Full text : Dudweiler Zeitung

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Marlow, hielt eine derart zynische Rede, daß gegen 100
Abgeordnete den Saal verließen. Marlow behauptete un—
ser anhaltendem Beifall der Rechten, daß die Reschsduma
die Unantastbarkeit der Person zum Schutze verschiedener
dunkler Perfönlichteiten durchführe. Trotz aller Proteste
und Ordnungsrufe hielt Marlow seine Rede zu Ende,
obgleich schließlich die ganze Opposit'on den Saal verlas—
en hatte. Der Entwurf wurde einer Kommission über—
wiesen.

Vontag 6. Dez. o9.

Amsterdam, 4. Dezeniber.
Man spricht in Holland von „Ostindisch taub“ wenn
etner nicht hören will und sich stellt, als ob er wirklich
nicht hörte. Dies Wort charakterisiert ungefähr die Halt—
unag der Opposinon in der Zwetten Kammer gegen das
Nord'ee Absommen. „Das Nordseeablkommen verpflichtet
uns zu nichts“, das war der Reden kurzer Sinn. Man
kann also sich auch nicht auf das Nordseeabbommen be—
ru'en, wenn alsbald die Vorlage zur Instandsetzung der
güste nvere digung eingebracht wird. Und was nicht ge
jagt, aber doch zu verftehen gegeben wurde, war dann
weiter: wir werden also der Regierung zu diesem Zwecke
mög'ichst wenig bewilligen und möglichsft viel abschlagen
Der Winister des Auswärtigen konnte demgegenüber nur
erwidern, das Nordseeabkommen verpflichtet in der Tat
zu nichts Erstens mußte er das zugeben, weil wirklich
kene direkte völkerrechtliche Verpflichumg aus dem Ab—
kommen abgeleitet werden kann; und zweitens war es
klug, sede Verpflichtung in Abrede zu stellen, weil die
Vorstellung, die Küste müsse unter einem Zwange vom
Anslande aus in Verteidigungszustand gefetzt werden, das
zufstandekommen der Vorlage nur erschweren würde.
Hinsichtlich des Neutralitälsvorbehalts, wovon vor
kurzem die Rede war, erklärte der Minister noch, der Ver—
reter Dänemarks hätte gesragt, ob nicht eine Klausel ge
macht werden sollte. Die Teilnehmer behiesten sich vor
kommenden Falls ihre Reutralität vor, worauf der Ver—
treter einer Großmacht geantwortet hätte, ein solcher
Vorbehalt sei unnötig, denn aus dem Abkommen folge
von selbst, daß die Teilnehmer im Kriegs'alle ihre Neu—
tralität wahren könnten. So fei dann un'er al“seitiger
Zustimmung von einem ausdrücklichen diesbezüglichen
VPorbehalt Abstand genommen. Bemerlenswert ist aber
daß der Minister in seiner schriklichen Antwormote an
die Kammer vorher den wörlichen Tert des im dänischen
Folkething vom Vrinisterpräsidenten Grafen Holstein am
30. bis 31. Augaust auf diese Angelegenheit bezügliche
Reede aufgenommen hatte. Der Kern dieser Rede ist
dieser:
„Nan kann in der Theorie behaupten, daß man nich:
verpflichtet sei, zu irgendwelchen m'ilitärischen Maßnah—
nen. auch wenn die Mehrheit der verbündeten Staaten
ziese für uneriäflich hält. Aber was wird dann gesche
ien? Dann wird ganz einfach dieses geschehen in diesen
tauhen Welt, wo sonst die Gedanken beieinander wohnen
zoch hart im Raume sich die Sachen stoken, daß die an
deren Mächte uns teilweise zwingen, teilweise selbst die
erforderlichen Maßnahmen ergreifen werden, um die Ge
jahren abzuwenden, die einen Angriff auf un'ere Külter
mit sich bringen würden. Und wenn das geschehen würde
so wäre es um uns qeschehen, vollkommen geschehen:
dann wäre es vorbei: mit unserer selbständigen staatlichern
Eristenz. Deshalb ist es nicht aleichgaültig, ob wir im
stande sind, an unserer Küste eine Verteidigung einzurich,
ten, die etwas bedeutet, ja, nicht bloß etwas, fondern
mehr, viel mehr als ein blokes Betonen unserer Neu—
tralitãt.“
Wenn die Niederländische Regierung diese Rede des
dänischen Min'sterpräsidenten im Wortlaut mitteist. so
täßt das die Folgerung zu, daß auch sie die staatliche
Notwendigkeit erkennt, dafür zu sorgen, daß im Krieas
'a'l keine Großmacht in Holland festen Fuß faßt, um vo
Rer einen anderen Staat anzugreifen. Den Umweg über
Dänemark zu einer ernsten Mahnung an die Volksverire
rer hat die Regierung aber wohl gewählt, weil die Lan
desverteidigung sich in Holland seit Jahrhunderten einen
kußerst geringen Volkstümlichkeit erfreut. Der Opposition
degenüber predigen solche Worte selbstverständlich tauber
Ohren: die wohldiszivlinierte Regierungsmehrheit dürite
aber dieser in der Hauptsache treu bleiben. Dennoch bleibt
es eine offene Frage, ob die einzubringende Vorlage di—
militärischen Mindestforderungen genügen und in der Zwei—
ren Nammer die Prüfung ohne allzugroßen Streichungen
hestehen wird.

England.
*ELloyd George hielt im National-Klub eine Rede,
in der er ankündigte, das soeben begrabene Budgeil
werde bald seine Auferstehung feiern. Man werde das
Oberhans zu Paaren treiben. Er werde keinem Kabinett
angehören, wenn nicht gesetlich festgelegt werde, daß
künftighin die von den Liberalen eingebrachten Vorlagen
innerhalb der Dauer des Parlaments Gesetzeskraft erlan—
gen. Er befürworte nicht das Einkammer-System, aber
der Vollkswille müsse durchdringen. Die Rede rief ge—
waltigen Betfall hervor.
* Eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten
veröffentlicht eine Erllärung zu Gunsten der Einführung
der Verhältniswahl. Unterzeichnet haben u. a. Lord
Krowe und der Erzbischof von Canterbury.
Marokko.
* Der „Matin“ meldet aus Tanger: Muley Hafid em—
»fing den französischen Konsul Gaillard und äußerte sich
sehr erstaunt, von diesem die versöhnlichen Vorschläge
Frankreichs zu horen. Muley Hasid hat wieder Vertrauen
n die Zukunft und machte dem Konsul verschiedene Ver—
vrechungen.

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zartei, den Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe⸗Langenburg
en bekannten uen Unterstaatssekretär des Kolonial
anites. Erbprinz Ernst steht zur Zeit im 47. Lebensjahr
s*Der Anfturm der Iniativanträge im Reichstaq
auert immer noch fort. Wie verlautet, sind allein in
raufe des Freitags beim Bureau des Reichstages nich
veniger ais 44 neue Anträge eingegangen.
s8Der Handelsvertrag mit Portugal, ist nun
vem Reichstag zugegangen.
* Das Ablommen, welches im Mai d. J. zwischen
deutschland und England in der Kongogrenz
rage beschlossen worden ist, ist von Belgien als Ei
zentümer des Kongostaates mit der Behauptung ange—
ochten worden, daß gewisse dadurch berührte Länderstret—
en streitig seien, bezw. zur Herrschaft des Kongostaates
zehörten. Dadurch sind Verhandlungen notwendig ge—
vorden, die vom Deutschen Reich und England in Brüs—
el gefilhrt werden, und zwar vom Deutschen Reiche direkt
nit Belgten, von England aber, das die Einverleibung
des Kongostaates in Belgien noch nicht anerkannt hat, mit
zer Regiernng des Kongostaates. Da diese Verhandlun
jen in Brussel noch gegenwärtig schweben, ist es nich
vahrscheinlich, daß der Reichs'anzler von Bethmann-Hol
veg im Reichsstage Fragen nach ihrem Stande ausfüthr
ich zu beantworten in der Lage sein wird. Dies würde
dem völkerrechtlichen Brauche widersprechen.
Rußlaund.
* Wegen der beunruhigenden Gerüchte über die
Lage im fernen Osten besragte ein Mitarbeiter
der „Rietich“ einen mit den ostasiatischen Angelegenheiten
zertrauten russischen Diplomaten, der erklärte, Japan ent
alte allerdings in Kwantung und Korea eine fieberhate
kätigkeit, bezwecke aber hiermit nur die Beschützung des—
en, was es eroberte. Zwischen Rußland und Japan
inden augenblicklich außerordentlich wichtige politüche
Interzandlungen statt, die strengstes Geheimnis bilden.
Diese Unterhandlungen, die einen völlig freundschaftlichen
Charalter trügen, würden zweisellos zu einem wichtigen
miernatienalen Alte führen. Iswolsty wolle alle Fra—
zen erledigen, die zu irgendwelchen Reibungen zwischen
Rußtand und Japan führen könnten. Auf Initiative des
Srasen Oki habe die japanische Regierung der russischen
Regierung den Abschluß eines russisch-japanischen Han—
dels ndnisses vorgeschlagen, was ebenfalls beweise, daß
Japan nicht an Krieg denke.
* In der Reschsduma kam es bei der Berat'na des
sßese entwurses über die Unantastbarkeit der Perspuen
u S kandaben. Ner RNedner der erttemen Rechten
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tümmert; ein wohlhabender Farmer nahm sich ihrer an
und vermachte ihr nach seinem Tode — er starb im Ja—
auar — sein bedeutendes Vermögen, worauf wir aber am
dochzeitstage zu Gunsten zweier Verwandten, die ihr das
Erbe mißgönnten, verzichteten.“
Der Anwalt stutzte. Darf ich mir einige Fragen er—⸗
lauben, die Ihnen vielleicht peinlich sind?“ fragte er dann.
Ich will sie beantworten, so gut ich kann. Ich kenne
Sie zu gut, um nicht zu wissen, daß Sie triftigen Grunt
zu unangenehmen Fragen haben.“
„Hat Ihre Gattin eine Schwester Laura? Wurden beide
vor zirka zwölf Jahren an der Seite threr sterbenden Mut—
ter gefunden? Wurde auch Laura von einem Farmer auf—
genommen?
Fturt prallte entsetzt zurüd, sein Antlitz erbleichte.
Ich weiß nicht, wie Ihnen die Geschichte betannt wur⸗
de, aber sie ist volllommen wahr. Die arme Weutter schien
don ihrem Gatten verlassen und starb im Urwald. Bwei
Farmer erbarmten sich der armen Kinder. Sie fanden bei
der Frau den Trauschein, die Geburts⸗ und Taufscheine der
Kinder. Hier sind sie!“
„Ahl“ rief der Anwat freudig überrascht, „ich will Ih
nen alles erkllären. Arthur Nobel war mein bester Klient,
er starb vor wenigen Wochen und überließ mir die Auffin—
dung seines Kmöder und Erben.“
Der Vater war ein — —
„Er hat schwer gefehlt, aber sein ganzes Leben ist bit⸗
tere Aeue gewesen,“ unterbrach ihn der Anwalt. „Die na⸗
zenden Gewissensbisse deschleunigten sein Ende; aber er
interläßt seinen Kindern ein bedeutendes Vermögen.“
„Ich beanspruche kein Vermögen für meine Gattin.
Aber Vally ist se zartsühlend, daß ich mich freuen würde,
zu hören, ihr Vater sei nicht so schlecht gewesen, wie ver—
mutet werden muß.“
„Er war ein Edelmann, obgleich er herzlos gegen seine
Battin handelte. Vielleicht wird es Sie überraschen, zu
ören, daß Ihre Mutter eine Verbindung mit ihm und Ihb
⸗notoer Golonoe anto —EE —

— —— ——

Der Muücktritt Giolittis.
Das Kabinett Giolitti, das seit Mai 1906
in Itarcien am Ruder ist, hat dem König sein Rüchk—
rittsgesuch unterbreitet, weil es sich außerstande
ah, die unter persönlichfter Mitwirkung des Ministerprä—
identen ausgearbeitete Steuerreform in der De—
putiertensammer durchzusetzen, gegen die sich bereits in
den Bureaus eine Majorität von 25 Stimmen ergeben
hatte. Diese Steuerreform sieht bekanntlich neben einer
Herabsetzung der Zuckersteuer eine Erhöhung der Steuer
auf das bewegliche Vermögen mit starker progressiver
Steigerung bei den höheren Klassen, sowie eine Steiger—⸗
ung der Staatsbahntarife vor, fand aber schon bei ihrer
Beranntgabe vor etwa vierzehn Tagen fast gar keine Be—
fürworter. So stürzte Giolitti nicht über seine äußere
Politik, auch nicht über innere politische Fragen an sich,
fondern leglich darüber, daß er und sein Finanzminister
es nicht verstanden haben, ihre Steuerresorm derart nach
der technischen Seite hin zu revidieren, daß sie der ita—
liekischen Deputiertenfammer annehmbar —

Die Chrisplume.

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rũchgetretene italienische Ministerpräsident Giolitti
—

„Gtaf Erlau?“
„Ahl Sie verstehen also? Graf Erlau alias Arthur
Nobel erbte Namen und Titel eines Vetters. Sie können
Ihre Gattin als Tochter des GrafenErlau vorstellen“
Herr Oswald erstattete nicht seinem Klienten den ge—
wünschten Bericht, sondern schrieb einige Zeilen und teute
dem Freiherrn mit, daß er Kurts Gattin gesehen und als
seingebildete Dame ertannt habe. Er bat den Freiherrn,
selbst nach dem Hotel zu gehen, um sichzu überzeugen.
Die stolze Freifrau entschied sich sogleich, thren Gatten
zu begleiten, dem: Du könntest ihm Legis m. unserem
Hause anbieten, und das will ich vermeiden,“ meinte sie.
Zu ihrer Ueberraschung hatte Kurt das Hotel verlas⸗
sen, doch Valesta kam ihnen so edel und würdevoll entge⸗
gen, daß selbjt der Freisrau die schöne Erscheinung impo⸗
nierte.
„Es ist schade, daß Kurt ausgegangen ist,“ begann sie;
zer mußte meiner Schwester ein Kabellelegramm senden,
denn Herr Oswald hält der Erbschaft wegen ihr Kommen
fur wunschenswert.“ J —
Die Freifrau wurde verwirrt. 5*
Wollen Sie mir Ihren Namen sagen?“ bat sie; Kurt
nannte ihn nicht.“ *
Ich bin die Tochter des Grafen Erlau, Ihres Freun⸗
des! Um seinetwillen bitte ich, mich ein wenig lieb zu
haben.“
Die Freifrau breitete ihre Arme aus und drüdte Va—⸗
lesta an ihr Herz.
Nur wenig ist hinzuzufüggen. Nach wenigen Monaten
lam Laura und Lesters mit ihr. Sie hatte sich von ihren
Pflegeeltern nicht trennen wollen, und diese wünschten auch
ihren Kindern in Deutschland eine bessere Erziehung zu ge—
ben. Doch Saarfeld hatte auch das Geheimnis seines Her—
zens entdedt, und als er von Laura Abschied nehmen
vollte, gestand er ihr seine Liebe. Er lebt mit seiner Gat—
in alücklich auf Schloß Erlau, und seine größte Freude ist

Herr Oswald begab sich seinem Versprechen gemäß am
solgenden Tage an Bord der Seekönigin“, die im Hafen
Anker geworfen hatte. Sein erster Blick fiel auf den jun—⸗
zen Fretherrn, der mit strahlendenAugen das Menschenge—
wühl musterte, das sich auf der Schiffsbrücke zusammendrängte.
 Er stand allein am Schiffsrand, seiner Gattin
harrend, die noch unten in der Kajüte das Einpacen ihrer
Sachen beaufsichtigte. Der Anwalt legte die Hand auf die
Schulter des jungen Mannes, der freudig überrascht aus
einen lieblichen Träumereien erwachte. Doch bald verfin⸗
terte sich sein Antlitz, als sich der väterliche Freund des
Austrages entledigte.
„Das darf meine Gattin nicht erfahren,“ rief er be—
türzt, „es würde ihr das Herz brechen. Seien Sie aber
ür heute mein Gast im Hotel, damit Sie sie kennen ler—
ien und genau meinen Eltern Bericht erstatten können.“
Der Anwaln willigte ein. Doch er wußte sich kaum
dor Erstaunen zu fassen, als er die hoheitsvolle, königliche
Hestalt und die jseine, aristokratische Bildung der jungen
Ftau gewahrte Die elegante, nicht überladene Toilette
ꝛcregte seine besondere Aufmerksamkeit, und er konnte nicht
degreisen, daß in jenem einsamen Distritt in Amerila die
jer feine Geschmack sich entwideln konnte.
Nun, was sagen Sie? wie gefällt Ihnen denn meine
Thristblume?“ fragte Kurt, aln seine Galtin das Ztmmeir
Herlassen hatte.
Sie ist entzückend, aber — —“
„Aber die gesellschaftliche Welt will mehr von ihr wis⸗
sen, ehe sie geduldet wird,“ etgänzte Kurt finster. „Die Da⸗
men werden fragen: Wer war sie vor ihrer Verheiratung?
und die Herren: Wie gtoß ist ihr Vermögen?“
Die Welt ist immer doppelt neugierig, wenn eine
Fremde, die plötzlich erscheint, so anziehend ist, wie JIhre
Gemahlin.“
A —. —
            
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