meldet aus Madrid: Gerüchtweise
erlautet, daß der spanische Thronprälendent Do n Jai—
ne de Bourbon eine Prinzesfin aus dem
eutschen Kaiserhaufse zum Aütar führen
yerde. Der deutsche Kaifer soll diese Heirat protecierz
Prinz Hermann von Sachsen-Weimar.
»* Der nunmehr aus dem großherzoglichen Hause aus
geschiedene Prinz Her mann von Sachsen-Wei
manr ist am 14. Februar 1886 zu Düsseldorf geboren
Er ist der älteste Sohn des Prinzen Wilhelm von Sach
sen⸗Weimar, eines Oheims des regierenden Großher
zogs und der Prinzessin Gerda von Isenburg-Büdingen
ruf Wächtersbach. Da die kurze Ehe des jetzigen Groß—
jerzogs kinderlos geblieben und der Großherzog eine neue
Ehe bisher nicht eingegangen ist und vielleicht auch nich
eingehen wird, so galt der junge Prinz als präsumtive⸗
dhronfolger. Er trat am 11. Mai 1905 in das
Barde-Kürassier-Regiment ein und war als lebenslustiger
ind sportliebender Offizier in Berliner Gesellschaftslkreisen
ine bekannte Persönlichkeit. Bald aber stellten sich finan—
zielle Schwierigkeiten ein, die im vorigen Jahre eine V
etzung des Prinzen in das 11. Ulanen-Regiment F
arburg zur Folge hatten. Um diese Zeit sprach man
A von einer bevorstehenden Berlobung mit der
Prinzessin Marie Bonaparte. Die Finanzen des Prinzen
varen jedoch so zerrüttet, daß voriges Jahr beim Wei—
narer Amtsgericht der Konkurs über sein Vermögen
eröffnet werden mußte. Er konnte sich als Offizier nicht
nehr länger halten. So schied Prinz Hermann auch aus
zem Heeresverband aus. Darauf wurde er wegen Ver—
schwendung unter Kuratel gestellt. Sein Vormund is
der Weimarer Oberstallmeister Carl von Eichel. Der Prinz
hatte seine Schulden in solcher Höhe und in so leichtsin
niger Weise kontrahiert, daß seine Eltern und der Groß
herzog davon absahen, die Verpflichtungen des Prinzen
zu erledigen. Jetzt hat der Prinz mit dem Ver zichn
auf die Thronfolge und mit dem Austritt aus
dem Hause Sachsen-Weimar die Konsequenzen gezogen.
Der neue Graf von Ostheim lebt ebenso wie sein
Vater in Heidelberg. Nachdem er aus dem großherzog—
lichen Hause ausgeschieden ist, beruht dessen maͤnnliche
nie nur noch auf sechs Augen. Der präsumtive Erbe ij
sein jingerer Bruder vor 1806 geborene Prinz AULber