Full text : Dudweiler Zeitung

Serbandssitzung wurde ansgeführt, daß der Sessionsschluß
nicht als Notwendigkeit aufzufassen sei, sondern als ein
Akt, erwachsen aus der Frivolität der Parteien einerseits
und nur selbstverschuldeter Not des Ministerpräsidenten
Bienerth andererseits, der lieber das Parlament op—
serte als seinen Posten, zu dem er ssch als untaualich
errotesen habe.
Die Kundgebungen der Tschechen schieben alle Cchuld
der Haltunag dir Dentschen in der Affäre Mataja zu.
— ——— —
Zur Krise auf dem Balkan
Vorschlag der Pforte.
Aus Konstantinopel wird gemeldet: Der Gegen-—
oorschlag der Psorte an Rußland wird sehr
zald in Petersburg unterbreitet werden. Er ist dahin
zusammengefaßt, daß die Türkei die gesamte noch anf 74
Jahre mit jährlich 350 000 Pfund an Rußland zu lei—
tende Kriegsindemnität liquidiert und die
Türkei hierüber eine Generalquitnng erhalten soll Die
Türkei würde in diesem Fatue auf die angebotenen 120
Millionen Franks verzichten, respektive a. Rußland zu—
rückzedieren und diesem Vetrag als Ausgleich ungefähr
20 Millionen Frants hinzufügen. Nach einem ange—
wandten Schlüssel entspräche diese Summe der Kavbitali—
icrung der ganzen Indemnität
Aus allen Teilen und Provinzen Bulgariens kom—
men Telegramme über patriounsche Kundgebungen, in de—
nen die Regierung aufgefordert wird, mutig auszuharren
auind der Kraft des Voltes zu vertrauen, das zu jedem
Opfer für die Unabhängigkeit Bulgariens bereit ist. —
Wie aus Bukarest gemeldet wird, passierte eine große
Menge Kriegsmaterial Rumänien auf dem Wege von
Oesterreich nach Bulgarien, darunter 3Z Waggons mit etwa
20 006 Kg. Dynamit und 4 Waggon mit 200 Risten
Bomhen. Die Sendungen wurden sofort nach der türki—
chen Grenze transportiert.
Der türkische Kriegsminister verfügte die schleunige
Herstellung der strategischen Eisenbahn Murdali-Rodosto.
Dirisiens-General Nazun Pascha, Kommandeur des 2.
zArmeekorps, ist dieserhalb bereits aus Adrianopel nach
Rodosto abgereist.
Ini türkischen außerordentlichen Ministerrat wurde
das uüürkisch-österreichische Verständigungs-Protokoll etwas
modifiziert und ist dem österreichisch-ungarischen Botichaf—
er zugestellt worden.
Von russischer Seite wird in Konstantinoper das Ge—
rücht verbreitet, England wolle der Türkei eine Anleihe
bewilligen, um so das osmanische Reich sjur den Verhust
des von Bulgarien erwarteten Bargeldes zu entschädigen.
Weil damit England nicht weniger großmitig cerscheint
wie Rußland, hat nun die britische Diplomatie tatfächlich
den Vorschlag einer Anleihe ausgegriffen. Es sollen be—
reits Verhandlungen zwischen Kiamil Pascha und den
Botichaftern Rußksands und Enasands stattaefurnden haben

Das Berliner Hochbahn-Unalück
Ein gerichtliches Rachspiel.
Der frühere Blockwärter Köhler, der von der Ge—
ellschaft entiassen worden ist, bekundete als Zeuge, daß
hon den meisten Weichenstellern wiederholt die Pll.o m⸗
»en, die die sogenannten Nottasten an den elektrischen
Apparaten arreneren, gelhösst worden sind, wenn sie ver—
ehuntlich das Signal auf „Freie Fahrt“ gestellt hatten.
58 wäre unter den Hochbahnbeamten offenes Geheimnis
lewesen, daß man bei jedem Schlosser alte und neue
pᷣlomben bekommen konnte, die von den Weichenstellern
nn der Tasche herumgetragen und als Notauslöser benutt
vurden, wenn sie eiwas versehen hatten. Es sei ihm
mich mitgeteilt worden, daß ein Angestellter der Firma
— 34 — 7 —

Nochmals:
Steins Buch „Wilhelm 2.“
Adolf Stein, der Verfasser des vielgenannten Vu
hes: „Wilhelm 2.“ wendet sich in längeren Ausführunger
n der „Taäglichen Rundschau“ gegen die Vorwürfe, die
nan ihm in der Presse vielsach gemacht hat, und die
nanchmal an Schärfe nichts zu wünschen übrizg ließen
zegen den Vorwurf, der Hof stecke hinter dem Buche
—AVV—
us führungen:
„Nachdem ich in größter Heimlichkeit das Manuskrip
neines Buches fertiggestellt hatte, selbständig und unbe—
einflußt, zeigte ich einem hochgestellten Herrn die Abzüge
der Kapitel „Der Katler und England“, „Das Krügertele⸗
Jramm“, „Flügeladjuantenpolitit“ und „Der Zustand der
Arinec.“ Dieser mein erster Leser meinte nun, das Buch
verde große Unruhe erregen, vielleicht sogar mehr Scha—
den als Nutzen stiften; ich solle daher Kapitel, die die
fsentliche Meinung vor den Kopf stoßen oder sonst ge—
ährlich sein könnten, weglassen und das ganze Buch über—
zcupt auf ruhige Zeiten verschieben. Ich antwortete, ich
ähe kesne Gesahren außer der, daß ich persönlich maß
os beschimpft werden würde, und das wäre mir gleich
zültig. Mit Verleumdung kaun man vor Gericht abrech
ien, und bosdafte Kritik ist frei. Wie man, wenn urgt
»udlich mit der Wahrbeit kommt, aus das Votk wirtt,
vüßte ich weit besser als hohe Herren. Diese Einwirkung
urck das geschriebene Wort sei ja mein Handwerk.
Anm nächsten Tage dasselbe Gespräch bei mir. Mein
Resocher erklärte, er wolle mich unbedingt von einer Un—
esennenheit abhaltenn. Da der Rat eines so viel älteren
Nonnes nichts gefruchtet habe und er tatsächlich Gefahren
nuder Sache sehe, habe er soeben Seiner Maiestät dienst⸗
ich darüber Vortrag gehalten. Der Kaiser habe ge—
agt. auf die Verteidiaung seiner Person komme es nicht
in Das Volk werde einst schon von selbst von den Ue—⸗
ertreibungen der Kritik zurückkommen. Er habe weiter
zesagt, mehr als auf seine Person komme es auf den ru⸗
zicen Fortgang der deutischen Politit
in, auf die Durchbringung der Finanzreform durch den
Reichskanzler und andere Ausgaben. Der Faifer erkenne
neine zute Absicht an und wisse auch, daß ich bisher mich
tets bemüht hälte, der guten notivnalen Sache Vor—
penndienste zu leisten; aber wenn wirllich das Buch be
inruhigend wirke, so lasse er mir sagen: Es sei sein be⸗
enderer Wunsch, daß es zurückgestellt würde. Ich: „Solen
 Exzellenz dem Kaiser sofort meine Antwort bringen?“
c: „Jawohl, ich sahre sofort wieder zurück ins Schloß.“
Ich: „Dann bitte ich Ew. Erxzellenz, dem Kaiser mitzu—
eilen, ich hätte in aller Ehrsurcht nur die Antwort des
Srafen Yorck von Wartenburg bei Tauroggen: Nachher
mögen mir Majestät meinen Kopf zu Füßen legen lassen
aber jetzt tie ich, was ich für recht halte und meinGe
vissen mir gebietet.“ Es schloß sich daran ein sehr leb.
asier Telegrammwechsel zwischen mir und meinem Be—
ucher, der es natürlich unerhört sand, daß ich so trovßa
ei: alle Konsequenzen kämen über mein Haupt. Ich aut
vertete. daß ich gerne alles riskierte, an mir sei ja gen
uichts gelegen; aber das Buch wider die Schandmäulen
nächte ich unbedingt heraus. Wenn mir angedeutet wür
de, das man meinen Trotz ja durch Beschlagnahme bre
hen könne, so würde ich das einfach dadurch verhindern
aß ich den befreundeten Herren aller Telegraphenbureaus
ind zaͤhlreicher auslaändischer Zeitungen das Manuskript
zäbe. sodaß es doch veröffentlicht würde. Ueberdies —
die wolle man so etwas machen, wo mir doch, als ich
ie vier Kapitel gezeigt hätte, absolute Diskretion zuge—
ichert sei. Ob ich nicht wenigstens nun auch die übrigen
dapitel zur Durchsicht und eventuellen Korreltur hergeben
“ — 22 Bro er— —

Ing Sieins, daß die bekaunte Krüger-Depesche im Aus.
värtigen Amt entstanden sei und zu Unrecht dem Kaiser
zugeschoben werde, hatte sich eine Fehde der Wissenden
ind der noch besser Eingeweihten entsponnen. Die „Nord⸗
zeutsche Allgem. Ztg.“ entscheidet zu Gunsten Steins, in
dem sie lakonsch bemerlt, daß er nichts Neues mitteile
wvenn er das Telegramm als Staatsakt, nicht als Aus—
Auß kaiserlicher Impulsivität behandle. Diese Bestätig—
ing wird die „Nordd. Allg. Zig.“ natürlich von erster
Zeite, vom Fürsten Bülow, erhalten haben. Daß sie
zuthentisch ifl, dafür tritt noch ein anderer Zeuge auf
Der Legationsrat a. D. v. Behr schreibt der „Kreuz—
Zeitung“, der Botschafter in Konstantinopel, Frhr. von
Rorschall, habe ihm vor etwa sieben Jahren im Laufe
eines Gespräches gesagt, daß die Depesche nach reiflicher
Ueberlegung im Auswärtigen Amte verfaßt worden sei.
Herr von Behr war damals Sekretär der Botschaft. So
ist denn diese für die Geschichtsschreibung nicht unwichtia⸗
Frage als aufgeklärt zu betrachten

Ein Monko der Freuen
Der es herausgefunden hat, ist der alte Petet Ro
egger, und was er damit meint, das erzählt er in sei
ient „Heimgarten“ in folgender ergötzlicher Weise: „Die
Frauc haden einen Hut, der freilich keiner ist und der
Us Fremdklörper auf dem Kopf überflüssig ist. Dafür ha—
en fie kemen Sack. Es ist eigentlich ungiaublich. Mii
Alen dentbaren Tingen sind ihre Kleider ausgestattet, aber
i baben keinen Sack. Wenn sie auf den Martt einkaufen
gehen, so müssen sie das Geld in der Hand vor sich hin⸗
ragen oder in einem Ledertäschchen oder Körbchen, das
ie nalürlich alle Augenblicke verlieren. Ich habe in.
Gewand, das mir an Leibe sitzt, nicht weniger als drei
zehn Taschen; in der Hose zwei, in der Weste drei, im
jtock funf und im Uebecrock drei. Und ich brauche alle
D'i Sachen, die ein Mensch stets bei sich tragen muß
— nach au
ßen einen Knoten zeigen. Es geht ganz gut. Und vei
den Frauen soll es nicht gehen, da — sagt die Schnei—
derin — ließe sich nirgends ein Sack anbringen, nicht ein⸗
mal im faltigen Kittel. Und es soll immer so gewesen
ein. Zur Zeit der Krinoline — wie viel Raum zwischen
dleid und Körper, aber für den Sack war keiner. Dann
am was ans Fräuengewand, das siand wie ein Kamel
rücken hinten hinaus, ganz tolossal, ein Dutzend voller
Teschen hätte drin Platz gehabt — in der Tat war nich
ein einziger Sack vorhanden. Auch die Bäuerinnen sind
nicht glücklicher. Erst wenn sie alte Weiber sind, legen sit
sich zwei Kittelsäcke zu, in denen sie ihre Notwendigkeiter
ganz bequem herumtragen. Das junge Bauernweib steck
auf dem Kirchgang sein Geldtäschchen hinter dem Miedern
in den Busen hinab. Taschentuch und Gehetbuch trägt es
in beiden Händen vor sich her. In der Taffetschürze ha
ben manche zwei Täschchen eingenäht, aber die sind sir
flein, daß gar nichts darin Platz hat, als etwa ein Fin
gerhut, und den tun sie auch nicht hinein. Ich bedien
nuch nicht gerne weiblicher Personen zu Botengeherinnen
die müffen alles so in der Hand tragen oder im Leder
fäschchen; und dann der Jammer, wenn sie was verlie
reun oͤder ihnen das Täschchen von einem Galgenstrick ab
gezwickt wird. Und was den Haushalt angeht: Wer ke
ae Sack hat, der sammelt nicht, der zerstreut. Aber di
Ficuen. sagen, sie könnten nichts dafür, die Schneideri
mache ihnen die Säcke einfach nicht ins Gewand, sie sag!
sie sei keine Säcklerin, sie fei Kleidermacherin und hab
nur darauf zu sehen, daß die Robe gut steht. Ich hat.
nmal einen Schneider, der wollte mir in den Rock kein
ie ae Fasche nanhen: ich täte doch nur ein groß
xX U e—
            
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