Full text : Dudweiler Zeitung

Die Rechtsfabrik.
Eine temperamentvolle Anklage gegen die heutige Art
des Gerichisbetriebes vom Standpunkt des Laienpubli—
kums aus erhebt Karl Scheffler in einem Artikel der
Reuen Rundschau. „Ich erhebe sie“, so schreibt er, „im
Verhandlungszimmer eines Amtsgerichts, an einer Ecke
des Anwaltstisches, die ich usurpiert habe. Es ist ein
verzweifelter Versuch, die Zeit hinzubringen. Denn es
wird noch lange dauern. Auf die zehnte Stunde präözise
bin ich geladen worden, als Zeuge; jetzt ist es halb zwöls
und noch stehen ein paar Neun-Uhr-Sachen zur Verhand—
lung. Die entsetzliche Lust macht mir Kopfschmerz; aber
nun wird auch der Rest des Tages mit der Arbeit ver—
loren sein. Aber was ist zu tun! Pflicht des Staats—
bürgers. Ist das nun Schlendrian oder Unfähigkeit, die
Geschäfte zu übersehen, daß die Parteien um Stunden
immer zu früh bestellt werden? Im bürgerlichen Ge—
schäftsleben wäre ein Direltor unmöglich, der so kurzsich—
tig und rücksichtslos disponiente. Dem über die Würde
des Gerichlts wachenden Richter kommt es offenbar gar
nicht in den Sinn, daß dieses träge Warten für meine
persönliche Würde beleidigend ist. Jetzt ist einer der sel—
tenen Momente, wo man vbedauert, nicht Geheimrat zu
sein. Wäre ich's, so würde ich dem regierenden Herrn
in der Robemeine Karte überreichen lassen und er würde
meine Sache vorweg verhandeln. Denn es geht hier kei—
neswegs nach der strengen Ordnung der Ladungen. Die
Reihenfolge wird vielmehr ziemtich willkürlich vom Rich—
ter im Verdein mit den ein- und ausschwärmenden Anwäl-—
ten bestimmt. Die Rechtsanwälte treten mit ganzen Bün—
deln von Akten hervor, sehr höflich bittend, nun auch diese
Sache noch gleich zu verhandeln; und dann sei da nur
noch eine Versäumnissache. Der Richter ischt aus den Ak
tenhaufen geschickt das Gewünschle heraus und ist schon
mitten in der neuen Verhandlung, bevor die Partelen des
letzten Falles nur abgetreten sind. Die Leidtragenden beit
dieser Art der Geschästsführung sind die, die keinen An—
walt haben. Vergessen bleben sie in ihren Ecken, wenn
es ihnen an der nötigen Ungeniertheit sehlt. In der ersten
Stunde war es ja interessant genug, die Gerechtigleits—
maschine arbeiten zu ꝛehen. Man konnte sich einreden, zu
tun, was der Dichter Sudermann nach eigener Angabe
zu umn behauptet, wenn er das Amt eines Schöffen ein—
mal zu versehen hat nämlich „Studien zu machen.“ (In
Parenthese: man merkt's Sudermanns Schössengerichtsdra—
matik auch an.) Aber das vergeht bald; von Minute zu
Minute wächst die Unlust. Trotzdem es sich hier nur um
kleine Geldstänkereien handelt, brauchte es ganz so fabrik—
mäßig nicht herzugehen. Die Art z. B., wie sich die
Anwälte zum Gericht stellen, erinnert gar zu lebhaft doch
an das Treiben in den Pfandtammern, wo der Auttio—
nator und die Händler einen unsichtbaren Ring bilden.
Das Publikum ist in diesem Gerichtszimmer eigentlich nu
Staffage; es wird lästig fast empfunden von dem juristi—
schen Tichin. Bricht bei einem Hereingefallenen die Lei—
denschaft einmal durch, so blickt der Richter, der Haupt—
maschinenmeister dieses Getriebes, ganz erstaunt auf. Dem
Stammpublikum gegenüber ist diese juristischo Empfind—
ungslosigkeit allerdings ganz am Platze. Viel anständige
Menschen sieht man eben nicht unter den Klägern und
Beklagten. Da sind Pfandleiher, die einen Käufer be—
schummelt haben, Dienstboten, die sich den Sport einer
Klage gezgen ihre Herrschaft leisten, zahlungsunfähige
Handwerker, zweifelhafte Geschäftsleute und ähnliche Ge—
stalten. Sie alle tragen ihre winzigen Interessen wie
Idole vor sich her; interessant und des Studiums wert
sind sie nur momentan. Dieser Menge sollte aber gerade
um ihrer Trübseligkeit willen hier vor dem Gericht die
Faust der höheren Idee gezeigt werden. Statt dessen aber
herrscht allein das geschäftsmäßige Einerlei und das Ta—
gespensum der Arbeit. Und diese profane Stimmung be
drückt den zum faulen Warten Verurteilten nun so, das
er sich ganz entwürdigt, ganz deklassiert vorkommt .....
Endlich! Als einer der Letzten fast bin ich aufgerufen
worden. Es ist inzwischen zwei Uhr geworden. Eben
habe ich bei Gott dem Allmächtigen geschworen, die reine
Wahrheit zu sagen, nichts hinzuzusetzen und nichts zu
verschweigen. Ob ich gehört haätte, daß der Herr, bei dem
ich gerade zu Besuch war, dem klagenden Handwerker ei—
nen unzweideutigen Antrag in Bezug auf die RKlosettre—
paratur gegeben hätte. Nein, ich habe nichts gehört.
So wahr mir Gott helfe! Aber Herr Amäsrichter, härtte
ich Ihnen das nun nicht auch schreiben können. An Ei—
desstatt!“

Vermischtes.
Die älteste Volksbibliothek. Wie das Buchhändler—
Börsenblatt nach dem Verhandlungsberichte einer engli—
schen Altertumsgesellschaft mitteilt, erhebt die Stadt Bri—
stol den Anspruch, daß ihre Mauern die erste Bibliothel
beherbergten, die dem Puͤblikum ohne Entgelt zugänglich
waͤr. Die Bibliothek, von der hier die Rede ist, war
die der „Guild of Kalendar“, einer Bruderschaft, die die
Aufbewahrung von Protokollen und Urkunden übernahm.
Was das Alter dieser Bibliothek angeht, so soll es nach
William von Woecefter, der um 1478 schrieb, bis ins

Fahr 700 hinaufreichen. Das in Vegende. Nachweisbar
Wer ist, daß die Bibliothek 1216 von der Stadt mit
inem Freibriese ausgestattet wurde. Ihre weitere Ge—
chichte ist dann an einer Reihe von Urkunden noch zu
erfolgen. Aus einer von ihnen geht hervor, daß allen
»enen, die diese Bibliothek zu ihrer Belehrung benutzen
vollten, zu bestimmten Zeiten freier Zutritt und Aus—
ristt geftattet war. Damit kennzeichnet sich die Bibliothek
allerdings wohl als die erste öffentliche Vol'sbibliothel
Sie erhielt sich bis zum Jahre 1548. Noch heute bewahr
die Allerheiligenkirche zu Bristol wertvolle alte Handschrif—
en, die auf den Besitz jener alten Bruderschaitshibliothek
zurückgehen sollen.
Ein amerikanischer Warenhaustrick. Kürzlich
hatten die Leser einer amerikanischen Zeitung einen Aer—
ger, der sich jedoch in Schadenfreude verwandelte, weil
ie, genau so wie ihr Lieblingsblatt von einem New
HYorker Warenhaus durch einen schlauen Reklametrick „hin
ingeleagt“ worden waren. Das Warenhaus Wanamaker
hatte nämlich ohne Wissen der Redaltion eine ganze Seite
Reklame genau so angeordnet, wie die Zeitung ihre Ta—
gesneuigkeiten anzuordnen pflegt; darüber stand, ganz ent
prechend dem Kopf der Zeitung „Wanamaker News“
Der Satz dieser Seite war natürlich nicht in der Druckerel
der Zeitung selbst erfolgt, sondern man hatte ihrer Drucke—
rei die fertige Stereotypplatte im letzten Augenblick vor
dem Drucke übergeben. Sie war arglos angenommen und
gedruckt worden und die Leser, die zuerst im guten Glau—
hen die Reklame lasjen, waren für diesen Abend genü—
gend mit Aerger versorgt. Später klärte sich der Sachver—
halt natürlich auf, und nun ging es der Zeitung nach
dem bekannten Sprichwort: „Wer den Schaden hat ..“
Die größte Orgel der Welt. Wie wohl noch er—
nnerlich, ist am 3. Juli 1906 die Michaelistirche in Ham—
zurg, die als besonderes Wahrzeichen dem Bild der Stadt
sein Gepräge gab, durch eine Brand-Katastrophe in einen
rauchenden Traͤmmerhaufen verwandelt worden. Die Kir—
hengemeinde von St. Michaelis, sowie der Senat und die
Janze Bürgerschaft Hamburgs erachteten es aber als eine
heilige Pflicht, die Kirche in ihrer ursprünglichen Gestal:
vieder aufzabauen und mit einem monumentalen Orzgel—
werk zu schmäcken, das in seinen Grundzügen nach dem
Muster der alten, aber mit allen Errungenschaften der
modernen Orgelbaukunst erstellt werden soll. Ter Bau
dieser Orgel wurde der Firma E. F. Walcler u. Co. in
Ludwigsburg übertragen. Die Bercistellung außerordent
licher Geldmittel aus einer reichen Stistung ließ den Plan
zur Erstel ung einer Riesenorgel von 140 Ztegistern rei—
fen, die bezüglich ihrer Größe und ihrer großartigen Dis—
position alle seither bekaunten Orgelwerke der Welt hin—
ter sich lassen wird. Die kün tige Orgel wird mehr als
11 000 Pieifen enthalten. Der tiefste Ton im Prinzipat
baß des Pedals wird von einer Orgelpfeise aus engli
schem Zinn erzeugt, die eine Höhe von 11 Metern und
einen Turchmesser von 55 Zentimotern ausweist. Die P'eift
selbst wiegt etwa 10 Zentner. Sämtliche Metallpfeifer
»es Orgelwerks werden aus 1446t. engzl. Zinn gefertigt
Im Prospeit der Orgel stehen als sichtbare Pseisen die
enigen eines offenen 32“, 16* und mehrerer 8 Register,
ür welche alle 1516t. engl. Zinn zur Verwendung kommi
Zur Herstellung dieses einzigen Registers, des Prinzipal
jasses, sind 76 Zentner von englischem Zinn erforderlich
Das ganze Orgelwerk umschließt fünf Mannuale und ha
m Pedal cinen Tastenumfsang von 32 Noten. Vom fünf—
ten Manual aus wird das Feuerwerk gespielt, das allein
»1 Register zählt, worunter sich auch ein Pedalregister mit
inem 32füßigen Baß befindet. Die nötige Druckluft zum
zebläse der Orgel liefern zwei Luftschleudermaschinen, die
»on je einem Motor mit 8 Pferdeträften in Bewegung
gesetzt werden. Bei dem Bau einer solch großen Orgel
ann nur die elektrische Traktur in Betracht kommen. Im
Frühjahr 1912 soll die neuerbaute Kirche mit der neuen
Irgel fertiggestellt sein und dem Gebrauch übergebes
verden.
Ein Orchester, das nicht kritisiert werden darf
inter dieser Spitzmarke berichtet man dem Wiener Estra
lact über eine nicht leicht zu überbietende Leistung miti
ärischer Arroganz wie folgt: Die Intendanz des kroati
chen Nationaltheater in Essegg hat an die Blätter ein—
Zuschrist gerichtet, in der es heißt: „Das Kommando des
und k. Infanierie-Regiments Nr. 78 hat in einer
Zuschrift vom 29. d. M. der Intendanz mitgeteilt, daß
Z sich veranlaßt sehe, das Theaterorchester sofort zu kün
igen, falls sich in den Tageszeitungen noch einmal Kri
iken seiner musikalischen Leisungen im Theater — ob
obende oder tadelnde — finden würden. — Im Interess:
»es Fortbestandes des kroatischen Nationaltheaters stellt
»aher die Intendanz an die geehrte Redaktion das höf—
iche Ersuchen, in Hinkunft von einer Kritik des Theater—
»xchesters in Ihrem geschätzten Blatte gefälligst Abstand
iehmen zu wollen!“ Die Essegger Blaͤtter fügen hinzu,
»aß sie diesem Verlangen, das ohne Beispiel dastehe, nicht
verde entsprechen können. Das Militärorchester spiele im
kheater und sei daher der Kritik, wie jedes andere unter
vorfen. Sie verlangen aber, daß infolge dieses Zwi
chenfalles, in dem das Kommando das Recht der Kritil
onfiszieren wolle, das Theater sofort an die Schafsun—
nes eigenen Theaterorchesters aus Zivilmusitern schreite

Ein neuer Ersatz der Kohle. Sachverstaändige 9u
den ausgerechnet, daß sich aus den Sümpfen Irlands im
Jahre 50 Millionen Tonnen Heizstoff tausend Jahre hin—
durch gewinnen lassen. Da jetßt eine Erfindung gemacht
worden ist, die es mittels elettrisser Vorrichtung ermög—
licht, den Torf von anhasfendem Wasser zu beireien und
ihn zu einem sehr wenen Kohlensurrogat zu machen,
soll mit der Ausberne Sümpie nun begonnen wer—
den. Den allermind reis angenommen, d. i. fünf
Schilling die Tonne, eden jährlich 126 Mill. Pfund
Siterling brutto einkommen, während gegenwärtig Irland
jedes Jahr 1 Million Pfund Sterling für enzlische Koh—
len zahlen muß. Dieser Torf foll seyr rauchlos sein, we—
nig Asche hinterlassen und weniger Raum beansprucher.
als die Kohle, sodaß er für Schiffe, Eisenbahnen usw
vor allem in Betracht kommen würde. Und ein Fach
mann behauptet, die ohnehin schwer zu erschöpfenden iri
schen Sümpie würden sich in späteitens einem Jahrhun
dert wieder erneuern.
Die Totenliste der Alpen 1909. 84 tödliche Un—
zlücksfälle sind nach einer im „Lancct“ wiedergegebenen
Ssatisckik im Lausfe des Jahres vom 15. Oktovber 1908
bis zu demselben Tage 1909 in den Alpen gezäöhlt wor—
den Die größte Baul der Opfser soll auf Schweizer
und Deut'che entfallen, dann solgen die Englischredenden
unter den Alpiniften, dann die Franzosen und zuletzt die
Italiener. Allerdings sind gleich drei mailändische „Gip—
felstürmer“ zusammen in diesem Jahre in einer Spalte des
Monte Rosa verschwunden — auf Nimmerwiedersehen,
falls nicht nach Jahrzehnten das Gletschereis an irgend
einer Stelle die Koörper aus ihrem gläsernen Sarg her—
ausgibt, in den sie möglicherweise hineingeraten sind.
Auf der italienischen Seite ist nächst dem Monte Rosa der
Ragno Kulm im Valle Vigezzo eine besondere Unglücks—
stätte gewesen. Auf Schweizer Gehiet hat die Jungfrau
den trautigen Ruhm aufrecht erhalten, die meisten Opser,
nämlich b, gefordert zu haven. Soweit sich die Urfachen
der Unfälle ergründen lassen, steht wieder an erster Stelle
die ganz falsch angebrachte Spar'amkeit, eine schweeri ge
Besteigung ohne einen ersahrenen Führer vollbringen zu
wollen. Dann scheint auch die Sehnsucht nach der „blauen
Blume“ mitzuwirken oder nach einem seltenen Mineral,
die einen Naturfreund an eine gefährliche Stelle lockte.
Das ernzige Mittel, die Unglücksfärle im Hochgebirge zu
oermindern, ist, abgesenen von dem unheilbaren Leicht
sinn des einzelnen, die Vermehrung der Schutzhütten, di—
dem Bergsteiger sür cinige Zeit sichere Unterkunft gewäh
ren, wenn ihn Nebel oder Schneewener überfällt.
Sein Ideal. In einem Blatte wurde jüngst unte
er Ueberschrist: „Wenn ich ein Mädchen wär'!“ folgen
»es Gedichtchen veröffentlicht, das unzweisfelhaft von
iem Vertreter des mänulßichen Geschlechts herrührt, »
nit jungen Damen üble Erfahrungen gemacht hat:
„Wenn ich ein junges Madchen wär'
Mein erstes wäre das:
Ich nähme Strickbaumwolle her
Und strickt' ohn' Unterlaß.
Ich ließe das Piano piel,
Das ist nur Ohrentrug;
Gektlinepert wird ja viel zu viel
Bestrickt doch nie genuag.“

„Wenn ich ein junges Mädchen wär'
Mein zweites wäre das:
Ich kontrollierte etwas mehr
Die Wäscherin am Faß.
Ich stellte, wenn die Waschzeit ist,
Romanlektüre ein;
Mit spannenden Romanen liest,
Man nicht die Wäsche rcin.“
„Wenn ich ein junges Mädchen wär'
Mein drittes wäre das:
Ich ging' zur Köchin in die Lehr'
Und kochte selber was.
Der Hausfrau ziemt es sicherlich,
Wenn sie gut kochen kann;
Und kann ich dies
Bekäm' ich auch, sicher einen Mann.“
Ein Chinesenviertel in Berlin. Die Reichshaupu
tadt wird immer internationaler. Seit kurzem besißt sie
zuch ein Chinesenviertel in der Umgebung des Schlesi—
chen Bahnhofs. In einem Hause der Breslauerstraße
wohnen nicht weniger als neun Söhne des himmlichen
keiches, aber auch in den anderen Siraßen, die an dem
Bahuͤhof liegen, sind sie in größerer Anzahl zu finden.
Zie treiben Hausierhandel mit Erzeugnissen ihrer Heimat,
zie sie teils mitgebracht haben, teils hier aus heimischen
Rohstoffen selbst anfertigen. Sie besuchen Laden und Gast—
virtscha ten, gehen auch in die Häuser, um dort idre
Waren abzufetzen. Diese bestehen in Marmorsachen aller
Art, in Schnizereien, Stickereien und Holzsachen, die mit
Malereien in der bekannten chinesischen Manier bedeckt
ind. Sie tragen durchweg europäische Kleidung und ha
en bis auf einen, der ihr Führer und Oberhaupt ist, der
Zopf abgelegt. Ihr Essen bereiten sie sich selber und ho
en Fleisch, Gemuͤse. und andere Naturalien aus den Lä—
den uͤnd Kellern der Gegend selbst ein. Der deutschen
Sprache sind sie ziemlich mächnag

SCeZSE»T» — —x
3 3 tkannten Mädchen liegen, das in der Waldeinlamkeit bisher Er erzählte von Vater uñd Multer, von Schwestern, Freun⸗
Die Christblume. geledt hat?“ den und von der Heimat. Ihr Herz klopfte laut und stür—
Erzählung von C. Burger. Ich will offen reden,“ fuhr Kurt bittend fort, „ich misch bei Nennung des Titels und des altadeligen Na⸗
... Wissen Sie, welchen Tag wir heute haben, oder kam mit dem Gedanken nach Amerika, hier in der Einsam- mens, den er ihr nicht mehr verschweigen durfte. Sie
vielmehr gestern hatten, den es ist längst Mitternacht vor- keit ruhig zu leben; aber nachdem ich Sie an jenem Herbst- lauschte in atemloser Spannung der Schilderung seines
über?“ fragte er dann. morgen sah, verstand ich deutlich, daß man Reichtum, Heimatschlosses, das er nur an ihrer Seite wieder betre⸗
„Es ist Weihnachten! meine lieben Pilegeeltern feierten Blangz, Freude und Eltern freudig gegen Liebe eintau- en wolle, oder verzichten auf Eltern, Heimat und Freun⸗
an diesem Tage meinen Geburtstag und nannten mich schen tann.“ de, um mit ihr ein glüdseliges, stilles Leben zu führen.
„Christoͤlume“, weil sie mich an diesem Tage aufgenom— So denken Sie jetzt, Herr Waldau,“ entgegnete Vallh, „Ich will Deine Christblume sein,“ hauchte Vally end⸗
men hatten.“ aber wenn Sie erst wieder in Ihrer alten Heimat sünd, lich errötend; ‚Du hast mich am Weihnachtsfest aus gro—
„In Deutschland trägt dieser Tag neben dem hehren werden Sie anders empfinden.“ zem Leid erreitet, darum will ich Freud und Leid mit
religioöͤsen Charalters auch den eines trauten Familien⸗ Niemals!“ versicherte er feilerlich. dir teilen mein Leben lang.“
festes,“ berichtete er, „und Freunde, Eltern und Kinder Wollen Sie immer hier bleiben?“ fragte sie weiter. Am Weihnachtsfest werden Gaben ausgetauscht,“ fliĩ—
überraschen einander durch sinnige Geschenke; es ist dort „Sie sind ganz verschieden von denen, die sich hier in der sterte er ihr zu und streifte einen Diamantring von seinem
für jedermann ein Freudenfest.“ Umgegend niederlassen, oder die hier durchreisen; oder keh⸗ Finger und stecte ihn ihr an, dann zog er eine Scheere aus
Ich weiß es,“ lächelte sie. Mein Vater hat mir da⸗ en Sie nach Deutschland zurüd?“ der Tasche und schnitt eine tleine Locte thres Haares ab
von erzählt.“ „Selbst wenn ich das tue, sollte ich meine Gattin dann und barg sie sorgfältig in seiner Brieftasche. Sie lietz es
Ich will von einer althergebrachten Sitte unseres ügh mit in die Heimat nehmen? Geliebte,“ er ergriff ihre uhig geschehen und blicte sinnend in das verloschende
Haufes erzahlen,“ fuhr er fort, meine Ahnen pflegten am Dände, „willst Du nicht meine Chtisthlume sein? mit mir Feuer, das eine erträgliche Tenperatur verbreitet hatte
Weihnachtefefle sich eine Gattin zu wählen, so hat es mein Freude und Leid des Lebens teilen? treu zu mir hal- doch fie vermochte taum mehr sich aufrecht zu erhuuen;
Voaler, mein Großvater, mein Ürgroßbater, und so haben en in der Fremde und in der Heimat? Ich glaube in mude lehme sie ihr Haupt an jseine siarle Schulter di⸗
efrüͤhere Generanionen detan, und so will ich es auch Deinem Herzen regt sich der Wunsch, auch einmal Deutsch. Augenlider wurden schwer und fielen —G
tun. and kennen zu iernen.“ Schlu
„Aber hier in dieser Einöde können Sie zwölf oder .O, ich fürchte mich,“ gestand sie schüchtern, aber ohne Dee e ehede wheih W re
zwanzig Mal Weihnachten feiern und sehen noch keine junge ihm ihre zitternde Hand zu entziehen. Man würde dert Wochen und die Freuven der lehten Augenblide sam
Damnen wandie Valeeta ein. u iehediee Dn aete reen en und de geetdedeeblen Augendlige. Sors
IIch habe eine gefunden! Meine Christblume! Dars daß meine arme Mutter im Walde vor Hunger und Kälte Endlich graute im faue Osten der trübe Wi
ich es aussprechen in dieser Stunder Von dem Augen- Zestorben, und daß ich ein Findelkind bin. Michael hat ermorgen. — schlies noch immer; vinn ⸗
blide an, wo ich Sie gesehen, fühlte ich mich zu Ihnen mir das tausendmal gesagt, und es bricht mit fast das Herz, cheln eide ihre ie eg a; Wi u *
hindezegen, und in der lehlen Slunde der Gefahr und Ungst venn ich daran denle. — Hier leben Sa allein, aber in doch sehnte er sich nach dan Geu 8 one sd *
bin ich mir über meine Gefühle klar geworden. Ich liebe der Heimat haben Sie Eltern, Verwandte, Freunde, wenn nehinens und wünschte d —*— o *8
Sie mit der ganzen Krast meines Herzens; wenn wir glüd. Sie dann Ihren Schritt bereuen, mich als Gattin heimge. dres t p u nen Schützling utter Do⸗
ch dieser Gefahr entrinnen, wollen Sie mir dann verspre- vracht zu haben, würde ich sterbenl“ ores treuer Plege zu wissen. lian Da
chen, meine Galuin zu werden? * Ol wie gut, daß Du noch hier bist! Ich träumte, Du
J u, n u i gaupt F „Höre mich an, meine Vally,“ bat er flehentlich un“ habeft mich verlassen, und ich sei allein im Walde,“ sroh⸗
e J aupt. Sze sbif drücte ihre Hand fester. — Der Wind ächzte und stöhnt ockte Vally, als sie erwachte.
ESie taͤuschen sich in Ihren Gefuͤhlen, Sie fühlen nut in den Gipfein der uralten hohen Bäume, doch sie acht
Mitleid mit mir, Hert Wildau, weil ich eines Schußzees n nicht datauf. Das junge Mädchen —* Si
            
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