Full text : Dudweiler Zeitung (22.1909)

Nummer 100.

Tel.oq, 259, 209 un 1261.

Samstag, den . Mai 1909. Z eitungeliste 801

253. Jahrgang.

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Algemeiner Anzeiger für den Bürgermeistereibezin
Dudweiler.

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Nertag vor
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Die Auffanung im Ausland.
Petersburg, 30. April. Die Presse, politische
ind diplomatische Kreise sind sich darüber einig, daß von
rgendwelcher Einmischuug der fremden Mächte in vie
ürkischen Angelegenheiten nicht die Rede sein dürfe. Al—
es hänge von der politischen Einsicht der Jungtürken ab.
lus der Provinz werden Stimmen laut, daß Rußland
ür den möglich weidenden Beginn des Zerfalls der Tür—
ei vorbereitet sein miüisse.
Was ist der „Jildis-Kiosk',
»In dem jetzt so viel die Rede ist? Wenn unsere Aus—
rucksweise unter „Kiosk“ ein kleines Gartenhäuschen oder
ergleichen versteht, so paßt diese Bedeutung allerdings
ehr wenig auf den „Jildis Kiosk“. Dieser ist vielmehr
in ganzer Bezirk für sich, der von hohen Mauern um—
seben ist. Hier besinden sich mehrere Kasernen, so das
er Platz militärische Bedeutung hat. Weiter aber hesteh
er Jildis-Kiosk aus eine Fülle von herrlichen Gärten
Landhäusern und Palästen — und hier hat auch der Sul—
an seine Residenz. Das eigentliche Stambul dehnt sich
üdwestlich des Goldenen Hornes aus. Jenseits desselben
iegen die Vorstädte Pera, Galata, Fyndylly, Kabatasch
ind andere Orte mehr. Letztere dehnen sich weit am
Bosporus hin, denn hier mußte die Schönheit der Land—
chaft zur Siedelung einladen. Das Land steigt vom
Afer amphitheatralisch auf, und es schweift der Blick
yon fürstlichen Palässen und Landhäusern über Bospo—
us und Marmara-Meer nach den Küsten des nahen Asien.
luch die fremden Geiandtschaften haben ihre Sitze am
Zesporus gewählt. Das herrliche Palais von Dolma
Bagdsche wurde 1857 vom Sultau Abdul Mendschid be—
ogen. Vielleicht gibt es im ganzen Orient keinen schö—
teren Herrschersitz als diesen Rengaissauceban, der den
Meere seine stattliche Front von 800 Mietern zuwendet
Abdul Hamid 2., der 1876 seinen Bruder Murad 5. ge—
türzt hatte, verlegte 1877 feine Residenz nach dem Jil—
dis-Kiosk. Damit hatte er für eine gewisse Isolierung
jesorgt, die ihm zweckmäßig erscheinen mochte. Denn das
Sternenlandhaus“ liegt ganz außerhalb der Stadt, anf
der Höhe hinter den Vorstädten. über welche es auf den
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genen Sinne von der Welt draußen und ren Zuständen
keine Ahnung hat; aber er laun seinen Ramen schreiben,
und ĩo viel Vorstand wird er woglt besihen, um zu be—
greisen, daß er von dieser Jähigkeit Gesrauch zu machen
hahen wied, sobald ihm ein Minister ein Teitet zur Un
tersertigung vorgelegt hat. Sie sehen“, fuhr der tüärtische
Polititer sort, „gaß wir den Thronwechsel mit nüchternen
Augen ansehen; aber geraoe desbalb iüssen wir jene
Igrantien zu schafsen suchen, damit die rein repräsenfatve
Figur des Padischah durch reale staatsmännische Kräfte
eargenzt werde“ Reschad-Essendi wird ruhig mit der tra—
ditionellen Nichterziehung seines Hauses zum Regieren
zas Regiment antreten können. Er wird dem üürkischen
olle keinen Schaden kun. Hätten wir die Freiheit ge—
haut, einen Prinzen zu wählen, so würden wir dieschad
allerdings nicht gewählt haben. Schon sein Alter hüärte
uns besoogen, an dieser Kandidatar vorüberzugeten, und
vielleicht ware der Vlick auf cinen der Söhne AÄbdul Ha—
mids gefallen, die in der letzten Zeit wirklich so etwas
wie Voiftstümlichleit besaßen. Aber für uns spit sich die
Frage nicht darauf zu, welche Persoörliczkett auf dem
Thron sitzt, sondern welche Persönlichsesten den Thron
umgeben, und wie die Bürgschasren dalür geanwonnten wer—
den, daß die Tüchtigsten und Bosten dem Padischah je—
den Augenblick an die Seite treten köunen. An diesen
Bürgschasften wird es nicht sehlen. Re7chad Gsendi ist aus
dem Dunkel seines Gesangnisses erst mit den übrigen
Prinzen hervorgetreten. als die Veriassung allen Osma—
nen die Freiheit brachte. Er hat aber von dieser Beweg—
ungssreiheit wenig Gebrauch gemacht, ich nehne an, weil
er seine geringe Bedeutung sühlte. Es weiß kaum je—
inand etwas über ihn, und wenn von einein Eindriick,
den er hervorruft, überhaupt die Rede sein kann, so soll
es der sein, daß er ein sehr ruhiges, um nicht zu sagen
nerschlasenes Wesen zur Schau trägt. Mag er auch as
Padischah weiter schlasen. Die osmanische Nation ha
»Sfür mehr als einen erprobtben Hüter, der über ihre
Freihciten und ihre Fortschritte wach
Ein Mitarbeiter der „Times“, der sich augenblicklich
u Bombay befindet, hatie vor einiger Zeit mit dem
etzigen Sultan Mohammed 5. eine Unterredung, in wel—
her letzterer bedauerte, daß er völlig isoliert und verhin—
dert sei, sich hinreichend auf die Rolle vorzubereiten, die
ihm eines Tages beschieden sein dürfte. Hoffentlich werde
er sich dann mit Männern zu umgeben wissen, die die
ihm selbst fehlenden Eigenschaften besißhen. Reschad er
ürte damals ferner, er habe persönlich die Folgen des
Despyotismus am eigenen Leibe ersahren und sein eigener
Bunsch seiz wenn er einmal Sultan würde in koandetn—
soneller Weise zu regieren. Hoffentlich werde Eaalart
der Türkei weiterhin in ihrou Schwierigkeiten zur TSeit
insreit.

Die Ereiguisse in der Türkei.
In ihrer ruhigen, energischen Weise, für die man
isher nur Anerkennung zollen konnte, sind die Jungrür—
ein nunmehr dabei, in Konstantinopel geordnete Zustände
viederherzusiellen. Sie haben den Botschaften mitgeteilt,
zaß die Pälitärdiltatur solange beibehalten wird, bis die
datibnalversammlung drei Vorlagen, über die Gin—
chränkung der Preßfreiheit, des Vereins- und Ver
anmlungsrechts und gegen Landstreicherei angenommen
sjat. Nicht verwunderlich ist, daß die jungtürkischen Trap
en sich unter ihrem Führer Mohamed Schefket Pascha so
zlänzend ausgezeichnet haben, wenn man hört, welche
schtung dieser in den Augen des militärischen Schulmei—
ters der Turken, des Generaloberst Freiherrn von der
holtz, genießt. Scheflet Pascha ist ein hervorragender Or
sanisatior und hat einen weiten Bliel. Hofsentlich wird es
hut recht balud gelingen, in seinem Vaterlande Ruhe und
Irdnung wieder herzustellen. Ueber die letzten Vorgänge
cĩiagen die vorliegenden Meldungen fsolgendes:
Fonstantinopel, 30. April. Die Mhrza“!
zer Eunuchen des Sultans ist getötet worden. Der
dest wird nach Afrika gebracht werden. Zahlreiche Skla—
zen und Sklavinnen erhtelten die Freiheit. Der Harem,
z»er aus 600 Personen besteht, wurde heute nach v
Uten Serail überführt.
Nach einer Konsulardepesche aus Wiersina ist Adana
einahe eingeäschert. Die katholischen Mäissionsan-—
talten der Jesuiten und Joiesinerinnen sind teilweise
»erbrannt; das Personal ist jedoch gerettet. An—
zeblich soll auch die protestantisiche RMissionsanstalt abge—
rannt sein.
Nach einer NKonslantinopeler Meldung des „Matin“
jatte der neue Sultan den Wunsch geäußert, seine Regie—
ung mit einer Ammestie zu beginnen, mußte aber'
zjierauf verzichten. Die Kriegsgerichte sind in
»oller Tätigkeit. Zahlreiche Hinrichtunzen haben stattge—
unden. Die Nachrichten aus den Provinzen lauten au—
zauernd beruhigend. so daß sich der fiaufindende Mini—
lerrat mit dieser Angelegenheit beschäftigen wird. Meh—
ere Bataillene gingen nhach Adang qb
die neue Regierung.
Paris, 30. April.“ Das „Echo de Paris“ mieldet
tus Konstantinopel, daß die neue Regierung aus lauter
ungen Männern, die kaum das 80. Lebensjahr über—
chritten haben, bestehen werde. Das Portefeuille des na—
ionalen Ministers der Gröech en wird ausgelassen wer—
den, weshalb die politische Liga der Griechen beschlossen
jat, gegen den zungtuͤrtijschen Verband eine scharfe Presie—
ehde zu beginnen —

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R7ohbhaztitfned 5

Sin in Bertin lebender Jungtürke yat sich vor eini—
ger Zeit über die Stellung der Jungtürken zu dem neucen
Zultan Reschad-Essendi solgendermaßen geäußert: „Wir
iehmen ihn eben hin, wir haben leine Liebe för ihn,
zafssen ihn nicht, wir erwarten und befürcht,e aber
zuch nichts von ihnn. Er wird nur darum Sullan wWer—
»en, weil wir das Hausgesetz des Hauses Osman, das
n schon 400 Jatzee Loeiteht, nicht umistoken wollen ur
Sie ich gorn zugeben will, es auch nicht ohne weiteres
imstosen können. Jebensalls wärde es eine heftige Er
chiitierung geben, und einer soltben das Reich auszuset—
en, dazu lieben wir unser Vaterland zu sehr. Mag alio
der 6fzährige Reschad-Effendi immerhin Padischah wer—
den. Wir wissen, daß er wie alle osmanischen Prinzen
7zogen ist, daß er also in Wirklichkeit. wie im übertira—

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Die ungarische Krise.
Die Denlsston des Kabineits Wekerle vollzog sid
zleichzeitig mit der Cinsargung eines schönen Traume
der Ungashängigkeitspurtei: der selosiärdigen ungarischen
Dank. Handelsminifter Kossuth hat jeinen Getreuen kei

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