Deutscher Volksparteitag.
Der 29. Parteitag der Teuijgen Volkspartei, der in
den Räumen der Stadthalle m Heidelberg am Sonntag
eine Hauptsitzung abhielt, sard narürlich unter dem
Zeichen des aikttuellen T— Der Einigungs—
rage der gesamren dn Verpartertag
war von zablreichen Delegierten der verschiedenen liberacen
Gruppen und auch von Vertretern der Nationalliberalen
Partei beschickt. Nach der Erstattung des Kassenbe—
ichtes durch M. W. Hogenemser behandelte der
Parteitag die Frage der Einigung der Linken.
Payer hielt die einleitende Rede. Nachdem er sich in
längeren Ausführungen mit der Novemberkrisis und der
Reichsfinanzreform beschästigt hatte, wandte sich der demo—
kratische Führer der Einigungsfrage zu: Die Fraktions—
gemeinschaft der Linksliberalen, so gut sie gewirkt habe,
reiche nicht aus. Eine andere Gemeinsamkeitsform als der
tatsächliche Zusammenschluß birgt den Keim zu Unstim⸗
migkeiten nach innen und gibt dem Liberalismus nich
die Wirkung nach außen. Entweder, oder. In ei—
ner Gesamtpartei können sich die vorhandenen bisherigen
Richtungen durchsetzen, vorausgesetzt, daß die neue Partei
nicht zentralitisch ist, sondern den Einzelgruppen
und Landesparteien ihr natürlches Recht auf Selbstbestim—
mung der Sonderfragen läßt. Die tattische Frage des
Zusammengehens mit der Sozialdemokratie iist
eine Zukunftsfrage, die von Fall zu Fall entschieden wer—
den muß und nicht zu einer vorgesaßten Bindung führen
darf. Vertrauen muß innerhalb der bürgerlichen Lin—
len bestehen, Vertrauen zu sich selbst und zu dem gesun—
den Sinn der Parceileiuungen. Jetzt oder nie,
ist der Zeitpunkt, mit einer geschlossenen großen liberal—
demokratischen Partei entschlossene Politik zu treiben. Der
Viererausschuß hat das Richtige bisher getroffen, und die
Demokratie wird es an ihrem auten Willen weiterhin
aicht fehlen lafsen.
In der Debatte kamen fast durchweg Zustimm⸗
mgserklärungen zu den Ausführungen Payers und der
Einigungsfrage zum Ausdruck. Schließlich fand folgende
Resolution Annahme: „Der Parteitag der deutschen Volks—
partei stimmt der Auffassung des Wenteren Ausschusses zu,
daß der Zeitpunkt für die Schafsung einer einheitlichen Par—
tei auf Grund eines freiheitlichen Programms mit einer
die Bewegungsfreiheit der Parteigenossen der einzelnen
Länder gewährleistenden Organifation gekommen sei, er
erklärt sich, gleich weit entfernt von einer Mißtrauen er—
weckenden Ueberstürzuug wie von einer übergroßen, die
zesinde Entwicklung hemmenden Bedentlichkeit, zu red—
licher Mitarbeit bereit und begrüßt es, daß der Vierer—
ausschuß der drei linksliberalen Parteien der praktischen
Lösung der Angelegenheit nahegetreten ist und die unent—
behrliche Verständigung über die wichtigsten programma—
tischen, organisatorischen und taktischen Fragen in die Wege
zeleitet hat.“ — Ferner wird beschlossen: „Der Parteitag
pricht der Reichstagsfraktion für die kluge und tatkräftige
Vertretung der Interessen und Meinungen des deutschen
Volkes, für die treue und opferwillige Arbeit im Dienst
des demokratischen Gedanlkens wärmsten Dank und volles
Vertrauen aus.“
Der nächste Varteitag sindet 1910 in Stuart
statt.
Die Hudson-Fulton-Feier.
Der von den deutschen, österreichischen
und schweizer Vereinen nachts veranstaltete al⸗—
legorische Festzug bildete einen sehr glänzenden
Schlußeffekt der Hudson⸗ und FultonFeier. Et—
wa 18 600 Personen, sowie 50 Schauwagen waren im
Zuge, letztere mit Tableaur, deren Vorwürfe meistens der
deutschen Sage und Geschichte entnommen waren. Das
Wetter war sehr schön. Zuschauer waren in enormen Mas—
jen erschienen, die Ordnung war musterhaft und der Ver—
kehr während der ganzen Nacht derart, daß erst nach Ta—
gesanbruch das Gedränge auf den Hoch- und Untergrund—
dahnen etwas nachließ.
Die Morgenblätter loben allgemein die Leistungen der
Deutsch-Amerikaner. Die New-Yorkter sind fehr enttäuscht
iber das Ausbleiben der von der Hudsonkommission ver—
prochenen Luftfahrerleistungen. Außer den
gemeldeten Aufstiegen ist keiner ersolgt. Große Menschen—
mengen warten täglich vergeblich auf Aufstiege. Bei dem
geringsten Wind erklären Wright und Curtiß, die
Witterung kei unaünstig.
Theaterblut.
Vor den Schwurgerichten in Breslau und Güstrow
gelangen in den nächsten Tagen wei Prozesse zur Ab—
urteilung, die eine mertwürdige Lebereinstimmung auf—
weisen. In Breslau steht heute dienstag der Operetten.
sänger Anton Dworzak, genannt Zofer unter der An—
lage, das Mordattentat auf die Soubrette Annie Tharau
im März d. J. verübt zu haben. Nur einem Zufall hat
ꝛs die Künstlerin zu danken, daß sie mit dem Leben da—
on gekommen ist.
Fräulein Annie Tharanu, die jetzige Gattin des
Mifdirektors eines Berliner Speéezialitäten-Theaters, ge—
von neuem errtlangen die heiteren jen der Tanzmusit.
Du siehst erregt aus — was fehlt Dir, Wilma?“ fragt
Graf Dornholt und schritt auf seine Gattin zu, die in e.
ner entfernten Fensternische des Saales in finsiere Gedanlen
versunken sich zurüctgezogen hatte.
„Es ist schlimm genug,“ brauste sie fast heftig auf.
Soll ich es ruhig und gelassen ansehen, daß die Uebsten
Wünsche meines Herzens durch dieses Geschöpf mit einem
Schlage zerstört werden? Im selben Augenblid, als sie
unser Haus betrat, wußte ich, daß sie Unheil über uns
bringen, aber ich ahnte nicht, daß es schen so bald kom—
men würde.“
Der alte Graf schaute durchbohrend seine erzürnte Gat⸗
kin an; sein Antlitz verfinsterte sich.
„Was meinst Du? Von wem sprichst Du?“ fragte er
kurz.
y Helga von Mengern natürlichl“ *
Dieser kurze Ausruf war die einzige Antwort, doch
die Gräfin lachte heiser auf und fuhr in derselben Erre⸗
gung fort:
Du würdest nicht so ruhig bleiben, wenn Du gesehen
und gehöẽrt hättest, was ich beobachtet habe. Aber es
oll ihr nicht gelingen; sie soll niemals den Freigerrn von
Horster heiraten.“
Mit festem Griff erfaßte der Graf das Handgelenk
seiner Gattin, dann glitt es wie ein Lächeln über sein
tinsteres Antlitz. „Willst Du damit sagen, daß Leo Helga
liebt, und daß er von ihr wieder geliebt wird?“ fragte er
erwartungsvoll.
„Jal⸗
„Gott sei Dank!“ murmelte er zwischen den Zähnen,
dann fügte er laut hinzu: „Darüber freue ich mich, Wil—⸗
ma. Leo hat eine gute Wahl getroffen.“
Einen Augenblick war sie zu erschroken, um zu ant⸗
vorten, aber dann stieß sie rauh hervor:
„Höre ich recht? Du, der eigene Vater, kannst es ruhig
mit ansehen, daß eine andere lich in den Platz eindrängt,
»der rechtmäßig unserem Kinde gebührt? Tenit Du denr
0 ——
soörte im letzten Winterhalbsahre dem Breslauer Schau
picl ause an, zugleich mit Dworzot-Hofer, der sich währent
eser Zeit sterblich in sie verliebt harte und sie angeolic
u heitaten beabsichtigte. Es scheint auch, daß die Kuͤnst
erin ihm Hoffnungen gemacht hatte, denn als Ansangç
März d. J. der bekannte Weener Komponist Granichstäd
ten in Breslau eintraf und der hübschen Soubrette in auf
saliender Weise den Hof machte, erfaßte seinen Neben
buhler Hofer eine wahnsinnige Eisersucht, die ihn zu ei.
nem verhängnisvollen Schritt verreitete, als er erfuhr, daf
Granichstiädten sich in der Wohnung der Soubrette auf⸗
hielt und mit ihr die Verlobung eingegangen war. Hoser
hatte die Wohnung schon mehrere Tage vorher umschli—
hen und sich ein scharf geichtiffenes Taschenmesser besorgi,
um damit die Sängerin zu öten, zum mindesten aber u
hr ganzes Leben zu entstellen. Mit diesem Wesser bo—
vaffnet drang er in die Wohnung ein und versetzte der
hmuäentgegentretenden Künstlerin zwei tiese Wiesserstiche
in die Brust und schnitt ihr dann vom rechten Ohr quer
iber die Backe nach dem Mund zu das Gesicht auf. Auch
zrachte er ihr an der linken Kinnbacke einen tiefen Schnitt
dei, der ebenfalls bis zum Wunde reichte. Nur der Um—
tand, daß die Künstlerin in Korsett trug, hatte verhin—
dert, daß das Messer bei den Suschen in die Brust auch
as Herz gedrungen war. Ter Atientäter eilte dann in
eine Wohnung, wo ar einen Selbstmordversuch unter—
tahm, indem er sich die Pulsadern durchschnirt. Er suchte
eine Klinik auf, konnte abecr schon am nächsten Tage wie
der entlassen werden und haͤlte dann noch die Dreistig
eit, am Telefon nach einem Besuch seines Opfers zu ver
angen. Mitulerweile hat die Kansjtlerin den Komponisten
Vranichstädten geehelicht und ist wieder als Soubretie
ätig. Hofer hat schon irüher auf eine Breslauer Schau—
pielerin einen ähnlichen Mordversuch und ferner in
Nünchen ein ziemlich veden!“ches Eifersuchtsattentat ver—
ibt, sodaß es Sache ser Geschworenen sein wird, festzu—⸗
tellen, mit was für einem Manne sie es zu tun haben.
Weit tragischer als dieses Attentat gestaltete sich die Rord
At an der Opernfäangerin Frida Bartholdt in Rostock,
die drei Tage nach dem Breslauer Prozeß — am 7. Ot
ober — das Schwurgericht in Füstrow beschäftigen wird
luch hier ist wahnfinnige Eifersucht das Leitmotip gewe.
en, nur mit dem Unterschiede, daß die Tat nicht von
inem verliebten Manne, sondern von einer verliebten
Frau gegen das bedauernswerte Opfer ihres Hasses ver—
ibt wurde. Auch Fräulein Frida Bartholdt wär verlobt
ind zwar mit dem Reisenden einer großen Berliner Er⸗
»ortfirma Waldemar Koch. Dieser hatte aber Unterschlag—
ingen begangen und war nach Paris geflüchtet, wohin
hn die jetzt 24jährige Modistin Auguste Zobel aus Ber
lin begleitete, die sich Hosfnungen auf seine Hand machte,
Als sie dann erfuhr, daß Koch weiterhin auch Beziehun
jen zu der Rosiocker Sängerin unterhalte, veranlaßte sie
hn zur Rückkehr nach Deutschland und ließ ihn hier fest.
iehmen, um während der Zeit seiner Gefangenschaft Fri
xrida Bartholdt zur Aufhebung des Verlöbnisses mit ihm
u bewegen. Sie war zu diesem Zwecke mehrfach persan—
ich in Rostock gewesen und bedrohte bei diesen Gelegen—
zeiten Fräulein Bartholdt mit einem Revolver, was die—
er jedoch keinerlei Befürchtungen einflößte. Am 25. März
». J. erschien nun die Zobel gegen 5 Uhr namittags wie
»er in Roftock und suchte Fraͤulein Bartholdt in ihrer
Wohnung auf, wo sich auch noch deren Freundin, ein
Fräulein Lillh Böttcher aus Berlin befand. Während
ich Fräulein Böttcher aus dem Zimmer entsfernte, über—
reichte die Zobel der Frida Bartholdt einen Brief, mit
der Aufforderung, ihn zu lesen. In dem Augenblick, als
zie Künstlerin den Brief entfaltete, zog die Zobel aus
hrem Muff den Revolver hervor und schoß der unglück—
lichen Künstlerin durch den Brief hindurch in das linke
Auge. Die Kugel durchbohrte den Kopf des Frl. Bar—
holdt, die sofort tot zusammensank. Die Mörderin be—
tritt ebenfalls jede Mordabsicht und gab nur zu, daß
ie der Künstlerin durch einen Schuß in die Kehle die
Stimme hätte raubza wollen, um sie an einem weiteren
Auftreten zu verhindern
—Nn —r — —
Aus aller Welt.
Schülerselbstmord. In Hannover erhängte sich der
2ijährige Realschüler Schmitz, weil er bei der Klassenver—
etzung vom zweiten auf den vierten Platz gekommen war.
Raubmordversuch. Im Norden Berlins, in der
Invalidenstraße 117, wurde in der 8. Morgenstunde der
rleiderhändler Horwitz in seinem Verkaufsraum von ei—
iem jungen Menschen hinterrücks niedergeschlagen und
chwer verletzt. Der Täter flüchtete unter Mitnahme ei—
ies Anzuges, konnte aber ergriffen werden. Es ist ein
rus Glatz gebürtiger, 20 Jahre alter Ackerknecht.
Tödlicher Jagdunfall. In Vabrun bei Wittenberg
erunglückte nach Beendigung einer Fasanenjagd die Frau
eiines Waldarbeiters, indem ein Gewehr, das sie vom
Boden aufhob, losging. Die Frau, welche die Schrot—
adung in die Brust erhielt, war sofort tot.
Automobilunglück. Aus Landsberg bei Halle wird
gemeldet: Auf der Berlin-Anhalter Chaussee fuhr ein Au—
omobil gegen einen Baum. Die Insassen wurden her—
usgeschleudert und erlitten schwere VNerlekungen
„Still, kein Wort weiter!“ gebot er fast streng. Ich
sagte Dir schon einmal, daß Irma nicht zu einer liebelo—
sen Ehe gezwungen werden soll. Sie fühlt für Leo nicht
jene Liebe, die eine Frau für ihren Gatten fühlen muß,
im ihn glücklich zu machen, daher freue ich mich, daß
Leo für sich gewählt hat.“
„Woher welißt Du denn so genau, gaß Irma ihn nicht
liebt?“ höhnte sie.
„Ich kin doch nicht blind! Ihr Herz gehört dem jun⸗
gen Leutnant, Hugo von Berkow.“
„Wirst Du diese Verbindung zugeben?“ fragte die Grä⸗
fin fast atemlos.
„Gewiß. Das Glüd meines Kindes ist meine erste
pflicht.“
„Dann sage ich Dir, daß ich meine Einwilligung ver—
veigere. Ich bin die Mutter und verlange daher von
neinem Kinde unbedingten Gehorsam.“
„Und ich bin ihr Vater, vergiß das nicht, Wilma,“
zersetzte der Graf mit der größten Gelassenheit. Dahet
teht mir das Recht zu, über Irmas Zukunft zu entschei
hen.“ —
„Dul?“ zischte sie mit unverkennbarem Spott, „Du
warst von jeher ein schwacher Charakter — ich wundere
mich selbst, daß ich mich dazu verstand, Deine Gattin zu
werden.“
„Du verfoltest Deine eigenen Absichten; meine Stel—
ung blendete Dich,“ entgegnete er ruhig. „Aber laß uns
iber längst Geschehenes nicht streiten; Du bist jetzt erregt
uind unsere Gäste könnten aufmerksam werden.“
Die Gräfin war eine vollendete Weltdame. Im Nu
var ihr finsteres Antlitz geglättet; ein Lächeln schwebte
ogar auf den Lippen, als sie jetzt am Arm des Gatten
ich unter die Tanzenden zurückführen ließ. Doch der alte
Braf konnte sich weniger beherrschen. Ungesehen zog er
sich in sein Arbeitszimmer zurück, durchmaß es mit un—⸗
ruhigen Schritten und zog dann die Klingel.
„Suchen Sie den Freiherrn von Horster auf; ich lasse
ihn hierher bitten,“ befahl er dem eintretenden Tiener—
BJ—
Rekrutenausschreitungen. In einem Nachtzug
der eine Anzahl französischer Rekruten nach einer der Gar
nisonen der Ostgrenze brachte, befanden sich mehrere durd
runkenheit erhizte Pariser Elemente, die die Fensier und
Lampen der Wagen zertrümmerten und anderen Schaden
inrichteten. Weder das Bahnhofspersonal noch die Gen
darmen konnten die wüsten Austritte verhindern.
Abdul Hamids Edelsteine. Der berühmte franzö
sische Juwelier Cartier ist zur Abschätzung der Edel
stterne des Ersultans Abdul Hamid, deren Versteige
tung demncchst stattsinvet, in Konstantinopel eingetroffen
Geftändnis. Aus Macon wird gemeldet: Die Un
leruchung betresfs Schändung der Fahne des 134. Regi
ments führte zur Verhajstung des Trompeler Chanteayr
von der 5. Kompanie. Der Trompeter war mit einiger
Tagen Arrest bestraft worden und da man ihn im Ver
»acht hatte, so gab man ihm einen Geheimpolizisten al—
Zellengefährten. Diesem gegenüber ließ sich der Trompe
ter sehr bald zu einem Geständnis herbei.
Einbruch mit Bomben. In Simferopol dranger
zwei bewafsnete Männer in den Städtischen Schlachtho
und raubten die Kasse, die 300 Rubel enhielt. Währen
der Ver'olgzung schleuderte der eine eine Bombe, durch de
ten Explosion ein Mädchen verwunder wurde. Der an
dere leistete bei feiner Verfolgung Widerstand und wurd
erschossen. Später explodierte bei Besichtigung der Stell—
des Ueberfalls eine von den Räubern zurückgelassene Bom
he, wodurch ein Polizeioffizier getötet, zwei Polizeisolda
ten schwer. sowie drei Arbeiter leicht verletzt wurden
Vaul Flemings 300. Geburtstag.
Am 5. Oktober jährt sich zum 300. Male der Tat
in dem Deutschlands bester Lyriker im 17. Jahrhunder.
Paul Fleming, das Licht der Welt erblickte. Voller Gd
ühl, Phantasie und frischer, kräftiger Anschauung un
Darstellung hat er sich seinen Platz rasch erkämptt. Al:
geistlicher Sänger ist er am bekanntesten geworden dure
das Lied „In allen meiner Jaten, laß ich den Höchste
raFlIeTnIPnTG, ..
æuorn 300 G UTISRAG c. Pichrer
raten“, das er vor seiner persischen Reise schrieb. E
machte diese durch manche merkwürdigen Erlebnisse inte
ressante Reise, von der auch seine Gedichte berichten, als
junger Arzt im Gesolge einer Gesandtschaft mit, um Han
delsverbindungen anzuknüpfen. Glücklich heimgekehrt, starl
er zu Hamburg, wo er sich einen Hausstand gründern
wollte, 31 Jahre alt, in der Blüte seiner Jahre: er liea
in der dortigen Katharinenkirche begraben.
Vermischtes.
Oktober. Der Oktober, von dem lateinischen Zahl—
wort octo, d. i. acht, abgeleitet, bildete, wie schon sein
Rame besant. bei den alten Römern den 8. Monai dvo⸗
Fahres. Bei uns steht er an zehnter Stelle. Er smhr
sier die Bezeichnung Reb- oder Weinmonat. In ihn
sält der Winzer meistens seine Ernte. In älteren deut
chen Schristen wird der Okrober auch vie fach Gilbhar
jenannt, mit Bezug auf das um diese Zeit erfolgende
Lergilben der Biätler. Der Landmann, der im Ottober
ie Obsternte beendet, wünscht sich diesen Monat recht trüb
ind regnerisch. Heißt es doch in den alten volkstümlicher
Reimsprüchen: Hat der Oktober viel Regen gebracht, se
zat er auch gut den Acker bevacht. Ist aber der Ottober
heil, so bringt er her den Winter schnell! Der Oktober
nit dem wir nunmehr in den zweiten Herbstmonat ein
letreten sind, bringt schon kühle Tage und entzieht uns mehr
ind mehr das Licht der unaufhaltsam abwärts gehender
Sonne. In Flur und Feld macht er mit seinen wilder
Stürmen tabula rasa, fegt die Blätter von den Bäumen
ind zeigt sich als ein recht rauher und unwirscher Geselle
dem es ein wahres Vergnügen zu sein scheint, an dem
Zerstörungswerk des Herbstes kräftig mitzuarbeiten. Nur
itzt man auch bald wieder gern zur Seite des wärmender
Dfsens und läßt die Behaglichkeit des Lebens innerhalb
»er vier Pfähle, die während des Sommers so gar nich
recht zur Geltuna kommen wollte. wieder auf sich ein
nirfen
„Sie wünschen mich zu sprechen, Herr Graf?“ begann
der Gerufene, der schon nach wenigen Minuten vom Die—
ner eingeführt wurde.
„Setzen Sie sich, Leo; ich will Sie nicht lange der
Gesellschaft eniziehen, nur möchte ich einige Fragen an
ie richten.“
Der junge Mann ließ sich in einen Sessel nieder und
beobachtete erwartungsvoll die ruhelosen Schritte seines vä—
terlichen Freundes.
„Waren Ihnen meine Absichten bekannt, die ich mit
neiner Tochter Irma und Ihnen hegte?“ sragte er dann,
olötzlich vor dem jungen Manne stehen bleibend.
„Ja, Herr Graf. Vielleicht hätte ich es Ihnen eher
agen sollen, daß die Erfüllung Ihres Wunsches mir un—
nõglich war. Es tut mir aufrichtig leid, Sie zu enttäu⸗—
chen, aber ich liebe Irma nicht mit der Liebe, die ich
neiner Gattin entgegen bringen müßte.“
„Lieben Sie eine andere? habe ich Recht, mein lie—
der Sohn?“
Leo war über diesen wohlwollenden Ton sichtlich über—
vscht; eine schwere Last war von seinem Herzen genom—
nen.
„Jal Aber woher wissen Sie das, Herr Graf?“
Es war doch nicht schwer, das zu bemerken. Sie lie
zen Helga von Niengern!“
——34 *1
„Hot sie eingewilligt, Ihre Gattin zu werden?“
„Bis jetzt kaum. Sie will mir morgen eine bestimmte
Antwort coben,“ entgegnete Leo.
„Dann nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihr zu
ünftiges Glüc, Leo“, rief der Graf, seinem jungen Freunde
räst g die Nechte jcuüttelnd. Es war früher wohl mein
Wunsch, Sie mit Irma vereint zu sehen, aber ohne ge
zenseitige Liebe hätten Sie beide kein Glück gefunden um
daher ist es nutzlos, darüber zu llagen.. Ich betrachte St,
deshalb nichts destoweniger nach wie vor als meinen ei
genen Sohn, und — Helga soll mir als Tochter herzlid
visstmmen feie—