Hof und Gesellschaft
** Das Befinden des Grafen Hompesch hat
ich im Laufe des Sonntags erheblich verschlimmert. Der
Franke befindet sich in einem agonieartigen Schiaf. Der
räfteverfjall hat zugenommen
Heer und Flotte
*Der neue englische Torpedoboots⸗-Zerstörer „Dar⸗
arx“ erreichte bei seinen Versuchen in der Nordsee eine
Seschwindigkeit von 40,3 Zeemeilen, das sind etwa 70
Filr meter in der Stunde, und fuhr mit dieser Edhnell.
zugsgeschwindigkeit eine volle Stunde lang. Dadurch hat
Tartar“ einen neuen Weltrekord geschaffen
Die Krise auf dem Balkan
„Daily Telegraph“ meldet aus Ronstantinopel:
Der Ministerrat verfoßte den Wortlaut der Abmachungen
nit Oesterreich über die Entschädigungslumme und die
uibrigen wirtschastlichen Zugeständnisse. Das Abkommen
ist noch am Sonntag abend dem ösierreichischen Botschaf⸗
ter zugestellt worden.
Der „Köln. Ztg.“ wird aus Ueskueb gemeldet:
Die Griechen und Bulgaren sind aus dem Bohkott-Ko—
mitee ausgetreten. Die Türken und Albanesen halten die
Zperre aufrecht
Der Pariser ser bische Gesandte erklärte in
inem Interview, die von Baron Aehrenthals projektierte
Zompensation an Serbien bedeute auch nicht einmal ei—
ten Schatten der Entschädigung für Serbien. Das ser—
zische Problem bleibt nach wie vor ungelöst. Wir setzen
Ale unfere Hoffnungen in Europas gerechte Entscheidung,
sagte der Gesandte zum Schlusse seiner Unterredung.
Wie der „New-Yorler Herald' aus Konstanti—
ropel meldet, bveabsichtigt der türkische Großwesir Kia—
nil Pascha, eine Rekonstruktion des Kabinetts. Der Mi—
Usßer des Aeußern, Tewfik Pascha und der Finanzmini—
ter Zia Pascha werden demnächst zurücktreten. Der Mi—
zister des Aenßern soll durch einen Deputierten, Imail
kemel Beö, einen persönlichen Freund Kiamils. ersetzt
vweaden.
Auf den Boykott des bulgarischen Handels be—
schlessen die Großhändler in Warna durch Boytottier—
ing des Konstantinopeler Platzes zu antworten. Die Zu—
uhr von Getreide und Mehl dahin wurde vollständig
aingestellt.
Die „Turquie“ meldet, daß der Deputierte des Wila—
ets Uesküb eine Interpellation bezüglich der
Ueberlassung Bosniens gegen eine Geldentschädigung ein—
gerceicht habe. Die Bestätigung dieser Nachricht bleibt
avzuwarten. Die Interpellation ist jedoch nicht unwahr—
— da die serbischen Deputierten hierfür agitiert
szaben.
Der ferbische und montenegrinische Gesandte haben in
iederholten Unterredungen mit dem Großwesir und dem
Minister des Aeußern der erheblichen Mißstimmung ihrer
Staaten wegen der Berständigungeder Türkei
mit Oesterreisch Ausdruck gegeben. Beide Staaten
wellen hierin einen Bruch der gegebenen Zusicherungen er—
briclen und befürchten einen Umschlag der öffentlichen
Meinung gegen die Türkei. Der Großwesir versicherte den
Besandten Montenegros und Serbiens, daß die Türkei
tuter andern Bedingungen auch die Gewährung einer
snischädigung Serbiens und Montenegros Oesierreich ernst⸗
ich nahegelegt habe. Der Großwesir vertrat hierbei die
Ansicht, daß davon die Ruhe auf dem Balkan abhänge
Erdbeben in Italien
In der Nacht zum Sonutag wurden in Messinmna
vieder mehrere Erdstöße verspuͤrt, darunter ein heftiger
gegen 1 Uhr, der mehrere Mauern zum Einsturz brachte.
Das „Journal“ berichtet aus New-York: Die Regie—
zung beschloß, eine Summe von 30 Millionen Dollar
ür die Opfer in Süditalien zur Errichtung von erd—
zebensicheren Häusern, in der Meerenge von Messina er—
ichtet werden sollen, zu bewilligen
I 234
Deutscher Reichstag
Berliu, 16. Jan.
186. Sitzung.) Vormittag 14 Uhr.
Auf der Tagesordnung sieht die Weiterberatung des
Arbeitskammergesetzes.
Abg. Höffe! (Np.): Es ist sonderbar, daß gerade
die Sozialdemokratie, die doch vorgibt, daß sie allein
ie Interessen der Arbeiter vertrete, diese Vorlage be—
ämpft. Auch meine Partei würde dem Entwurf unge—
eiltes Lob spenden, wenn nicht frühere sozialpolitische
Besetze den Beweis erbracht hätten, daß sie die an sie
lestellten Hofinungen nicht eriüllten. Troßdem alauben
— -
Vergehen oder Wahnsinn?
Kriminal-Erzählung von Heinrich Riff—
VTorssetzung
Nachdruck verboten.
Die Voruntersuchung war beendet und der Tag der
ffentlichen Gerichtsverhandlung bereits anberaumt. Mit
rößter Spannung und Aufregung sahen alle in W. der—
selben entgegen. An eine Freisprechung Leiningens war
nicht zu denken, die meisten war neugierig zu sehen, wie
er reiche Gutsbesitzer sich während der Verhandlung be⸗
iehmen werde. Es gab natürlich zwei große Parteien. Die
unen hielten Leiningen für einen Unglücklichen und Be—⸗
nitleidenswerten, der durch die Macht einer unbesiegbaren
deidenschaft sich hatte hinreißen lassen, der vielleicht trotz
Jer Klarheit seines Geistes nicht völlig zurechnungsfähig
var; die anderen sahen in ihm nur den reichen wann, der
detrogen habe, um zu gewinnen. Sie kanuten kein Mit—
eid und wollten deshalb auch keine Schonung. Hätte ihr
Wille Geltung gehabt, so wäre öffentlich auf dem Markte
in Galgen errichtet und der Verhaftete schon vor der Ver—
irteilung daran gehängt worden, denn sie befürchteten, daß
zie Richter auf Leiningens Vermögen und Stellung all—
uviel Rücksicht nehmen und ihn zu milde beurteilen würden.
Es wurde in Wa, das nicht zu den Großstädten ge—
zörte, seit Tagen nichts weiter gesprochen als über Lei—
nungen. Die beschränktesten Köpfe, welche vom Rechte kei—
ien anderen Begriff hatten, als daß ein Zaun zwei Grund—⸗
tücke trenne, geberdeten sich im Wirtshause, als ob sie
ämtlich außerordentlich tüchtige Rechtsgelehrte seien und
leßen gegen ihre Ansichten niemand aufkommen, weil ihren
dehlen keiner gewachsen war und niemand mit so kräfti—
zer Faust auf den Tisch zu schlagen vermochte, wie sie.
Wenn aber ein echter Kleinstädter im Wirtshause auf
den Tisch schlägt, dann alaubt er unfehlbarer zu sein als
orr, daß die Regierung richtig gehandelt hat, wenn sie
ich für Arbeitskammern enischieden hat, die auf paritäti—
cher Grundlage aufgebaut werden sollen.
Abg. Behrens (W. V.): Die einmütige Sym—
vathie der bürgerlichen Varteien für die Vorlage teilen
tuch wir. Die Behauptung des Abg. Legien, daß die
jesamten Arbeiter Geguer der Vorlage seien, ist unbe—
zündet. Die chrisilich-nationale Arbeiterschaft sieht durch—
rus auf dem Boden paritatischer Arbeitskammern. In
der Verständigung zwischen den Arbeitgebern und den
Arleitern sesen auch wir die wichtigste Aufgabe der Vor—
age. Außerdem erbliclken wir in dem Gesetze den ersten
raktischen Ausdruck der Anerkennung der Gleichberechtig—
iug des Arbeiterstandes und hierin wiederum einen gro—
zen sozialen Fortschtitt. Wünschenswert ist die Wähl—
Irkeit der Arbeitersekretäre. Wertvoll erscheint uns die
Linbeziehung der Heimarbeit in die Vorlage.
Abg. Kulerski Wole): Wir stehen der Vorlage
nit gemischten Gefühlen gegenüber, sind aber bereit, in
der Kommission mitzuarbeitfen und eine unseren Wün—
chen entsprechende Ausgestaltung der Vorlage anzustreben.
Abg. Potthoff (F. Vgg.): Wir haben die För—
RNrung des sozialen Friedens, sowie die Beseitigung der
virtschaftlichen Kämpfe für eine der wichtigsten nationa—
en Aufgaben angesehen und begrüßen die Vorlage als
inen Versuch in dieser Richtung. Im einzelnen werden
ich gewiß maucherlei Verbesserungsvorschläge machen las—
en. Vor allen Dingen sind die Aufgaben der Kammern
nicht klar genug bezeichnet. Dazu würde die Mitwirk—
ung beim Abschluß von Tarispverträgen gehören.
Abg. Giesberts (3.): Die Arbeitskammern wer—
ven hoffentlich in der Richtung segensreich wirken, daß
er Arbeitskrieg nicht in Permanenz erklärt wird. Die
leberweisung der Vorlage an eine Kommission von 28
Nitgliedern würde sich empfehlen.
Abg. Severing (Soz.) Wenn die Instiritionen
n der Hauptsache eine gutachtliche Tätigkeit ‚haben sol—
en, dann sind wir gegen die Arbeitstammern; soll da—
zegen die Tätigkeit eine verwaltungsrechtliche sein und
ollen die Kammern Exekutivgewalt erhalten, dann ent
che iden wir uns für die Arbeitskammern. Ein Zusam
nengehen zwecks Verständigung mit den Unternehmern
ehnen auch wir keineswegs ab.
Damit schloß die Diskussion. Der Gesetzentwurf ist
Aner Kommission von 28 Miigliedern überwiesen wor—
den. Der Präsident machte Mitteilung von den Ableben
des Abg. Dr. Rügenberg (3.). Die Mitglieder erhoben
ich von ihren Sitzen. Nächste Sitzung Montag 1 Uhr
Zweite Lesung des Justizetats. Schluß 3 Uhr
Berlin, 18. Jan.
(187. Sitzung.. Mittag 1 Uhr
Auf der Tagesordnung steht die zweite Lesung des
Justizetats.
Abg. Wagner (lcons.): Wir stehen im zehnten Jahré
»es bürgerlichen Rechts. Dieses hat sich bewährt, aber
neinzelnen Fallen wird es doch jedenfalls fsobald als
noöglich geändert werden müssen. So im Bezug auf die
zrage des Eigentumsvorbehaltes auf Maschinen. Im
znteresse des Maschinenbaues und der gesamten Industrie
nuß hier Abhilfe geschafft werden. Weiter muß der Ue—
beriostung des Reichsgerichtes abgeholfen werden.
Abg. Belcher (83.): Von den im Vorjahre einge—
zrachten Resolutionen ist leider die eine, der Wunsch nach
Neuerund der StreP.⸗O. nicht erfüllt worden. Möge
dies bald geschehen. Namentlich kann auch die Sachver—
taändigen-Gebühr erhoben werden. Die Amäsrichter sollte
nan in höherem Maße seßhaft machen, dadurch, daß man
ie den Landrichtern gleichstellt. Zu erwägen ist ferner
die Heranziehung von Laien auch zu den Zivilgerichten,
PBenso sollte man zu den Schwurgerichten viel mehr
eaien aus den unteren Vollsschichten heranziehen. Wei
er sollte endlich von dem Zeugniszwang gegen Redak—
eure Abstand genommen werden. Dann bittet er den
ztaatssekretär um Auskunft, wie es mit der Reform des
Ztrafrechtes stehe. Eine kleine Novelle des Strafgesetzbu—
hes sollte doch bevorstehen. Gegen die Unsittlichkeit muß
ingekämpft werden. Erwünscht wäre eine internationale
donserenz gegen die gewerbliche Verbreitung unsittlicher
Bader und Schriften. Zum Fall Eulenburg bemerkt Red—
ier, daß die rücksichtsvolle Art aufgefallen sei, mit der
naun den Angeklagten behandelt habe.
Staatssektretaär Mie berding führt aus: Die Ar—
heiten an der Strasprozeßordnung sind mit aller Energie
zefördert worden. Ich hoffe, daß die Vorlage dem Hause
noch vor Abschluß der Etatsberatung zugehen wird. Es
st richtig, daß bei dem Angeklagten Eulenburg beson—
zere Rücficht genommen worden ist. Diese sei aber nur
uu deni Zwecke angewendet worden, damit der Prozeß
veitergejuͤhrt werden köͤnne. Gegenwärtig ist Eulenburg
ils verhandlungsuufähig erklärt worden, und zwar von
Xberdlichen Aerzten. Stimmen die höheren Mutoritäten
der klugste Rechtsgelehrte und verschließt seinen Schädel
mit der größten Hartnäckigkeit den vernünftigen Einwürfen.
Leiningen machte all' diesen Streitigkeiten und Mei—
uungsverschiedenheiten dadurch ein Ende, daß er wenige
Tage vor der öffentlichen Verhandlung starb. Der Ge—
ängniswärter fand ihn des Morgens tot in seiner Zelle
Die Bürger von W. behaupteten natürlich, er habe
ich das Leben genommen. Sein Leichnam wurde seziert
ind die beiden Aerzte, denen dieser Auftrag erteilt war,
rklärten, er sei durch einen Herzschlag gestorben. Allein
zie Bürger schüttelten ungläubig die Köpfe und blieben
zei ihrer Behauptung, denn weil Leiningen ein Gutsbe—
itzer und reicher Mann gewesen war, mußten die Merzte
die Unwahrheit gesprochen haben.
Das traurige Drama, welches Monate lang alle Ge—
nüter beschäftigt, hatte damit sein Ende erreicht. An die
anglückliche Frau Leiningen dachten nur wenige, sie
var ja reich und konnte deshalb die Schmach und den Tod
ihres Mannes leicht überwinden.
Noch wenigere dachten daran, daß des Menschen Geist
für uns noch immer ein Rätsel ist. Wer vermag ihn zu
erfassen? Wir sehen immer nur seine Schwingungen. Wer
»ermag zu begreifen, wo in seinen unendlich feinen Glie—
erungen und Verzweigungen ein kranker Teil sich angesetzt
hat? *»Die Verständigen werden von einem Gefühle ahn—
ingsvoller Bangigkeit erfüllt, denn wer kann ihnen sa—
gen, daß nicht auch sie von einem ähnlichen Geschicke er—
eilt werden, allein die Superklugen, und dazu gehören alle
zhilister, denen der Geist stets in einem großen Um—
vege ausgewichen ist, schlagen sich selbstverständlich an
hren Brustkasten und rufen: „Wer nicht ist wie wir, taugt
tichts, und wer anders ist wie wir, hat keine Berech—
igung!“
Leiningens Witwe verkaufte das Gut ihres unglück—
ichen Mannes kurz darauf mit erheblichem Verluste und
wog fort
zem zu, so sind wir ohnmächtig; anderenfalls wird »e1
Prozeß sofort wieder aufgenommen werden. Was die
Strafrechtsreform anbelaugt. so hoffe ich im Laufse des
Zammers im Besitz des ersten Entwurfes zu sein. Von
da bis zur Verabschiedung ist natürlich noch ein weiter
Weg. Um dem größten Mißstande abzuhelfen, haben wir
mis zu einer Novelle entschlossen. Dieser Entwurf ist in
den letzten Tagen dem Bundesrat zugegangen. Die Re—
zierungen, auch die preußische, denken nicht daran, von
den bestehenden Landesgerichten auch nur ein einziges ein—
gehen zu lassen. Der Ueberlastung des Reichsgerichts muß
abgehoifen werden. Eine Verschmelzung der Senate ist
ebenfalls ausgeschlossen.
Abg. Heinze (ntl.) bringt eine Reihe von Refor—
men vor, die er in der angekündigten Novelle aufgenom—
men haben möchte.
Abg. Heine (oz.) meint, daß die Haftung des
Reiches für seine Beamten ohne Rücksicht auf Preußen ge—
macht werden sollte. Redner ist mit der angekündigten
Ztrafrechts-Novelle einverstanden, und erörtert gleichfalls
Reformen, die darin aufsgenommen werden sollen.
Abg. Ablasß (srs. Vp.) äußert sich zu dem gleichen
Thema, und sagt, im Volke sei man ungehalten über den
Formalismus der Rechtssprechung.
Abg. Schack (W. Vgg.) fragt an, wie es mit der
Regelung der Frage der Konkurrenzklausel in Engage—
ments⸗Verträgen mit Handlungsgehülfen stehe.
Staatssekretär Nie ber ding: Die Unterlagen, be—
züglich der Konkurrenzklausel bei Werkmeistern sind den
verbündeten Regierungen in einer Anfrage unterbreitet
worden, und erst, wenn eine Antwort hierauf eingelaufen
st, wird es sich empfehlen, die Frage, gemeinschaftlich für
dandlungsgehülfen und Werkmeister dem Reichsstage azu
interbreiten. ασνα
Abg. Becher⸗Köln (3.) erörtert die Frage der Ju—
ehdaerichte, auf deren Lösung das Reich bedacht sein
ollte. ————
Darauf verkagt sich das Haus auf morgen. Fortsetz—
ung der Debatte und vorher kleinere Vorlagen.
—— ——— — —
Hunst und Wissenschaft
() Ernst von Wildenbruch *7. Ernst von Wilden
zxuch ist in Berlin plötzlich gestorben. — Geboren wurde
Wildenbruch am 3. Februar 1845 in Beirut als Sohn
des preußischen Generalkonsuls W. Aus dem millitäri⸗
schen ist er später in den diplomatischen Dienst Aberge—
resen; 1897 wurde er zum Geh. Legationsrat ernannt,
1900 trat er vom Staatsdienst zurück. Er ist 1884 mit
»em großen Schillerpreise ausgezeichnet worden. Sein
etzties Schauspiel war „Die Rabensteinerin'“, das
werall großen Erfolg erzielt hat. — Ueber die näheren
du siände bei Wildenbruchs Tode schreibt man folgendes:
der Dichter kränkelte schon seit längerer Zeit. Anfangs
Januar kehrte er von seiner Sommervilla Weimar nach
»er Berliner Wohnung zurück. Ein körperliches Uebel,
zas er sich vor zwei Jahren bei einem Zusammenstoß mit
mem Radfahrer zugezogen hatte, machte sich neuerdings
cieder bemerkbar. Der Dichter stand in Behandlung des
brofessors Max Eisenberg und mußte täalich massiert und
lektrisiert werden.
Am Sonntag Nachmittag fand in der Berliner Woh—
iung vnon Ernstvon Wildenbruch eine Trauer—
⸗e ier für den Verstorbenen statt. Der braune Eichen—
arg, in dem der Entschlasene ruhte, war im Erkerzim—
ner der Wohnung aufgebahrt. Eine kleine Trauergemeinde
zatte sich eingefunden, unter welcher Geheimrat Lehmann
zorn Auswärtigen Amt, Paul Lindau, der namens der
Beneralintendantur einen Kranz niederlegte, besonders zu
»Mmerken waren. Zu Anfang der Feier nahm der Kon—
isterialrat Spinner aus Weimar, ein Freund der Fami—
ie, das Wort zu einer Gedächtnisrede. Nach ihm kenn—
zeichnete Geheimrat Dilthey Wildenbruchs dichterisches
Schaffen. Zum Schluß sprach Professor Brandel namens
der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft und namens des
Lereins zur Erhaltung des Deutschtums im Auslande.
die Feier schloß mit dem Vortrage des Liedes: „Willst
»u nun ruhen, willst du nun rasten“ aus Wildenbruchs
„Willehalm“, das von Sigrid Hummel, der Tochter des
NAomponisten gesungen und vom Kompvonisten selbst bealei—
tet wurde.
) Die Sypnose gegen Seekrankheit. Dr. A. M.
Daugal, ein bei der Allanlinie angestellter Schiffsarzt, ha
eit Jahren Versuche gemacht, der Seekrankheit durch hyp
rotische Beeinflussung vorzubeugen. Wie er behauptet,
zat seine letzte Reise, während der das Wetter stürmisch
var, die Richtigkeit seines Systems durchaus bestätigt
Bet Beginn der Fahrt zeigten zwei mitreisende Damer
ille Symptome des Ausbruches der Seekrankheit. Dr
Dougal hypnoucssierte sie, worauf sie sofort genasen. Das
selbe Verfsahren wandte er allen Passagieren gegenüber
an, bei denen sich Anzeichen der Seekrankheit bemerkbot
nochten. Bei keinem trat ein Rückfall ein.
Die Burger von Wf. sagten, das sei gut so, und di
Frau habe in ihrer Nähe nichts mehr zu suchen. Sie be
fürchteten schon, die Fälschung der Karten könne um si—s
greifen, wenn sie abends vor dem Schlafengehen mit ihr⸗
Xrauen eine Vartie Sechsundsechzia um nichts spielten
Ande. —
——
Das Herz Napolevbns.
Als Napoleon Bonaparte enttront und in der Gejangen—
chaft der Engländer nach Sankt Helena eingeschifft war, un
erlag der Gewaltige einem heimtückischen Feinde, dem schwe—
ten Magenkrebsleiden, welches seinem Leben am 5. Mai
1821 unerbittlich ein Ende setzte. Die Sektion der Leiche
vurde von englischen Aerzten in Beisein eines italienischen
dollegen vorgenommen. Der britische Arzt, dem diese wich—
iige Aufgabe zufiel, hatte das nierkwürdige Organ in ein
mit Wasser gefülltes Silberbecken gelegt, zwei brennende
erzen daneben gestellt und begab sich hierauf in sein Schlaf—
gemach. Lange konnte er den Schlummer nicht finden, er
war noch zu aufgeregt, weil er sich der hohen Bedeutsam—
eit seiner Mission wohl bewußt war. Während er nun im
halbwachen Zustande dalag, und alles um ihn her totenstill
gjeworden war, hörte er ein leises Rascheln, dann ein Plät
schern und endlich ein leises Geräusch, als wenn ein klei—
ies Tier zu Boden springt. Sofort erhebt sich der Arzt
»om Lager und forscht nach der Ursache des befremdlichen
Tones. Es wav eine kräftige Ratte, die bemüht war, das
Zerz des einstmaligen Weltbeherrschers in ihren verborgenen
Schlupfwinkel zu ziehen. So hätten denn nur wenige Se—
unden gefehlt, und das unersättlichste aller Menschenherzen
wäre einer Ratte zum Opfer gefallen. Seit 1840 ruht Na
poleons Leichnam und sein Herz in einem prachtvollen Grab—
mal des Invalidendomes zu Paris wohin es von der ein.
samen Felieninsel überkührt wurde.