1.3 Präsident der Studentenschaft Jürgen Gasper
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen
Ich möchte mich zunächst bei Ihnen, Herr Präsident Meiser,
für die Einladung, bei der diesjährigen Semestereröffnung ein
Grußwort an die hier Anwesenden zu richten, bedanken. Es sei
mir verziehen, wenn ich mich in diesem Grußwort in erster Linie
an die hier versammelten Studentinnen und Studenten, insbesondere
die Erstsemester wende.
In seinem Werk "Preußische Studenten" beschreibt Tucholsky
die Geisteshaltung der Studenten seiner Zeit wie folat:
"Oh, alte Burschenherrlichkeit! Der Student von heute ist ein
geistiger Kommis, der nicht studiert, sondern zum Examen
paukt. Ein paar Idealisten sind darunter, die an der Universität
denken lernen wollen, die sich voll Freude mit abstrakten
Dingen beschäftigen - der größte Teil schiebt sich gelangweilt
durch die Semester, paukt und bezahlt seine vorgeschriebenen
Kollegs und macht dann das Examen, das die Tür
zum Brotstudium Öffnet. Stellenanwärter. Die Politik ist ihnen
Hekuba."
Soweit Kurt Tucholsky. Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
seit Kurt Tucholsky diese Zeilen schrieb, sind mehr als
50 Jahre vergangen. Die Zeiten haben sich geändert. Zu Tucholskys
Zeit konnte sich noch jeder Hochschulabsolvent sicher
sein, zur sogenannten "gesellschaftlichen Elite" zu zählen,
die Stelle, der Broterwerb war ihm sicher! Dies ist heute
nicht mehr so. Viele von Euch können sich nicht mehr sicher
sein, sich Ihren Lebensunterhalt mit dem nun aufgenommenen
Studium verdienen zu können. Dies gilt insbesondere für
viele geisteswissenschaftliche Fächer. Aber auch in den Fachbereichen,
die heute noch als "zukunftssicher" gelten, kann
dies für kommende Zeiten nicht garantiert werden. In einigen
Bereichen spricht man bereits vom Vorhandensein eines "akademischen
Proletariats". Von "Burschenherrlichkeit” also keine
Spur mehr! Aber was hat dies für das Bewußtsein von Studentinnen
und Studenten zur Folae?
Wer geglaubt hat, daß das verstärkte Aufbrechen gesellschaftlicher
Widersprüche wie z. B. das Vorhandensein einer bpermanenten
Massenarbeitslosigkeit von gegenwärtig mehr als 8%
auch in Zeiten der Hochkonjunktur, Studenten und Studentinnen
unserer Tage wachrütteln, sie kritischer, politischer werden
ließe, sieht sich enttäuscht!
Die objektive Verschlechterung der Lebensverhältnisse von
Studierenden, sei es durch die unsoziale BAföG-Regelung des
Jahres 1982, sei es durch eine immer stärkere Reglementierung