Full text : Dudweiler Zeitung

Popoveatn durch den Thronsolger, Stellung zu nehmen.
*s ist mön ich. daß die Regierung die Bewegung unter—
rücken werd. Wetecle hat den Manster des Aeußern be—
eits aufgefordert, wegen des Fahnenatltentates die erfor—
erlichen Schritte zu unternehmen.
Frankreich.
* Die Blätter bringen die mit Reserve aufzunehmende
Nachricht, daß der Besurz des Zaren nmisticherypreise
unterbleibt. An amtticher Sielte ist viervon niches
ckannt.
* Die Deputiertenkammer nahm in ihrer letzten Sitz—
ing mit 447 gegen 33 Stünmen den Artikel 1 des Ge—
etzentwurfes über die Meuorganisation der Ar—
illerie an, setzkk aber gegenüber dem Beschlusse des Se—
iats die Zahl der Artillerieregimenter für jedes Armee—
orps auf drei sest. Sodann wurde der gesamte Gesebent—
—W
Marokko.
* D'ie Nachricht von dem Bombardement des Zelt
orfes der Beni Saids durch das Kaneneuboot
Haria di Molina wird offiziell bestätigt.

Lage des deutfchen Arbeitsmarktes.
ODOer Monat Juni hat aus verschtedenen Gründen die
Lage des deutschen Arbeitsmarkes recht ungünstig beein—
lußt. Vor allem war es die Witterung, die die Arbeits—
zelegenheit in einer Reihe von Gewerben beeinträchtigte,
sodann aber trat in anderen Gewerben nach dem Früh—
fahrsaufschwung die sommerliche Ermattung recht früh—
zeitig ein. Die günstige Wendung, die der Arbeitsmarkt
im Mai insofern gezeigt hatte, als nach den Berichten der
Nachweise, die an den „Arbeitsmarkt“ angeschlossen sind,
zum ersten Male eine Besserung gegenüber dem Vorjahr
eingetreten war, ging im Juni wieder verloren: der An
drang ist von neuem höher als 19080. Das war zwar
auf Grund der Erfahrungen in früheren Jahren der Un—
gunst vorauszusehen, weniger unerfreulich ist aber darum
diese Entwickelung nicht. Auf 100 offene Stellen kamen
im Juni 154,42 Arbeitsuchende gegen 147,19 im Vor—
jahr. Der Andrang ist damit wieder um 7,283 höher
als 1908. Die Spannung ist im Juni etwa wieder so
hoch wie im April. Besonders unerfreulich hat sich die
Lage am Arbeitsmarkt für Männliche entwickelt, wo im
Vorjahr von Mai auf Juni der Andrang ziemlich mer—
lich nachließ, während er im laufenden Jahre noch eint
lleine Steigerung zeigt. Die Nachfrage war ja auch im
Juni wieder erheblich stärker als 1908, aber noch kräf⸗
iger hat das Angebot zugenommen. An verschiedenen
Arbeitsnachweisen wurde ein erheblicher Rückgang
Nachfrage nach JNandwirtschaftlichen Arbeitern
bermerkt. Die Versorgung mit landwirtschaftlichen Arbei
tern leidet eben nicht mehr unter der siarken Leutenot,
die dieses Jahr nur mehr vereinzelt auftritt. So 3. B.
ehlen im Erfurter Bezirk immer noch jüngere Knechte und
Futterknechte; im Augsburger Bezirk konnten die offener
andwirtichafstlichen Stellen im Juni nur zu zwei Drittelp
»esetzt werden. Aber abgesehen von solchen partiellen Er
cheinungen ist das Angebot in den ländlichen Gegender
elbst dieses Jahr so reichlich, daß man die benachbarten
Nachweise der größeren Städte garnicht oder nur wenig
n Anspruch nahm. Das Angebot von Dienstmäde
hien ist zwar noch immer im Vergleich zu frühern Jah—
ten recht erheblich, aber auf der anderen Seite trat im
Juni auch wieder die Nachfrage mehr hervor, sodaß von
einem teilweise Ueberangebot wohl nicht mehr gesprochen
werden kann. Für ungelernte Arbeiter war die Ar—
beitsgelegenheit im Juni wie schon in den Vormonaten
ganz unzureichend.

Zur Affäre Harting.
Die Enthüllungen Burzews haben erklärl'cherweise
iuf der' russischen Botschaft in Paris ebenso große Be—
stütrzung als Wut hervorgerufen und sie fsucht den
kühnen, verwegenen und scharfsinnigen Sherlock Holmes
der russischen Spißel unschädlich zu machen. Aber wie?
Dem Revolutionär und seinen Freunden zufolge sei in
Petersburger Polizeikreisen ganz ernsthaft erwogen wor—
den, ihn in Paris ermorden zu lassen. Man verspricht
Beweise für diese Behauptung, da sie aber vorläufig
noch nicht erbracht sind, muß diese Mitteilung bis aujf
weiteres mit Vorbehalt verzeichnet werden. Dagegen hai
die russische Botschast durch eine in allen Zeitungen ver—
öffentlichte Mitteilung den sehr ungeschickten Versuch ge—
macht, Burzew vor der öffentlichen Meinung Frankreichs
zu kompromittieren. In dieser Mitteilung wird er nam—
lich mit verhüllten Worten angeklagt, an irgend einem
verbrecherischen Versuche gegen den Zaren waͤhrend des
Aufenthaltes desselben in den französischen Gewässern sich
zu beteiligen. Näheres wird darüber aber nicht ange—
geben und so prallt natürlich die Unterstellung erfolglos
ab. Sie hat nur das Resultat gehabt, auch Zeitungen,
die bisher in dem ganzen Handel eine abwartende Stell—
ung eingenommen haben, zu einer verschärften Tonart
zegen das russische Lockspitzeltum und seine Förderer zu
deranlassen. Es kaun unter den augenblicklichen Umstän—

15
ESo Gesuhnt. ess
F Novelle von C. B...-»Es
 war ein schaurig kalter Herbsttag. Der Sturm
Aß ungestüm die letzten welken Blätter von den Bäumen
und jagte sie wirbelnd über die nassen Straßen und die
bereiften Felder, die verödet dalagen, und in den Gipfeln
der uralten Bäume ächzte und heulte es, gleichsam, als
wolle sich die sterbende Natur im Todeskampfe gegen den
nahenden Winter mit der letzten Kraft aufbäumen. Eine
Schar Krähen kämpfte mit regenschweren Schwingen gegen
den Sturm an, um dann bald im nahen Walde Schutz
pvor Wind und Wetter zu suchen.
Doch in dem prunkvollen Schlosse des Grafen Gerlofjß
merkte man nichts von dem brausenden Sturm, den to
benden Elementen. Die zahlreichen Fenster waren von
blettrischem Licht erleuchtet. Durch die luftigen Vorhäng;,
tahl sich der schimmernde Glanz von zahllosen blendender
— und warf lange, blinkende Lichtstreifen auf den
reiten Weg der Allee, die zum Schlosse führte.
In dem hohen getäfelten Speisesaal herrschte heute ein
keges Leben uͤnd Treiben. Galt es doch, den Geburts—
ag des einsamen, alten Schloßherrn in geziemender Würde
u feiern. Das ganze Jahr hindurch sonst blieben die
banerm des Schlosses fest verschlossen, die Fenster dich
verhangen, denn der alte siebenzigjährige Greis war vom
Alter gebeugt und führte fast das Leben eines vergesse—
nen Einsiedlers. Nur sein Adoptivsohn, Harald von
—
—
ten einsamen Greises. Diesem jungen Manne war es eip
leichtes Spiel geworden, sich in die Gunst des alten
Herrn einzuschmeicheln. Es schien, als ob er sich mü
vollem Rechte als Erbe des reichen Schlosses und der
umfangreichen Besitzungen betrachten könne.
In früheren Jahren hatte in dem alten Schlosse ein
—— anderes Leben geherrscht. Vielleicht gedachte noch
er arme, einsame Greis in stillen Stunden seiner jungen

hen gar nicht davon die Rede sein, von Behorden xXFranl—
eichs ein Einschreiten gegen Burzew zu erzielen, da er—
tens die öffentliche Meinung ganz energisch gegen eine
erartige Liebedienerei dem Autokratismus gegenüber Ein—
pruch erheben würde, und da andererseits der Minister—
»räsident Clemenceau seit langer Zeit Burzew unter sei—
ien besonderen Schutz genommen vat. Damit soll aber
eineswegs gesagt sein, daß der gegenwärtige Leiter der
ranzösischen Rtegierung mit den Enthüllungen über das
ussische Vockpitzeltum irgend etwas zu tun hat. Sicher
st nur, daß er bereits unter dem Regime von Combes
ich mehrfach sehr energisch ins Zeug legte, damit nichts
segen die Freiheit Burzews unternommen werde. Die rus—
ischen Revolutionäre erklären, daß sie trotz aller Be—
nühungen der russischen Polizei, den General Harting—
Landesen zu verstecken, den „Verräter von 1890“ zwingen
verden, sich wieder zu zeigen und öffentlich die Wahrheit
u bekennen. Danach muß man also auf neue Ueberraich—
ingen gesaßt sein, über deren Art bis jest das strengste
zeheimnis bewahrt wird. Das Schönste bleibt übrigens,
aß in den Miitteilungen der russischen Botschast mit lie
enswürdiger Nonchalance erklärt wird, die französische Re—
ierung haite eigentlich der russischen mitteilen miüssen
ver der General Harting wirklich sei, wenn ihre Molizei
me man sagt, es gewußt hätte Das heift doch tatsäch—
ich die Nolben etwas keck auswechseln!

Freiherr Heul! zu Herrnsheim.
Nachdem die Abgg. Lehmann (Jena) und Graf Orio—
sa wegen des Fraktionszwanges bei der Erbichastssteuer
rus der nationalliberalen Partci ansgetreten sind, ist, wie
chon berichtet, ihnen auch der Abgeordnete für den Wahl—
reis Worms, Freiherr Heyyl zu Herrusheimge—
olgt.

Freiherr von Heyl gehort zu den ältesten Miitgliedern
es Reichstages (seit 1874) ist lebenslängliches Mitglied
ind 3. Präsident der ersten hessischen Kammer. Infolge
einer regen Betätigung auf dem Gebiete der Arbeiter—⸗
ürsorge, die er auf seinen großen Gütern und Fabrilkan—
agen durchführte, wurde Freiherr von Hey! Geheimer
Ldommerzienrat und Ehrendürger der Städte Worms und
Dypenheim.

Hochwasser.
Me ntz, 14. Juli. Die Mosel ist in den letzten Ta—
gen dermaßen gestiegen, daß sie das Frauenbad wegriß
ind das Männerbad derart überflutete, daß es unterging.
Nenschenleben sind keine zu beklagen, aber die Heuernie
st vernichtet.
*Passau, 14. Juli. Im Laufe der Nacht stiegen
Inn, Donau und Ilz sehr stark. Der Inn staut die
eiden anderen Flüsse und hat den höchsten Stand seit
899 erreicht. Die Bewohner des rechten Donauufers, fo—
vie des linken Ilzufers mußten teils bei Nacht, teils im
aufe des Vormittags ihre Wohnungen räumen. Die
anze Schienenanlage auf dem Lündeplatz und dem La—⸗
erhaus ist überschwemmt. Der Bahnverkehr der Linie
zassau-Erlau-Hangenberg ist vom Hauptbahnhof bis a
au⸗Innstadt eingestellt. Von Passau-Innstadt ab wird
orläufig der Verkehr aufrecht erhalten. Die drei Fla
eigen noch.
*Breslau, 14. Juli. Infolge anhaltender Regen—
Jüsse ist die Weichsel bei Goczalkowitz aus den Ufern ge—
treten. Die Grenzübergang nach Oesterreich ist überflu—
et, der Verlehr wird mittels Kähnen aufrechterhalten.

Gerichts zeitung.
SEin Mädchenhändlerprozetfz. Vor der Metzer
ztrafkammer fand ein Prozeß seinen Abschluß,
er gegen drei Personen angestrengt worden war, die
hre Opfer nach BuenosAires schafften, bezw. den
orsuch dazu gemacht hatten. Der Hauptangeklagte ist der

araun, die der Sonnenschein seines vebens o—
var. Im Geiste sah er wohl noch das frische, blühende
Antlitz, lächelnd im sonnigen Lichte der Jugend und des
Hlückes, sah er die edel geformte Stirn, um die sich web
enförmig das üppige Haar legte und die sanften, dun
elblauen Augen, die so sinnig unter den Jlangen, schatti
en Wimpern hervorschauten und dem lieblichen Antliß
inen eigenartigen, bezaubernden Reiz verliehen.
Damals war der lebensfrohe, heitere Graf Gerloft
in ganz anderer Mann gewesen, und die sehr zahlreicher
zreunde, die in dem gastfreien Hause von der wundev
aren Schönheit der kaum erblühten Mädchenknospe ge
esselt wurden, kannten jetzt den alten, wortkargen Greis
aum wieder, der nur einmal im Jahre, an seinem Ge
urtstage, seine Freunde und Nachbarn um sich versam⸗
nelte. Komtesse Irmgard war der Sonnenschein ihres
Laters gewesen. Viit ihm verlebte sie ihre glüclichsten
Stunden, an seiner Seite durchstreifte sie Feld und Wald;
hen geheimften Wunsch hatte er dafür von den Augen
seines Kindes zu erraten und zu erfüllen gesucht. Sie wa
en beide so glücklich gewesen, bis das Unglück geschah
und der alte Graf im Zorn sein eigenes einziges Kind
bon der Schwelle seines Hauses jagte und mit harten,
Indeen Worten das Schloßtor hinter der Unglüdlichen zu⸗
parf...
Es war die alte Geschichte. Ein junger, strebsamer
Zünstler hatte es nur allzu gut verstanden, das Herz des
ungen, unerfahrenen Wädchens zu fesseln. Um seinetwil—
en schlug Komtesse Irmgard eine Grafenkrone aus, die
hr Vater ihr zugedacht hatte und folgte dem Manne ihrer
Wahl in die erbarmungslose Welt, ins Elend.
Schlimme Worte waren zuvor zwischen den beiden
ännern gefallen, aber Irmgard haätte den festen, un
deugsamen Willen ihres Vaters geerbt. Lieber wollte sie
»as Heim ihrer glücklichen Kindheit verlassen, als der
ungen Künstler, Hans Steinhandt, aufgeben, den sie in
törichter Verblendung zu lieben wähnte.
Anfänglich hatten treue Freunde des Hauses, die
arme. verstoßene junge Frau im Auge beholten und ofit

rühere Hotelbesitzer Hubert Hahnen, gedurteg un
ZIberhausen. Er ist ein außerordentlich gewandter und in
einer Verteidigung rafsiniert vorgehender Hochstapler.
zeine Helfershelser und Mitangeklagten sind seine Schwe—
ter, die Witwe Riemesma, und ein Italiener na—
nens Zannoni. Hahnen besaß früher ein Hotel in
dönigswinter und später in Kohn. Hier scheint ihm der
ßoden zu heiß geworden zu sein, denn er reiste eines
dages plötzlich ab, um in Buenos Aires aufzutuchen
Ddort war er zuerst Oberkellner, trat aber bald in Ve
iehungen zu den dorigen Freudenhäusern und machtann
 mehrere „Geschäfts“Reisen nach Europa. Sein erstes
Ipfer war ein Dienstmäbchen aus Styrum namens Anne
Zzchmidt. Dieses Mädchen hat er persönlich nach Argen
inien gebrach: und nach Ermiuelung des Berliner Roti
eipräsidiums besindet es sich noch heute in einem Fre
»enhause in Buenos Aires. Wahrscheintich bat er nog
ine ganze Reihe von deutichen Mädchen auf d'iese We
ns Unglück gebracht. Das verbrecherische Kleeblatt wure
m November v. J. in Met verhaftet, wo es sich 3
veise niedergelassen hatte, um Deutsch-Lothringen und dvie
tranzösischen Grenzgebiete zu bearbeiten. Exwiesen wrbe
n der Verhandlung, daß er und seine Gehilfsen zahrcicte
Versuche gemacht haben, Dienstmädchen und ellnerinnen
mus Metz und Umgebung fortzuschasen. DTer Hauptange—
lagte Ha hnen wurde zu 33 Jahren Zuchthaus
zerurteilt, seine Heifershelser zu je 16 Jauren und den
üblichen Nebensrafen,

Lokares.
Talonstener. Har Aufklärung der Besitzer von
Pfandbricsen machen wir darauf aufmerksam, daß die
hei der Ausgabe neuer Kuponbogen zu entrichtende Ta—
onsteuer nach der Fassung des Gesetzes nicht den Pfand—
briefbesitzern, sondern den Hypothekenbanken zur Las
allen wird

Der Einzug in Teheran.
Sepedar ist mit den Bachtiaren und viat onalisten in
die Stadt eingerückt und hat nach kurzent Kampse mir
der Kofakenwache das Parlament besetzt. Die Stadt isr
in ihren Händen. Die Kosalen wurden in der Kaserne
eingeschlossen. Die früheren Abgeoroneren wurden ins
Parament zurückberufen. Im Lager des Schahs ist man
inschlüssig, irgendwelche Maßnahmen zu tressen. Was ei—
jentlich aus den außerhalb der Stadt befindlichen Schah—
ruppen geworden ist, läßt sich vorläufig nicht feststellen,
Es verlautet, daß sie sich den Bachtiaren ergeben haben.
Der Besehsshaber des russischen Expeditions-Korps in
Persien erhielt Befsehl, in Teheran einzumarschieren und
zas Europäer-Viertel zu besetzen. Bisher ist keinerlei
Meldung eingerrofsen, ob der Schah bereits entflohen ist.
Die Revolutionäre kämpfen verzweiselt gegen die
Verteidigungssiellung der Kosaken. Ununterbrochen wird
nit Creusotzeschützen und anderen Kanonen gefeuert. Es
st noch ungewiß, welche Parzei siegreich bleibt. Das Ge—
echt nimmt an Hestigkeit zu. Der Artillerieplatz und das
»ersische Telegraphenamt sind noch nicht in den Händen
der Rebolutionäre. Aus Saltanetabad (zwischen Teheran
und Kum gelegen) fehlen Nachrichten. Die Nationalisten
holten von dem Haupttore des Parlaments die Regier—
ungsfahne herunter und hißten die Freiheitsfahne. Aui
inzähligen persischen Häusern weht die Freiheitsfahne,
Bßegen den Sonmmersitz des Schahs sind noch keine Revo—
utionäre marschiert. Tie Führer der Nationalisten drohen
zie strengsiten Strafen an, salis die Schließung der Le—
ensmittelgeschäfte erfolgt. Die eroberten Straßen und
Plätze werden durch Revolutionäre mit roten Fahnen ver—
sehen und durch starke Posten bewacht. Keine Soldaten
uind Kosaken sind außerhalb des Gesechtszentrums sichtbar.
Nach einer äußerst un ruhigen Nacht, in wel—
her die Straßenkämpfe fortdauerten, hat auch der neu—
angebrochene Tag keine Besserung gebracht. Un—
au hörlich wogt der Kampf weiter, ein Zeichen, daß die
Revolutionäre noch nicht volltommen Her—
ren der Situation sind.

Humoristische Ecke.
*Kinder unter sich. Die kleine Elly: „Hast Du
inen kleinen Bruder?“ — Der kleine Fredy: „Rein.“ —
die kleine Elly: „Eine kleine Schwester?“ — DSer kleine
Fredy: „Nein.“ — Die kleine Elly: „Also ißt Du als—
Bonbons alleine?“
*Beknerpter Seemann Won der Reise heim—
ehrend): „Dunner — da fällt mir ein, ich habe ja meiner
Frau versprochen, ihr einen Papagei mitzubringen!“ —
damerad: „RNa, die wird an dem Affen, den Du heim
zringst, auch schon genug haben!“
*Dietrosthose Witwe. Pfarrer: Sie müsser
sich zu fassen suchen, liebe Frau, denlen Sie an Jare
Kinder!“ — „Das tue ich ja immerfort, aber wer heira
tet denn eine Frau mit sechs Kindern?“

A
versucht, das Herz des alten, einsamen Vakers zu erwei—
chen, aber mit rauhen, eisigen Worten waren sie zurückge—
wiesen worden, so daß sie nach und nach die vergeblichen
Versöhnungsversuche aufgegeben hatten.
So lebte der alte Herr jahrein, jahraus einsam in
einem Schlosse und überließ seit den letzten Jahren die
Lerwaltung seiner Güter und seines bedeutenden Vermö—
gens seinem Pflegesohn, Harald von Rhoden. Nur ein—
mal im Jahre versammelte er seine Freunde um sich. Aber
so sehr sich diese auch bemühten, eine heitere Stimmung
hervorzurufen, so viel sie auch scherzten und lachten, der
alte Mann blieb finster und wortkarg.
Der Wind heulte und peitschte gegen die hellen Fen—
terscheiben; aber die Gäste merkten in dem behaglich schön
zurchwärmten Gemache nichts von dem Aufruhr der Na—
ur da draußen. Je toller der Sturm toste, desto heiteren
vurden beim Sekt die Gäste. Jüngere Herren erzählten
Anekdoten, die älteren frischten Erinnerungen aus ihren
rüheren Offiziersjahren auf, dabei ihrer Phantasie freien
Spielraum lassend. Nur der alte Graf schien kaum An
eil an der regen Unterhaltung zu nehmen. Nervös grif—
en wohl seine Finger nach dem Weinglas, das er dod
nicht leerte, oder er spielte zitternd mit dem Konfekt auf
einem Teller. Er sah heute so alt, so lebensmüde und
berfallen aus, daß ein weißhaariger Herr leise dem Pflege—
sohn zuraunte:
„Sehen Sie doch den alten Herrn mal aufmerksam
an, sein Aussehen gefällt mir gar nicht, wollen Sie nicht
lieber einen Arzt rufen lassen?“
Der Angeredete warf einen flüchtigen Blick auf den
Greis, ein kaum merkliches, spöttisches Lächeln zudte
m seine Lippen, dann entgegnete er in gleichem Flü⸗
tertone:
„Er ist immer an seinem Geburtstage außerordentlich
melancholisch; es ist ihm schmerzlich, an sein Alter erin—
nert zu werden; er ist bereits 70 Jahre alt, das ist auch
ein hohes Alter.“
„Bah“, warf der alte Freiherr von Branneden ein
und budte mit seinen ehrltehen treuen Augen verächtlich
            
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