Full text : Dudweiler Zeitung

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Montag 22. Nov. 093

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Nedeaktion. Drudt und Verlag von J. Unterkeller, Dudweiler.

5 Das renitente Oberhaus
AAm Dienstlag abend hat Lord Lansdowne, gedrängt
von seinen Kollegen im englischen Oberhause, endlich eine
enischeidende Erllärung abgegeben: die der konservatiren
pPartei angehkärenden Lords — sie sind sechsmal so start
wie die lüreralen — wollen ihr Urteil über das Budgel
ucht eher abgeben, als bis das Volk seiner Ansicht durch
ine Neuwahl Ausdruck gegeben hat. Man hat gesagt,
Lord Bansdowne würde die nominelle Führerschaft der
ronservatiuen im Oberhause verlieren, wenn er nicht
endlich erust machte. Gern hat er, als zurückhaltender,
einahe fuccht'amer Mensch, das entscheidende Wort auch
nicht gesprochen. Aber ein wahres Wort war es deshatb
doch nicht; es war nur ein Auswen, weil man sich furch—
ete die Kardinalirade zur Enisscheidung zu stellen, ob
das Haus der Lords überbupt berechtiet ist, in Finanz—
achen hineinzureden. Aunderecseits worne man aber nuich
zas Bedgec als solches nicht Gesetz werben lassen.
Nimmt man das Vorzehen der Lords als korrektt an,
o ütien sie die NRacht. jedes Jahr, wenn ihnen das
zudaet nieut behagt, das Rarlament zu einer Auflösung
u zwingen und Neuwahlen zu veranlassen. Daß ein so
hes Vorgehen eine heillose Verwirrung aniiften, und die
durchberatung notwendiger Gesebentwürfe iidern und
chwere finanzielle Schädigungen * vine würde, liegt
ruf der Hand. Die nächstte Zut daschon ergeben,
velhe Schrwier gkeiten dadurch— daß England
m dritten Quartal seines Finanzuunns noch kein Bud—
zet, noch keine von allen drei Faktoren — Unterhaus,
Oberhaus und König — genehmigten Steuern hat. Ein
heftiger Streit ist darüber entbrannt, wie man dem Geld—
hedür nis Englands in nächster Zeit begegnen soll. Die
inen sprechen für eine große Anleihe, die anderen für
eine Ausgabe von Staatsschusdscheinen; die einen glau—
ben, daß eine heillose Verwirrung auf dem Geldmarktte
entstehen würde, die anderen sagen, daß sich die Ange—
legenheit leicht und sicher durch die Verieilung der gro—
ßen Ausgabe von Schatzscheinen über eine Zeit von drei
Monaten erledigen lassen werde. Alle sind sich aber dar—
über einig. daß es ohne Unannehmlichkeiten nicht abgehen
yird

BRudeet ausscheltetent sie wählten daher den Weg des
Uppe'lz- an das Volk, indem ue hoffen. daß die Wahl—
»arole der Tarifreform, also der Einführung von Schutz—
»eflen ihnen zum Siege und zur Erlaugung einer Mehr—
zeit im Untserhause verhessen wird

wurde. Es ist oaher nmieht recht vernandtich, wie man
das Aufgehen der Bläne Koltinans auf einen Druck von
Seiten Deut chlands Zirückiützren will, und wir glauben
der „Nieuwe Cotrant“ hat dirchaus recht, wenn er diese
angebliche Einmischuna Deutsbtands für jehr unpane
—ziplich 6516*

Rolitisfchse Dundiechau.
Deutsches Reich.
* Der Bundesrai hat dem Entwurf eines Gesetzes be—
reftend die Handelsbeziehungen zum briti—
zen Reich und dem Entwurf eines Lehrerbesol—
dungsgesebes iür 6saß—zathbrindgen zu—
estimmt.
* Die aus anscheinend offtzieller Quelle bestätigte Nach.
richt, daß die eichsversichernugsordunung im Reichs—
arain der hevorstehenden Session nicht vorgelegt werder
all, läßt erkennen. daß die Reichsregierung überhaupt
nie Absicht hat, diei. Session mit großen Aufgaben mög—
ichst zu verschönen u Entwurf für die Reichsversiche—
rungsordnung kan 5fig guch nur beim Beginn
einer Session einge —Jonst ist die Aussicht,
daß sie während derß inde kömmt, von vorn
yerein ausgeschlossen
vDer Berliner agitedt hat in der Er
vägung, daß die Erfüklinig bes Verttaäges mit dem
SZtifte Wielzeyn sich als röglich erwiesen hat, be—
ülossen, die in Mielcun noctt befindtichen Zöglinge io,
rt zurückzurtfen

Belgien.
*En neues belgisches Gesetz nitit süör in Belgien ge—
orene Teutsche eine wichtige Terfügung. Hiernach bat
coer in Velgien georene Teursche, wenn er waährend
seines 22. Lebens ahres in Belgien wohnhaft ist, vor
ziAlauf seines 22. Lebens ahres bei dem Ziviistandesbe
inaten Bürgermeisteramt, seines Wobhnortes „Prosest ein—
Aegen“ d. h. die Erktärung abzugeben, daß er nur deut.
uer Staatsangehöriger sein wolle. Wird diese Ertär
ing versäumt, daun wird der vetreffende doppelter d. b.
Helgischer un d deutscher Staatsaugeböriger und er un—
terliegt sowohl in Deutschland wie in Velgien der Mii—
itärpftritzt. Betrossen sind von der Notwendigkeit diefer
ẽrtlärung jedoch nur solche in Belgien geborene und wäh—
end des 22. Lebensjahres in Belgien wohnhafte Deut—
he, die entweder selbst schon seit sechs Jahren in Bei—
zien wohnhaft waren oder deren Vater oder Mutter in
Helgien geboren sind, oder deren Vater oder Murter sett
ehn Jahren in Belgien wohnhaft sind. Die Bestemm—
ing findet auf alle nach dem 26. Juni 1887 geborenen
Deutschen Anwendung. Auch jeder vor 1887 in Belgien
zeborene Deutsche, der seit dem 17. Zuni 1899 in Bel—
zien wohnhast ist, muß zur Vermeidung doppelter Staats—
ingehörigkeit und Riitärpfticht den gleichen Protest bis
pätestens 17. Juni 1911 eintezen, salls sein Vater eben—
alls in Belgien geboren ist. Die VProtesterklärungen sind
tnter Borleaung der Boersonalpabpiere abrueber

England.
* Mit zroher Veschleunsqung geri aglische Admi—
ralität daran, die neuzuschaffende enstation auf
den Orkney-Inseln im Norden den Schottland für
zie Zusammenziehung der Zeeitreidttaite in der Nordsee
ußbar zu machen. Ste »lant unftig, wie aus London
richtet wird, folgende Verteilung des Geschwaders: Die
weite Divission der Secimatssotte, die aus acht Schlacht
chissen der „King Edward“⸗Klasse, ünf VDeneerkreuzern und
ierundzwanzig Torpedobodtszerstöreca Lestebt, wird An—
ang des nächsten Jahres als dauernden Stützpunkt die
Irkneyinseln erhalten. Die erste Diotston der Heimats.
lotte, nämlich vier Dreadnoughts, vier andere Schlacht,
schiffe, drei Invincibles und zwei meitere Panzerkrenuzer,
wird in Sheerneß stationiert werden anstatt wie bishet
n Portland. Die atlanüsche Flott eryält Dover, wo
türzlich di» neuen Haseneinrichtungen in Gegenwart des
Prinzen von Wales seierlich eingeweiht wurden, als
Friegshafen. Auch die alte Zanalflorte wird wahrschein
lich wieder ins Leben gerufen und demgemäsß die Zahl
er Schlachsschiffe in den heimischen Gewässern von amei—
tndawanzig auf achtundzwanzig erhöht perden

Maroflo.
*In Melilla sotlen nunmehr die Verhandlungen
iüber den Friedensschluß mit den Abgesandten der Rif—
ioten beginnen, die bercits ernannt sind. Man erwartet,
daß die Ernennung des Generals Marina auf ziemlichen
widerstand stoßen werde. Auch im feindlichen Lager
cheint man noch nicht völlig einig und es sol infolge die—
er Meinungsverschiedenheiten sogar zu Kämpsfen gekom—
nen sein. Die in der Nähe wohnenden Stämme wollen
ich unterwerfen, die entfernt wohnenden Stämme sind we—
ziger geneigt, und die Kabylen im Innern bleiben feind
ch gesinnt

Die Steuerzettel, die den Bürgecn jetzt zugehen, sind
nit einem Zettel in roter Schrift überllebt, in dem es
neißt, daß die und die Abzüge noch gemacht werden dür—
en, wenn die Finanzeill Gesetz wad, z B. 10 Lsijstrl.
ur jedes Kind unter 16 Jahren Aundererseits sind dite
Steuern auf Tabak und Bier aher vom Tage der Ge—
iehmigung im Unterhause an. ichon ervoben worden- und
nüßten. salls die Nonservativen ans Ruder gelangen,
und dann natürlich ein anders lamendes Budgetmit ganz
inderen Steuern Gesetz wird, rilckgezablt werden. Daß
»s hierber nicht ohne allerlei Hanufusstenen abgeben wird,
ersteht sich non selbst. Doabei sammert die Börse, daß
ie bis zur Entscheidung betresfs der Neuwahlen ein sehr
chlechtes Geschaͤst machen würde, chwohl es gerade die
Rörse ist, die sehr stark gegen die Stuerrorichiäge Vloyd
Georges gehetzt hat — merkwürdickrweist ist die Lon—
doner Börse zu drei Vierteln konservatibv. Kommt nun
noch teures Geld hinzu. — und »in Auzichen der Geld—
jätze ist bei Ausgabe einer Anleihe somohl wie von den
Zchakschheinen in der Höhe des zu deckenden Defizits von
00 000 000 Mart eine unausbleibliche Feiee — so wird
dem englischen Geschitsseben ein Stoß veretzt. von dem
s sich sobals nicht mieder erholen wird
die Lords und mit ibenen die kongerrativ: Opposition
naben durch den es getägnen Schrine eine schwere Ver—
intwortung auf sich geladen. Ter Anstoß zut der ganzen
ewegung gegen die Finanzbill im von den Serzönen und
den Großorundbesitzern, der Hoch nanz und den teilwei'e
in den Händen der Hochtirche befindlichen Großbrauerge
werbe gqusgegangen. Im Unterhanse sand das Bndget
ine Mehrheit: es blieb aber kein andtrer Ausweg, als
daß das Oberbaus die Steueroorichläge zu Fall brachte.
ẽs ist aber eine Tradition in vem ungeschriebenen Rechte
der englischen Verfassung, daß das Oberbeus sich nicht
n Finanzsachen einmischen, urm mindesten aber keinen
Finanzaeseßzentwurf abändern daxf. Es war ailso nicht
Tigäna'‘'g, daß die Lords die ihnen unbequemen Steuern
auf den Grund und Boden, sowie die höhere Besteuer—
ina der Einkommen und des Schantgemerbes aus dem

Russische Kriegsgerüchte.
Aus Petersburg wird zu dem von dem in München
ebenden russischen Fürsten Mirski veröffentlichten Artike!
iber die Aufteilung des deutschen Reiches folgendes ge·
hrieben: „Kosssija“ erklärt, der Arükel des Fürsten
Swiatopolsk Mirski habe nicht die geringste Aufmerksam—
leit erregt, weder in der russischen Gesel schaft noch in
der russischen Presse war er sympathisch aufgenommen
worden. Sie erklärt es für begreiflich, daß die Blaͤtier
der Nachbarmonarchien wegen dieses Aruteis in Erreg—
ing geraten seien, qur selbst charwiniftische Organe der
russischen Prefse hätien ichdrücklich erklärt, daß sfie diesen
Artikel verurteilten, was duch ganz begreiflich sei. Nie
nand wisse übrigens, wer dieser Fürst sei, der so naiv,
im nicht mehr zu sazen, die Karte Europas umgestalte.
„Rossija“ kann nicht umhin, ihre Verwunderung auszu—
»rücken, daß irgend ein Batt der russischen Presse, und
tehe es mit seinem Verständnis der Politit auch noch
o fern, diesen Artikel aufnehmen könne. Uebrigens nehme
die ernste russische Presse an, daß die gut informierten
deutschen Organe diese Kriefsprojekte eines unbekannten
Autors entsprechend zu würdigen wissen werde. — Die
imtlichen und halbamtlichen Dementis kommen etwas sehr
ierspätet. Sollte aber etwa auch dementlert werden kön—
en, daß die russischen Ostseebefestigungen mit größt mög—
icher Beschleunigung ausgebaut werden, und daß die
ussischen Blätter den Befehl erhalten haben, in den näch—
stten sechs Monaten gar keine Nachrichten Uber die Hee—
resorganisation, über Truppenverschiebungen und Trup—
zenaufstellungen an die Oeffentlichkeit zu bringen?

Holland.
* Nahezu in der gesamten holländischen Presse hat der
Plan des Finanzministers Kolkman, eine vorüber—
zehende Erhöhung der Einfuhrzölle stattfinden zu las—
en, Widerspruch hervorgerufen. Die Erhöhung sollte nur
0 Prozent betragen, d. h. die Basis von 5 Prozent auf
3 Prozent bringen. Bei flüchtiger Betrachtung schien diese
Erhöhung geringfügig und kaum beachtenswert. Sie hätte
äaber lediglich die Ungerechtigkeiten und Verkehrtheiten des
etzigen Tarifs verschärst. Dieser Tarif, dessen Grund
agen aus dem Jahre 1862 stammen, ist durchaus veral—
et; wirtschaftliche und industrielle Veränderungen haben
hn in vielen Stücken unbrauchbar gemacht. Seine Revi—
ion ist dringend nötig, die gesamte Handels- und In—
»ustriewelt lehnte daher die vorübergehenden Zollideen
des Ministers ab. Gerade, das Provisorische der Maß—
egel wirtte abschreckend. Her Minister wollte die Zollrhöhung
 in Gemeinichaft mit Steuererhöhung durchfüh—
en, um das zu erwartende starke Defizit zu decken. Sollte
tun wirklich eine Zollpolitik durchgeführt werden, die je—
»esmal die Einführgüter stärker belastete, wenn Holland
ich in Geldverlegenheiten befand? Der Handel häcte un—
er einem derartigen System in beständiger Unruhe leben
nüssen und der Geschäftsgang hätte diese Unrege mäßig—
wmiten als schädigend empfunden. Auf den allgemeiner
Liderspruch hin hat sich der Minister jetzt entschlossen, von
der geplanten Zollerhöhung abzusehen. Er konnte dies
im so leichter tun, da das Deftzzit in Wirklichteit um ei—
iiage Millionen geringer ausfaflen wird, als angenommen

Die Ehristblume.
Erzählung von C. Burger.
In einer herrlichen Gegend, in unmittelbarer Nähe ei⸗
der bedeutenden norddeutschen Seesiadt, stand das burg⸗
ihnliche, romantisch gelegene Schloß der alten, ahnenstoi—
Jen Familie derer von Hochstein. Hohe, uralte Platanen,
die hellgrün zwischen duntlen Tannen hervorlugten, bargen
n dem weitläufigen Part zahllose lauschige Plätzchen, die
zur Ruhe und zum Träumen einluden. In den wohlge—
bflegten Gängen des Gebüsches und in den Anlagen tunm
melte sich eine muntere Kinderschar — sechs kleinere Väd⸗
chen, im Alter von 10-12 Jahren — die mit hechroten
Wangen und leuchtenden Augen sich dem frohen Spiel ib
ter glüdlichen Kinderzeit hingaben.
Der Besitzer des Schlosses, Freiherr von Hochstein, hatte
einer Lieblingsneigung folgend, als flotter Kavallerieoffi⸗
ier seinem kaiserlichen Herrn die besten Jahre seines Le—
ens gewidmet. Die vielfachen größeren oder tleineren Sor—
e. des Ordenslebens waren ihm fremde geblieben, das
‚üllhorn des Glüdes schien im vollen Maße über sein
aus und seine Familie ausgeschüttet und dennoch lagerte
fu etn ESchatten wehmütiger Trauer über seiner hohen VDen⸗
erstirn. — Sein größter Wunsch, einen Sohn al— Nach⸗
olger für seine bedeutenden Besitzungen aufwachsen zu se—
hen, war ihm nicht erfülli.
Doch endlicht Das nächste frohe Familienereignis war
die Antkunft des langersehmien Erben! Der überglückliche
Vater quittierte seinen Peilttärdienst und zog sich mit seiner
ahlreichen Familie auf das Erbe seiner Vater zurück, wo
⁊als einfacher Edelmann die Bewirtschaftung seines Gu⸗
jes selbst übernahm,
hW Kein Wunder, daß der kleine Kurt der auserkorene
Liebling der ganzen Familie wurde. Er war im Gegensah
u seinen einsachen Schwestern ein hübsches Kind mit la⸗
he Hen blauen Augen, das durch übergroße Zärtlichkei
rafalt von Mutter und Geschwistern perhaschest uns

verwöhnt wurde.
So vergingen die Jahre. Drei der älteren Schwestern
jatten bereits mit benachbarten Edelleuten den Bund fürs
Ldeben geschlossen und lebten glücklich in ihrem neuen Heim.
Die vierte Tochter war nach langer schmerzhafter Krank⸗
jeit aller irdischen Not und Sorge dieses vergänglichen
ẽrdenlebens entrüdt — keine Kunst der geschickttesten Aerzte
atte das blühende Leben zu retten vermocht, und tief ge—
»eugt unter der Hand des Allmächtigen standen die Trau—
ernden am Grabe der früh getnickten Blüten
Dieses traurige Eteignis machte einen ganz besonders
defen, erschütternden Eindruck auf das Herz der jüngsten
Tochter Alma. Die Lust und die vielfachen Freuden der
Welt, denen sie sich in früheren Jahren sorglos hingegeben
hatte, traten jetzt wie ein drohendes Schrecgespenst vor
hre junge Seele, und zeigten ihr in den grellsten Farben
)ie Nichtigkeit ihres bisher geführten, untätigen Lebens.
Sie war, wenn auch in Glanz und Reichtum aufgewachsen,
dennoch mit offenen Augen durch die Welt gegangen, und
daher bekannt mit der mannigfaltigen Not und dem Elend
der Armen. Die traurige Lage der Hilfsbedürftigen nack
Kräften zu lindern, sollte von jetzt an ihr Lebenszwed sein.
Es wurde ihr nicht schwer, der Welt' mit ihren Lockungen
zu entsagen, und nur in der Stille der Klostermauern, wo
ie als treue Pflegerin am Bette der Leidenden so man—⸗
hen Schmerz lindern, so häufig Tränen trodnen durfte,
and sie den Frieden der Seele wieder, den das Geräusch
der Welt ihr zu rauben gedroht hatte.
Jetzt stand der alte Freiherr von Hochstein — der be—⸗
reits sein siebenzigstes Jahr erreicht hatte — mit seiner
Battin und seiner einzigen ihm gebliebenen Tochter Helene
am Nordseestrand, und alle schauten mit bekümmerten Blik⸗
en dem langsam entschwindenden stolzen Dampfer, der
Seekonigin“ nach, die auf den trügerischen Wellen eine
zroße Anzahl wanderlustiger Passagiere in die neue Wel
ringen sollte. Der Abschied von ihrem heißgeliebten Kurt
ie Hoffnung und der Stolz ihres Lebens. war ihnen dos
eror gomorden i⸗ 534

Kurt, ein hochbegabter, talentvoller Jüngling, hatte,
nachdem er seine Studien auf dem Gymnasium beendet,
mit regem Fleiß und rastlosem Eifer die juristische Lauf—
bahn gewählt, ein besonderer Wunsch seiner Mutter, die
schon in Gedanken und holden Zukunftsträumen ihren Lieb⸗
ling an der Spitze des Ministeriums sah. Das Offiziersleben,
 wie der Vater es geführt, sagte dem Sohne nicht
zu, eine viel größere Neigung zeigte er für ein stilles ar—
beitssames Landleben, jedoch, um den Wunsch seiner Mu—
ter zu erfüllen, verfolgte er mit Eifer seine wissenschaftli—
hen Studien.
Da traf unerwartet die Nachricht von dem plötzlichen
Tode einer alleinstehenden, entfernt lebenden Tante ein, de⸗
ꝛen Existenz auf dem alten Familienschlosse fast rergessen
var. Noch mehr überraschte die Nachricht, daß Kurt zum
alleinigen Erben ihres bedeutenden Vermögens ernannt war.
Ddas war der Wendepunkt in dem Leben des strebsamen
Jünglings. Er verließ die Universität und kehrte in das
Elternhaus zurüd, um schon nach kurzer Zeit eine mehr⸗
nonatliche Reise nach Amerika zu machen. Die Eltern,
desonders die Mutter, hatten gern die Einwilligung zu
inem kurzen Aufenthalt in dem fernen Lande gegeben.
War es doch bis jetzt eine übertrieben ängstliche Sorge ge⸗
vesen, den geliebten Sohn vor jeder Annäherung mit den
Töchtern der benachbarten Edelleute zu schützen, denn in
hren Augen durfte er in späteren Jahren nur die Tochter
zines Grafen oder eines Herzogs als zukünftige Herrin in
das Schloß seiner Väter heimführen. Eingedenk seiner al⸗
en, ehtwürdigen Ahnen, die in der Bildergalerte des
Schlosses aus breiten Goldrahmen so oft auf ihn herabge⸗
chaut hatten, würde Kurt im fernen Lande vor jeder An⸗
näherung der „unziralisierten Wilden“, wie die Freifrau
neinte, sicher sein

Fortsetzung folgt
            
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