Full text : Dudweiler Zeitung (22.1909)

ringend wunschenswerte Bindung der Matrikularumtagen
st nicht erreicht worden. Eine tiefgehende Meinungsver—
chiedenheit ist entstanden über die zweckmäßigste Form,
Szteuern auf den Besitz zu legen, ohne die Steuerformen
mzugreisen, die den Einzelstaaten vorbehalten sind. Ihre
zeschlüsse haben die verbündeten Regierungen vor die
Frage gestellt, ob sie trovoem die Neuordnung der Reichs—
inanzen weiter verfolgen oder ihre Regelung einem spä—
eren Zeitpunkt vorbehalten sollten. Sie haben sich ein—
timmig für die Weiterverfolgung entschieden und sind
mtschlossen, die vereinbarten Verbrauchsabgaben zugleich
nit den zugestandenen Besitzsteuern unter Ausschluß der
ür sie nicht annehmbaren Notierungssteuer als ein ein—
jeitliches Ganzes zur Verabschiedung zu bringen. Die
Stellung, die die verschiedenen Parteien dieses hohen Hau—
es zu den einzelnen Steuervorlagen angenommen haben,
ietet keine Bürgschaft dafür, daß die Reform später oder
unter veränderter Zusammensetzung des Reichsstages in
einer die Bedürfnisse des Reiches besser befriedigenden
Hesamtgestaltung überhaupt zustande kommen werde. (Leb—
afte Zustimmung rechts. Verhaltener Widerspruch links.)
Die Verschiebung würde also nicht bloß die Finanznot
des Reiches auf Monate verlängern, sondern das ganze
Werk ins Ungewisse stellen. (Lebhafte Zustimmung rechts.)
Abg. Dr. v. Heydebrand (Gons.): Wir freuen
uns über die Erklärung des Stellvertrers des Reichs—
'anzlers. Wir freuen uns, darin die vorbehaltlose Zu—
timmung zu dem großen Werk der Finanzresorm erblik—
len zu können, das so viel Arbeit und Opfer von allen
Seiten verlangt hat, und jetzt endlich zu Ende geführt
worden ist. Wir sreuen uns, daß nunmehr keine osfsfenen
Fragen geblieben sind. Zu dem Werk, das vor uns
liegt, haben auch meine Freunde schwere Opfer gebracht.
(Lautes anhartendes Gelächter links. Präsident Graf
Ztolberg bittet um Ruhe.) Die Gründe, die uns
maßgebend bestimmt haben, der Erbanfallsteuer unsere
Zustimmung zu verweigern, bestehen nach wie vor fort.
Ich brauche das in diesem Augenblick nicht nochmals zu
ezrörtern. (Lebhafte Rufe lin's: Nein! Nein!) Nur das
will ich sagen: Was uns im letzten Grunde und schließ—
lich maßgebend bestimmt hat, unsere Zustimmung dazu zu
verweigern, war das Moment, daß wir in einer solchen
Steuer nichts anderes sehen konnten, als eine allgemeine
Besitzsteuer, und daß wir eine solche allgemeine Besitzsteuer,
vie wir offen bekennen, nicht in die Hände eines auf
zleichen Wahlen beruhenden Reichsstages legen wollen.
Großer Lärm im ganzen Hause. Lachen links. Präsi—
ent Graf Stolberg: Ich muß nochmals um Ruhe
zitten. Sie können ja nachher antworten. Neuer Lärm.)
Redner spricht dann über den Bhlock. Eine große Par—
tei, wie das Zentrum, dürfe nicht dauernd von der Ge—
seßgebung ausgeschlossen bleiben. Daß der Reichskanzler
aus der Wendung der Dinge die Konsequenz gezogen ha—
be, seinen Abschied zu nehmen, bedauerten seine Freunde
sehr. Sie würden es nicht vergessen, was dieser hervor—
ragende Staatsmann seinem Vaterlande für Dienste ge—
leifstet habe. Daß die Reichspartei für die Erbschaftssteuer
geftimmt habe, könne seine Partei nicht von dieser tren—
nen, denn sie habe damit ihre ehrliche Ueberzeugung zum
Ausdruck gebracht. Das gleiche gilt für die Wirtschaftliche
Vereinigung. Zum Schluß betont Redner, daß aus der
Mitarbeit der Polen sich keine Gefährdung der deutsch—
nationalen Interessen ergebe. Redner schließt: Wenn die
Mitarbeit der Herren von der polnischen Fraktion in po—
sitivem Sinne manches Resultat gezeitigt hat, das auch
unseren Anschauungen entspricht, so muß ich anerkennen,
daß diese positive Arbeit objektiv besser war als ein
ichmollendes Beiseitestehen, das sie von allem ausschloß.
Sehr richtig! bei den Polen.) Meine politischen Freunde
haben in diesem ganzen schweren Kampfe ein gutes Ge—
wissen gehabt. Das hat uns getragen und gestützt in
diesem schweren Kampfe, und es soll uns zur Seite ste—
hen, wenn wir jetzt vor das Land und unsere Wähler
ireten, um zu rechtsertigen, was wir gewollt, und was
wir getan haben. (Lang andauernder Beifall rechts und
in Zentrum. Zischen links.)
Abg. Singer Goz.) erklärt, seine Partei lehne
nach wie vor die Finanzreform ab.
Abg. Hieber Matl.) bedauert die unzureichende
Lösung der Finanzreform und betont weiter, daß sich
eine Freunde der Finanzreform gegenüber ablehnend
berhalten müßten. Eine neue Finanzreform werde jeden—
falls folgen müssen, und bei dieser Finanzresorm würden
die Besiegten von heute die Sieger sein.
Die Sitzung dauert fort.

Zertilgung von Wühlmäulen haben sich die Rattentyphus—
ulturen erwiesen, die in dem bakteriologischen Institute
er Landwirtschaftskammer in Bonn, Agrippinenstraße 7,
ergestellt werden. Dieselben können direkt von dem ge.
annten Inftltut zum Preise von 1 M. pro Röhrchen be—
ogen werden.

General Gallifet.
General Gallifet, der aus der Schlacht bei Sedan
ekannte französische Reitergeneral, ist infolge eines
zchlagansalles gestorben. Wir bringen das Bild dessel—
en. General Gallifet ist 1830 geboren. Seit Jahrzehn⸗
en eine der interessantesten Erscheinungen Frankreichs, war
jalltfet ein hervorragender Kavallerieführer, der sich in
llen Feldzügen, an denen er sich beteiligte, durch rück—

ichtzrose Tapferkeit und tollkühnen Wagemur Ruhm
varb. Er hat an den Kriegen in der Krim, in Algier,
Nexiko und am deutsch-französischen Krieg teilgenommen.
Anter Waldeck-Rousseau war er eine Zeit lang Kriegsmi—
nister, als welcher er von allen Seiten heftig bekämpft
wurde. Bekannt dürste seine rücksichtslose Niederwerfung
der Kommunen sein.
Der deutsche Kaiser beauftragte den deutschen
Zotschafter Fürsiten Radolin, der Familie des verstorbe—
en Generals Gallifet seine Teilnahme auszudrücken
nd am Grabe des Verstorbenen einen Kranz niederzu—
»glegen.

Aus necẽ Welt.

* Luftschiffahrt. Das Militär-Luftschiff „Parseval 2“,
ei dessen letzten Fahrten sich einige Fehler zeigten, ist
etzt wieder repariert worden. Der Ballon soll Anfang
ächster Woche mit Wasserstoffgas gefüllt werden. Bald
arauf werden die Probefahrten mit dem Ballon unter—
liommen. Die Ballonhülle des „Groß 2“ befindet sich zur
steparatur noch immer in der Augsburger Ballonhalle.
* Ein raffinierter Diebstahl. In Wien wurde im
Post- und Telegraphenamt 9 ein verwegener Diebstahl ver—
ibt, durch den dem Postfiskus ein Schaden von 119 000
dronen erwächst. Der am Schalter amtierende Beamte
vurde ans Telephon gerufen und in diesem Augenblicke
rschien ein Mann auf dem Postamt. Der Beamte ver—
ieß seinen Arbeitstisch, um die Telephonzelle auszusuchen,
interließ es aber, die Geldfücher seines Schreibtisches zu
chließen. Als der Beamte nach kurzer Zeit wiederkehrte,
utdeckte er ein Defizit von 119 000 Kronen. Die sofort
ingeleitete Ermittelung ergab, daß es sich zweisellos um
inen mit großer Rafsiniertheit ausgeführten Diebstahl
iner organisierten DTiebesbande handelt. Der telephoni—
che Anruf war wahrscheinlich von den Dieben ins Wert
lesetzt worden. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur.
* Riesenbrand. Im böhmischen Grenzdorf Stepha—
rww unweit Kudowa wurden 48 Gebäude, darunter 32
ewohnte, eingeäschert. Ein Mann und zwei Frauen büß—
en ihr Leben ein. Zahlreiches Vieh ist erstickt. Die Ab—
ebrannten sind meist arme Weber und Händler.
* Der anhaltende Regen der letzten Tage hat ein be—
eutendes Anschwellen der Maas und der Nebenflüsse zur
Folge gehabt. In den Provinzen Lüttich, Namur und
Luxremburg sind zahlreiche Dörser von den Fluten schwer
seimgesucht. Die Ernte ist zum großen Teil zerstört.
* Zur Affäre Harting. Clemenceau erklärte in Ge—
senwart zahlreicher Depunerter, man habe die Ueberzeug—
ing gewonnen, daß der unter dem Namen Harting be—
annte frühere Chef der russischen Geheimpolizei in Paris
nit dem wegen Teilnahme an Vombenfabrikation ver—
trteilten Landesen identisch ist. Harting, der sich zur Zeit
n London aufhält, wäre in diesen Tagen zum Oifizier
»er Ehrenlegion ernannt worden, wenn seine Geschichte
riicht bekannt geworden wäre. — Die Enthüllungen Bur—
ews über Haärting entsprechen, wie aus sicherer Quelle
zerlautet, der vollen Wahrheit. Man ist in Petersburger
Regierungskreisen über die Angelegenheit sehr beunruhiot

Landwirtschaftliches.
* Vertilgung von Wühlmäusen. Infolge des sehr
trockenen Frühjahrs haben sich die Wühlmäuse stark ver—
mehrt und machen sich in den verschiedensten Gegenden
unangenehm bemerkbar. Diese Nager gehören zu den
chlimmsten Feinden der Obst⸗ und Gemüsekulturen, und
s ist unumgänglich notwendig, daß allgemein gegen das
deberhandnehmen dieser lästigen Plage Schritte unternom—
nen werden. Als vorzüaliches und billiges Mittel zur

B20 38140533 D1
has dutzae att.
ODriginal-Roman von Custav Lange.
26 „Ihr scheint Euch hinsichtlich der Zeitrechnung im
Irrtum zu befinden,“ enkgegnete der Gouverneur spöitkisch.
„Wißt Ihr nicht, daß das Waffenlkragen jetzt strenge
verboten ist?“
»Mit einem Menschen, der sein verpfändetes Work,
zu brechen fähig ist, der das Vermögen einer Frau im
spiel vergeudet hat und in schändlicher Weise sein Umt
mißbraucht, um wehrlose Frauen zu belästigen, kann
Allerdings kein Edelmann die Klinge kreuzen,“ ließ sich
Braf von Pressy hinreißen zu an kworken.
Diese verächtlichen Worke und Anschuldigung raubtke
zem Gouverneur die Besinnung; er vergaß die Anwesenheit
 der beiden Männer und erhob seinen Stock ge—
7 den Grafen. Dieser hattke aber ebenso schnell seinen
egen gezogen und es war nicht abzusehen, ob er in Die Bestürzung über den heutigen Vorfall war bei
seiner blinden Wut Claude Mouriez nicht durchbohrt hätte, den Damen noch viel größer, denn nach dem Benehmen
wenn Chenier und Viroflary nicht hinzugesprungen wä-des Gouverneurs ihnen gegenüber war an der Wahr—
die dem Workstreit bisher stumm zugehörst hakken. heit der Worte seiner hintergangenen Brauft nicht mehr
„Um Goltes Willen, keinen Mord, Philipp!“ rief u zweifeln. Marquerite und der Graf hielten sich fest um—
Cheruüer, indem er blitzschnell den Arm des Grafen von hlungen, als wollten sie auch dem neuen Feinde gegenem
 verderbenbringenden Stoß zurückhielt. ber vereint den Kampf aufnehmen und üich in keiner
„Ich danke Dir, Josef!“ stöhnte der Graf, indem er sot und Gefahr trennen.
en Arm mit dem Degen sink en ließ. „Bei allem, was Chenier und Viroflary, die ruhiger die Lage beur⸗
air heilig ist, beinahe hälte ich mich jetzt vergessen!“ eillen rieten dem Freunde dringend, die Drohung des
Diesen Augenblick benutzte Claude Mouriez, um in ßouverneurs auf keinen Fall leicht zu nehmen und die
inem Boge um den Grafen herum den Garken zu ver- Befahr zu unterschätzen. Auf ihre dringende Vorstellung
assen, ohne weiter daran gehindert zn werden. Ehe er ulschloß sich der Graf, nicht länger auf seinen Admi—
zen Ausgang erreicht hatte, wandte er sich noch einmal iistrakor zu warlen, sondern unverzüglich die Reise nach
ückwärts mit den Worken: )eutschland anzutreten. Freudig begrüßten auch Mar—
qcñten Sie, sich Herr Graf und sorgen Sie dafür, uuerite und ihre Mukter diesen Enktschluß, die nach seinen
yvif recht fest sitzt!“ igenen Worken nunmehr keinen Tag mehr sicher waren
stänner überlief es eiseskalt bei dieser wor weiteren Zudringlichkeiten des Gouverneurs.

uͤrchterlichen Orohung, deren Sinn sie nur zu gutk ver⸗
tanden.
„Pah, leere Drohung,“ suchte der Graf seine Freunde
u beruhigen, was ihm aber nicht vollständig gelang.
Der Workwechfsel im Garken war auch bis zu Mar-⸗
zuerile und ihrer Mutter gedrungen. Ein Fenster öffzete
 sich und eine ängstliche Stimme fragkte nach der
Ursache. Bei dem Klang der Stimme seiner Braut ver⸗
jaß der Graf einen Augenblick den Gouverneur und
eine letzten Worke.
„Warke einen Augenblick, liebe Marguerike, dann
virst Du alles erfahren,“ ankworte der Graf und ge—
olgt von seinen Freunden schritt er auf das Haus zu,
vo ihnen Angelika mit einem Licht in der Hand, da es
nzwischen völlig dunkel geworden war, die verschlossene
düre öffnete.

hesonders wegen des vevorstehenden Zarendesuches n
Frankreich.
*Eine gewaltige Feuersbrunst vrach Samstag Nacht
m Arsenal von Cherbourg in den Werkstätten für Unter—
eeboot-Torpedos aus. Die ganze Garnison rückte zur
Zilfeleistung aus. Die Stadt ist taghell erleuchtet. Um
itternacht war die Gefsahr beschworen; der Schaden be—
rägt mehrere Millionen.
* Selbstmord in der Leichenhale. In Bologna
tief ein junges Mädchen aus der Telephon-Kabine der
Leichenhalle einen ihr befreundeten Professor an und teilte
hin mit, daß sie im Begriff sei, sich zu erschießen. Wäh—
rend der Professor sie durchs Telephon inständig bat, sie
möge von ihrem Vorhaben Abstand nehmen, krachte schon
ein Schuß und das Mädchen war auf der Stelle tot.
x*Ein Wirbelsturm, der über die italienische Provinz
Venetien niederging, hat bedeutenden Schaden angerichtet.
Zahlreiche Häuser wurden abgedeckt, Bäume entwurzelt
und die Weingärten derart verwüstet, daß die Ernte als
herloren betrachtet werden kann.
* Entführt und Mord. Auf dem Landqgute der rei—
hen Familie Laplaca in Sizilien erschien unvermutet ein
Mann, der um die Hand des Fräuleins Laplaca anhielt,
aber abgewiesen wurde. Der Mann wurde von drei
dermummten Individuen begleitet. Er setzte das Mäd—
hen ohne weiteres auf ein Maultier und schleppte es mit
Hewalt fort. Auf die Hilferuse des Mädchens eilte ihr
Bruder herbei, um die Entführung zu verhindern, aber
ehe er seinen Revolver abfeuern konnte, stürzte er von
einem FSlintenschuß in den Kopf getroffen tot zusammen.
— — —
Wermistes.

Die Damenhüte. Daß die riesigen Damenyhute durch
kleinere ersetzt werden möchten, hat schon mancher ge—
vünscht. Denn nicht genug, daß die Riesenapparate ei
nem oft die nötigste Aussicht versperren, verdecken sie auch
illzu oft die liebliche Anmut des schönen Geschlechts. Ei
ten neuen Anstoß zu einer „weiblichen Hutteform“ hat,
vie es heißt, die Königin von Italien gegeben. Durch
zie verrückten und unästhetischen Formen der Damenhüte
ur Verzweiflung gebracht, hat die Königin Helene den
zut ganz verbannt und ihn durch ein langes Kopftuch
ersetzt. Natürlich sind alle Damen des italienischen Ho—
ies diesem Beispiel gefolgt. Bei uns wird man sich wobl
um die neue Mode am italienischen Hose wohl wenig
ümmern; bei uns treiben die weiblichen Hüte immer
weitere Blüten und verwandeln sich nachgerade in solche
Blumenbeete, daß ein Ersinder es für wert befunden hat,
ich einen „Hut mit Wasserbehälter für natürliche Blumen“
»atentieren zu lassen. Wahrscheinlich hatten die Bienen ei—
ien solchen Hut im Sinne, die vor einigen Tagen in dem
Ztädtchen Lille im dicken Schwarme sich auf den blühen—
»en und parfümierten Hut einer pafssierenden Dame nie—
derließen, und in den Webstoffblüten und den Papierblät—
ern des wandeluden Blumengartens herumtrochen. Na—
ürlich war die Tame in einer Todesangst und wagte
nicht einmal, ihren Hut wegzuwerfen, aus Furcht, daf
zie lieben Tierchen ihr dabei in die Finger stechen möch—
en. Glocklicherioeise kam aber gerade ein Engländer des
Weges, der die kleine beliebte englische Pfeife rauchte. In
iebenswürdigsiser Weise nahm er sich der verzweifelnden
Ddame an und räucherte den verhängnisvollen Hut ge—
vissenhaft so gründlich ein, daß die armen enttsuschten
Bienen unverzuͤglich das Weite suchten
Graf VPork im falschen Rock. Im preußischen Her—⸗
enhause geht es manchmal recht gemütlich zu. Das aka—
»rmische Viertet, wird bei Beginn der Sitzung bäufig
iberschritten. Nur langsam finden sich die Herren im Sitz—
ingssaale zusammen. So wurden einmal die Verhand—
ungen verzögert, weil der Berichterstatter zu der Vor—
age, die zunächst auf der Tagesordnung stand, Herr Graj
hork von Wartenburg, nicht zur Stelle war. »Der Wräsi—
dent von Manteuffel meinte, als sich der Herr Graf beim
Namensaufruf nicht meldete: „Na, er wird schon kom—
nen!“ Und in der Tat, nachdem man drei, vier Minu—
en gewartet hatte, erschien der Graf auch im Saale. Man
hedeutete ihm, daß er sofort seinen Bericht über die Vor—
age betreffend die Schulversäumnisse im Gebiete des vor—
naligen Herzogtums Nassau und der vormaligen Land—
rafschaft Hessen-Homburg zu erstatten habe. Als er dem
ohen Hause nun über den Antrag der Kommission be—
ichten sollte, erklärte er kleinlaut, daß er einen falschen
sdock anbabe und das Manuskript des Antrages infolge—
essen nicht zur Stelle habe. Die Verhandlung mußte die—
erhalb ausgesetzt werde. Die ganze Episode, die viel
deiterkeit auslöste, erinnert an ein Couplet aus einer
Alten Berliner Posse, das da lautet:
„Ein Herr Schlossermeister Müller neulich reden sollt'
In 'ner großen Volksversammlung übern Eisenzoll.
Und weil er sich nicht blamieren woll“ vorm Haus,
Schnitt er sich nen Leitartikel aus der Zeitung 'raus.
Zühn besteigt er die Tribüne, greift zur Tasche gleich,
Da verfinstert sich die Miene, er wird totenbleich.
Er hat einen falschen Rock an, es ist fürchterlich.
Und nu' wollt erwieder 'runter und nu konnt er n'ich'!“

Nach eingehender Besprechung aller Möglichkeiten
vurde beschlossen, noch diese Nacht nur mit dem Aller⸗
otwendigsten versehen, Versailles zu verlassen und zu
fuß bis zur nächsten Poststalion zu gehen, denn in der
acht war in Versailles ein Gefährt doch nicht zu er—
angen und jedes Aufsehen mußte streng vermieden
verden. Chenier und Viro flary wollten zunächst zurück
leiben, sich in Paris ver borgen halten und nur im
ringendsten Notfalle nach Deuischland nachfolgen.
Graf von Pressy schärfte seiner Braut und deren
Mutter strenge ein, sich durch nichts in der Vorbereitung
zur Flucht aufhalken zu lassen. Zur gegeben Zeit sollte
Denis allein die Damen abholen, sie sollten durch ein
hinterpförlchen den Garten zu verlassen und den Treff-»unkt
 unbemerkt zu erreichen suchen. Die äußerste Vor—
icht war geboken, denn es war gar nicht so unmöglich,
daß sie von Spionen beobachtet wurden.
Als der Graf nach vorläufigem Abschied von den
)amen mit den Freunden auf die Straße trat und die—
elbe weiter ging, da löste sich von der Hecke des Gar—
ens ein dunkler Schaltten los und huschke in einiger
ẽntfernung hinter den Männern her. Diese schritten
ilig dahin und war ein jeder so mit seinen eigenen
Zedanken beschäftigt, daß keiner sich umwandte und den
Nann bemerkte, der sich an ihre Fersen heftete. Als
je vor ihrer Wohnung stehen blieben, da blieb auch er
tehen und verbarg sich schnell hinter einem Straßenaum,
 aber er brauchte nicht zu befürchten, bemerkt zu
verden, denn die Dunkelheit allein schützte ihn schon davor.
 Nachdem Graf von Pressy, Chenier und Viroflary
n das Haus eingetreten waren, kam auch der Mann
inter dem Baume wieder hervor, schaute sich nach allen
zeitlen um, gleichgsam sich genau vergewissernd, in wel⸗
hes Haus die drei Männer eingetreten waren und eilte
dann schnell die Straße zurück.
            
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