Full text : 13.1986 (0013)

1.3 Präsident der Studentenschaft Jürgen Gasper

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen

Ich möchte mich zunächst bei Ihnen, Herr Präsident Meiser,
für die Einladung, bei der diesjährigen Semestereröffnung ein
Grußwort an die hier Anwesenden zu richten, bedanken. Es sei
mir verziehen, wenn ich mich in diesem Grußwort in erster Linie
 an die hier versammelten Studentinnen und Studenten, insbesondere
 die Erstsemester wende.

In seinem Werk "Preußische Studenten" beschreibt Tucholsky
die Geisteshaltung der Studenten seiner Zeit wie folat:

"Oh, alte Burschenherrlichkeit! Der Student von heute ist ein
geistiger Kommis, der nicht studiert, sondern zum Examen
paukt. Ein paar Idealisten sind darunter, die an der Universität
 denken lernen wollen, die sich voll Freude mit abstrakten
 Dingen beschäftigen - der größte Teil schiebt sich gelangweilt
 durch die Semester, paukt und bezahlt seine vorgeschriebenen
 Kollegs und macht dann das Examen, das die Tür
zum Brotstudium Öffnet. Stellenanwärter. Die Politik ist ihnen
 Hekuba."

Soweit Kurt Tucholsky. Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
 seit Kurt Tucholsky diese Zeilen schrieb, sind mehr als
50 Jahre vergangen. Die Zeiten haben sich geändert. Zu Tucholskys
 Zeit konnte sich noch jeder Hochschulabsolvent sicher
 sein, zur sogenannten "gesellschaftlichen Elite" zu zählen,
 die Stelle, der Broterwerb war ihm sicher! Dies ist heute
 nicht mehr so. Viele von Euch können sich nicht mehr sicher
 sein, sich Ihren Lebensunterhalt mit dem nun aufgenommenen
 Studium verdienen zu können. Dies gilt insbesondere für
viele geisteswissenschaftliche Fächer. Aber auch in den Fachbereichen,
 die heute noch als "zukunftssicher" gelten, kann
dies für kommende Zeiten nicht garantiert werden. In einigen
Bereichen spricht man bereits vom Vorhandensein eines "akademischen
 Proletariats". Von "Burschenherrlichkeit” also keine
Spur mehr! Aber was hat dies für das Bewußtsein von Studentinnen
 und Studenten zur Folae?

Wer geglaubt hat, daß das verstärkte Aufbrechen gesellschaftlicher
 Widersprüche wie z. B. das Vorhandensein einer bpermanenten
 Massenarbeitslosigkeit von gegenwärtig mehr als 8%
auch in Zeiten der Hochkonjunktur, Studenten und Studentinnen
unserer Tage wachrütteln, sie kritischer, politischer werden
ließe, sieht sich enttäuscht!

Die objektive Verschlechterung der Lebensverhältnisse von
Studierenden, sei es durch die unsoziale BAföG-Regelung des
Jahres 1982, sei es durch eine immer stärkere Reglementierung
            
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