Full text : 3.1930/31 (0003)

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Beitrãqe zur heimatforschunq in der sũbuestoeutschen Grenzmav- —

Nummer1

Saarbruͤcken, Januar 1930.

4. Jahrg.

Die Gestchithte der Gaurgegend — ein deutjithes Schitksal.

Die Saargegend in preußischer Zeit.
In der Saargegend nach 1815 durchdringen sich in eigen—
artiger Weise auf engem Raume wirtschaftliche und po—
itische Probleme. Wirtschaftlich entwickelt fich das
Land unter Führung des preußischen Staates zu einem
der bedeutendsten Industriegebiete Deutschlands, poliisch
 erhebt Frankreich im Verfolg seiner klassischen
Rheinlandpolitik Ansprüche auf dieses Gebiet.
Die französischen Politiker und Historiker haben seit
dem Jahre 1815 bis in unsere Tage nicht aufgehört, den
zweiten Pariser Vertrag als ein schreiendes Unrecht an
Frankreich zu betrachten. Die Schöpfer des Versailler
Vertrages, Clemenceau und Tardieu, haben von den histo—
rischen und rechtlichen Ansprüchen geredet, die von 1814
datierten, Ansprüche auf ein Land, das seit Anfang des
5. Jahrhunderts deutscher Boden ist, in dem nie andere
als deutsche Sprache, Sitte und Kultur heimisch waren
und in dem kein Mensch französisch werden will, selbst
niemand von den sagenhaften 150 000 Saarfranzosen, auf
die Clemenceau so lebhafte Rücksicht nahm. Die syste—
matische, kluge, von echt deutschem Geist getragene Be—
wegung, die 1815 von Saarbrücken ausging, hat die Saar—
gegend für Deutschland wiedergewonnen. Die deutsche
Position an der Saar war nun so stark, daß alle An—
zriffe nach 1815 scheitern mußten.
In allen Jahrzehnten nach 1818 bis 1870 haben die
Franzosen Anspruͤche auf dieses Gebiet erhoben. Aber im
19. Jahrhundert war der Kampf um die Saar für Frank—
reich deshalb viel schwieriger, weil an der Stelle der
dielen deutschen Territorialstaaten, mit denen die schlaue
französische Diplomatie im 17. und 18. Jahrhundert leichtes
Spiel hatte, jetzt Preußen wie ein Granitblock
an Rhein, Mofelund Saar lag und bei der immer
stärker einsetzenden Entwicklung der nationalen Idee in
Deutschland ein Kampf um die Saar ein Kampf mit
Deutschland, nicht mit Preußen allein. werden
mußte.
Französische Historiker haben die Zeit, nach 1815 in
der Saargegend als eine Zeit preußischer Be—
drüchung“und preußischerKolonisationhin—
gestellt, und sie verweisen dabei auf die Auswanderungen.
Aber auch hier versagen die Gründe restlos. Gewiß waren
die M0—3830er Jahre in der Saargegend wie in, ganz
Deutschland drückende Zeiten, die dazu führten, daß viele
Menfchen nach Amerikäa auswanderten. Wirtschaftlüche
 Urfachen, nicht politische Unzufriedenheit, haben
auch Saarländer in das Ausland geführt. Die Eingewöh—
ung in den preußischen Staat ging am schnellsten in
den Saarstädten Saarbrücken und St. Johann vor
ich, die ja selbst den Wunsch der Angliederung an
Preußen geäußert hatten. In Saarlo,uis, das be⸗
zanntlich von 168114815 französisch gewesen war, nahm
der preußische Staat Rücksicht auf dort vorhandene Ge⸗
siinnungen, verlangte zunächst keinen Militärdienst und ließ
den Buͤrgern sechs Jahre Bedenkzeit für die Frage, ob sie
Preußen werden wolsten oder die Auswandexung vor⸗
zögen. Jedenfalls sticht diese Behandlung der Stadt sehr
borteilhaft ab von der Art und Weise, wie Frankreich im
Jahre 1918 die Deutschen in Straßburg behandelt hat,
voselbst Gelehrte von Weltruf unter Mißhandlungen über
die Kehler Brücke gejagt wurden. Auch in Saarlouis
gewöhnte man sich bald an die neuen Verhältnisse, so daß
zon der Stadt faft nur noch der Name frangösisch blieb
Wenn St. Wendel, das 1815 zunächst koburgisch
wurde, und erst 1834 an Preußen überging, nicht so schnell
preußenfreundlich wurde, so lag das daran. daß dort

greußische Truppen, als die Stadt noch koburgisch war,
ꝛzinmal ein dort ausgebrochenes Revolutiönchen schnell
unterdrückt hatten. Aber auch hier verspürten bald unter
der Hand des versöhnlichen Landrats Engelmann die
St. Wendeler den Segen der preußischen Verwaltung.
PreußensVerdienste um die wirtschaftliche Ent—
vicklung des Industriegebiets an der Saar im 19. Jahr—
zundert haben die nationale Gesinnung der
bewohner noch gesteigert. Aber gerade die gewal—
ige Entwicklung des Bergbaus, der Industrie und des
Lerkehrs ließ Frankreich mit erhöhtem Interesse die Saar—
gegend betrachten. Das wirtschaftspolitische Moment steht
bsolut im Vordergrund bei den Absichten Frankreichs.
Aber jedesmal, wenn politische Wünsche an die Saarufer
»randeten, haben die Bewohner unzweideutig ihrem
Pillen, allein zu Deutschland zu gehören, unverblümten
Lusdruck verliehen. Trotzdem hat Napoleon III. den
dampf um die Saar in sein Programm aufgenommen
zeine Erfolge im Krimkriege sowie im österreichisch—
erbischen Kriege ermunterten ihn, seine imperialistische
ßolitik auf die Saar und den Rhein zu übertragen. Und
zie sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts
sind kritische Jahre erster Ordnung fütr
die Saarländer gewesen. In politischen Reden,
in Broschüren, in wirtschaftlichen Zeitschriften Frank—
reichs, wird immer wieder von dem Unrecht von 1815
zesprochen und das Saarkohlenbecken, als auch von
Natur zu Frankreich gehörig, gefordert.
Je unverblümter die französischen Ansprüche in die
Erscheinung traten, um so stärker wurde der Widerstand
n der Saargegend. Man empfand sich nicht mehr als
»eutsches Anhängsel an der Westgrenze, sondern als ein
sochgehaltener und sicher geschätzter Gebietsteil des stark
zjewordenen preußischen Staates. Deren zuversichtliche
zeutsche Stimmung kam zum Ausdruck in einer
Adresse an den preußischen König im Jahre
1865 anläßlich der 50. Wiederkehr der Eingliederung
der Saargegend in den preußischen Staat. Damals hieß
ꝛs, daß dieser Landesteil dem preußischen
S5Staafe einen Gebietszuwachs gebracht
»abe, der nicht nach Qudratmeilen, son—
zern nach den unermeßlichen Schätzen in
der Tiefe und nach der Gesinnung der Be—
vohner zu bemessen sei, deren höchstes
5treben dahin gehe, auf dieser schönen
ßrenzmarkeine feste Stätte deutscher Art
uind Sitte zu erhalten.
Nicht das Saargebiet allein, ganz Preußen hatte in
den bber Jahren bange Tage. Denn Bismarck mußte,
‚he er die deutsche Einheit zur Tatsache werden lassen
onnte, den Kampf mit Oesterreich und mit vielen deut—
chen Staaten aufnehmen. Und hierauf stellte Na—
»leon 111. seine Saar-Rheinpolitikein
ẽs ist überaus interessant, das Gewebe dieser fran—
sischen Ostpolitik in den 60er Jahren zu durchleuchten.
vie Rapoleon III. aus dem Gegensatz Preußen⸗Oesterreich
ei einem Siege Oesterreichs das Maximum, den
Khein, herauszuholen hoffte, wie es sich aber auch ein—
tellte auf einen etwaigen Sieg Preußens und dabei
venigstens die Grenzen von, 1814 erhoffte, wie es
wer feine Pflöcke auch sehr weit zurücksteckte und als
Rinimum' den Einfluß Frankreichs auf die Saar—
ohlengruben sichern wollte Bismarck hatte wirklich kein
eichtes Spiel. Auf der, einen Seite stand der Kampf
nirDOesterreich in sicherer Aussicht, auf der anderen
Zeite buͤrchschaute er die Politihk Napoleons und
            
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