Abessinien
* Aus Adis Abbeba ist die vrervung eingetrogen, daß
n der abessinischen Hauptsiadt und in Gondar die frem—
denfeindliche Bewequna ichon seit einiger Zeit
in Wachsen beariifen isi.
Hof und Gesellschaft
** Aus Madrid wird berichtet: Der König von Eng⸗
and und Gemahlin trifft am 18. Februar mit König
Atfons und der Köniagin Viktoria in Villa Gareias zu—
ammen.
Heer und Flotte
—* Das französissche Mittelmeer-Geschwader hat
ine Kreuzfahrt angetreten, welche bis 26. Februar wäh⸗—
en wird.
— * Der König von Sachsen besichtigte das Mi—
litär⸗Luftschiff „Gro ß 1“. Von dem beabsichtigten Auf⸗
tieg wurde wegen des dichten herrichenden Nebels Ab—
tand genommen.
α
Koloniales
*Gouverneur Truppel des siautschouer Gebiets
it amtsmüde. Nachdem er erst in der zweiten Hälite des
porigen Jahres einen längeren Urlaub in Japan ver—
rochte, hat er jetzt erneut einen solchen angetreten und
vird wahrscheinlich aui seinen Posten nicht mehr au—
ückkebren
Zur Krise auf dem Balkan
Großes Aussehen erregte in Saloniki das Wiederer—
scheinen eines seit 30 Jahren verschollen gewesenen Mi—
itärarztes namens Carmona. Er wurde damals nach
Adrianopel geschickt. Mehrere für Rußland Verrat übende
Dffiziere wälzten, als ihnen Enthüclung drohte, den Ver—
dacht auf Carmona, welcher verurteilt, degradiert und
rach der arabischen Wüste verbannt wurde. Die Konsti—
ution verschaffte ihm nun die Freiheit. Er kehrte heim
aund lieferte den Beweis seiner Unschuld. Der Kriegsmi
nister befahl die Revision seines Prozesses.
In Dobej in Bosnien wurde beim Wasserweihfest
in österreichicher Wachmann, der einen serbischen
ßauern verhaften sollte. von Landleuten des Bauern
rst och en.
„Daily Telegraph“ meldet aus Belgrad: Dort ein—
aufende Nachrichten verzeichneten große Unzufriedenheit
inter der bosnischen Bevölkerung. Gerüchtweise verlaute,
Desterreich beabsichtige, Bosnien und der Herzegowina noch
ꝛecr Zusammentritt der Konferenz eine Konstintion 31u
acerleihen. Weiter heißt es, die dem Staat gehörenden
Wälder und sonstigen Liegen'chaften Oesterreichs seien an
ine deutsche Besellschaäft vervachtet worden.
*
*
Zum Kouflikt zwischen Bulgarien der Türkei.
England erbot sich als Friedenenittler zwischen
zulgarien und der Türkei.
In einem in der Wohnung des bulgarischen Mini—
terpraäsidenten Malinow statigefundenen Ministerrat ist
jeschlossen worden, weitere militärische NRaßnahmen zu
reffen Ferner wurde der Standpunkt fesigesehßt, den Bul—
zarien angesichts der jetzigen Lage gegenüber der Türkei
inzunehmen hat.
Mach einer Meldung der „Times“ aus Konstantinopel
jat der türlische Kommissar in Sofia Befehl erhalten, die
ufmerksamkeit der bulgarischen Regierung auf die große
Lerantwortung zu senken, welche es durch seine jetzige
zaltung auf sich lade.
Es werden bulgarische Truppen-Abteilungen nach
darmanli, Tirnowo, Seymen und anderen Grenzpunkten
zorgeschoben. Die Türten haben im Gebiet von Kirds
alü große Versiärkungen herangezogen.
Der Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ in So—
ig ist von maßgebender Seite ermächtigt worden, alle
sachrichten, daß König Ferdinand zum orthodoxen Glau—
en übertreten wolle, sowie daß er beabsichtige, sich i
kirnowo als König krönen zu lassen, a!s absurd erfun—
zen zu bezeichnen.
Die bulgarisch-türkische Spannung scheint ihren He—
orohlichen Charakter zu verlieren. Von beiden Seiten
wird versichert, daß keine weiteren militäri'chen Maßre—
zeln geplant sein.
Nach einer Petersburger Meldung ist Rußland ent—
schlossen. das Königreich Bulgarien anznerkennen, wünscht
aber, daß alle Kinder des Könias Ferdinand zum or—
ihsdoren Glauben überkreten
— KMZe öööRöö
Deutscher Reichstag
Ios. Sitzuna.) Mittag 1 Uhr.
Berlin, 28. Jan.
Auf der Tagesordnung sieht die Fortsetzung der Be—
ratung des sozialdemokratischen Antrages Albrecht betr.
die Regelung des Vertraasverhäsmisies zwischen sändsichen
Die beiden Müller.
Erzählung von Hed da Lenagauevr.
Nachdruck verboten.
Franz Mütler gilt im Städtchen für einen ganz beson⸗
zers glücklichen Menschen. Das Baugeschäft, das er ange⸗
angen hat, geht vorzüglich. Freilich ... wenn man keine
Schulden hat, alles gleich bar bezahlen kann und auch in
er Lage ist, seiner Kundschaft laängeren Kredit geben zu kön—
ien, dann hat man bald großen Zuspruch.
Bargeld ist eben immer die Hauptsache bei Gründung
ines Geschäftes.
Das wußte Franz Müller selber auch und es üärgerte ihn
zeshalb immer, wenn Schmeichler von seiner Geschiellichkeit
und Tüchtigkeit sprachen.
Die besaß er früber auch schon, dennoch war er dabei
ein armer Schlucker geblieben, der es zu nichts bringen
lonnte. Und doch! .....
Tausendmal hatte sich Franz Müller schon mit heißer
Sehnsucht zurückgewünscht in seine alten. ärmlichen Verhält⸗
nisse.
Oes nachts, wenn er an quälender Schlaflosigkeit oder
in beängstigenden Träumen litt, dachte er voll Neid an den
esten, gesunden und ruhigen Schlaf, der ihn früher erquickt
datte und ihm frische Schaffeussreude gab, während er jetzt
chon am Morgen müde und elend wax und keine Freude zur
Urbeit mehr hatte.
Und daun ärgerte er sich über sich selbst.
Alles war ja nur seine eigene Schuld: nichts störte seine
Nuhe, niemand kannie die Wahrheit, niemals würde es an
»en Tag kommen, am welche Weise er sein Glück bearündet
zarte.
„Das Gewissen ist eine Erfsindung der Tore und Feig—
inge“, beruhigte er sich, jjeder ist seines Glückes Schmied
uind, wenn einer den Mut und die Kraft gehabt hat sich
Htück, Reichtum und Wohlergehen auf Kesten eines anderen
u verschaffen, so gebührt ihm Bewunderung, wie jeder, der
an Leben die Unistaände und den Zufall recht auszunutzen
yersteht, ein Kluger ist, der seinen Lohn verdient. Ein
Arbeitern uñd Gesinde einerseits und ihren Arbeitgebern
inderseits. Es werden beraten die Petitionsberichte be—
reffend Rechtsverhältnisse des Gesindes,
owie Aufhebung der Gesindeordnung und
ßewährung des Koad lition —tes an die laͤnd
ichen Arbeiter.
Abg. Stengel Ers. Vp)) polemisiert gegen die
ieulichen Erllärungen des Abg. Hahn über die Lage
er pommerschen Landarbeiter. Er selbst und seine Par—
eifreunde stimmten dem Grundgedanken des sozialdemo—
ratischen Antrages zu.
Abg. Varenhorsi (Rescchsp.) versichert, daß das
—FX Landarbeiter im Hannoverschen ein durchaus gu—
es sei.
Abg. Gothein (EFIrs. Vg.) polemisiert gegen den
Vorredner und gegen den Abg. Kleye.
Präsident Graf Stolberg teilt den Eingang ei—
ies Antrages von Normann und Gen. mit, auf nament—
iche Abstimmung über den Antrag Albrecht selbst, bezw.
be dessen Verweisung an eine Kommission. Die na—
nentliche Abstimmung werde, so fügt der Präsident hin—
u, erst morgen vorgenommen werden.
Abg. Hufnagel (Kons.) äußert sich gegen den
Intrag Albrecht. Die Verhältnisse der Arbeiter auf dem
Lande und die der Industrie seien grundverschieden. Der
Urbeitslohn auf dem Lande sei nicht so niedrig, wie
s8 scheine. Daran, daß unsere Vandwirtschaft erhalten
leibe, habe doch auch die Industrie ein großes In—
eresse, und da sollte man doch nicht an den Verhältnis—
en auf dem Lande, die sich bewährt haben, in solcher
Veise rütteln, sondern lieber über den Antraag zur Ta—
esordnung übergehen.
Abg. Brey Goz.) wendet sich gegen die Ausfüh—
ungen des Abg. Varenhorst, und geht dann ausführlich
ruf die Arbeitsverträge ein.
Abg. Wachhorst de Wende (ntl,) erklärt, daß
eine Freunde die in dem vorliegenden Antrage ge—
vünschte Geseßgebung noch nicht für notig hielten. Der
Ausdehnung der Krankenversicherung auf die Landarbeiter
müsse er allerdings zustemmen. Evenso hielten seine Par—
teigenossen eine Reform der Gesindeoronung für ange—
bracht.
Abg. Bösh mie (W. Bg.) weist auf die bedeutende
Abnahme der Geburtenziffer auf dem platten Lande hin.
Aug. Perter i5Frs. Vp.): As landwirtschaftlichen
Arbeitgeber erkläre ich, der freie, aufgeklärte Landarbeiter
irbeitet besser und deshalb auch billiger, als der mi
Knechssinn behaftete. (Beifall.) Es ist beschämend, daf
Preußen, daß doch gerade in Deutschland vorangehen
oll, noch solche Zustände aufweist, daß man überhauß
über das Koauitionsrecht der Landarbeiter hier noch ta
gelang diskutieren muß. (Sehr richtig! links.) Die Zoll
chraube muß doch endlich einmal eine Grenze haben
Lebh. Bessfall lints, Widerspruch rechts.) Weun der Au—
rag Albrecht Regelung der -Arbeitszeit verlangt, so
muß das allerdings erst gründlich geprüft werden.
Abg. v. Bolko (Kons.) meint, es gebe in der
Landwirtschaft überhaupt keine Zeit, wo sie ein Stret
anicht schwer schädigen könne. Man soltlte doch dafür
'orgen, daß ein Stand erhalten werde, der für den Staa
ebenso nötig ist, wie irgend ein anderer Stand.
Abg. Oettzzen GReichs) bhbefämvit den Antrag Al—
hrecht.
Hierauf ersolgt Vertagung.
Morgen 1 Uhr: Zentrumsinterpellation betr,
Schwarze Lisfste
Schluß 6 Uhr.
Spiel und Sport
(y) Deutsche Sporthehörde ina Aryletir. In Leip—
zig fand am 23. und 24 uar die zwölfte Wahlver—
anmlung der Deutsch Sportbehörde für Athletik statt,
der 666 Vereine mit 43 224 Mitgliedern durch 82
Stimmen vertreten waren. Im Anschluß an die im letz—
en Jahr erfolgte Neuorganisation der Sportbehörde durch
Srrichtung von Landesverbänden wird jetzt eine Kopf—
teuer von 5 Pfennig erhoben, deren erstes Viertel am
25. März fällig wird. Die Meisterschaften von Deutsch—
and werden in diesem Jahre dem Frankfurter Turnspori:
erband zur Austragung überwiesen, die Hoch'chulmeister
chaften finden aus Anlaß des 500jährigen Universitäts
uübiläums in Leipzig statt. Nach dem Beispiel anderer
Zrortzweige werden die Verbindungen mit den Tschechen
ibgebrochen. In der Angelegenheit des Berliner Sta—
dions ersucht die Sportbehörde ihre Landesverbände, an
zer Finanzierung durch Eingaben an die Städte mitzu—
nirken. Als Vorort wurde Berlin gewäblt. Die nächste
Wallversammlung soll in Weistdentichland abagehe
en werden
— —
Hunst und Sissenschaft
1) Radiumforschung. Wie das „Reutersche Bureau*“
erfährt, wird der Köonig Eduard demnächst ein Detret
erlassen, das die Gründung eines britischen Institutes für
Radiumforschung verfügt. Das Instirut soll sich aber nicht
Tein mit Forschunnsarheifen hefassen sondern eine rée—
Narvr aber wäre einer, der sich sein Leben und sein Genuß
»erbittern ließe mit Gedanken an die Vergangenheit.“
Auf diese Weise beschwichtigte sich Franz Müller selbst,
venn er manchmal daran dachte, wie er alles nur durch Be⸗—
trug und Lüge errungen hatte, um was ihn jetzt die Men—
chen so sehr beneideten, ohne zu wissen oder auch nuv zu
ahnen, wie oft der viel beneidete Mann zitterte, wenn er
an die Möglichkeit einer Entdeckung dachte, an die Sünde
and Täuschung, mit denen vereint er den guten Mar in die
Fremde getrieben und unglücklich gemacht hatte. Oftnials
zuch, wenn das bleiche Licht des anbrechenden Tages durch
die Fenster der Schlafkammer drang, sah Franz nach dem
Annerl; es schlummerte wohl sanft und friedlich, aber das
iebe, junge Gesicht war schmal geworden und bleich; ein
Zug von heimlichem Schmerz lag um dem Mund und tiefe
Zchatten zogen sich hin unter den von dunklen langen Wim—
»ern umsäumten geschlossenen Augen.....
Das Annerl war ein fleißiges, braves, treues Weib,
eine musterhafte Hausfrau, eine tadellose Mutter, aber glüch—
lich ... glücklich war das Annerl nicht geworden. das
sah man deutlich.
Zwar hatte sie niemals geklagt, immer gleich was sie
reundlich und aufmerksam gegen ihren Mann ... aber
der Schmerz um den andern, um den, den sie einst geliebt
zatte, den hatte sie doch noch nicht ganz vergessen, trotz aller
Pflichttreue und Selbstbeherrschung..... Und wenn dann
zdie Sonne höher stieg und ihre goldenen Strablen die Stube
zrhellten, wenn draußen die Vögel jubilierten und der
unge Tag rein und klar anbrach, da dachte Franz Müller
»aran, daß seine Person es war, die wie ein Schatten auf
zie sonnige Bahn ihres Daseins gefallen war, daß eyr in
einer blinden Leidenschaft es gewesen sei, der zwei von
shott für einander vestimmte Menschen förrenlich auseinander
rerissen hatte. Dann stand Franz Muürller raich von seinem
tager auf, kleidete sich an und eilte ins Freie. Er konnte
»as Gesicht Annerls, das in seiner bleichen, srillen Lieblich—
eit ein stumnmeyn Vorwurf für ihn war, nicht mehr anfehen
Dabei vergingen oft Stunden, in denen er, rastlos Wieser
ind Wald durchwandernd, seine Aufregung und seine Un—
ruhe zu bemeistern versuchte, his er es endlich vermochte
gelrechte medizinische Abteilung erhalten, in der die Möa—
ichkeir der Verwendung des Radiums zu Heilzwecken durch
Versuche an Kranken dargetan werden sosll. Dem Rait
⸗ses Instituts gehören an: Frederiec Treves Willianm
Ramse und Professor Thomson. Für Entdeckungen au'
diesem Gebiet bat Ernest Cafsel einen anehnlichen Fonds
gestiftet und in Cornwall hat sich eine Gesell'chaft gebil
det, un; die Gewinnung von Madium aus Nechbsende *
hetreiben
VBermisf tes
Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Wie ein Lehr⸗
iing vor 100 Jahren gehalten wurde, beleuchtet folgende
Mitteilung: Im September des Jahres 1787 trat der al⸗
Mensch und Geschäfismann heute noch unvergessene Buch
zändler Friedrich Perthes, 15 Jabre alt, beim Buch—
händler Adam Friedrich Böhme in Leipzig als Lehrling
ein Der Prinzipal wohnte in der Nikolaistraße, wo
Perthes und sein Kollege Rabenhorst auch Wohnung und
dost erhielten und in einer Bodenkammer, vier Stod
hoch. kampieren mußten. In der Ecke dieser Kammer
stand ein tleines Winddfchen, zu dessen Heizung im Win—
ter die Lehrburschen, wie es damais hieß, jeden Abend
drei Stückchen Holz erhielten. Des Morgens um 6 Uhr
enrpfing jeder eine Tasse Tee und sjeden Sonntag im
boraus für die kommende Woche 7 Sitck Zucker und
sieben Dreier zu Semmeln. Nachmittags von 1 bis 8
Uhr gab es nichts Die Lebrtinae Radenhorft war schon
vier Jahre im Haufe — wurden von den Kindern des
Prinzipals, dem Dienstmädchen und den Markthelfern mit
„Er“ angeredet. Die Lehrlinge hatten den Tisch fein zu
decken, die Schuhschnallen des Prinzipals zu putzen, den
Kaffee für denselben inzs Gewölbe zu tragen und wohl
auch die Kinder zu beaufssichligen. Nach sechs Jahren
wurde Perthes feierlich seiner Lehrzeit enthoben. Vei ei⸗
nem festlichen Mittagefsen rief der Prinzipal nach der
Zuppe „den Ausgelernten“ zu sich heran, gab ihm eine
leine Ohrfeige, überreichte ihm mit der anderen einen
Degen und sagte: „Hiermit ernenne ich Sie vom Lehr
burschen zum Buchhaͤndlungsdiener⸗ Rummehbt aehört⸗
er dem „Herrenstand“ an.
Gleichzeitig. . .. Die „Bohemia“ entnimmt dem
Insere tenteil des „Köniashut er Taablatts“ folgende klein—
NMnzeige;
8 aute fast neu gebundene Bände
Shakespeares dramatische Werke sind
billig zu verkaufen. Gleichzeitio
ist auch ein gesunder Knabe von 60
Jahren als eigen bei kleiner Veraü—
tigung zu vergeben. Ofierten unter
„A. A. 1000“ vosl Groschowin“
Zommentar überflünsic
Hunderttausend Mark für das neue 235Pfen
nig-Stück. In dem Wettbewerb für ein 25-Wig.-Stirrk
den der Reichsschatzsekreiär Sydow ausgeschrieben hatte,
ind über 500 Entwürfe eingeliefert worden. Dieße au—
zerordentlich starke Beieiligung entspricht. nach einer
skundgebung des Künstlerverbandes deutscher Bildhauer
in der neuesten Nummer der „Werkitatt der Kunuft“ nmiht
der Kleinheit der künstlerischen Anfgabe. worauf übri—
zens der erwähnte Künstlerverband ichon früher war
nend hingewiesen hat. Der künstlerischen Betätigung war
aur ein sehr geringer Spielraum gelassen worden, da die
Anbringung des Adlers usw. bis ins Detail genau vor—
zeschrieben wurde. Insbesondere war es eine Beding—
ing, die den Wettbewerb nicht für eine allgemeine Aus
chreibung geeignet erscheinen ließ. Es wurde namlich
rerlangt, die Entwürfe gleich in der Münzgröße von 93
—
o kleinen Dimensionen zu modellieren, besitzen nur senr
wenige deutsche Künstler, und nur diese hätte man zu
einem engeren Wettbewerb einladen dürsen. Alle übrigen
Bewerber waren genötigt, die Entwürfe in garößeret Di
mensionen anzufertigen, und dann erst auf mechan schem
Wege in die Munzgröße verkleinern zu lassen. Die Ver
leinerung kostet für die Münzseite 100 Mark, sodaß der
weitaus größte Teil der Bewerber für jeden Ent vurf 200
Mart bare Selosttosten hatte. Rechnet man die Auiwoendung
au Arbeitsiraft und Zeit überhaupt nicht, sondern
nuc diese 290 Mark bare Auslagen, so kommt man schon
zu dem Resuliat, daß die deutsche Künstlerschaft 500mal
200 Mark, also 100 000 Mark verauslagen mußte, da—
mit drei Bewerber insgesamt 4000 Mark gewinnen! Die
vekuniäre Leistung der deutschen Künstlerschaft, diese als
Banzes genommen, erhält also als Ersatz von 200 Mar
fjür jeden Entwurf nur je acht Mark vergütet! Bei eiü
nem so ungeheuren Mißverhältnis von Preisen und Be
werbungskosten sollte es sich besonders eine Reichsbehörd«
dreimal überlegen, bevor sie einen allgemeinen Wett
bewerb ausschreibt, dessen künstlerische Seite nebenbei so
zeringfügig ist wie bei dem 25 Pfennig-Stück. Es wird
ich in solchen Fällen immer empfehlen, nur einige Fach
eute und Künstler einzuladen, anstatt mit dem National
zermögen an Geld und Arbeitskraft so verschwenderisch z—
virtschaften.
wieder unbefangen bei den Seinen einzutreten. Und eines
Tages ... Franz Müller hatte eben wieder die Qual sei
nes schlechten Gewissens in der hehren Stille eines herrlẽ
chen Sommerfrühmorgens zu betäuben gesucht, da flürzte
ihm Annerl, blaß, zitternd, im höchsten Grade erregt schon
am Wege des Vorgärtchens entgegen.
„Daß du nun endlich kommen tust ... Gott sei Dant
.... nicht mehr viel länger bhätte ich es ausgehalten vor
Angst.“
Nun mühsam, stoßweise, unter Schluchzen brachte sie die
Worte hervor.
Franz erschrak heftig. „Aber so sag“ doch, was ist ge—
chehen, es wird wohl nicht so schlimm sein“. — — Da zog
hn 8W Annerl hinauf in die Schlafstube.
Da lag der kleine Hansl mit verdrehten Augen und zuk—
enden Gliedern in seinem Bettchen, stieß wilde, gellende
Schreie aus und über seine veilchenblauen Lippen trat itoh
weise weißgischtiger Schaum.
„Jesus — Jesus — das Kind!“
In seiner Angst und Qual, in seinem tiefsten Vaten
seide sprach er zum erstennial den Namen dessen wieder aus
den er seither vergessen hatte und über den er hinwegge—
zlitten war, wie über etwas Unnötigem, Wertlosem, dem
einer Meinung nach nur der Glaube des Einzelnen ein un—
bewiesenes Dasein andichtete.
Wie oft hatte Franz spöttisch lächelnd abgewehrt, wem
das Annerl in frauenhafter Frömmigkeit die Händlein des
noch unwissenden Kindes zum Gebete gefaltet hatte oder ihm
om Himmel und den lieben Englein zu erzählen begann
‚Laß das“, hatte er dann gesagt, „dem Hansel geht nichts
ab ....„ der braucht keinen Herrgott.... und dann
.... man weiß ja gar nicht gewiß, ob einer existiert und
hat kein Recht. dem Kind ein Märlein sin bare Münze zu
geben.“
Das Annerl hatte dann immer so weh aufgeseuize und
manchmal auch gefragt, zitternd vor Schrecken:
Ja tun du denn gar nichts mehr glauben, Franz?
Fortse tzung folqt