Full text : Dudweiler Zeitung

ier Viinderwertigkeit zu haven. Wan ist in Deutjschland
mmer der Meinung, die chlimmste Verfälschung der Nah—
rungsmittel werde in den Vereinigten Staaten von Ame
cila betrieben, aber für diese Behauptung gibt es durch⸗
mis leine schlagenden Veweise. Man kann vielmehr ruhig
annehmen, daß das Geschäft der Verfälschung durchaus in⸗
terna! ional ist, und auch in Deutjchland in ziemlicher Blüte
steht. Da gibt es kein Nahrungs- und Genußmittel, das
nicht ein Objekt für die Gewinnsucht der Verfaͤlscher wäre;:
Milch, Mehl, Butter, Kafsee, Tee, Kakao, Wein, Frucht—
säfte, Wurstwaren ꝛc. kommen in großen Quantiläten fort⸗
zesetzt verfälscht in den Handel. Es isi bei der heutigen
Kontrolle der reine Zufall, wenn ein Teil der verfälsch⸗
ten Mengen dem Verkehr entzogen wird. Sind die Bei—
mischungen und Zusätze nicht gesundheitsschädlich, so ver—
leuern sie doch die Ware oft in unverhältnismäßiger Weise
und setzen den Nährwert und Gehalt merklich herab. Vor
allem wird das Konsumgebiet der Großstädte und Indu⸗
sttriebezirle von minderwertigen Produkien überschwemmt,
und je billiger das Publikum einzukaufen gezwungen ist,
desto mehr läuft es Gefahr, für sein gutes Geld iolche
——
mer nach Qualitaät verschieden abzustufen sein, auch Zu—
ätze sind häufig nicht zu umgehen. Ersahstoffe, die foge
nannten Surrogate, haben gleichfalls ihre Berechtigung.
Es muß aber schon als Verfälschung bezeichnet werden,
wenn Surrogate in die Naturprodukte, z. B. bei Butter,
hineinverarbeitet werden, und die gemischte Ware als Na—
urprodukt verkauft wird. Das Publikum wird getäuscht,
übervorteilt, selbst wenn die verfälschte Ware etwas bil—
liger ausgeboten wird. Und die Verkäufer reeller Ware
werden geschädigt, da ihnen das kaufende Publikum ent
zogen wird. In Großstädten geht man dazu über, durch
tädtische Untersuchungsämter die Möglichkeit zu bieten,
den Verfälschungen auf die Spur zu kommen. Aber so
ange nicht die Kommunen große Geldopfer bringen, um
die Kosten der Untersuchungen auf den Etat zu überneb—
men, so lange wird es unmöglich sein, eine allgemeine
und fortlaufende systematische Kontrolle der Nahrungs
nittel zu sichern, ehe sie in den Konsum übergehen, wie
dies z. B. bei Milchlieferungen für städtische Zwecke be—
deits geschieht. Die Qualität dieser Milch hat sich zwei⸗
ellos gehoben. Aber solche Teilerfolge zeigen eben, daß
zie ganze Frage in der Hauptsache eine Finanzfrage ist,
die von den Kommunen ernsthaft in Erwägung gezogen
werden sollte.

Vermischtes.
Von einem Wunderkinde erzählte in einem Ham⸗
urger Blatte Dr. Leonhard Adelt. Es ist der Knabe
Lhristian Heinrich Heineken, der am ⸗6. Februar 1721 in
Lübeck geboren wurde. Sprechen konnte der Wunder—
nabe mit sechs Monaten, ja er stellte in diesem Alter
schon Fragen. Mit zwölf Monaten konnte er fließend eine
Bersübersetzung des Pentateuch hersagen; mit dreizehn
des ganzen alten Testamentes; mit vierzehn auch des
ieuen. Achtzehn Monate alt lernte er Geschichte, Geo—
graphie, “ , Anatomie und unterhielt sich mit seiner
Amme auf Plattdeutsch. Die ehrgeizigen Ellern suchten
»as Licht überall leuchten zu lassen, und so kam es. daß

»er dreijährige Knabe eine personliche Audienz veim Ko—
nig Fruiedrich dem Vierten von Dänemark hatie, der sich,
anterstützt von zwei hervorragenden Gelehrten über die
Fähigleiten des Wunderkindes unterrichten wollte. Wäh—
tend dieser Audienz aber passierte etwas peinliches; der
snabe, so fortgeschristen er sonst war, war bezüglich sei—
ner Körperbeschaffenheit andern Kindern gleich, sodaß er
von seiner Amme zur Audienz getragen und auch dort
gehalten werden mußte. Aber auch in der Ernährungs—
weise unterschied er sich in nichts von anderen Kindern
eines Alters. Inmitten der wei en Gespräche, die alle in
Erstaunen setzten, wurde er hungrig, schrie und tat, was
alle Kinder tun, wenn sie auf der Amme Schoß sitzen und
zungrig sind. Auch die Anstrengungen der Reise sind
hm schlecht bekommen, halbtot kam er wieder in Deuisch—
and an, ohne indes seine Geisteslträfte zu verlieren. Dem
herannahenden Tode sah er mutig entgegen, beschäftigte
ich noch kurz vor seinem Tode mit anatomischen Unter—
suchungen an einem Skelett und diskutierte über die Un—
terblichkeit der Seele. Als der Knabe starb, war er vier
Jahre alt.
Sommerfrische 1909. Der Sommer, den die himm—
ischen Mächte dies Jahr unseren Ferienreisenden beschert
daben, wird im Kladderadatsch wie folgt besungen:
Die Fenster schließt! Klappt zu die Luken!
Den Kachelofen vollgepackt!
Wie mollig, wenn der Fichtenstuken
Dda drinnen faucht und spritzt und knackt!
Der Wind pseift her vom Föhrenkampe
Wir sitzen hier wie eingelocht,
Und dunkel ist's; doch unsere Lampe
Hat Oel genug und auch 'nen Docht.

nen gesehen werven, um nicht Argwohn zu erregen. VBu
igee — doch nicht in diesem Unwetter, mein lieber
Schatz?“
Wiia schüttelte ihd Haupt, aber um ihre bleichen
ꝛippen zuckte es schmetzlich.
„Ich habe mein Pferd dort an jenem Baume ange⸗
bunden, es wird schon ungeduldig“, rief Harald, und
zffnete die Tür der Hütte.
„Geh' nur, geh' nur', schluchzte das arme gequälte
Rädchen, „ach, hätle doch nur die Geheimnistuerei ein
Ende!“
„Bald sehen wir uns wieder; ich schreibe, wann wir
ins wieder treffen können. Lebe wohl, mein Lieb, und
chone dich, daß du nicht krank wirst.“
Das junge Mädchen war allein. Mit Tränen in den
Augen schaute sie dem Geliebten nach, der im wirbeln—
»en Schneegestöber bald ihren Blicken entschwunden war;
zann rrat sie Jeufzend in die elende Bretkerhütte zurük,
Ich habe unrecht getan“, schluchzte fie händeringend,
ach — — plõötzlich stodle sie. Ihr scharses. Ohr hörte
—2 im, knisternden Schnee; sollte Harald zurückge⸗
ommen sein? Behutsam öffnete sie die Tür, dann ent⸗
uhr ein leiser Schrei ihren Lippen. Mit raschen Schrit⸗
en näherte sich eine Gestalt der Hütte, aber es war nicht
darald von Rhoden; — im nächsten Augenblid stand Els⸗
deth Steinhardt vor dem erschrockenen Mädchen.
Der scharfe Wind hatte die Wangen der jungen
Dame lieblich gerötet, sie schüttelte die dichten Schneeflot⸗
en von ihrein Mantel; dam erst das junge Mädhen be
nerlend, rief sie erstaunt:
„Julia, du hier? Das ist aber etne Ueberraschung.
Ich wollte heim, aber der Sturm ist so heftig, daher
uchte ich hier 3
Julia sah die Sprecherin scharf an. „Hat sie Harald
gesehen?“ dachte sie; aber sie sprach kein Vort.
„Ich komme von meinem alten Freund Branneden“,
lauderte Elsbeth heiter; „der gute, alte Herr wollte mich
n seinem Wagen nach Haͤufe bringen lassen, aber ich liebe
den Schnee und den scharfen Wind, und bestand darauf,
den Weg zu Fuß zurüdzulegen; aber jetzt ist mir der
Sturm doch etwas zu arg geworden.“
„Ja“, mußte Julia zugeben, „ich gab meine Klavier—
tunden und suchte aud Suun v dem heftigen Sturm«—

Das Teezeug hab' ich stets gemieden;
Doch heut' mach' ich den Buckel krumm,
Laßt man das heiße Wasser sieden
Und spart beileibe nicht den Rum!

And nun erzähl' ich euch ein Märchen,
du, Kleine, rück' an meine Seit' — — —
Zu schön ist's in den Sommerferien,
Venn s draußen wie zur Weihnacht schneit!
Gallifetts Lebensretter. Die Erinnerungen an den
ieneral Gallifet sind noch lange nicht erschöpft, und die
anzösischen Blätier bringen noch mancherlei Reminiszen⸗
en aus dem Leben des verstorbenen Haudegen. So ver—
ffentlicht der Akademiker Jules Claretie im „Temps“ fol⸗
ende Episode: Wahrend seiner Gefangenschaft in Koblenz
rhielt Gallifet die Karte eines sächsischen Hauptmannes,
er um die Ehre bat, ihn zu sehen. Der General ließ
ntworten, der Hauptmann könne eintreten. Gallifet sah
im ins Gesicht. Es war ein junger, blonder, eleganter
Nann von ausgesuchter Höflichkeit.
„Ich habe wohl die Ehre“, sagte er in einem tadel—
osen Französisch, „Seine Erxzellenz General de Gallifet
u sprechen?“
„Ja“, antwortete der General brüsk.
„Gestatten Sie mir, mein General, eine Frage an Sie
u richten. Haben Sie am Sedan-Tage auf dem Calva—
ienberge von Illy einen Braunfuchs geritten?“
„Ja“, gab Gallifet in einem härteren Tone zurück.
„Dann, Exzellenz, haben Sie auf mich und meine
zeute gestürmt und ich habe Ihr Leben in meinen Han⸗
en gehabt.“
„Mein Herr ..“ begann der General nahezu dro—
end, aber der junge Hauptmann unterbrach ihn rasch und
agte sehr bewegt:
„Ja, mein General, als Sie nach der schrecklichen At⸗
acke zurückkamen und an uns vorüberritten, habe ich mit
neinem Degen die Gewehre meiner Soldaten in die Höhe
sehoben und ihnen zugerufen: „Genug, man tötet derglei⸗
zen Helden nicht!“ Und ich bin nicht gekommen, um
dank von Ihnen zu holen, fondern nur, um Ihnen aber⸗
nals ehrfurchtsvoll meine Huldigung darzubringen“
*Typhus-⸗Epidemie. Die Typhus⸗Epidemie in Alt—
vasser (Oberschlesten) ist nunmehr im Rückgange begrif⸗
en. Fast die Hälfte der an Typhus Erkrankten ist wie—
der genesen. Die Gefahr eines Uebergreifens der Epide⸗
nie auf andere Nachbarorte erscheint jetzt angesichts der
om Minister angeordneten Sicherheitsmaßregeln ausge—
chlossen.
* Meuternde Sträflinge. 280 Sträflinge des Ge—
ängnisses in Clairvais bei Paris meuterten und weiger—
en sich zu arbeicen. Sie wurden in den Hof des Ge—
ängnisses gesperrt, wo sie mehrere Fenster zertrümmerten
ind einen mit Holz beladenen Wagen in Brand sieckten.
Pdilitär und Gendarmen wurden requiriert, um die Meu—
terer zur ADtuhe zu bringen.
* Zugzusammenstoßz. In der Nähe von Mezieres stieß
ein E.senbahnzug mit einem Lastzug zusammen. Ein Ar—
jeiter wurde getötet, sechs andere lebensgefährlich verletzt.
* Vom Zuge überfahren. Bei Rennes wurde ein
Wagen, in dem sich der Landwirt Chevillon mit seinen
beiden Töchtern befand, vom Eisenbahnzug erfaßt. Alle
drei Insassen wurden in entsetzlichster Weise zermalmt.
* Der Flug über den Kanal. Wie aus Calais be—
ichtet wird, hat Latham Montag früh versucht, mit sei—
iem Flugapparat über den Kanal nach Dover zu gelan—
zen. Er machte zuerst einen Probeflug von 8 Minuten
und begann dann seinen Flug von den Felsen von San—
jatte aus. Der Flug ging ruhig und regelmäßig von
tatten und Latham befand sich bereits 6 Kilomeier von
Dover entfernt, als ein Motor einen Unfall erlitt und der
Apparat ins Meer fiel. Latham wurde von dem ihn be—
zleitenden Schlepppampfer aufgenommen und befindet sich
uuf dem Rückweg nach Calais. Ueber das Schicksal des
Apparates und die Ursache des Unfalles liegen noch keine
Sinzelheiten vor. — Um 8 Uhr wurde von der See draht
os gemeldet, Latham sei außer Sicht. Alsbald wurde
gesucht und der Aeroplan in der See gefsunden. Nach der
etzten Mekdung ist Latham vom Torpedoboot „Harpon“
jerettet worden. Er scheint aus großer Höhe gestürzt zu
ein.
*Lenkballon „Ville de Nancy.“ Der Lenkballon
Ville de Nancy“ konnte seine Fahrt fortsetzen. In Meaux
and eine kurze Zwischenlandung zur Vornahme einer klei
ien Ausbesserung statt, worauf der Weiterflug in der
stichtung auf Nancy erfolgte. Um 8 Uhr kam das Luft⸗
chiff in Nancy an.
* Gefährliches Stadtviertel. In demselben Stadwiertel,
n dem sich am Samstag Abend der Doppelmord zutrug,
zei dem der zweite Pariser Polizeichef und einer seinen
Inspeltoren von einem Verbrecher erschossen wurde, ist am
zonntag abermals eine Bluttat verübt worden. In der
Vohnung eines Stellenvermittlers wurde dessen 17jähri—
zes Dienstmädchen mit 6 Schußwunden im Kopf und vie—
en Messerstichen tot aufgefünden. Vom Mörder iehlt ied«
zpur.

londerdar, daß wir uns hier detroffen haben.“
Elsbeth schaute ihrer Freundin fest ins Auge.
„Als ich mich der Hütte näherte, rannte ein Mann
jegen mich an, er schien auch aus der Hütte zu kommen,
aber meine Augen waren vom Schnee so geblendet, daß
ich ihn nicht erkannte. Kanntest du ihn, Julia?
„Ja“, gab die Gefragte kaum hoörbar zurück, dann
ügte sie hinzu: Wirst du“ meiner Multer und Brund da⸗
hon sagen?“—
Elsbeth erhob stolz ihr Haupt:
Ich bin keine Schwätzerin“, versicherte sie, ‚„aber du
vwirst es sagen, nicht wahr, Julia?“ dabei legte sie fle—
hend die Hand auf die Schuller des zitternden Mädchens.
„O ja, ja, bald — jetzt noch nicht“, rief Julia mit
erstikter Stimme. Komm, laßz uns heimgehen, der große
7 hat sich gelegt, ich muß heim — zu meiner lieben
Mutter.“
Beide Mädchen verließen das schützende Dach und
eilten über die Heide dem Dörfchen zu.
Erleichtere dein Herz — du hast Sorge, Julia,“ flehte
die Freundin. „Warum vertraust du dich deinem Bruder
nicht an? Er ist so edel, so hochherzig.“
Ja — aber er ist oft so unbeugsam, so hart. Aber,“
ügte sie dann leise hinzu, du dentst ja natürlich ganz
inders, und das ist nicht zu verwundern. Bruno hat jetzt
iur noch Augen und Ohren für dich; er liebt dich, hast
ou es denn noch nicht gemerkir
„Julia, still“, rief Elsbeth leidenschaftlich und ihre
Wangen färbten sich purpurn; omm, laß uns eilen, denn
zleich sind wir daheim.“
„Er liebt dich!“ Diese Worte klangen fort und sort
n Elsbeths Ohren und ließen ihr Herz höher schlagen.
Var es denn moglich, daß er, ihr Retter, iht Beschützer,
»as Ideal ihres Herzens, sie lieben konnte? —XW
bar ja ganz unmoͤglich. Julia mußte sie geirrt haben.
Scheu, fragend blidte sie die Freundin an; doch es muß⸗
en schmerzliche Gedanken seindie Julias Herz erfüllten
enn verstohlen zerdrücte sie eine Trüne im Auge.
„Warum quälst du dich?“ nahm Elsbeth noch einmal
das Wort; aber schon war das Ziel exreicht, und Doktor
kFichenrot empfing die beiden jungen Mädchen in der of⸗—
enen Haustür

s Soldatenschinder. Der Unterofsizier Fuhrig vom
9. Infanterie⸗Regiment in Görlitz hatte von seinem
dompaniechef eine Rüge erhalten, wofür er seine Abteil—
mg auf dem Wege zum Badeplatze so „schliff“, daß die
zeute ohnmächtig zusammenbrachen. Er ließ die Leute
ndauernd Kniebeuge machen und kommandierte dann so
ange „Auf“ und „Nieder“, bis die Soldaten vor Erschöp—
ing nicht mehr weiter konnten. Einer der Leute mußte
interher als dienstuntauglich entlassen werden. Das Kriegs
ericht erlannte auf sechs Monate Gefängnis und Degra—
ation. Der Angeklagte legte Berufung ein, die dem
RAberkriegsgeriͤcht des 10. Armeekorps zur Ver
‚jandlung überwiesen wurde, weil der Unteroffizier nach
einem Ausscheiden nach Göttingen verzogen war. Die
Berusung hatte den Erfolg, daß die Gefaͤngnisstraße auf
drei Monate ermäßigt wurde.

Humoristische Ecke.
»Wie der Handlungsgehilfe spricht:
Bünkttichkeit im Schließen des Geschäfts ist die Höflichkeit
er Prinzipale. — Besser einen dicken Chef als ein ma—
jeres Gehalt. — Man soll den Chef nicht vor der Weih—
achtsgratifikation loben. — Gehalt gibt es Ultimo. Vor—
chuß am ersten eines jeden Monats.
*Auszeischnung. Ein Fremder: „Wie kommt es,
derr Wirt, daß gestern, wie ich ankam, sämtliche Speisen
ind Getränke um die Hälfte billiger waren wie heute?⸗
—Ja wissen S', gnä' Herr, mit Ihna lass' i heut' di⸗
Zaison anfanga!“

Gerichtszeitung.
Der Fall Ganter.
Der „Doppelte Moralprozeß“ gegen den Verlagsbuch
ändler Peter Ganter, der seinerzeit den Aufsehen et
egenden Schwindeltrick anwendete, um für sein Buch,
Doppelte Moral“, das den Schriftsteller Georg Fleck aus
zerlin zum Verfasser hat, „Reklame“ zu machen, hat am
Nontag früh in München seinen Anfang genommen.
die Anklage gegen Ganter lautet auf ein fortgesetztes in
MNittäterschat verübtes Verbrechen der Privaturkunden
älschung im rechtlichen Zusammentreffen mit einem Ver—
sehen des Betrugs und auf ein Vergehen gegen das Reichs—
vostgesetz. Neben dem Hauptangeklagten hat sich wegen
eines in Mittäterschaft begangenen Vergehens des Be—
ruges und eines Verbrechens der Privaturkundenfälschung
»er 29 Jahre alte Kaufniann Hamburg aus Mainz
zu verantworten. Der 33 Jahre alte Angellagte Ganter
vird durch den aus dem Hardenprozeß bekannten Rechts—
inwalt Dr. Bern st ein verteidigt. Der Saal ist von
Zuhörern dicht besetzt. Ganter bestreitet entschieden, sich
trafbar gemacht zu haben. Er spricht sehr gewandt und
verteidigt sich mit einem gewissen Geschick. Der Prozeß
wird mehrere Tage dauern.
*
Von der Frankfurter „Ila“.

—— — — 222 wn
Unser Bild zeigt ein Luftschiff⸗-Karusseli, das in der
Frankfurter Luftschiffahrtsausstellung aufgestellt ist. Dem⸗
iächst werden also wohl unsere Jahrmärkie auch eine Neu—
heit bringen.

Julia, Elsbeth! Wo seid ihr denn gewesen? Ihr
hättet beide in diesem Regen nicht ausgehen dürfen. Män—⸗
el, Stiefel, alles durchnäßt, und dabe bist du nichts we—⸗
niger als wohl, Julia; du wirst noch ernstlich krank wer—
den.“ Bereitwillig —* der Schwester den durchnäß—
ten Wantel abnehmen, doch Julia wehrie schnell ab und
rief ihm zu G
Ich mußle fort, ich hatte meine Stunden zu geben
und Elsbeth hatte Pflichten bei dem alten Branneden zu
rfüllen.“ Vann eilte sie auf ihr Zimmer, verriegelte die
Tür und warf sich weinend auf das Ruhebett.
Es war Abend geworden; Elsbeth betrat das Wohn⸗
zimmer und, fand dort zu ihrer Ueberraschung den alien
Freiherrn behaglich in der Sofaecde sitzend.
„Ich glaube, dieser hinterlistige, scheinheilige Rhoden
hat schließlich doch seine Rechnung ohne denWirt ge⸗
macht“, sagte in diesem Augenblid der alte Herr, sich die
Hände reibend. Ich sprach heute den allen Notar Lützen,
der triumphierend erklärte, daß der alte Graf Gerloff
wahrscheinlich ein neues Testament machen werde.“
„Das wird niemals geschehen, wenn Rhoden es ver⸗
sindern kann“, grollte der junge Arzt, einen forschenden
Blicd auf Elsbeth werfend; doch das junge Mädchen be—
chäftigte sich mit der Zubereitung des Tees und schien
nicht das mindeste Interesse an dem Gespräch der Herren
zu nehmen.
Der Schurke wird gar nicht gefragt werden“, lachte
der alte Freiherr. „Gerloff scheint sich erholt zu haben,
aund wie ich höre, ist es ihm wie Schuppen von den Au⸗
gen gefallen, so daß er einen ganz klaren Buͤg für die
Schurkereien seines sauberen Neffen hat, der ihn jahrelang
ain betrogen und bestohlen hat. Haha, kleine Els
th, was sagen Sie jetzt, haben Sie noch gar kein In⸗
eresse an dieser gangz neuen Geschichte?
Die also Angeredete blickte auf, ihre schlanke Gestalt
chien zu wachsen, in ihren Augen flammte es zornig, und
dunkler färbten sich ihre Wangen.
„Nein“, versetzte sie energisch, „ich habe gar kein In⸗
eresse für irgend etwas, was mit dem Hause oder mit
dem Namen Gerloff in Verbindung steht, und es ist mein
ester Entschluß, niemals die Schwelle dieses verhaßten
dauses wieder zäu betreten“
            
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