Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 39

A. v9, W0, 268 uxb 1261. 3 Dienstag den 16. Februar 1909. Zeiulungeliste 501

23. Jahrgsans.

Mit Veilagen: „VRelletristische Wochenschrifte“ und
Fustige Blätter“

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Allgemeiner Anzeiger sür den Bürgermeislereibezi
Dndweilser.
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in Dudweiler.

Der Sturz des türkichen Kabinetts
Als vor einiger Zeit der „kranke Mann“ am golde—
ien Horn sich zu einer enischeidenden Tat aufrasste und
einen Volke eine Verfassung gewährte, wurde d'ese Maß—
tahme des türkischen Sultans bei allen Mächten freudig
migenommen und man mußte sich zu der Ansicht bekeh—
en, daß der angebliche „kranke Mann“ doch noch recht
sesund sei. Das jungtürkische Komitee hatte denn auch
chon lange daran gearbeitet, in der Verfassungsfrage eine
nuticheidende Wendung herbeizuführen und so klug ope—
iert, daß es den größten Teil der türkischen Armee hin⸗
er sich wußte. Dem türkischen Sultan blieb also nichts
inderes übrig, als dem Vollke die geforderte Verfassung
u gewähren. Das war eine politische Klugheit und
iotwendigkeit, denn in Wirklichkeit war er nicht mehr
zerrscher seines Landes, sondern das jungtürkische Ko—
nitee. Hätte damals der Sultan nicht eingelenkt, so
vürde man ihn kurzerhand entthront haben und einen
»em Volkswillen gefsügigen Herrscher auserwählt haben.
Ib es nun ein Gewaltakt des jungtürkischen Komitees
var oder nicht, blieb in der europäischen öffentlichen Mei—
tung unerörtert, nur die Tatsfache wurde registriert, daß
jer Sultan seinem Volke eine Verfassung gewährt habe
ind von dem gewählten Ministerpräsidenten Kiamil Pa—
cha vorsprach man sich, daß er die Zügel der Regierung
ulenken in der Lage sei. Das jungtürlische Komitee
vurde als Befreier aus dem Joch des Absolutismus ge—
sriesen und die Mehrheit der für die neue Kammer ge—
vählten Abgeordneten entstammte seinen Reihen. In
zuropo atmete man erleichtert auf nach dem glatten Ver—
auf der ganzen Altion, und es schien begründete Hoff—
nung dafür vorhanden zu sein, daß die gefährliche poli—
ische Wetterecke auf dem Balkan den europäischen Frie—
»en nicht mehr beeinträchtigen werde. Aber nach kurzer
zeit der Ruhe brach die Krise von neuem aus, Oester—
eich Ungarn annektierte Bosnien und die Herzegowina
tud Bulgarien erklärte sich zum unabhängigen König—
eich. unter gleichzeitiger Annexion der türkischen Provinz
Oftrumesien. Diese Schwierigkeiten wurden inzwischen
ruf divsomatischem Wege wieder aus der Welt geschafft
ind nun schien endlich die langersehnte Ruhe eintreten
nn wellen.
Verfehlte Hoffnung! Jetzt gärt's im Innern wieder
die Abgeordneten aus den Reihen des jungkürkischen
emitees, die in der Kammer die überwiegende Mehrheit
ilden, haben dem Kabinett Kiamil Pascha am verifosse—
ien Soennabend das Vertrauensvotum verweigert und da—
zurch dessen Sturz herbeigeführt. Diesen Akt der Willkür
önnen die Jungtürken unmöglich mit ihrem Patrio'is—
ius in Einklang bringen und das junagtürkische Komitee
vird durch diesen Gewaltstresch eine ganze Portion seines
tredites im Auslande einbüßen. Es will uns fast schei—
ien, daß das Komitee der Junagatürken ein Umsturzkomi—
ee ist. Im Lande selbst freilich herrscht wieder großer
Inbel üher den neuen Sieg der Jungtürken und den
znira Kiamils. Jetzt soll ein nenes Kabinett unter Hu—
ein H'ilmi gebildet werden, das vollständig unter dem
finfluß der Jungtürken steht. Wie die neuerlich einge—
cllagene Taktik der Gewaltpolitik enden wird, bleibt ab—
uwarten. wir befürchten ein Ende mit Schrecken.
*
Zu dem Sturz des Kabinetts Kiamit NMat
meeinzelnen berichtet:
Bahrenꝰ

ι ι ν — αααν
tuterhtelten, aAußern unverhohlen ihren Unmur über die
venig konstitutionelle Art, wie das Varament den Chef
»exr Regierung abschob, otzne seine Rechtfertigung anzu—
—
tärksten Mitteln gearbeitet wurde, um das vernichtende
Zotum gegen Kiamil zu erreichen. Es wurde auf'allend
emerkt, wie gegen den Graßwesir von der Rednertribüne
ermenent Worte, wie Lügner, Verbrecher, Tyrann und
indere Invektiven gefchleudert Wurden, ohne daß der
ßrösident nur einntal einge riten wäre. Obgleich die
Annahme der Demission Kiamtis erfolgle, mußte ihm drei—
nal vom Sultan das Staatessteagel abverlanat werden.
he er es auslieferte.
Ueber die Neubildung des Kabinelts besgat eine
Meldung aus Konsltantinopel solgendes:
Die Neubildung des Kabinetts wurde Hussein Hilmi
ninertraut. Mit ihm als Großwesir an der Spitze wird
ine Regierung die Geschicke des Landes leiten, welche
ollständig unter dem Einflusse des Komitees steht. So—
veit bekannt, behält der neue Großwesir das Miisterium
»es Inneren; das Ministerium des Acußeren übernimmt
Botschafter Rifaat London, das Bautennsnisterienn der
Armenier Servitchen. Scheil un Islam wird der Keras—
er vor Rumelien Zia Mollah, das Ministerium der Fi—
tanzen eanit Zia Pascha. Ferner fordert das Komitee,
naß der aogesetzte Kriegs- und Marineminister ihr Porte—
cuilles zurückerhalten. Tie Liste dürjte nach:ts fertig ge—
tellt und vom Sultan santiioniert werden.
Das neue Kabinett wird sich dem Parlamente vor—
tellen. Ein jungtürkischer Antrag, Kiamil wegen
dochverrats vor das Staatsgericht zu siel—
en, wurde von der Kammer abgelehnt. Seit der
narkanten Sitzung ist die Türkei ohne Regierung, weil
er Sultan die Demission annahm, ohne Kiamil die in
erimistische Leitung anzuvertrauen. Es mußte daher der
ibliche Ministerrat in Erntangelung von Ministern aus—
allen.
Ter Kammersitzung wohnten auch ein Sohn des Sul—
ans und mehrere Prinzen bei. Abgesehen von der Kund—
sebung vor der Kammer gegen Schluß der Sitzung
serrschte in der Stadt infolge des starten Regens Ruhe.
Schützenbataillone und einige andere Truppenteile waren
»en ganzen Tag über in Bereitschaft. Die Erregung in
ꝛr Marine ist viel größer, als in der Armee; die Kriegs—
chifse waren im Hafen am Nachmittag klar zum Gefecht
xÿürst nach dem Bekanntwerden des Verlaufes der Kam
nersitzung schien sich die Garnison zu beruhigen.
Bet Beginn der Abstimmung über das Wißtrauens
olum für den Großwesir erschien ein Bote des Groß
vesirs mit der Erklärung, der Großwesir sei be—
eit, zurückzutreten, wenn die Kammer die Ver
miwortung für die inneren und äußeren Folgen seines
Rücktritts übernehme. Er erwarte die Antwort der Kam—
ner. Während der Sitzung fauden vor dem Parlaments—
jeväude wiederholte Kundgebungen statt.
Ueber die Vorgänge bei der Demission Klamil Pa—
has werden interessante Einzelheiten bekannt. Als der
Prösident der KRammer, Achmed Risa, beim Sultan zur
Iudienz erschien, um ihm den Beschluß der Kammer be
»ekannt zu geben, bereitete ibm der Sa
en Empsang Wrẽt
yen

siande feines Rücktritts zu veroffentlichen. Eine Deputa—
tion jungtürkischer Abgeordncten begab sich nach Schluß
der Kamniersitzung zum engsischen Botschafter, um ihm
die Sympathie der Jungtürken für England auszudrücken.
Hierzu ist anch bemerkenswert, daß das junglürkische Ko—
mitee die Ertärung veröfsentliche, die Politik der Türkei
gegenüber Engtand werde durch den Regaierungswechse!
nicht berührt.
Die türk'schen Blätter beschästigen sich fast ausschließ—
lich mit der Krisse, die sie als hochernst betrachten.
‚Jeni Gazetta“ sagt: Der Minifterwechsel sei eine
von Kiamil Poscha erkannte Notwendigkeit für
den Staat. Der jungtürkische „Tanin“ greist Kiamil Pa—
cha außerordentlich heftig an, der die Auftlösung der
Nammer herdeiführen wolle. Das jungtürkische Blatt
„Schurai-Ummet“ behauptet, die Berichte von dem Kom—
plott zur Herbeiführung des Thronwechsels seien von dem
Sroßwesir selbst hergestellt und verbreitet worden.
Der Kommandant des 3. Saloniker Armeekorps sandte
ein Telegramm an das Parlament, daß die Armeé
hereit sei, nach Konstantinopel zu marschieren im
Falle der Auflösung der Kanimer.
Salonik, 15. Febr. Alle Truppenkörper der Pro—
oinz brachten ihre versassungstreue Gesinnung dem Zen
tratKomitee in Konstantinopel zum Ausdruck. Die all—
gemeine Stimmung ist sehr erregt.
London, 15. Febr. „Daily Telegraph“ meldet aus
sonstantinopel: Eine Deputation jungtuͤrtischer Abgeord⸗
teten begab sich nach Schluß der Sitzung zum englischen
Botschafter, um diesem die Sympathie der Junatürken für
England auszudrücken.
London, 15. Febr. Dem „Daily Telegraph“ zu—
folge versammeln sich in Ueskueb zum ersten Male die
tünkischeserbischen Abgeordneten. Die Versammlung wird
iich speziell mit den zu fordernden Resormen beschäftigen.
Konstantinopel, 15. Febr. Die würtischen
Blätier veröffentlichen die u dgültige Minister—
lbister Danach übernimmt HilmiPascha Präsidium
und Inneres, Rifat Aeußeres, Riza Pascha Marine,
Ali Riza Pascha Krieg; Zia ed Din wird Scheich
l Islam. Die anderen Minister des bisherigen Kabi—
ietts verbleiben auch in dem neuen Kabinett, wo das
rungtürkische Element vorherricht.

Politische Rundschau
Deutsches Reich.
*Der Kaiser verlieh dem französischen Botschaster
in Berlin, Cambsu, das Sroßkreuz des roten Adler—
ordens.
* Der deutsche Kaiser richtete an den drarien Feo
ichafter Fürsten Radolin ein Telegramm, in dem er ihn
zum Abschluß der deutsch-französischen Verstaänd gung bee—
ghüchwünscht und ihm aufs wärmste für feine Mit.
wirkung an dem Zustandelommen dantt.
*Ter Entwurf der neuen Ferusprechgebührenors
nung cuspricht vain 7
            
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