Full text : Dudweiler Zeitung

Aciben, auf irgend einer Basis eine Verstaändigung zwi—
chen den beiden Ländecu zu erzielen, wollen sie nicht
zeide bei einem etwaigen Kriege, der bei weiterem Au—
jalten der auf beiden Seiten herrschenden nervösen Ueber—
eiztheit, unansbleiblich scheint, ibre besten Kräfte zu
Narkte tragen.
Man wird wohl in der Annahme nicht seh! gehhen
daß man sich in London auch zu dieser Ansicht bekehrt
jat, und daß der Besuch König Eduards in Berlin eitner
olchen Verständigung die Wege ebnen soll. Für den Au—
Jenblick werden selbstverständlich irgendwelche greifbare
Ergebnisse nicht erzielt worden sein. In den Unterhalt⸗
ungen des Kaisers mit seinem Gast und in der Besprech—
ung des Reichskanzlers mit Sir Charles Hardinge ist
d'e politische Lage eingehend erörteri worden, muͤ man
hat die beiderseitigen Ansichten mit dem Erfolge ausge—
tauscht, daß keinerlei störende Meinungsverschiedenheiten
festestellt werden konnien. Dieses Ergebnis ist durchaus
erfrerlich und wird dadurch nicht vermindert, daß Son—
dersragen, wie z. B. die von mehreren Blättern genannte
Bagdadbahn, nicht einer tieferen Erörterung unterzogen
wurden sind, wohl aber haben die deutschen Staatsmän—
ner den Eindruck erhalten, daß es in Zukunft möglich
sein wird, den Gang der Politik so zu leiten, daß da—
betsernste Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden
Staoten vermieden werden können. Was in den Be—
prechungen zwischen dem Reichskanzler und Sir Charles
dardinge vorgegangen ist, entzieht sich in den Einzelhei—
len naturgemäß der öffentlichen Kenntnis. Man wird
indessen nicht sfehlgehen, wenn man annimmt, daß auch
das deutsch-französische Abkommen in Marokko in den Be—
reich der Erörterung gezogen worden ist. Vielleicht wird
dabei auch die von Sir Edward Grey schon mehrfach ver—
hretene Meinung ausgedrückt worden sein, daß die bis—
herige Gestaltung der marokkanischen Frage eines der Hin—
dernisse gewesen sei, die ein politifches Einvernehmen
zwischen England und Deutschland erschwerten. Auf Grund
seines Vertrages mit Frankreich erachtete England sich
Frankreich gegenüber für gebunden und jede durch Vor—
konimnisse in Marokko bedingte Verschlechterung der Be—
ziehungen zwischen Deutschland und Frankreich bedeutete
daher auch eine Erkältung zwischen VDeutschland und Eng—
land Ans den Aeußerungen der englischen Gäste und
ebense aus den Auslassungen der englischen Presse, die
das Abkommen mit offener Befriedigung aufgenommen
hat, geht hervor, daß dieses Hindernis für die guten Be⸗
ziehungen der beiden Länder beseitigt ist. Ueberhaupt hat
man den Eindruck, daß das Abkommen nicht unwesent⸗
ich dazu beigetragen hat, die Temperatur zwischen Eng—
and und Deutschland zu erwärmen. Auf beiden Seiten
hat man sich redlich bemüht, die den freundschaftlichen
Beziehungen in den Weg liegenden Hindernisse zu befei—
tigen. König Eduard haät sich in Berlin bemühl, seine
Person und seine Politik in sympathischem Lichte zu stel—
en, während Deutschland einige vorhandenen Vorurteile
zintansetzte und sich als das friedliche nach dem Frieden
trachtende Land erwies, das es trotz aller Angriffe sei—
ner Politik steis gewesen ist und bleiben wird.
Soffen wir, daß diese Versuche nicht fruchtlos gewe⸗
sen sind, und daß die Reise in Wirklichkeit klärend, ver⸗
söhnend und anuähernd“ gewirkt hat, sowie das dem
Wunsché des deutschen Volkes enispricht. von dessen Ei⸗
zenschaften leider nur zu oft ganz falsche Vorstellungen
»xweckt worden sind

die Abreise. F
Der König von England, seine Gemah—
tin und Gesolge sind am Freitag nachmit—⸗
ag um 5.10 von Berlin abgereist und ha—
den sich nach Calais begeben, wo die kö—
nigliche Jacht „Alexandra“ schon vor An—
ter liegt.
LTas Königspaar von England, von dem
ich der Hof und die Umgebungen bereits im Schlosse
perabschiedet hatten, wurde vonn Kaiser und der Ka i—
erinn zum Bahnhof geleitet. Auf dem Wege dorthin
wvurde es von einem trotz der strengen Kälte zahlreichen
Publikum lebhaft begrüßt. Auf dem Bahnsteig hatten
sich zur Verabschiedung eingefunden: Botschafter Goschen
und Gemahlin, die Herren der enzlischen Botschaft, der
Neichskanzler, Graf Wolff-Metternich und Mitglieder der
englischen Kolonie. Die Verabschiedung der Fürstin war
sebr herzlich. Auch das Prinzenpaar Heinrich von Preu—
Ven und das Mrinzennaar Adolt von Schaumhura-inua
begletteten die englischen Gäsie zum Bahnhofe. Um 2
Uhr 10 Min. dampfte der Zug zum Bahnhof hinaus, von
lebhafsen Hoch- und Hurrarufen begleitet. Der Kaiser
zeichnete dann noch mehrere Herren des Gefolges durch
Ansprachen aus, u. a. unterhielt er sich noch längere Zeit
mit dem englischen Botschafter Sir Go schen. Dann
Jaisar den Bahnhof. MNuf doe— a *

jom Könige beauftragt worden, Ihnen und durch“ Sit
»er Verliner Stadtverwaltung die Anerkennung Seiner
Najestät über den glänzenden Empfang im Rathaufse zu
beryiitteln. Der König war von der Wärme des herz
ichen Empfanges, der Seiner Majestät und der Königin
jon der Bevölkerung dieser schönen Hauptstadt bereitet
vurde, aufs höchste erfreut und bewunderte die Dekora—
ion und Musik, die bei dieser Gelegenheit so reizvoll ge—
virkt hat. Ich verbleibe, geehrter Herr. Ihr ganz erge—
henen Crewe—

WM F
Politische Rundschau
Deutsches Reich.
* Gleich dem Präsidenten des Handelstags hat auch
»er Handelsvertragsverein eine Eingabe an den Reichs—
anzler gerichtet, in der er um unverzügliche Veröffent—
ichung des neuen deutschportugiesischen
»andelsvertrages ersucht. — Ein Hamburger
zmportgeschäft hat an den Reichstag eine Petition ge—
ichtet, worin ersucht wird, einen Handelssachverständigen
ür Portugal und dessen Kolonien in Lissabon einzusetzen.
Zur Begründung wird darauf hingewielen, daß Lissa—
ien der Stapelplatz für den Kakao ist, der auf den In—
eln San Thome und Principe wächst. Dieser Kakao—
narkt befindet sich in den Händen einer kleinen Gruppe
zon Bankiers, deren Machinationen große Preisschwank—
ingen hervorrusfen, wodurch die deutsche Kaklao- und Scho—
'oladenindustrie stark geschädigt ird, wenn sie nicht
echtzeitig Warnungen erhält. Feerbei sei ein Handels—
achr ersiändiger nötig; dessen Kosten könnten nicht ins
Jewicht fallen, da die deutsche Kakaoindustrie der Reichs—
'asse an Zöllen und Steuern schon heute 15 bis 16 Mil—
ionen Mark einbringt.
»m Der oldenburgische Landtag lehnte öa erster Lese
umg die geistliche Schulaufsicht mit 24 gegen 20 Stim—
men ab. — Der Landtag ist bis zum 20. Februar ver—⸗
hbängert worden.
* Für eine versöhnliche Behandlung der Dänenfrage
jat sich der Landrat des Kreises Flensburg ausgespro—
hen: Er wisse wohl, daß die Friedensstörer nicht im
Freise zu suchen seien, sondern, daß die Beruhigung von
ußen in den Kreis hineingetragen werde, und könne das
iur aufs tiefste beklagen. Von Beginn fseiner jetzt zehn—
aührigen amtlichen Tätigkeit im Kreise an hahe es ihm
tels am Herzen gelegen, das friedliche nachbarliche Ein—
zernehmen, das im nördlichen Teile des Kreises Flens—
zurz trotz politischer Gesinnungsdifsferenzen geherrscht ha—
ze, zu erhalten und zu schützen, und er habe in dem Be—
treben, die Ruhe und den Frieden zu erhalten, zwi—
schen deutsch und dänisch Gesinnten keinen Unterschied ge—
nacht. Statt sich zu politischen Kampspereinen, die hier
virklich entbehrlich seien, zusammenzuschließen, solle man
ieber die friedliche Gesinnung bekunden, indem man sich
zu einem eminent wichtigen Werke. der Bodentultur, ver—
28110—

Spanien
Ter Korrespondent des „Eclair“ in Madrid gibt eine
luftlärung über die Schiedsgerichts-Angelegenheit zwi—
Hhen Deutschland und England einerseits und,
3panien andererseits, von welcher in der Senat—,
itzung die Rede gewesen ist. Darnach haben die Vot
chufter Deutschlands und Englands dem Könige von
zpanien den Vorschlag gemacht, das Schiedsrichteramt in
em Streitfalle über die Grenzabsteckung an der Man
isch-Bai zu übernehmen. Der König ist bereit, das
Briedérichteramt anzunehme

Persien.
»*Der Revolntionär Agamamed Hussein, der
ꝛen Aufruhr in Nord-Chorassan entfacht hatte, wurde die—
er Tage von Truppen des Schahs geschlagen. Die
Besohner der Ortschaften, die ihm Hilse geleistet haben,
lichen mit ihren Familien über die russische Grenze, um
ich vor der Rache des persischen Machthabers zu retten.
* Die Lage der Aufständischen, die in Täbris einge—
hlossen sind, ist verzweiselt. Truppen des Schahs ha—
en alle Zugänge der Stadt besetzt. Die Verbindung mit
er Außenwelt ist vollständig abgeschnitten. In der Stadt
errscht Hungersnot. Mian glaubt, daß die Ent—
beidung in den nächiten Tagen fallen werde
Amerika.
*Im ganzen Lande wird die 100. Wiederkehr des
ßeburtstages Lincolus sestlich begangen. Die erhe—
endste Feier fand in Hodgenville (Staat Kentucky) statt,
oßs Roosevelt den Grundstein zu einem zur
ẽrinnerung an Lincoln zu errichtenden Gebäude legte,
velches zum Schutze des Blockhauses dienen soll, in wel—
hem Lincoln geboren wurde. Roosevelt hielt hierbei eine
ede, in der er auf die Bedeutung und das staatsmän—
— 2

volltkommen unrichtig Der Erzherzog befindet sich —
St. Moritz sehr wohl.
** General Castro, dessen Genesung jetzt gut fort
zeschritten ist, wird sich in einer Woche nach dem Süden
voraussichtlich nach San Sebastian, begeben.
x* Der König von Spanien ist in Ville
Vicosa angekommen. Der portugiesische Minister des
Acußern und der spanische Gesandte in Lissabon *
gleichfalls dort eingetroffen

— 22* J
Sozie Po tage Rundschau
ix) Neunstüudige Arbeitszeit. Der Stadtrat — vor
Mannheim hat auf Antrag des Gesamtausschusse—
ver städtischen Arbeiterschaft beschlossen, in den städti
chen Betrieben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, all
gemein die neunstündige Arbeitszeit, und zwär zunächs
robeweise auf ein Jahr einzusführen. Ferner hat de—
Zuadtrat laut „Mannheimer Generalanzeiger“ sich im Prin
zip für Einführung zweifähriger Lohnzulagefrisien erffärt

* “
Verkehrsnachrichten
Das Reisebureau Union Berlin, Unter den Lin
»en 5—6, veransialtet eine Anzahl hochinteressanter, aus
zewählter Gesellschaftsreisen. Die am 19. Februar be
zinnende erste Mittelmeerfahrt eröffnet ein
iicihe von Vergnügungsfahrten mit den erstklassiger
dompsern des NRorddeutschen Lloyd von Genua bis Kon
tontincpel, gelegentlich welcher die schönsten Plätze des
Mintelmeeres besucht werden. Die zahlreichen Fralien
dei sen führen außer nach Oberitalien auch nach Rom
Reapel, zum Teil auch nach Sizilien. Die Reise nad
Tunis und Algier (Beginn 2. März) geht zunächst nad
Sizilien, von da nach Tunis; in einer hochinteressanten
Landreise wird Tunesien und Algerien abwechselnd mi
tels Bahn, Wagen und Automobil durchquert. Die an
19. März beginnende OsterOrientreiseist spe
ziell für diejenigen von Interesse, welche die Osterwoch
im Heiligen Lande zu verleben wünschen; außerdem wer
den Griechenland, Aegypten, Syrien und die Türkei be
ucht. Großen Beifall dürfte auch die Frühjahrs
Spanienreise sunden. Um zu viele anftrengend
Fisenbahnfahrten zu vermeiden, wird die Rückfahrt vor
sibraltar aus mit einem der großen deutschen Reichs
»oͤstdampfer des Norddeutschen Lloyd ausgeführt. Für di
ahlreichen, längeren Dampferfahrten sind nur die be
ten bestehenden Dampferverbindungen in erster Linie di
mächtigen Danipfer des Norddeutschen Lloyd, vorgesehen
Ausführliche Prospette sowohl über die vorgenannter
Reisen, als auch über Gesellschaftsreisen nach Valmatien
Mouͤntenegro, Paris und London, Schweden und Norwe
gen, Indien und um die Erde versendet kostenfrei da
abendgenannte Burennt

Nichtigkeiten vor Gericht
Zu diesem slapetel sendet der „K. Z3.“ ein Leser aus
Altentirchen im Rheinland folgenden Beitrag aus seine
Proatis, der gleichzeitig ein Beweis dasür ist, wie not
wendig eine Refornt unseres strafrechtlichen Verfahren«
st Cin aus Oesterreich gebürtiger, im Bezirk des be
ncichtarten Asbach wohuender Besenbinder wurde von ei
nem Gendarm dabei betrofsen, wie er sich in einem Wald«
einige Reiser abschneidet. Er wurde zum Bürzermeiste,
transßportiert, der ihn nach Vernehmung und dem Ver
hör der Zeugen lausen läßt, aber sein Messer beschlag
nahmt. Nunmehr kommt die Sache an den Staatsanwalt
der zunächst die Aklten dem Königl. Oberförster zuschickt
zur Feststellung des Wertes der Reiser. Dieser beordert
den zuständ'gen Förster an den weit von seinem Wohn
ort befindlichen Tatort; letzterer stellt als Wert 3 Pfen
nig fest. Danach erhebt der Amtsanwalt Anklage vo
dem Schöffengericht, wie dies gesetzlich vorgeschrieben ist
und letzteres eröffnet das Verfahren. In dem ersten Ter
nin erscheinen zwar die Zeugen, aber nicht der Ange
lagte. Ein zweiter Termin wird notwendig, zu dem de
Angeklagte durch die Polizeibehörde seines Heimatsort:,
rorgeführt wurde. Das Urteil lautete auf 3 M. Strafe
Einziehung des Messers und Ersatz des Wertes der ent
wvendeten Reiser. Da der Angeklagte nicht zahlt, wird
das zuständige Amtsgericht Asbach um Strafvollstreckunc
ꝛxsucht. Dieses schickt zunächst den Gerichtsvollzieher ir
die Wohnung des Maunes und läßt die Unpfändbarkei
desselben feststellen. Danach wird die subsidäre Haftstrafe
zegen den Verurteilten vollsireckt. Das Messer wird z31
Funsten des Fiskus verkauft. Mit dieser Sache haben al
o felgende Behörden zu tun gehabt: ein Gendarm, ei—
Kolizist, zwei Bürgermeister, je ein Amtsanwalt, Ober
örster, Förster, zwei Amtsrichter und ein Schöffengericht
ein Gerichtsvollzieher und ein Gefängnisverwalter un'
dazu noch die ganz erheblichen Kosten. Und das all—
um drei Pfennige
            
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