Full text : Dudweiler Zeitung

kücktritt nur als eine Frage der Zeit hingestellt. Im
ibrigen entwickelt der ungenannte, Gewährsmann der
Reusch“ geradezu idyllische Perspektiven für den Fall,
atz das Kabinett Stosypin durch ein anderes bureaukra—
isches ersetzt werden sollte, das sich nur von den Wuün—
chen des Zaren leiten lasse und außerhalb des für
Ztolypin traditionell gewordenen Kampfes gegen die
reiheitliche Bewegung sitehen werde. — Im maßgebenden
arcisen wird diesen Gerüchten, die periodisch wiederkeh—
en. keine weitere Bedeutung beigemessen

Der Zickzackkurs in der Nordmark.
Es kann keinem Zweisel mehr unterworfen sein, daß
ich in unserer Nordmarkpolitik eine vollständige Schwent—
ing vollzogen hat. Die Verhandlungen im preußischen
Ibgeordnetenhause am 27. Februar und die bei dieser
zelegenheit abgegebenen Erklärungen des Ministers des
zInneren, die bevorstehende Rückkehr des „beurlaubten“ Re⸗
sierungspräsidenten von Dogela Kozierowsky nach Schles⸗
vig und die beiden neuerlichen Reden des Oberprasiden⸗
en' von Bülow bei der Eröffnung des Provinziallandta—
ses in Kiel bekundeten nur allzu deutlich, daß die von
en gemaßigten und freiheitlich gesinnten Deutschen
Z„chleswig-⸗Holsteins erhoffte Positik der Beruhigung und
ronfilidierung der nordschleswigschen Verhältnisse, als
deren Träger man einst den Oberpräsidenten von Bül ow
msah, regierungsseitig nun vollständig aufgegeben ist,
ind die seitdem erfolgten Maßnahmen haben gezeigt, daß
zie Regierung abermals auf dem Wege ist, die Gegen—
atze zu verschärfen. Der bekannte Zickzackturs, unter dem
sordschleswig schon so unendlich viel gelitten hat, und
er unter den Bewohnern der Nordmark die traurigen
rüchte des fanatischen Nationalhasses und immerwähren⸗

her politischer Beunruhigung gezeitigt hat, hat eine neue
Phase zu verzeichnen. Und derselbe Mann, der vor we—
ig Jahren in Hadersleben bei der Tagung des Land—
virtschaftsrates durch seine Proklamierung der „Bruder⸗
uß⸗Politik den wütenden Sturmlauf der sanatischen
xhauvinisten des „Deutschen Vereins“ gegen diese seine
Versöhnungspolitik heraufbeschwor, scheint jetzt vollständig
m Kielwasser des „Deutschen Vereins“ zu segeln. Der
Iberpräsident hat mit diesen Leuten, die in der Beun—
uhigung Nordschleswigs, in der Verschärfung der natio—
jalen Gegensätze das Schlimmste geleistet haben, voll—
tändig Frieden geschlossen. Wird diese neue Aera in un⸗—
erer Nordmarkpolitik politische und nationale Erfolge
»ringen? Wir glauben es nicht! Wir sind vielmehr fest
davon überzeugt, daß man auf diesem Wege von Mißer—
solg zu Mißerfolg schreiten wird! Seitdem die „Deut—
chen der schärferen Tonart“ in Nordschleswig das große
Wort geführt haben, hat das Deutschtum den Nachteil da⸗
on gehabi, und dieser Schaden wird leider jetzt noch
zrößer werden, wenn die Politik der Einsichtslosialeit und
zer Unagerechtiakeit fortgesetzt wird

Der deutsiche Kronprinuz in Wien.
Der de utsche Kronprinz traf Sonntag nach
Uhr aus Bukarest in Wien ein. Auf dem Staatsbahn—
jose erwarteten ihn der Kaisser in preußischer Mar—⸗
challsuniform und die Erzherzöge Franz Ferdi—
iand, Leopold Salvator, Franz Salvator, Friedrich und
skainer in preußischen Uniformen, serner u. a. der Bot⸗
chafter von Tschirschky und die Gesandten Freiherr von
Tücher und Graf Rex. Die Begruͤßung gestaltete sich
iberaus herzlich. Der Kaiser küßte dreimal den Kron—
rinzen Wilhelm; er ließ es nicht zu, daß der Kronprinz
hm die Hand küßte. Der Kronprinz, der österreichische
Zufarenuniform trug, begrüßte sodann die Erzherzöge,
esonders warm den Erzherzog Franz Ferdinand. Als⸗
„ann fuhr der deutsche Kronprinz mit dem Kaiser in die
zofburg. Die Straßen waren bei herrlichem Wetter von
ielen Tausenden Menschen besetzt, die in stürmische Hoch⸗
ind Heilruse ausbrachen. Nachmittags stattete der Kron—
rinz Wilhelm bei den Erzherzögen Besuche ab. Da
die Zeit nicht ausreichte, unterblieb der geplante Besuch
er Freudenauer Rennen. Adends fand beim Kaiser
dien'er statt. Trinksprüche wurden dabei nicht gehalten.
Fierauf wurde die Vorstellung im Hofoperntheater besucht.
*Wien, 26. April. Der deutsche Kronprinz begab sich
eute früh in die Kapuzinergruft, wo er Kränze auf den
Zärgen der Kaiserin Elisabeth und des Kronprinzen Ru—
‚olf“ niederlegte. Er besuchte sodann das Reitlehrinstitut
ind machte eine Spazierfahrt im Prater. Mittags hecit
reinem Frühstück im engsten Kreise der Familie de—
gotschafters Tichirschky beigewohnt
Preßz stimmen.
Wien, 26. April. Mehrere Blätter begrüßen mit
varmen Willkommensartikeln den deutschen Kronprinzen.
Das „Fremdenblatt schreibt: Wir dürfen den
deutschen Kronprinzen in Wien als Vertreter des deutschen
Volkes begrüßen. In dem Willkomm, das ihm geboten
vird, spricht die Erinnerung mit an die Ereianisse der

„Er wollte sich jedenfalls auf irgend eine Anstrengung
jorbereiten, wenn Vr. Hassͤngs käme. Als ich ihn hoch⸗
ichtete, wurde er ohnmãchtig.“
Die Pflegerin trat an das Bett heran und die bewußt⸗
ose Gestalt in ihre starken Arme nehmend, legte sie die⸗
elbe in die Kissen zuruͤc. Welch' sellsame Ruhe, ja, wel⸗
he Würde laagerte doch uf den eingelunkenen Büagen, die

inige Winuten früher noch so voll Schmerz und Leben
jewesen waren! Sie fühlte den Puls, legte ihr Ohr an
ein Herz, horchte auf den Atem, der nie mehr über diese
leichen Lippen kommen sollte, dann blickte sie auf Mrs.
Treherne und von dieser auf Hastings, der in diesem Au⸗
Jenblid eilig das Zimmer betrat.
Wer. Jarracote ist nicht ohnmächtig“, sagte sie dann
rnst: „Er ist tot!“ —
Und es war so. In dem Augenblide, als er seine
Angerechtigleit wieder gut gemacht hatte, ward seine Seele
bberusen vor die Schranken der ewigen Gerechtiagkeit
q
¶.
2. Kapitel.
Künstherleben.
„Ah, welch herrliche Rosen, Margherita! — Ich muß
anige haben!“
„Eh, poverette! Ich weiß ja, wie gern Sie Rosen
jaben ÜÄber sehen Siel! — ich habe nur noch zwei Frauks
a meiner Börse und muß noch das Gemüse für den Mit⸗
ag einkaufen.“
Die erste Sprecherin seufzte tief, so wie ein Kind
eufzt, wenn ein heiß begehrtes Vergnügen ihm verwei—
Jjert wird. Verlangend blickte sie auf die duftige Fülle
jon roten, rosa und gelben Rosen, die den Blumenstand,
hor denen sie jetzt vorüberkamen, bedeckten. Dann schritt
sie, mit einer encsagenden Geberde den Kopf ichütteind,
ls der Verkäufer ihr eine glühende Rose entgegendielt, en
er Seite ihrer Begleiterin weiter. Sie gewährten einen
Jroßen Gegensatz, diese beiden Frauengestalten, als sie so
usammen die schattige Straße der alten Stadt Passy, jetzt
Vorstadt von Paris, hinunterschritten. Die eine derselben,
die Vewunderiͤ der NRosen, war ein großes, und schlan—
tes Mädchen von außergewöhnlicher Grazie in Figar und
Alsong imd mit einen Geticht non aufallender Schöen—

ingsten Vergangenheit, vet denen der Kaiser und das
zoit in Deutschland sich einig erwiesen haben in der
zundestreue, die den vollen Wert des mitteleuropäischen
zündnisses als der stärksten Friedensbürgschaft in Europa
argetan hat. Die Kraft dieses Bündnisses hat in den
ergangenen schweren Zeiten alle Zweifler im Auslande
ind Inlande besiegt und bekehrt. — Die „Neue Freie
ßrefsse“ schreibt: Der Besuch des Kronprinzen erfolgt
ziesmal unter dem Eindruck der großen Manifestation
eutscher Bundestreue aus Anlaß der Annexionskrise. Die
Zusammengehörigteit beider mitteleuropäischer Reiche ist
sielleicht noch nie so mächtig hervorgetreten. Der Kron—
zrinz wird die Ueberzeugung von der Stärke des Bünd—
usses in die Heimat mitnehmen. — Auch das „Neue
Siener Tagblatt“ betont die Wichtigkeit und den
zeitpunkt des Besuches des Kronprinzen. — Das „Va⸗
erland“ bezeichnet ebenfalls den Besuch als von be⸗
onderer Bedeutung, begrüßt mit Freuden, daß der Re—
»räsentant einer fernen Zukunst, der deutsche Kronprinz,
»em hohen Greise den Beweis seiner Liebe und Ehrfurcht
zibt, und drückt den Wunsch aus, daß der Besuch das
zand zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn noch
ester knüpfen mögen zum Wohle der Völker und zum
SIAchutze des Friedens

— üü ———
Die Ereignifse in der Türkei.
Sultan Abdul Hamid, der vor einigen Tagen den
Jungtürken durch die wirkungsvolle Milltärdemonstration
ioch die Zähne zeigte, hat jetzt anscheinend ausgespielt.
die ihm ergebenen Palasttruppen sind von den Jung—
ürken durch andere ersetzt worden und man scheint jeßt
birklich erust machen zu wollen. Abdul Hamid bleib
war noch Sultan, aber nur von Jungtürken Gnaden und
st auch nur eine Puppe in jungtuͤrkischen Haͤnden. So
esagen wenigstens die Konstantinopeler Berichte. Absolut
laubwürdig scheinen uns jedoch diese Meldungen nicht
u sein, denn der angeblich „kraͤnke Mann“ am goldenen
dorn hat in der letzten Zeit schon wiederholt bewiesen,
saß er sich noch recht kräftig fühlt. Sollten sich die Nach—
ichten über die Wendung der Dinge jedoch bestätigen, so
vill es uns fast scheinen, daß Abdul Hamid nur der
hewalt gehorchend fich in sein Los gesügt hat, um bei
‚er allernächsten Gelegenheit das junatürlische Joch wie—
er von sich zu werfen.
Ueber die Vorgänge, die den Sultan den Jungtürken
— besagen die vorliegenden Meldungen wei—
eres:
Konstantinopel, 26. April. Tas Bombarde—⸗
nent des Jildis⸗Palastes sowohl vom Meer aus wie von
der Landseite wird mit Tagesanbruch erwartet. Die noch
iuf dem Jildis befindliche Besatzung wird auf über 4000
Mann geschätzt., Wie verlautet, hat sich der Sultan zur
bdankung bereit erklärt, wenn die Thronfolge auf seinen
Zohn Burhan Eddin übergehe, andernfalls sei er ent
Hlossen, sich bis zum äußersten zu verteidigen. Wie fer
er verlautet, hat der Sulian eine aroße Zahl von Mini—
tern und anderen hohen Beamten in den Jildis rufer
assen. Die Mehrzahl leistete dieser Aufforderung kein
zolge; nur einige Minister begaben sich in das Palais
nd sollen sich noch jetzt dort befinden; unter ihnen der
zroßwesir und der Kriegsminister. Die Nachricht, daß der
ommaundant der Belagerunggarmee Mahmud Scheftke
zascha sich in den Jildis begeben habe, ist falsch. Die
Zerhandlungen zwischen der Armeeleitung und dem Sildie
verden schriftlich geführt.
Das Kabinett Tewfik Pascha hat soeben dem Sultan
eine Demisfron unterbreitet und begibt sich nicht
ur Sitzung der Kammer nach Stambul.
In der offiziellen Ankündigung des Belagerungszu⸗
tandes wird zunächst darauf hingewiesen, daß alles ver—
mieden werden muß, was die Bevölkerung in Erregung
erseßen könne. Aufrührerische Rufe, Reden, sowie das
anfen in den Straßen seien zu unterlassen. Da die Auf⸗
echterhallung der Ordnung den Salonikier Truppen, der
ndaimerie und der Polizei anvertraut ist, haben sich
le ihren Befehlen zu fügen. Untersagt ist nach 8 Uhr
ibends ohne Laterne sich auf der Straße aufzuhalten. Das
Waffentragen ist verboten.
Der österreichisch-ungarische Militärattachee, begleitet
zon dem deutjschen Militärattachee, beglückwünschte Mah⸗
nud Scheflet, Hustein Husni und die übrigen leitenden
generale zu der glänzenden Durchführung der militãäri⸗
chen Operationen, der raschen Wiederhersiellung der Ord⸗
uung und der ausgezeichneten Manneszucht.
Es verlautet, daß der Belagerungszustand andauern
verde, bis das Preßgesetz, das Landstreichergesetz und
as Versammlungsgesetz vom Parlament erledigt sind,
bas in zwei bis drei Wochen der Fall sein werde.
Konstantinopel hat das geschäftliche Leben in vollem Um—
ang wieder aufgenommen. Das Vertrauen der Bevölke⸗
ung gewinnt dank den bewundernswerten Anordnungen
er Armeeleitung überall an Boden.
Die Zahl der während des militärischen Aufruhrs
Jgetöteten, aus der Kriegsschule hervorgegangenen Offi⸗
Jere beuägt nach jetzigen sicheren Feststellungen 254

eit, ountel, zart, viendeno, vou von wechseindem Aus—
rud der Freude oder Sorge — ein Typus, wie ihn die
Zünstler verehren und auch die übrige Welt bewundert,
hne ihn jedoch immer recht zu würdigen. Es war ein
talienischer Kopf mit allen malerischen Zügen des Sü—
ens, mit Massen von schwarzem, krausem Haar, das in
ierlichen Löckchen und Ringeln um die aen
Stirn hing und mit einem so eigentümlich süßen Ausdruck
n den dunlein, sanften Augen, daß jeder, der auch nur
jorübergehend einen Blick in dieselben wari ihren RBauber
mpfand.
Die Frau, die neben diesem reizenden Wesen einber⸗
chritt, war dem Aeußern nach noch mehr Italiegerin,
chhien jedoch von bäurischer Herkunst. Sie war ron llei⸗
ier Figur, breit, mit scharf geschnittenem, dundeln Gesicht,
auf dem aber Ehrlichleit, Treue und Zärtlichkeit zu lesen
dar. Hieben diesen schönen Tugenden hatte sie jedoch auch
die Untugenden ihres Landes und Standes an sich. Selbsi
ihr Herr hatte oft unter ihrem heißblütigen, aufbrausen—
en Temperament zu leiden. Dem Mädchen an ihrer Scite
ber, dem Kinde ihrer früh verstorbenen Herrin, war sic
ol hingebendster Liebe und Zärtlichkeit zugetan, die
reueste Pflegerin, Begleiterin und Freundin.
Wenn ich ja reich werden sollte“, fuhr das junge
deädchen fort, sich der weichen Laute der toskanischen
zprache, ihrer Muttersprache, bedienend, „dann will ich
Herge von Blumen haäben — überall und innner Blumer
— des kannst Du sicher sein, Margherita!“ „Und wes—
halb auch nicht, wenn Sie dieselben so sehr lieben?“ er
biderte dieser ‚nicht nur Blumen, sondern auch viele an
dere schöne Dinge können Sie sich dann auch noch anschaf
en, Signorina Irma. Denn reich werden Sie ganz ge
viß später noch mal werden.“ Irma Darracote lächellte
„Meit welcher Sicherheit Sie das prophezeien!“ rief sie
rus. „Ich habe nur leider nicht die geringfte Aussich
sierzu. Doch ich mache mir auch nichts daraus, ausge
iommen, daß ich mich dann mit Rosen überschütten könnte
Lapa liegt auch nichts daran; ja, er hält es ininier
ir ein Unrecht, viel Geld zu haben, da es doch so riele
Zeute gibt, die Wiangel leiden.“
Margherita schüttelte den Kopf. „Der Herr würde
einen Sinn schon ändern, wenn sich meine Prophezeiung
rfüllte!“ sagte sie trocken. „Die Heiligen mögen die —D
n des qufen Gottes gerind achfan

VLandwirtschaftliches.
(c) Saatenstand im Reiche. Der „Reichsanzeiger! ver—
ffeutlicht den Saatenstand des deutschen Reiches um Mitte
pril. (Die eingetlammerten Zahlen bedeuten Mitte April
(908): Winterweizen 3,1 (2.5); Winterspelz: 2,7 (2,8);
Winierroggen: 3,0 (2,6); Klee: 2,8 (2,5); Bewässerungs—
wiesen: 2,8 (2,3) und andere Wiesen 3,1 (2,8). In den
Bemerkungen heißt es: Die in letzter Zeit eingetretene
nildere Witterung und die verschiedentlich gefallenen Re—
genmengen dürften dazu beitragen, die bisher noch ziem—
ich rückiständige Entwicklung der Pflanzen zu beschleuni—
zgen. Die tierischen Schädlinge scheinen bis auf vercin
elte kleine Refte während des langen Winters zugrunde
gegangen zu sein. Die Bestellung der Frühjahrssaaten
var um Mitte April im Norden und Osten des Reiches
gzegen frühere Jahre noch weit im Rückstande. Frühgesäte
Vintergetreidesgaten stehen wegen der früh eingetretenen
Fröste erbeblich besser als die späten Saaten, doch geber
die meisten Berichte der Hoffnung Ausdruck, daß be
eintreiender Waͤrme und genügender Feuchtigkeit sich nock
biele Winterschäden wieder auswachsen werden. Futter
pflanzen, Klee, Luzerne, sind teilweise gut durch den
Winter gekommen, teilweise haben sie durch Fröste oder
Mäusefraß gelitten. Im allgemeinen war ihr Wachs tum
bei Abgabe der Berichte noch wenig fortgeschritten. Ue—
her den Stand der Wiesen läßt sich noch nicht viel sa—
gen; die Flußwiesen standen in manchen Gegenden nod
unter Wasier

Deutscher Reichstag.
Präsident Graf Stolberg eröfsnet die Sitzung un—
Uhr 15 Min. Am Bundesratstisch ist Staatssekretär o
Nieberding erschienen. Der Bericht der Reichsschulden.
ommission passiert debattelos. Sodann wird die Berat—
ung der Strafgesetznovelle fortgesest.
Abg. Müller-Meiningen Ers. Vp.): Ich begrüße
den Emwurf, wenn ich ihn auch nur als Notgesetz an
sehe, weil in erster Linie mit draklonischen Strafbestimm—
ingen aufräumen will. Auf die Vivisektion wind di
Wusenschaft nicht verzichten können. Der verstärkte ESchub
zder“ Ehre findet unsere Billigung, nur ist det gewählte
Weg nicht der richtige. Gegen die Fassung des 8 258
Erpressung) haben wir große Bedenken. Jede Forder—
ing einer Lohnerhöhung wäre bei Androhung ciner Ar⸗
eiseinstellung danach eine Erpressung. Wir hossen, daf
uinsere Bedenken in der Kommission beseitigt werden.
Abg. Faßbender (IZtr.) tritt für ausgedehnten
inderschutz ein, indem er Einzelfälle von Mißhandtun
gen schutzloser Kinder anführt.
Abg. Heckscher Ers. Vag) erblickt in der Vor
lage eine Konzession an liberale Anschauungen. Ein bes
ferer Schutz der Kinder sei nötig.
Abg. Hormann rs. Vp.): Die Vorlage bedeu
tet einen kulturellen Fortschritt.
Abg. Franck Soz.) verlangt prophylaktisches Vor
gehen gegen die Kinderprügelei.
Abg. Kirsch (Ztr) verlangt eine andere Fassunc
der Besimmungen über den Wahrheitsbeweis.
Abg. Wönz! (atl.) wünscht eine energische Be
kämpfung der Prostitution.
Staatssekreiär v. Mie berding sagt Prüsung die
ser Frage zu.
Abg. Seyda Gpole) warnt davor, den Richterr
zu viel sreies Ermessen einzuräumen.
Die Novelle wird hierauf an die Kommission über
wiesen. Hierauf ersolgt Vertagung. Nächste Taagesord
nung: Zivilprozeßnovelle.
Schluß nach 5 Uhr.

— ZZ———„—„——233]

Arbeiterbewegung.
—Arbeiteraussperrung in Sicht. Mehrere Pariser
Blätier melden: Infolge des unter den Ziegel- und 8e
mentarbeitern des Seine-Departements ausgebrochenen
Aussiandes haben 400 Mitglieder der Syndikatkammer
der Bauunternehmer und Bauliefseranten eine Versamm
sung einberufen, um über die Frage einer Aussperrungç
zu beraten. Man glaubt, daß sich die Versammlung fü—
die Aussperrung aussprechen werde. In diesem Fall
würden die Ziegel- und Zementfabriken gesperrt werden
Auch die Syndikatskammer der Baugewerbetreibenden wür
de diesem Beispiele folgen. Danach würden an 200 00
Arbeiter beschäftigungslos werden.

„Iyre Prophyegenatg wirdo sich wohl nicht erfüllen“, la
chelte Irma wieder. „Ich glaube nicht, daß Papa jemal⸗
su diese Lage kommen wird, und ich werde auch wohl ni
id viel Blumen bekommen, wie ich gern haben möchte, s
ange wir noch Gemüse einkaufen müssen. — Doch jehe
Sie da, Margherita; dort ist schöner Lattich, wie wir ib
mmer zum Salat gebrauchen!“
Der Lattich und einige andere Gemüse wanderten nad
zielem Handeln in den Korb, den Margherita am Arm
rug. Dann traten sie beide den Heimweg an. De
Vorgen war noch frisch, doch versprach der Tag auße!
y»rdentlich heiß zu werden.
Ihr Weg führte sie an vielen freien Plätzen und a.
Särten vorüber, in deren Gittertoren Dienstmädchen m
weißen Häubchen standen und mit Nachbarn und B
ranuten plauderten. Endlich erreichten sie eine, ruhie
Straße, kaum breiter wie eine Gasse, an deren Ende e
Atmodisches Haus stand, ein Ueberbleibsel jener Tage, w
iese Vorstadt noch ein von Wald und Feld umgebene
Dorf war. Vor dem Hause standen auf einem kleinei
jetzt vernachlässigten Rasenplatze hohe, mächtige Bäume
das dem gaͤnzen Besitztume auch jetzt noch etwas Län
iches verlieh. Zugleich lag über dem Ganzen etwas ärn
iches, das jedoch nicht durch Unsauberkeit, als vielmel
»urch das gänzliche Teblen von iealichem Luxus hervos
gerufen wurde.
Es war ein Künstlerheim.
Das Gittertor in der Mauer stand zur Hälfte oflse
ind unwillig etwas über den Briefträger murmelnd schle
deargherita dasselbe, nachdem sie und Irma eingetreten n
en.ꝰ Dann folgte fie ihrer jungen Herrin in, das Hau
imnd begab sich in die Küche. Irma jedoch schritt dur«
eine große Vorhalle auf eine Tür zu, die sie ohne vie
Umstaͤnde öffnete und betrat ein großes, kahles Zimme
das mehr einer Werkstatt, denn einem Atelier der mode.
en Zeit glih. Und' doch war es ein Atelier im wah
len Sinne des Wortes. Das bewiesen eine Anzahl ve
zipsmodellen und die verschiedenartigsten Skulptuͤren. Ei
aar Holzkohlenstudien an den Wänden bildeten den gan
‚en Zierrat des Gemaches, wenn man dieselben als jt
hen Kuleben wallte. Auch die ausgestellren Sachen 20.
en von wenig Schonheit. Sie waren siark, rraftig, n
urgetreu; aber antike Grazie, antike Harmonie und Ru
szätte man vergebens gesucht und doch galten sie nicht g
»as höchste Ideal der Kunst. Man sah, es war die A
zeit, das Werk eines der modernen Gegner der alten V—
ilder und Sdor⸗t
            
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