Full text : 3.1930/31 (0003)

Sudöuuestoeutsche neimnisilãttet
Beifrãoe ʒur beimatforschuno in der subuentoeutschen Grenzmar⸗ J
J5. Jahrg.

Nummer 5

2 —A *
Zur Geschichte der Vfälzer Musikpflege.
Dem Patrioten C. F. D. Schubart, dem Zeit- hekanntlich auch Mozart 1778 sich einmal hören ließ.
genossen Schillers und Gefangenen von Hohenasperg, ver- veiß Schubart folgendes zu berichten: Die jetzt re
»anken wir eine kleine Geschichte der Tonkunst, die zierende Fürstin dieses Hauses hat sich als Kennerin
hr Verfasser auf der Festung einem Genossen in die uind Beschützerin der Musik einen großen Ruf erwor—
Feder diktierte. Es war in den Johren 1784 und 17853. ben. Sie sang ehemals vortrefflich; gewisse physische
Von besonderem Interesse in diesen Blättern, die Sründe aber bewogen sie, den Gesang fahren zu lafsen
Schubarts Sohn Ludwig der Oeffentlichkeit übergab, sind ind sich ganz dem Klavier zu widmen. Sie spiell schwere
Nachrichten über die Pflege der zeitgenössischen Musik in donzerte von Schubert, Bach, Vogler, Beeke und an—
derschiedenen Orten, so den süddeutschen Residenzen Ans- »ern mit ungemeiner Leichtigkeit weg. Das Allegro und
»ach, Oettingen-Wallerstein, Durlach, Mainz, Kiersch- Bresto gelingt ihr immer, das Adagis und Largo aber
eimbolanden, Augsburg, Darmstadt. Was Schubart zie; denn sie hat aus übermäßiger Reizbarkeit der
über die Pflege der Musik an den hessischen Höfen Kassel, Lerven einen Abscheu vor allen Traurigen. Ihr Or—
danau und Darmstadt-Pirmasens zu be—- hester ist sehr gut besetzt. Rothfischer war lange da—
richten weiß, hat für uns ein unmittelbar ortsgeschicht. elbst Konzertmeister. Diesen Posten zu bekleiden ist nie—
liches Interesse. So glänzend immer, sagt Schubart, nand fähiger als er. Er spielt die Violine auch als
der Hof zu Kassel war, so wüßte ich mich doch nicht zologeiger mit vielem Geschmack. Doch besteht seine
zu entsinnen, daß er jemals in der Musik Aufsehen igentliche Stärke in der Anordnung, Beurteilung und
erregt hätte. Weder ein Komponist noch ein trefflicher zusammenstimmung eines Orchesters und dessen meister⸗
Ausführer hat sich daselbst hervorgetan. Die Fürsien after Lenkung zu einem gemeinschaftlichen Zwecke
des Hofes waren nie sehr für Musik; daher die Toten- zein, Strich reißt durch und er weiß während des
tille, die dort in der Tonkunst herrschte. Die Land. 3piels den Arm so gu lenken, daß er damit gebietet.
grafen liebten nur das Lärmende, Kriegerische, Mut. Zeine Symphonien sind stark, reichhaltig an glänzen—
ind Tanzweckende in der Musik; wahrer Sang und den Ideen und voll tiefer Einsicht in die Geheimnisfe
vahres Spiel galt ihnen wenig. Es gab zwar ehemals des Satzes. Von ihm trifft auch ein, was Plinius
ꝛinige Organisten an diesem Hofe von ziemlicher Be- tgendwo sagt: „Viele sind berühmt uͤnd einige ver—
deutung; allein was will ein Maulwurfshügel in der dienen es zu sein“; denn er ist bei weitem in Deutsch⸗
Rähe von Gebirgen und Alpen sagen? Die Hofmusitz and nicht so bekannt, wie es sein Geist verdiente.
ist zwar jetzt daselbst in ziemlichem Stande, verliert Wenige Virtuosen sind so frei von Künstlerstolz wie
aber alles Ansehen im Vergleich der erstgedachten Höfe. dieser Meister; bescheidene und gründliche Kritik lieb
durchreisende Virtuosen, die sich von Zeu zu Zeit dort ꝛx über alles. Er ist jetzt in Wien und fuhrt dafelbst das
sjören lassen, unterhalten allein diesen Hof. Achester des Deutschen Theaters an. Der Weilburger
Der Hof von Darmstadt verdient wegen seiner dof fühlt seinen Verlust um so mehr, je schwereres
zJang vörtrefflich eingerichteten Kriegsm'ufsik be- dalten wird, ihn sobald zu ersetzen. Die uübrigen Glieder
nerkt zu werden. So wird in der Welt kein Marsch so ieses Orchesters brillieren zwar nicht sonderlich, aber
zxekutiert wie hier Die blasenden Instrumente sind alle esto besser sind sie zur musikalischen Eintracht ge—
herrlich beseht. Der Geist der Maͤrsche ist groß und vöhnt. Virtuosen ersten Rangs, die sich daselbft hören
kzriegerisch. Und der Vortrag Wurf auf Wurf. Die eßen — Schubart mag an Mozart denken — be—
Trommel ist hier, musikalisch betrachtet. auf ihren dunderten die Akkuratesse des Vortrags und die ge—
vchsten Gibfel“ getrieben worden: vom Flüftern des aue Haltung des musikalischen Kolorits, welches hier
Hiamissimo bis zum Donnersturm des Fortiffimo, das esser als an manchem weit größeren Hofe beobachtet
Wogen und Fluten der Töne, das Sieden und Kochen vird. Die Singspiele, die zuweilen hier aufgeführt
inter der Faͤust des Meisters, das Hinschmachten zum vurden, sind meist französisch und wollen daher fehr
Richts, das Aufstreben zum All — hört man hier Tam- venig sagen. Wir wissen aus anderen Quellen, daß
ours' ausdruchen. Ensterluin ist“ der Kapellmeister dieser französische Geist überwunden und bald durch
dieses Orchesters, gebürtig aus Nürnberg. npn eine »eutsche Musik ersetzt wurde Dr. A. B.
weiland sehr berühmten Fagottisten, der, weil er das
Unglück 833 beim Trunk einen seiner Kameraden zu Ein Plalinjubiläum.
erstechen, sich selbst entleibt hat. Enterlin spielt die Zurzeit gedenkt man eines Jubiläums des Platins.
Bioline nach einer ganz besonderen Manier. Er weiß Im die Jahreswende 1780/81 gelang es dem französischen
Töne und Wendungen darauf hervorzubringen, die noch hemiker Chabaneau zum erstenmal, das Platin als
keinen Namen haben. Indessen neigt er sich mehr auf Barren herzustellen und es darnach zu einem begehrten
das Spaßhafte als auf das Ernste In seiner Jugend dandelsartikel zu machen. Obwohl Pictin bereits früher
hatte er geflügelte Geschwindigkeit und erregte allge— ekannt und entdeckt war, erfreute es sich noch längere
meines Aufsehen. Da er zugleich ein vortrefflicher Zeit keiner besonderen Wertschätzung. Wer dieser Daten
Zlavierspieler ist und für dies Instuument manches uus der Geschichte des Platins gedenkt, darf auch einen
herrliche Stück gesetzt hat, so erwarb er sich dadurch ßPfälger nicht vergessen, der als erster nachwies, daß
kein gemeines Ansehen im Tonsatze. Dieser Meister hat das Platin keine Legierung von Gold und Eisen ist. wie
aus Bizarrerie seines Charakters weit weniger Sen- der berühmte Buffon noch meinte, sondern ein
jation gemacht, als er hätte machen können. Außer seues Edelmetall, Es war dies Graf Karl Heinrich
hm zeichnete sich nur noch ein gewisser Mier kiell 53. Sickingen (1737-091), der letzte Herr von Land—
aus, der das Klavier als Meister zu behandeln wußte. tuhl, der über seinen Versuchen zu einem der bedeu—
Bei der Vorliebe des Landgrafen Ludwig IX. von endsten Chemiker nicht nur seiner Zeit wurde. Dabei
PBirmasens für Militärmusik und seiner eigenen var er lange kurpfälzischer Gesandter in Paris und dort
dätigkeit als Kom ponist werden diese Nachrichten der aus Mozarts Briefen uns bekannte Gönner des be—
des offenbar gut unterrichteten Zeitgenossen besonderer ühmten Musikers. Von einem anderen Pfälzer Lands—
Beachtung begegnen dürfen. nann, dem berühmten Philosophen Baron Holbach
Ueber die Pflege der Musik an dem Nassau-Weil- zus Edesheim, unterstützt, entdeckte Sickingen die
burgischen Hofe in Kirchheimbolanden. an dem Bearbeitungsfähigkeit des spröden Platins und verdiente
            
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