Full text : Dudweiler Zeitung (22.1909)

vesenhert des Erzyerzogs auf dem Rtandvergelande iun
Züddeutschland.
—r “ t— —
Titelhaudel.
Der Agent Schlittermann, der in einem
Brief gegen eine Zahlung von 80 000 Nark den Kom—
nerzienratstitel verschaffen zu können erklärte,
hat sich beim ‚Berl. Tagebl.“ gemeldet. Er teilt mit, er
habe den veröffentlichten Brief allerdings verfaßt, aber
aur ein Exemplar davon an einen Spitzenfabrikanten in
Frankfurt a. M. gesandt. Schlittermann will im Au trage
des landwirtschaftlichen Bankinstituts in der Kurfürsten
traße in Berlin gehandelt haben. Dieses Institut habe
hn beauftragt, einen Herrn zu besorgen, der gegen Zahl—
aung von 80 000 Mark den Titel kaufen wollte. Er habe
dann mit verschiedenen bekannten Berliner Persönlichkei—
ten in Unterhandlungen gestanden, die aber zu keinem Er—
zjebnis geführt härten. Von einem Freunde sei ihm dann
der Fabrikant in Frankfurt a. M. genannt worden, mil
dem er sich schriftlich in Verbindung fetzte. Dieser wollte
sjedoch von dem verlockenden Anerbieten nichts wissen und
habe geschrieben, daß er verzichte Mit der Summe von
30 000 Mark habe es folgende Bewandtnis: Einem in
Berlin lebenden französischen Kunstgewerbler sei von sei—
nen Freunden in Paris eine Jahresrente geboten worden,
venn er das Feld seiner fruchtbaren Tätigkeit nach Paris
zerlege. Dies sei zu Ohren des deutschen Kaisers gekom—
nen, der den Wunsch ausgesprochen habe, daß man un—
er allen Umständen versuchen möge, den Kunstgewerbler
in Berlin zu fesseln. Hierauf seien einflußreiche Berliner
Hersönlichkeiten auf den Gedanken gekommen, dem Manne
zu hel'en und ihn pekuniär zu unterstützen. Das land—
virtschaftliche Banlinstiuut sei dann beauftragt worden,
drei Herren zu ermitteln, von denen jeder 80 000
MNark zahlen sollte. Dafür sollte der Spender den Titel
ines preußischenn Kommerzienrats erhalten. Zwei
Berliner Herren hätten bereits die Beträge gezahlt und
»afür den Titel erhalten. Den noch fehlenden dritten
Mann sollte er, Schlittermann, besorgen. Von den ein—
zgegangenen Beträgen sollte der Kunstgewerbler 150 000
Mark erhalten. Der überschießende Beirag von 90000
HKark sei für Unkosten und Provisionen bestimmt gewesen.
die Nachricht, daß die Kriminalpolizei in der Wohnung
Schlittermanns gewesen, sei richtig. Sie habe ihn aber
nicht gesucht, denn er sei polizeilich gemeldet. Die Kri—
ninalpolizei habe ihn besucht, um Auskünfte über seine
jandelsgerichtliche Eintragung zu erlangen. Vorschüsse auf
darlehen habe Schlittermann nie genommen.
(Diese Darftellungen klingen so befremdlich, daß nun
nehr eine amtliche Klarstellung schleunigst erfolgen muß.
Es ist wohl anzunehmen, daß die Polizei der Sache in⸗
wischen nachgegangen ist. Die polizeilichen Ermittelungen
iind alfo nicht so harmlos gewesen, wie Herr Schlitter⸗
mann glauben machen will. Das von ihm erwähnte In⸗
nitut heißt Landwirtschaftliches Bankinstinut Albert Wirtz,
Inhaber Richard Wirtz. Auch diesem Institut wird nun—⸗
mehr wohl näher nachgegangen werden. Jedenfalls muß
dieser mit solcher Keckheit getriebene Titelhandel schon
ungslos bloßgelegt werden. D. Red.)
Die Enthüllung des Weltvpostverein⸗
Denkmals.
In Anwesenheit der Abgeordneten von 44 Staaten
des Weltpostvereins, des gesamten diplomatischen Korps,
des Bundesrates, der Vertreter der Bundesversammlung,
der Beamten der internationalen Bureaus und weiteren
Bästen erfolgte in Bern die feierliche Uebergabe des
Denkmals zur Erinnerung an die Gründung des
Weltpostvereins. Die ofifiziellen Teilnehmer
wurden zuerst im Nationalratssaale durch Bundesrat For—
er begrüßt; im Namen der fremden Gäste dankte Gene—
aldireltor Mongenaft (Luxembura) für die Einladung zur
Feier
Am Denkmal sprach der deutsche Staatssekretär
drätke im Namen des Weltpostvereins und übergab
das Denkmal der Obhut des Bundesrates; er gedachte
dabei jener Männer, welche die große Idee der interna—
tionalen Regelung des Postverkehrs zur Verwirklichung ge—
bracht haben durch den vor 35 Jahren abgeschlossenen
Berner Vertrag; die Gründer der Weltpostunion haben
sich damit selbst ein monumentum aere perennius gesetzt.
Das hier errichtete Denkmal soll ihr Gedächtnis ehren,
den kommenden Geschlechtern die zivilisatorische Bedeut—
ung des Weltpostvereins zum Bewußtsein bringen und den
Postverwaltungen ein Ansporn dazu sein. weitere Fort
schritte zu schaffen.
Bundesrat Forrer übernahm das Denkmal, ver—
prach treue Hut, sprach die Hoffnung aus, daß es auch
völkerrechtlich als heiliges Gut gelte, und dankte den
Vertretern fremder Staaten für das der Schweiz ge—
chenkte Vertrauen. Der Direltor des internationalen Bu—
reaus des Weltpostvereins, Ruffiy, gab einen Ueber—⸗
blick über die Entwickelung des Weltpostvereins sowohl
hinsichtlich der räumlichen Ausdebnung als der Vermehr—
ma der Verkehrsarter
ich ihn auch zu sehr und habe durchaus keine Lust, au
seine Liebe zu verzichten.“
„Hören Sie mich an, Helga, dann werden Sie ihn
freiwillig aufgeben, wenn Sie ihn lieben,“ sagte die Grä—
fin; dann flüsterte sie leise dem armen, erschrockenen Mäd⸗
chen einige Worte ins Ohr.
O, nein — nein! es ist nicht wahr,“ stöhnte Helga
bebend.
„Es ist nicht wahr, Sie sind grausam gegen mich.
X
„Sie haben meine schönsten Hoffnungen zu Grunde
gerichtet,“ versetzte die Gräfin eisig; aber ehe sie ein wei—
teres Wort hinzufügen konnte, fiel eine Hand schwer auf
ihre Schulter und entsetzt starrte sie in das sinstere Antlitz
ihres Gatten.
Unbkemerkt hatte er das Boudoir seiner Gattin be—
treten und teilweise dte Unterhaltung gehört. Sein Antlitz
ward erdfahl, seine Glieder bebten
„Was hast Du diesem Kinde gesagt, Wilma?“ fragte
er mit heiserer Stimme. ‚Guter Gott, warum quälst Du
jie, die Dir nie ein Leid zugefügt hat!“
SHelga sprang von ihrem Sitze auf und schwankenden
Schrittes näherte sie sich dem Grafen.
„Ist es wahr?“ fragte sie bebend. Sie meinen es gut
mit mir und wollen mir gewiß nicht wehe tun; ist es
wahr, was mir die Gräfin gesagt hat?!“
Er zog sie zu sich heran und faßte ihre eisigen Hän—
de. ‚Was hat sie Ihnen gesagt. mein Kind?“ fragte er zärt⸗
lich.
Sie sagte mir, daß ich kein Recht auf den Namen
habe, den ich trage; daß meine Mutter — hier brach
sie in Tränen aus und konnte nicht weiter sprechen.
Der Graf warf seiner Gattin einen finsteren Blick zu,
ehe er autwortete! Daß Sie kein Recht aus den Namen
haben, den Sie tragen, das ist wahr, Helga. Ihre Mutter
war eine der besten, edelsten Damen, die ich je gekannt
habe, und ihr rechtmäßiger Name ist hochangesehen und
geehrt

Luftschiffahrt..
5 Die Fliegerwoche in Köln.
Am Montag, der durch einen Nordwestwind von
nehr als 10 Setundenmetern Stärke und Regen ftark be⸗
einträchtigt wurde, wohnten der kommandierende General
des 8. Armeefsorps von Plötz und der Gouverneur Kölns,
don Sperling, den Flügen bei. Bleriot machte im ganzen
iechs Aufftiege, die aber wegen des Windes mir von
ürzester Dauer waren. Paulhan unternahm drei Auf—
ttiege, darunter einen von 20 Minuten Dauer. Waͤhrend
letzterem stieg Bleriot zu seinem 5. und 6. Fluge auf.
Um 6 Uhr wurden die Flugversuche abgebrochen.
Die Frankfurter Fliegerwoche.
Aviatikerflüge fanden wegen des ungünstigen Wetters
am Montag nicht statt. Am Rachmettag unternahm Herr
Reichelt mit einem Euler⸗Flieger Gleitflugversuche und er—
teichte dabei die besten bisher in dieser Entsernung er—
sielten Refultate: 5,10 Uhr in 7 Sek. 44 Meter; 5.20 Uhr
n 74 Sek. 44 Meter. Er hat hiermit den Preis von
»0 Mark, den Aufmunterungspreis von drei Frantfurter
derren für gelungene Schwebeflüge von mindestens 40
MNeter Länge gegen den Wind gewonnen. — Bleriots
Apparat ist von Berlin nach hier abgegangen.
Antwerpener Flugwoche.
Für die in Antwerpen angesagte Flugwoche sind bis
etzt verpflichtet: Rougier, Delagrange, de Caters und der
deuische Schluchter, außerdem werden der französische
Lenkballon Coriac und der deutsche Clouth erwartet.
Letzterer will die Fahrt von Frankfurt a. M. nach Antverpen
 in der Luft aurücklegen.

F

Aus aller Welt.
Duellunfug. Dienstag früh fand in Görlitz ein Pi—
lolenduell zwischen einem Offizier, der sich in Görlitz zu
Besuch aufhält, und einem Studenten statt. Der Oisizier
erhlelt einen Schuß in den Leib.
Unterschlagungen. In Lille wurden zwei Un—
eroffiiziere wegen Unterschleise beim Einkauf von
debensmitteln verhaftet; weitere Verhaftungen stehen
evor. Einer der Beschuldigten ist nach Belgien geflüchtet.
Großfeuer. Die große Dachpappen- und Ziegelfabrit
Lewinsky u. Co. in Lemberg siteht in Flammen. Der ge—
amten Feuerwehr der Stadt und Umgebung und mehre—
en Kompanien Infanterie ist es bisher nicht gelungen,
»en Brand zu lokalisieren. Der bisher angerichtete Scha—
en belauft sich schon auf 14 Willionen.
Zur Fahnenraube⸗Affäre. Dem „Petit Parisien?“
ufolge hat Oberst Rauch, der Kommandeur des 131. In
anterieregiments, in dessen Obhut sich die verunglimpfte
Fahne des 334. Reserve-Regiments befand, sein Ent—
assungsgesuch eingereicht, doch wurde ihm von seiner
orgesetzten Militärbehörde bedeutet, bis auf weiteres auf
einem Posten zu verbleiben.
Attentat? Nach einer Privatmeldung aus Cettinje
oll dort auf einen Prinzen von Sachsen, als
ieser in Begleitung eines montenegrinischen Ministers
on einem Besuch beim Fürsten Nikolaus zurückkehrte, aus
inem Hinterhalt mehrere Schüsse abgegeben worden sein.
Dieselben gingen jedoch fehl. Die montenegrinische Re—
zierung sei bemüht, die Angelegenheit zu verheimlichen.
Schnelle Fahrt. Der englische Dampfer „Lucania“
hat seinen eigenen Rekord geschlagen, indem er die Fahrt
;on London nach Amerila in 4 Tagen 15 Stunden 52
Minuten ausführte
Eisenbahnmord. In einem Abteil 1. Klasse eines
Personenzuges wurde auf der Station Jaktorow der
Varschau-Wiener Bahn durch einen Unbekannten der Di—
eltor einer Leinenmanusaltur bei Warschau mit Ramen
Felix Fiebultowsty durch einen Pistolenschuß in die Schläfe
getötet. Man glaubt an den Racheakt eines Arbeiters.
Nette serbische Zustände. Auf der Terazia, dem
eliebiesten Platze Belgrads kam es zu einer Schlägerei
wischen dem serbischen Generalkonsul in Saloniki, Balud—
hitsch, der beim König persona gratissima ist und den
erbischen Bandenführern Babunski und Skoplanbe. Ba—
ugdschitsch, der bisher Konsul in Uesküb war, wird von
inem Teile der Führer der mazedonischen Serben schon
eit langem beschuldigt, die für Propaganda-Zwecke be—
immten Summen sich angeeignet zu haben. Darüber soll
un zwischen Balugdschitsch und den genannten beiden
zandenführern Streit entstanden sein, der in Tätlichkeiten
rusartete. Die beiden Bandenführer setzten ihrem Gegner
o scharf zu, daß dieser in das Ministerium des Aeußern
üchtete.
Schmähbriefe an Muley Hafid. Muley Hafid er
ält, wie dem „Matin“ aus Tanger gemeldet wird, täg⸗
ich Schmähbriefe wegen seines grausamen Verhaltens ge—
zen den Roghi und seiner anderen Gefangenen. Diese
Briefe stammen meist aus Frankreich und Enaland

Wissen Sie das bestimmt?“ fragte sie, unter Tränen
lächelnd.
„Ganz bestimmt — und es ist Zeit, daß Sie die volle
Wahrheit erfahren. Gehen Sie jetzt nach Ihrem Zimmer,
mein Kind, dort will ich Ihnen alles erklären; jetzt ersi
muß ich mit meiner Gattin sprechen“
Sie wollte gehen, doch er umschlang Fe mit den Ar—
men und schaute ihr tief in die großen, ANauen Augen⸗
terne; dann drüdte er einen Kuß auf ihre bleiche Stirn.
Verzeihen Sie mir — alles, was Sie gelitten haben, war
durch meine Schuld,“ flüsterte er ihr leise zu, dann ließ
r sie gehen.
Kaum hatte die Tür sich hinter der lichten Gestalt ge—
chlossen, als sich der Graf an seine Gattin wandte. Sein
Antlitz war sehr ernst und finster; seine Stirn legte sich
in drohende Falten.
„Du hast es nicht anders gewollt,“ begann Graf v.
Dornholt barsch zu seiner Frau gewendet, „ich würde mich
»emüht haben, Dir das Geheimnis zu verheimlichen, das
dir nur Schmerz verursachen wird. Aber Du hast die
jeiligsten Gefühle dieses unschuldigen Kindes tödlich ver—
ett, indem Du einen dunklen Schatten auf ihre Geburt
varfft.“
Er hielt inne. Die Gräfin hatte sich in ihren Sessel
zurückgeworfen. ‚Erzähle weiter. Ich bin doch gespannt zu
vissen, welches Interesse Du für dieses Mädchen hast, die
Dir vor wenigen Wochen nech eine Fremde war,“ sagte
ie hochmütig.
„Helga hat nicht allein ein Anrecht auf mein In—⸗
teresse, sondern auf eine väterliche Liebe. Sie ist mein
Kind!“
Die Gräfin wurde aschfahl. „Unmöglich!“ knirschte sie
mit den Zähnen. Dann hast Du mich betrogen. Du und
Dein Vater habt mich beide betrogen. Ihr beide gabt mir
die Versicherung, das Kind sei gestorben!“
„So glaubten wir auch beide,“ entgegnete der Graf,
nit Mühe seine Ruhe behauptend. „Ich sah mit eigenen
Augen die kleine Leiche in den Armen meiner entschla⸗

Gerichtszeitung.
SProzeß Dahfel. Der Erpressungsprozeß Dahsel hat
am Dienstag vor der dritten Strafkammer des Landge
tichts Berlin 1 begonnen. Nach kurzer Verbandlung w
om Gericht beschlossen worden, für die ganze Dauer der
rozesses die Oeffentlichleit auszuschließen, aber einen Ge
Achtsberichterstatter zur Verhandlung zuzulassen.
isß Agramer Hochverratsprozetz. Am Dienstag früh
erfolgte die UrteilsSverkündung im Hochverrats
rozeß. Adam und Valerian Pribitschewitssch sint
zu je zwölf Jahren schweren Kerlers verurteilt, 21 An
gellagte freigesprochen worden. Die übrigen Angeklagter
erhielten fünf bis sieben Jahre Kerker. Ein großes Wach
utfgebot befindet sich am Gerichtsgebäude; Militär ist kon
haniert. Bisher herrscht volle Ruhe—

Das Testament emes Mörders.
Unter den jüngst in Valence hingerichteten Banditer
befand sich auch ein gewisser David, dessen Fall von all
jemein psychologischem Interesse ist. David war der
däuptling der „Heizer des Drome⸗-Departements“ und die
Zeele ihrer Pläne und Missetaten. Er zeichnete sich bei
der Begehung der Verbrechen, in der Untersuchung und
dei den Schlußverhandlungen durch vollkommene sittlich
Stumpfheit, durch geistige Gesühllosigkeit, Geistesgegen
wart, freche Verwegenheit, Kaltblütigkeit, Schlagfertigkei
und eine beständige Neigung zu witzelnder Spielerei aus
Alle diese Eigenschaften blieben ihm bis zu letzt treu. Er
vitzelte noch auf dem Gang zum Blutgeruͤst; das nieder
ausende Fallbeil schnitt ihm mit dem Kopf tarsächlich den
»egonnenen Witz ab. Als man ihn mitten in heftigstem
Regen, nur mit Socken an den Füßen, in den Gefängnis—
jof hinausführte, rief er, sowie er in die erste Lache trat
„Donnerwetter! Ich kriege nasse Füße! Ich werde min
ioch einen Schnupfen holen!“ Die Berichterstatter erblu
end, grüßte er sie mit einem Kopfnicken — die Händ⸗
varen ihm auf den Rücken gebunden — und sagte lä
helnd: „Guten Morgen! Schon so früh auf?“ Der Ge—
ängnisgeistliche trat an ihn heran. Er machte eine ab
vehrende Kopfbewegung und meinte mit höhnischem Tor
iund Mienenspiel: „Lassen Sie es diesmal gut sein; kom
men Sete ein andermal wieder, vielleicht nächsten Sommer
auf dem Eise!“ Er behielt seine Zigarette im Mund, al⸗
die Gehtilsen des Scharfrichers ihn bereits auf das Klapp
brett der Guillotine niedergestreckt hatten. Den Kopf ir
der Brille, begann er noch: „Legen Sie los, Herr Deib
ler; geehrte Versammlung, ich begrüße ...“ hier fiel das
Beil und machte der scheußlichen Possenreißerei ein Ende
In seiner Zelle hatte David nach seiner Verurteilunc
zum Tode seinen letzten Willen aufgesetzt. Er lautet nad
der Uebersetzung der „Voss. Ztg.“: „Dies ist mein Testa—
ment. Da mir der sreie Gebrauch meines Eigentums zu
teht, verfüge ich darüber folgendermaßen: 1. Ich vermach
Herrn Finanzminister Cochery den Betrag der Kosten mei—
nes Prozesses, damit er ihn den Durchstechereien der Flotte
hinzusügt und eine neue Steuer erfindet, um den guten
ranzösischen Stiefeln Silberlinge abzumelken. 2. Meint
Weste und Samtjoppe dem Herrn Feynier (dem Kanti—
nenwirt des Gefängnisses) als Entschädigung für zer
ichlagene Gläser und Schnäpse, um die ich den armer
Tropf geprellt habe. 3. Meine alten Socken dem Gefäng
nisarbeitspächter, der sich mit dem Schweiß der Gefange
nen mästet, damit er sie destillieren lasse und sich daraus
eine Haarwuchssalbe mache, wenn er eine Glatze haber
vird, falls er nicht schon eine hat. 4. Die Haut meine—
enie dem Polizeibeamten Herrn Chauvin in Valence, des
en Witterung und Gecchicklichkeit allseitig anerkannt sind
damet er sich daraus einen Tabaksbeutel mache, als An
denken an einen „Heizer“; da er ein guter Spürhund ist
wird er immer die Witterung eines Verbrechers in de
Nase haben. 5. Ich wünsche sechs Monate Kränte unt
dann das Verrecken all jenen, die bei der Urteilsverkünd
ung in Hochrufe ausgebrochen sind, um mich zu ehren
z. Das Ackerbauverdienstkreuz den Lyoner Polizisten fu
die Klugheit, die sie entfalteten, als ich ihnen erzählte,
was sie allein nie gefunden hätten. 7. Ich wünsche, daf
deibler an seinem Messer einige Scharten brechen, dami
er mehrere Male ansetzen muß, um meinen zwei lieben
ind teueren Freunden den Kopf abzuschneiden. 8. Ich ge
tatte den Richtern, die mich zum Tode verurteilt haben
ofern sie Liebhaber des Angelsport sind, ihre Angelhaken
nit den Maden anzuködern, die mein Luder verspeisen
verden. Damit werden sie sich gewiß ein reichliches Fisch
zericht einsangen. 9. Letzter Wunsch für die öffentliche
Zicherheit: Ich schlage vor, daß man auf Straßen und
Plätzen statt der Kreuze und anderer Vogelscheuchen kleine
Buillotinen ausstelle. So wird in unserem schönen Frank
reich ohne Zweitsel das Verbrecherium zurückgehen, denn
Zie glauben gar nicht, wie dieses niedliche Spielzeug die
Ppechen und Kompanie schreckt. Das könnte sie auf den
riechten Weg zurücksuhyren. Wer weiß? Und nun: Gute
acht Ihren Hühnern! Gegeben in meiner Zelle, gesund
n Leib und hesonders an ““ Nudwiag David
—*— — — —— —
genen Satktin. Wie sonnte ich da ahnen, daß bie alt⸗
Försterin mich betrogen hatte?“
„Ich verstehe es jetzt noch nicht,“ stöhnte die Gräfiungeduldig.

„Ich hatte zwei Kinder — Zwillinge. Das eine start
eine halbe Stunde nach seiner Geburt und wurde mit sei—
ner Mutter begraben. Das andere Kind hielt die För
sterin verborgen; denn sie fürchtete, das kleine Wesen könnt—
den Zorn meines Vaters erregen.“
Woher weißt Du denn, daß Helga dieses Kind ist?
„Die wunderbare, auffallende Aehnlichkeit mit ihren
Mutter ist hinreichender Beweis: aker dennoch würde ickh
mich nicht damit begnügt haben. Gestern suchte ich da
her die alte Försterin auf und hörte von ihr die Wahr
heit bestätigt. Als die kleine Helga wenige Wochen al
war, fürchtete sie eine Entdedung, darum brachte sie da—
kleine Wesen vor die Tür der alten Tante Eva, die mem
ecste Gattin verstoßen hatte. Die Alte scheint in ihre
aarten, schroffen Weise dennoch gut für das Kind gesorgh
u haben, bis General von Mengern. der Bruder der
ten Dame — aber nicht Helgas Grofßzvater — die Klein
u sich nahm, ihr seinen Namen und eine vorzügliche Er
sziehung gab. Meine erste Gattin wurde in ihrer frühesten
dindheit eine Waise, und fand eine liebeleere Heimat in
dause ihrer Tante, der einzigen Schwester ihrer Mutter.
Die alte Dame hat bitter das Unrecht bereut, was su
neiner ersten Gattin zugefügt hat, und um es einigerma
zen zu sühnen, hegte und pflegte sie das hilflose, klein⸗
stind der Verstorbenen.
Die Gräfin sah vor sich hin, zornig blitzte es in ihren
Augen. „Welchen Grund hatte die Försterin. das Kind zu—
verbergen?“ fragte sie kurz.
„Ehe meine Gattin starb, nahm sie der treuen Alten
das Versprechen ar, das Kind zu verbergen, damit mein⸗
„ikunft nicht durch das kleine Wesen verbittert werden
ollte. Weißt Du denn nicht, daß mein Vater mir mi
Enterbung gedroht hatte??ꝰ 20
Ja, ich weiß es“ 9* X *
            
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