Jul oen nachsten Tagen wird die serbische die—
gierung neuerdings ein Memorandum an die
Großmächte richten, in welchem der Standpunkt Serbiens
gegenüber der Annexion Bosniens und der Herzegowina
keftgestellt, und ebenso erklärt wird, daß Serbien keines⸗
wegs auf eine territoriale Kompensation verzichten könne.
Die „Times“ meldet aus Konstantinopel über
das türkisch⸗österreichische Abkommen solgende Einzelhei—
en: Artikel 1 betrisfft die Verzichtleistung Oesterreichs auf
eine Rechte im Sandschal. Artikel 2 befaßt sich mit der
Nationalitätenfrage. Artikel 3 betrifft die Religionsfrei—
jeit. In Artikel 4 verpflichtet sich die österreichische Re—
zierung innerhalb eines Zeitraumes von 14 Tagen, vom
Datum der Ratifikation des Vertrages an der kürkischen
stegierung eine Ent'chädigung von 234 Millionen Pfund
ruszuzahlen. In Ariikel 5 verpflichtet sich Oesterreich, ei—
ien Handelsvertrag mit der Türkei abzuschließen, desser
Bestimmungen fspäter vereinbart werden sollen. Arükelné
betrisit die Abschafsung der österreichischen Postanstalben
in der Türkei. In Artilkel 7 erklärt sich Oesterreich bereit,
die Türkei auf der Balkan-Konserenz zu unterstützen. Die
Art. 8 und 9 sind noch nicht bekannt, jedoch glaubt man,
daß der eine sich mit dem österreichischen Verzicht auf den
Schutz der Katholiken und der andere sich mit Formali—
äten für Unterhandlungen befaßt.
Am Mittwoch wird die Antwort Aehren—
hals auf die einzelnen Punkte des vom türkischen Mi—
nisterrat beschlossenen Protokolles erwartet. Wenn dieses
auch auf Grund vorheriger Beratungen mit dem Bot
schaster Markgraf Pallavicini beruht, so wurden
von der Türkei doch noch einige Zusätze vorgenommen,
velche die Annahme des Protokolles und damit seine Un
erbreitung vor dem Parlamente verzögert haben.
Nach Meldungen aus Novibazar herrscht dort sehr
droße Unruhe infolge von Machenschaften österrei—
hischer Agenten. Das jungtürkische Komitee willeinen
Delegierten dorthin entsenden, um sich von der Lage dori
zu informieren.
Der Korrespondent des „Daily Telegraph“ in Kon—
tantinepel hatte eine Unterredung mit den Mitgliedern
des Boykott-⸗Komitees. Diese erklärten, daß der Boykott
ofort nach der amtlichen Veröffentlichung des türkisch⸗
zsierreichischen Abkommens eingeftellt werden würde
— ü —
—
Preußischer Landtag
(15. Sitzunz.)
Berlin, 19. Jannar.
Vei der Fortßetzung der ersten Lesung des
Etats
ritissiet Abg. Wiemer (F. Vp.) die Aufstellung des
Stals, die ein zu schwarzes Bild von der Finanzlageé
Preußens gebe. Jedenfalls könne mit dem Etat nich
ohne weiteres eine Neuforderung von Steuern begründe
verden. Daß die finanzielle Lage nicht glänzend sei, er
enne auch er an, und deswegen müsse Sparsamkeit ge
äübt werden. Viel Geld würde man ersparen durch eint
den modernen Verhältnissen angepaßte Verwaltungsre
form. Gegenüber dem Abg. von Pappenheim weist der
freisinnige Redner mit Nachdruck darauf hin, daß diie
Neichsfinanzreforn nur zustande kommen könne, wenn di
ekte Steuern für das Reich bewilligt würden. Unter leb
hastem Widerspruch der Rechten und stürmischem Beisal
der Linken geht der Redner auf den Fall Schückiné
zin und bezeichnet die Einleitung des Disziplinarverfah
rens mit der Begründung, daß sich ver Burgermeister
Schücking der Achtung, die fein Amt erfordere, unwürdig
grzeigt habe, als einen Eingriff in die persönliche Mein—
ingsfreiheit und die staatsbürgerliche Gleichberechtigung.
Die Neujahrsansprache betrachteten seine Freunde nicht
ils Ausfluß des persönlichen Regiments, denn sie war
ticht für die Oeffsentlichkeit bestimmt.
Ministerpräsident Fürst Bülhow: Der Grundsatz auf
Zparfamkeit muß durchgeführt werden, aber nicht
nuf Kosten unserer Schlagfertigkeit und des Friedens des
Landes. Dazu ist unsere geographische Lage zu ungün—
tig. Ich bin der Zustimmung jedenfalls der Marine und
des Heeres gewiß, daß es auch in der Militärverwaltung
nannigfache Gelegenheit zur Sparsamkeit gibt. Mit der
Regierung müssen auch die Parlamente zusammengehen,
die durch ihre ständigen Neusorderungen, durch die sie sich
hei den Wählern Liebkind machen wollen, mitschuld an
inserer schlechten Finanzlage sind. .Der Abgeordnete von
Papgenheim hat sich gestern gegen die Nachlaßsteuer qus—
gesprochen, mit dem Hinweis darauf, daß sie den Grund—
ätzen des konservativen Programms widerspreche. Wenn
vir den ernsten Willen haben, Ordnung in die Reichs—
finanzen zu bringen, so dürfen Programme und Partei—
zrundsätze nicht ausschlaggebend sein, sondern es ist Pflicht
aller Parteien, mit der Doktrin zu brechen und praktische
Politik zu treiben. Wir können nicht alle neuen Steuern
auf den Konsum legen, sondern müssen den Besitz heran—
ziehen. Wir können in unserer gegenwärtigen Notlage
zicht an der Nachlaßsteuer vorübergehen. Es ist die Wahl—
hie Befreiung der Geknechtelen.
Erzählung von J. Hausfe
Nochdruck verboten.
Im Hochsommer des Jahres 1661 lief eine englische
eriegsbrigg in eine schöne Bai an der Nordostküste von
Jamaika ein, welche fruchtbare und reiche Insel
inige Jahre zuvor, nämlich 1655, zur Zeit von
Diver Cromwell's Protektorat, von den Engländern den
Spaniern entrissen worden war. Gleich nach ‚der Erobe—⸗
ung hatten einige englische Pflanzer von Barbadoes, die
zurch ihr verschwenderisches und üppiges Leben finanziell
jeruntergekommen waren, die günstige Gelegenheit wahrge—
iommen, die besten und ertragreichsten Zuckerplantagen auf
Jamaika billig zu erstehen. Diejenigen spanischen katho—
sischen Eigentümer, die man nicht gewaltsam vertrieben
hatte und denen die neue Oberherrschaft der Puritaner
nicht gefallen konnte, schlugen ihre Besitzungen um jeden
Preie los, um nur so schnell wie möglich die Insel ver—
sassea zu können. Es läßt sich also wohl denken, daß die
ersten kühnen Spekulanten, welche damals rasch zugriffen,
rsgezeichnet gute Geschäfte machten. Nur war allerdings
in recht mißlicher Umstand dabei: es fehlte an Arbeitern,
niämlich an Sklaven, denn freie Arbeiter waren selbst für
die höchsten Lohnangebote nicht zu bekommen für die ge—
ährlichen Arbeiten in den sumpfigen Zuckerrohrniederungen,
vo die Ausdünstungen des fruchtbaren Bodens giftig und
ötlich sind und das gelbe Fieber im Verein mit Milliar—
den Moskitos fortwährend grassiert. Die Neger standen
Uso seht hoch im Preise, zumal da sehr viele von den ur—
prünglich vorhanden gewesenen schwarzen Sklaven zutr
Zeit der Kriegsunruhen ihren Herren entlaufen waren und
run als freie räuberische Maronen in den blauen Ber—
ren Famaikas streiften. von wo sie bei Nochtzeit häufta
ecuissrage veruhrt worden. Ich bin nicht müder vLage
eute weitere Mitteilungen darüber zu machen, als über
ieses Thema in der Thronrede gesaägt ist. Die Vorar
eiten sind in vollem Gange und werden mit großem
kifer betrieben. Sobald sich auf Grund dieser Arbeite;
in sicherer Ueberblick gewinnen lassen wird, wird der Mi
tister des Innern mit weiteren Vorschlägen hervortreten
dann wendet sich der Reichskanzler zu dem Fall Schück
vg. Er erklärte, daß diesem Falle keine symptomausche
edeutung zukonimt, und daß dieser Fall in der Oeffent
ichkein eine Beachtung gesunden habe, die er nicht ver
iene. Solange ich als Minisierpräsident und als vert—
intwwort'icher Träger der Reichsgeschäfte an dieser Stelle
tehe, wird mit meiner Einwissigung kein Beamter we
jen Betätigung freisinuiger Anfichten oder Grundsätzen
ur Verantwortung gezogen. Selbstverständlich müssen die
Zeamten bei der Betaͤtigung ihrer Anschauungen den nö—
igen Takt bewahren, der ihnen durch ihr Amt auferleg!
vird. Ich stehe andererseits auf dem Staudpunkte, daf
ich ein Beanmter nicht einer Partei anschließen darf, die
»ie Grundlage unserer Staats- und Gesellschafts ordnung
ckämpst. Ein Beamter darf sich nicht zur Sozialdemo
ratie belennen. Ich glaube aber, daß mir kein Vorwug
Reraus gemacht wird, wenn ich einen Beamten von sei
tent Amte suspendiere, wie es bei dem · Regierungsprä
identen von Schleswig-Holslein geschehen ist, der sich der
Politik widersetzt hat, die von den verantwortlichen Stel—
en verfolgt und vom Kaiser gebilligt wird. Maun muß
von den Beamten verlangen, daß fie der Regierungspo—
itik kein Hindernis in den Weg legen, daß sie diese Po—
itik fördern. Büsow erklärt weiter, das Entlaffungsge—
uch des Kultusministers Holle sei vom Kaiser nicht ge—
ehmigt worden, weil man hoffe, daß er bis zum Fruüh—
hr noch gesund werde. Länger könne allerdings eine
ztellvertretung nicht dauern. Es ist an die ernsten No—
»enmberdebatten im Reichstsage erinnert worden. Um Miß—
entungen entgegenzutreten, will ich folgendes sagen:
Hilicht des verfassungsmäßig verantwortlichen Minister—
prüsidenten und Reichskanzlers ist es, den Träger der
rone zu decken. Ich habe auch, als der „Daily Tele—
graph“Artikel erschien, nicht einen Augenblick gezögert,
allo Schuld auf mich zu nehmen. Ich bin überzeugt, daß
nicht nur die bis in die Knochen königstreuen Männer
»es Hau'es, sondern alle die, welche es mit der Monar—
hie ehrlich meinen, mir bestätigen werden, daß ich in
en Novembertagen als charaktervoller Royalist gehandelt
»abe. Daran maͤcht mich kein Kamarilla-Lärm und kein
zeirungsgerede irre. (Beifall.) In dieser meiner Pflicht
rfüllung werde ich nicht erlahmen, so lauge ich die Ver—
intwortung habe. (Lebhaster Beifall) Zum Schluß sei—
ier Ausführungen kam Fürst Büsloßv auf die Vorwürfe
u sprechen, daß die Regierung gegen die Sozialdemokra—
ne nicht energisch gaenug sei. Er verwies darauf, daß ge—
ebneberische Versuche gescheitert seien und auch keinen
oeck hätten. Die Schuld liege an der Uneinigkeit der
ürgerlichen Parteien, die aegen die Sozialdemokratie ei—
nig und geschlossen zusammenstehen müßten. (Die Rede
var vielfach und namentlich am Schluß von lebhattem
Beifall begleitet.)
Nach Fortsetzung der Beratung über den Etat wird
die Weiterberaumg auf morgen vertagt.
— —
Deutscher Reichstag
Berlin, 19. Januar.
388. Sitzung). Mittag 1 Uhr.
Auf der Tagesordnung stehen zuerst zur Beratung
Kleinere Vorlagen.
Bei der dritten Beratung wird der Handels⸗Vertrag
mit Salvador definitiv angenommen, ebeuͤso der Gesetz
entwurf betr. die Kontrolle des Reichshaushaltes.
Hierauf tritt man in die Weiterberatung des
Justizetats.
Abg. Kämpf (F. Vp.) erklärt eine internationale Re—
zelung des Wechselrechtes für dringend erforderlich und
veist darauf hin, daß es nötig sei, in Deutschland auf
dem Gebiete des Verwaltungsrechts ein einheitliches Sy—
iem zu schaffen.
Staatssekretär Mieberdimg erwidert, diese Frage
sei so schwierig, daß er zur Zeit eine bestinimte Ertlär—
uing nicht abgeben könne.
Abg. Junck (ntl.) wünscht endlich Regelung des
Rechtes der Beruisvereine, sowie Entlastung des Reichsgerichtes.
Abg. Mülhler-Meiningen (F. Vp.) weist dar—
auf hin, daß die tschechischen Buͤhnen ohne jede Sorge
und Rücksicht deutsche Bühnenwerke benutzten.
Abg. Dzie owsti Gole) führt Beispiele an, um
nachzuweisen, daß Preußen die Reichsgesetze verleße, —
dem widerspricht Staatsselretär Nieberdina.
Abg. Dr. Faßoenaser «(3Z.) weist auf die vielen
dindes-⸗Mißhandlungen yin und verlanat strengere Stra—
ür die Schuldigen.
en We de (8., vellagt die Beschäftigunag der
KVefandenen durch Kringtunternebßmen.
—E
in die Ebenen wnd Flußtäler niederstiegen, um die Pflan—
zungen zu überfallen und auszurauben. Auch hatten manche
der früheren spanischen Grundeigentümer, um die bedeu—
enden Kapitalien zu retten, welche sie in Negersklaven an—
zelegt, es verstanden, dieselben rechtzeitig vor der engli—
chen Besitznahme nach Kuba und St. Domingo zu schaf—⸗
en. Dieser große Uebelstand machte den neuen englischen
bflanzern die schwersten Sorgen, und da sie ohnehin meist
ewissenlose Abenteurer und ehemalige rohe Soldaten oder
zeeleute waren, so zeigten sie sich inbetreff der Mittel und
Wege, sich genügende Arbeilskräfte zu verschaffen, keines—
vegs strupulös. Es war die Zeit, wo der Menfschenraub
nn seinem höchsten Flor stand; nicht nur Neger wurden von
»er Guineaküste Afrikas und aus den spanischen Besitzungen
des amerikanischen Festlandes gestohlen: man führte auch
ius England und den Nordseeküstenländern weiße Sklaven
in, unglückliche Menschen, die man durch listige falsche
LBorspiegelungen zur Auswanderung verlockte oder auch
jeradezu gewaltsam raubte und auf die Schiffe schleppte,
im sie auf Barbadoes und Jamaita für ansehnliche Preise
u verkaufen.
Das englische Kriegsfahrzeug, welches wir oben er—
vähnten, vurde von dem Kapitän Samuel Rogers geführt,
einem jener ausgezeichneten, kühnen und unternehmungs—
lustigen, aber auch rohen, unwissenden und brutalen See—
abenteurer der früheren Zeit. Kaum lag das Schiff fest
yor Anker, als er auch schon sein Boot aussetzen ließ, um
ich ans Land rudern zu lassen, wo nur einige armselige
hölzerne Häuser standen, die den Hafenort bildeten und
»on Fischern bewohnt wurden, jedoch auch häufig Schmugg⸗
lern und Piraten zum Aufenthalt dienten.
Als das Boot klar gemacht war und der Kapitän an
der Schanzkleidung neben der Fallreepstreppe stand, wurde
noch eine in zerlumpte Matrosenkleidung gehüllte Persön—
ichteit auf das Verdeck geschleppt, die an Händen und
Füßen mit schweren Ketten belastet war. Es war ein
Abg. Heascher (F. Vp.) bemangelt, daß an dem
Eulenburg-Prozeß vor seiner desinitiven Beendigung im
Reichstage Kritik geübt worden sei
Nach einer Bemerkung des Abg. Markur (3.) schließt
die Debatte. Der Titel Staatsfelretär wird genehmigt,
benso der Rest des Juslizetats, unter Berücksichtigung der
don der Kommission vorgenommenen Abstriche.
Es folgt die zweite Lesung der WechserstempelNovelle.
Die Annahme erfolgt debattelos
. Darauf wird in die dritte Lesung des Gesestzes betr.
die Viehpreis-Notierung auf den Scheachtvieh—
Ahr eingetreten, die ebenfalls debattelos angenommen
vird.
Darauf vertagt sich das Haus auf Morgen. — Tages—
vordnung: Fortsetzung der Etats-Beratung. Schluß 54 Ühr.
Gewerbeförderung
Die allgemcine Abteilung des ständigen Beirats für
bas gewerbliche Unterrichtswesen und die Gewerbeförder—
uing hielt am 14. und 15. d. M. in den Räumen des
derrenhauses ihre zweite Beratung ab. Der Miinister für
handel und Gewerbe leitete die Beratungen, zu denen sich
die Mitglieder des Vandesgewerbeamts und des Beirats
— Vertreter der Zentralbehörden, des Landtags, der
Ztödte, des Handers, der Industrie und des Handwerks,
Pegierungs- und Gewerbeschulräte, Fach- und Fort
zildungsschuldirettoren, sowie sonstige auf dem Ge—
hete des gewerblichen Unterrichtswesens verdiente Per—
önlichkeicen — fast vollzählig versammelt hatten. Auf der
Tagesordnung stand die Erkkterung des zweiten Verwal—
tungsberichts des Landes verbeamts.
Bei der Besprechung des Verwaltungsberichts kam
zunächst das umfaäangreiche Gebiet des Fortbildungsschul⸗
veijens für die männliche Jugend zur Erorterung. Es
herrschte Einstimmigkeit darüder, daß auf die tunlichste
Beiterverbreiung des Systems der obligarorischen Fort—
zdungsschule mit aller Entschiedenheit hinzuwirken sei.
Fbenso wurden die Bestrebungen des Ministers auf Ver—
legung des Fortbildungsunterrichtes in die Tagesstunden
von der Versammlung durchweg geteilt, nur baten die an—
wenenden Handwerkervertreter, hierbei — wie es übrigens
auch schon jetzt vielfach geschehe — nach Möglichkeit auf
die Besonderheiten der einzelnen Gewerbszweige Rück
icht zu nehmen. Sehr geieilt waren dagegen die Mein—
ungen über die Frage, ob es sich empsehle, nach dem
Vorbilde der Müuchener Einrichtungen auch den preußi—
—D
zenannte Kerschensteinersches System). Während von ei—
nigen Seiten diese Einrichtung lebhaft befürwortet wur—
»e, de sie zur Ergänzung der vielfach unzulänglichen
eisterlehre dringend erwünscht sei, wurden, namentlich
ans dem Kreise der Handwerlervertreter erhebliche Be—
senlen geltend gemacht. Insbesondere wurde die Be—
ürchtung ausgesprochen, daß durch die von der Meister—
lehre häufig abweichende Unterweisung in der Lehrwerk—
täite die Autornät des Lehrmeisters erschüttert, und da—
mit der Erfolg der ganzen Lebrlingsausbildung gefähr—
det werden könne. Ter Minister erklärte, daß bei der
gegenwärtigen Finanzlage die Bereitstellung von Staats—
mitteln für die Einführung des Kerschensteinerschen Sy—
tems in Preußen schon mit Rücksicht auf die außerordent—
tich hohen hierzu ersorderlichen Kosten nicht in Frage
onmmen könne. Ader auch abgesehen hiervon, würde er
denfalls zunächst die weiteren Erfolge der Münchener
finrichtungen abwarten, seinerseits auf Angliederung von
Lehrwerkstätten an die Fort“vildungsschulen nischt drän—
zen, jedoch auch keinen Widerstand entgegensetzen, wenn
etwa hier oder dort eine Stadigemeinde be'sckließen sollte
einen Versuch dieter Art zu machen.
Von mehreren Rednern wurde angeregt, die Schetl—
aufsicht dadurch eingehender und sachlicher zu gestalten.
daß man die einzelnen Schulen durch Leiter oder Leb—
ter anderer gleichartiger Anstalten revidieren lafsse. Gegen
diejen Vorschlag wurde jedoch eingewendet, daß dabei die
mit der Revision betrauten Lehrpersonen zu sehr ihrem
Hauptamt entzogen würden.
Die Debatte wandte sich sodann der Gewerbeförder—
Ung im engeren Sinne, der Einrichtung von Meister—
kursen und Ausstellungshallen zu. Tie Verhandlun—
gen ergaben, daß die Versammlung im allgemeinen mit
der von der Gewerbeverwaltung auf diesem Gebiet er—
olgten: Praxis durchaus einversianden war. Die von ei—
iein Mitglied gegen die langfristigen aroßen Meisterkurse
und gegen die weitgehßende Gewährung von Stipendien
an die Teilnehmer bei den Kursen erhobenen Bedenken
murden von den übrigen Rednern nicht geteilt, dicese spra—
hen sich vielmehr einstimmig besonders anerkennend über
die Erfolge der Kurse aus, die sich namentlich auch bef
den Meisterprüfungen der Kursusteilnehmer in erfreulicher
Weise zeigten. Die Gewährung von Stipendien sei nicht
u umetzen, da weisaus die meisten Kursisten außerstande
wzen, aus eigenen Mitteln die aus der Teilnahme an
z»en Kursen ihnen erwachsenden Kosten zu bestreiten, zu—
nal ihnen ja für die Zeit der Kurse auch ihr NArboits.
nardienst eutgehe.
A —
chlank und doch kräftig gebauter junger Mann mit schwar«
zem gelocktem Haar, bleichem hübschen Antlitz und glühen⸗
den dunkeln Augen, aus denen er einen Blick des ingrim«
nigsten Hasses auf den Schiffsführer sandte sohald er den⸗
elben erblickte.
„Nun, Jack Robinson,“ sagte der Kapitän mit harter
Stimme und affektierter puritanischer Näselei, „danke Gott
und meiner Geduld, daß ich Dich nicht an die Raanockt
hängen lasse, sondern Dich hier ans Land bringe, auf
diese gottgesegnete schöne Insel, wo für Dein ferneres
Fortkommen herrlich gesorgt ist. Da Du auf keine Weise,
obgleich regelrecht in Portsmouth für Seiner Majestät See—
dienst gepreßt, Dich hast bewegen lassen, für König Karl
2., den Gott lange leben lasse, denn er ist ein lustiger
Mann, Deine nervigen Arme zu rühren und alles wohl—
gemeinte Auspeitschen mit der neunschwänzigen Katze nichl
geholfen hat, so sollst Du nun zur Belohnung für Deine
eiserne Festigkeit, die ich bewundern muß, als weißer Nig—
zer auf die Zuckerplantage meines lieben Bruders Jesaias
Rogers geschickt werden, wo der wohltätige Kantschu von
Büffelhaut Dich hoffentlich zu emstgem Fleiß und Arbeit⸗
amkeit anregen wird. Ins Boot nmun mit dem kaulen
Schuftl“
„Ich protestiere gegen diese schurkische Behandlung,
rief der Jüngling in recht gutem Englisch, wenn auch mit
remdtlingendem Akzent, „und ich sage, daß ich Rechen—
schaft von Euch fordern werde, Kapitän Rogers, früher
»der später! Ich bin kein Engländer, sondern ein gebore⸗
ier Franzose aus Dieppe; ich heiße nicht Jack Robinson,
'ondern Pierre Legrand. Als Steuermann eines franzö⸗
ischen Schiffes bin ich nach Portsmouth gekommen und
viderrechtlich in einem Weinhause von einem Preßgang
ufgegriffen und an Bord dieser Brigg geschleppt worden.
Ich nehme alle hier anwesenden englischen Seeleute a
Zeugen meiner Erklärungl“
Fortsetzung folgt.