Reservisten veurlaubt werden. Die Maßnahme
kommt einer beginnenden Abrüstung gleich.
Aus Belgrad wird gemeidet: Die Vertreter von
Frankreich und England hatten mit Milowanowitsch eine
Besprechung, um ihm mitzuteilen, daß sich die NPiächte
über die Rote geeinigt hätten, welche von dem
Belgrader Kabinett abgesandt werden soll. Der verein—
barte Wortlaut wurde jedoch Milowanowitsch noch nicht
mitzeteilt. Dieser erklärte, er glaube, der Friede sei
nunmehr sicher, denn er glaube nicht, daß die Mächte
eine Erniedrigung oder Erwurgung Serbiens wünschen.
Der Belgrader Korrespondent des „Daily Telegraph“
berichtet, die Mächte hätten vor ihrer Einigung in der
serbischen Frage den Frieden um jeden Preis sichern
wollen. Serbien werde aber durch den ihm aufgezwun—
genen Frieden Oesterreich in die Arme getrieben und
Oesterreich werde in Zukunft die Oberhoheitsrech—
te über Serbien ausüben
Zum Verzicht des Krouprinzen
Rronprinz Georg rechnete bei seiner Verzichtleist—
ung auf die Thronfolge darauf, sowohl die Negierung als
die Skupschtina würden ihn nun nach seiner Reinwaschung
von dem Verdachte, er habe den Tod des Dieners Ko—
lbakowitsch verursacht, mit Rücksicht auf die Popula—
rität, die er in letzter Zeit durch seine kriegerische Halt—
ung erlangt hatte, ersuchen, seine Verzichtleistung zurück—
zuziehen. Indessen befindet er sich damit offenbar im Irr—
um.“ Obwohl die Sympathien sür ihn nicht erloschen
sind, halten fämtliche ernsie Kreise es nun für ein Gebot
der Notwendigkeit, daß er sich zurückziehe und seinem
jüngeren Bruder die Stellung des Thronfolgers einräume.
Im Ministerrate unter dem Vorsitz des Kö⸗—
nigs unterzeichnete ronprinz Georg ein Praoto—
koül, in dem er sasich und seine Nachtoumenschaft auf
alle Rechte auf den serbischen Thron vorzichtet. —
Kronprinz in nun Prinz Alerander. Prinz
Georg tritt wahrs heinlich in die russische Armee ein.
Die serbische Zeitung „Stampa“ meldet: „Als man
den Prinzen Ale ander von dem Ver zicht seines
Bruders des Kronrinzen benachrichtigte, sagte er wee i—
nend: Das darf nicht sein, ich weiß auch, daß schlechte
Leute sehen wollen, wie sich zwei Brüder hassen. Das
wird ihnen nicht gelingen, ich liebe meinen Bruder, er
ist der richtige Karageorgewitsch, wenn er nicht Serbiens
König sein kann, so kann ich es noch weniger. Es ist
Unsinn zu behaupten, er sei ein Mörder. Ich will kei—
nesfalls den Thron besteigen, er muß Serbiens König
werden.“
Falls Prinz Alexander weiterhin die Annahme der
Thronfolge ablehnen sollte, so würde die Skuptschina den
Prinzen Arsen die Thronsolge übertragen. — In
der Stadt herrscht andauernd Ruhe. Nur in Ossizierskrei—
sen ist die Stimmung derart erregt, daß Ueberraschungen
nicht ausgeschlossen erscheinen.
In einer surzen Sitzung nahm die Sktupschtina
die Verzichtleisung des Kronprinzen Georg auf die
Thronerbschaft und die Mitteilung des Königs zur
Kenuntnis, daß er zum Thronfolger den Prinzen
Alexander ernenne. In der Amtszeitung erschien
eine außerordentliche Ausgabe mit der Proklamation des
Königs Peter: An das serbische Volk! Mein Sohn,
Prinz Georg, der bisherige Kronprinz, fand sich ver—
anlaßt, auf die Rechte und Praerogative eines Kronprin—
zen, welche er nach der Landesverfassung als mein älte—
ster Sohn hatte, zu ver zichten, und er hat dies als
seinen unerschütterlichen Willen bezeichnet. Deshalb habe
ich nach Anhörung unseres Ministerrates in Gegenwart
des Präsidenten der Skupschtina, sowie des Präsidenten
des Staatsrates und des Kassationshoses beschlossen, die
Verzichileistung des Kronprinzen Georg anzunehmen und
die Rechte und Praerogative eines Kronprinzen gemein
sam mit dem Rechte der Erstgeburt in Uebersteinstimm
ung mit der Landesverfassung auf meinen jüngeren Sohn,
den Prinzen Alexander, zu übertragen, indem ich
ihn zu meinent Thronfolger proklamiere. Indem
ich dies dem serbischen Volke kundgebe, flehe ich den Se—
gen Gottes auf mein Königliches Haus und auf alle
meine geliebten Untertanen herab. Peter.
Die serbische Regierung verhandelt mit König Pe—
ter über eine eventuellie Verzichtleistung der
Dynastie Karcgeorgewitsch auf den serbischen
Thron. Diese Gerüchte sinden umsomehr Glauben, als
alle Abgeordneten aufgefordert wurden, Belgrad nicht zu
verlassen, da wichtige Enischeidungen bevorstünden, und
die Gerüchte schon von einigen Zeitungen verzeichnet wer—
den. Die Zeitung „Zwono“ spricht in einem Artilel mit
der Ueberschrift: „Wir werden einen König wählen“, über
die Dynastiefrage. Sie schließt mit den Worten: „Wer
unfähig ist, soll gehen; das Serbenvolk ist reif, sich al—
Arbeiterbewegung.
Ernfte Ausschreitungen Streikender. Sehr ernste
zwischenfaäͤlle werden aus Merus (Frankreich) berichtet.
Ztreikende Arbeiter griffen die Wohnung eines Fabrikan
en an, zerstörten alles Mobiliar und verbrannten es. In
Amblainville wurden drei Gendarmen von streikenden
Arbeitern durch Steinwürfe verletzt. Bei dem Tumult
vurde eine Frau vom Pferde eines Gendarmen nieder—⸗
zetreten und erlitt schwere Verletzungen. Um Mitternacht
vurden mehrere Gendarmen, welche sich vor der Ueber—
macht in ein Bauerngehöft geflüchtet hatten, von den aus—
tändigen Arbeitern umzingelt. 300 Dragoner und 100
zendarmen wurden in das Streilgebiet entsandt.
Deutscher Reichstag.
Berliun, 29. Marz.
236. Sitzung.) Mittags 1 Uhr.
Das Haus und die Tribünen sind sitark besetzt. In
der Hosloge sitzt u. a. Prinz August Wilhelm. Einge—
qangen ist die Novelle zur Strafsprozkekordnuna und das
Berichtsverfassungsgetetz.
Auf der Tagesordnung steht heute die Beratung des
Elat des Reichskanzlers.
Hierzu liegt ein Antrag AUbreecht u. Gen. vor
hetreffend die Herbeiührung einer internationalen Ver⸗
tändigung über die Abrüftung und das Prisenrecht.
Reichsskanzler Fürsst Bülow: Ehe ich auf die
xntwickelung der Orienrangelegenheiten eingehe, möchte
ich kurz die Ereignisse berühren, bei denen unsere Po—
tztik besonders nahe beteiligt gewesen ist, seitdem ich das
etzte Mal die Ehre hatte, mich vor diesem Hause aus—
usprechen. Ich gehe aus von dem Besuch, den Ihre
Majestäten der König und die Königin von
England im Februar d. Ij unserem Kaiserpaare in
der Reichshauptstadt abgestattet haben. Ich zögere nicht,
ziesen Besuch in seinem ganzen äußerst harmonischen Ver—
auf als ein in jeder Beziehung glückliches Ergebnis zu
zezeichnen. (Bravo.) Bülorww ging dann des weiteren
zuf die herzliche Aufnahme ein, die das englische Rö—
iigspaar beim Kaiserhofe und in allen Schichten der Be—
»ölkerung gesunden hat, und auf die Worte der Freund—
chaft und Friedensliebe, die der englische König für uns
gefunden. Es gebe übrigens auch kaum zwei Länder,
zie für ihre nationale Arbeit so sehr aufeinander ange—
viesen seien, wie England und Deutschland. Bülow
zrläuterite dann, daß das Vereinigte Königreich in der
ganzen Welt keinen besseren Kunden habe als Deutschland.
Dagegen sei die deutsche Aussuhr am slärksten nach Groß—
zritaunien. Hetz-Fanatiker gebe es ja in Menge, aber er
ei der festen Zuversicht, daß es ihnen nicht gelingen wird,
inen ausschlaggebenden Cinfluß zu gewinnen auf das
bolitische Denken der britischen Nation. (Sehr richtig!
inks.) Die Eindrücke, die er während des Berliner Be—
uches in einer Reihe von politischen Unterredungen ge—
wonnen habe, bestärkten ihn in dieser Zuversicht, der er
hier zum ersten Male Worte verleihe. (Lebh. Zustimm—
ung.) Ueber das Abkommen, das wir ut Frank—
reisch, mit der französischen Regierung, wegen Marok—
kos abgeschlossen haben, glaube ich Sie am kürzesten orien—
ieren zu können, wenn ich Ihnen den Erlaß mitteile, der
im 24. Februar an unseren Gesandten in Tanger ge—
andt worden ist. Die deutsch-französischä Reibungen in
den letzten Jahren wegen Marokkos haben auf die son—
tigen Beziehungen beider Länder zueinander und dam't
ruch auf die Verhältnisse zu anderen Nationen auf all—
zemein-politischen Gebieten ungünstig eingewirkt, und das
ODbjekt steyt nicht im Einklang mit dem Schaden, der
zurch die beiderseitig verschiedenen Auffassungen angerich
tet worden ist. (Lebhafte Zustimmung links. Des halb
wvurde das Abkommen abgeschlossen, das Frankreich als
Nachbar, der besonders interessiert in Marokko »st, einen
besonderen Einfluß sicherte, ohne ihm die Mög ichkeit zu
zeben, das Land in irgend einer Form einzunet men. Den
deutschen Interessenten wird gleichzeitig die Möglichkeit
gegeben, sich an französischen Unternehmungen zu beteili
gen. Das Abkommen hat auch bereits praktische Bedeut—
ung in einigen Fällen erlangt. Der Vorwurf, daß wir
inlonsequent gewesen wären, entspringt einer irrtümlichen
Auffassung über unsere Aufgaben in Marokko. Wir haben
in Marokko keine politischen Interessen und wir haben
auch deshalb keine Veranlassung, Frankreich Schwier' akei—
ten wegen Marolkos zu bereiten.
Ich nähere mich nun dem nahen Orient. Es
st ein Gerede aufgebracht worden, als wäre ich anfäng—
ich unsicher gewesen wegen der Haltung, die wir einzu—
iehmen hätten gegenüber der Annexion von Vosnien und
»er Herzegowina. Es ist sogar versucht worden, mich bei
inserem österreichischungarischen Bundesgenossen als be—
»enklich, schwankend und vertrauensunwürdig zu denun—
ieren. (Hört! Hört!) Da es sich um eine Legende han—
elt, die unsere intimften Ruindesbeziebtngen,
—A 3
aarchie mit aller Entschiedenheit genommen und präüzisier
zabe. Bülow erklärt dann ausführlich die bundestreu.
Haltung zu Oesterreich von Anfang der Annexion-Krisis
an. Wört'ich führde er dann aus: Zu der Zeit' (bei dem
Beginn der Krisis. Die Red.) schrieb ich nach London,
daß wir unseren treuen Bundesgenossen
in seiner schwierigen Lage nicht im Stiche Lassen
würden. Am 13. Oktober schrieb ich weiter nach London
daoß Oesterreich- Ungarn die bosnische Frage auf einer Kon
ferenz nicht ohne weiteres zulassen könne, und daß wir
unserem Verbündeten in dieser Auffassung zur Seite stän—
den. Am selben Tage ließ ich eine Instruktion nach Wien
gehen, aus der ich noch einen kurzen Passus mitteeilen
nöchte. Ich schrieb an unseren Botschafter in Wien: „Ich
jatte gestern Gelegenheit zu einer längeren Aussprache mit
Ze. Majestät dem Kaiser und König und bin in der
dage zu jazen, daß Se. Majeslät vollkommen den Stand
zunkt biiligt, den ich seither eingenommen habe, daß der
este Wille in Erfüllung unserer Bundespflicht vorhander
st, an der Seite unserer Verbündeten z35
tehen und zu bleiben. Auch für den Fall, daß Schwie
igleiten und Komplikationen entstehen sollten, werden us
ere Verbündeten auf uns rechnen können. Seine Mak
tät, dessen verehrungsvolle Freundschaft für den Kaise
zranz Josef belannt ist, steht in unerschütterli
her Treue zu seinem erhabenen Verbündeten.“ Da
also, meine Herren, war der Standpunkt und das wa
or allem aber auch meine Instruktion vom erste
dage an. Es wird als Bismarcks Ansicht hingesteln
zaß wir in der Balkankrisis jede Stellungnahme hätte
ocrmeiden sollen. Ich behaupte, daß eine solche Ansich
vom Fürsten Bismarck ohne Bedenken verworfen worde
wäre. Es sei nicht nur unsere Vertragspflicht, treu 3
Oesfterreich zu siehen, sondern auch die politische Klughei
erfjordere es. Glauben Sie wirklich, daß wir irgend ei
nen neuen Freund gewonnen, einen Ersatz gefunden hat
en für ein durch 30 Jahre bewähres Bündnis, wen
vir die Probe auf unsere Treue nicht bestanden hätten
Sehr wahr!) Nicht aus Furcht, etwa den Anschluß a
indere Mächte zu finden. (Sehr gut!, Wir würden uns
neine Herren, sehr bald wohl diesmal ohne Oesterreich
Ungarn derselben Mächtegruppierung gegenüber gesehe
haben, der Oesterreich-Ungarn hätte weichen müssen. (Seh
ichtig') Gewiß, meine Herren, Deutschland ist stark g—
uig, um sich im Notfalle auch allein zu behaupten. De
ist aber kein Grund, einen loyalen Genossen, der übe
dies ein treuer, wertvoller Faltor in der europäischen Pa
itik ist, in einer fur iyn schwierigen age sich Jerosuge.
en oder auf andere Freundschaft anzuweisen. Gei
all)Eine weniger entschiedene Stellungnahme oder ga
in zögerndes Zuwarten aber hätte andere;
Zeiten Aufmunterung zu gefährlichen Zumutungen «.
Desterreich- Ungarn gegeben. Eine diploniatische Niederlag
mijeres Bundesgenodsffen hätie ihre Einwirkung auf unser
ꝛigene internationale Stellung ausgeübt. Sehr richtig!
Se häute das Schwergewicht vermindert, das Deutschlan.
ind Oefsierreich jebt gemeinsam repräsentieren, und das .
niernativnalen Fragen oft von beiden Mächten gemein
am in die Wagschale geworfen ist. Um allen Mißver
ändnissen vorzubeugen, wiil ich hier gleich einfügen, da
ch in dieser unserer Haltung auch eine eminente Frie
denssicherung erblicke. (Lebhafter Beifall.) Es liegt hie
uüiht im mindesten ein Zweifel vor, daß Oesterreich⸗Un
jarn in seinem Konflkt mit Serbien das Recht durchau
zuf seiner Srite hat. (Lebhaster Beifall.) Die Annexio
zer beiden Provinzen war kein zynischer Landesraut
ondern der letzte Schritt auf der Bahn einer seit dreißi—
Jahren getätigien kulturellen und wirtschaftlichen Politit
Sehr richtigl) Nachdem eine Einigung unter den Näch
teiligien erzielt worden ist, wird die Zusst im mun
ad die Anerkennung auch der übrigen Sié
raturmächte nicht ausbleiben können. Daß au⸗
as Plazei von Serbien erforderlich sein soll,
ine Zumutung, die Oesterreich-Ungarn von Anfang —
nit Recht abgelehnt hat. Sehr richtighl) Den serb
schen Forderungen steht kein Rechtsanspru ch zꝛ
zeitse. Die serbischen Rüstungen sind ein g
aährliche's Spisel. Gehr richtigh) Ich habe ab
ie feste Zuversicht, daß das Friedensbedürfnis in Eur
»a slark genug sein wird, um einen solchen Weltbrand;
»erhüten. (Beifall.) Die Haltung, welche die russisck
Boltik neuerdings in der Annexionsfrage eingenomm⸗
jat, bestärkt mich in dieser Hoffnung, und für diese Hal
ing der russischen Politik hat sie und insbesondere Sei
Maäjestät der Kaiser Nikolaus Anspruch auf Anerkennu
ind Dankbarkeit aller Friedensfreunde in Europa erwo
en. — Unsere Haltung gegenüber der Konferen
rage hat sich nicht geändert. Wir haben nach w
or keine grundsätzlichen Bedenken gegen eine solche Ko—
erenz, vorausgesetzt, daß alle europäischen Mächte an i
eilnehmen, und daß das Konferenzprogramm vorher
angrenzt wird. Sobasd eine Grundlage für eine nor
— J n qui.