Full text : 3.1930/31 (0003)

er. 4

Südwestdeutsche Heimatblätter.

luß auf den Geist des Volkes Beobachtungen anstellen.
ßon Speyer aus bereiste er den größten Teil des Rhein—
zreises, um an Ort und Stelle sich zu überzeugen, welche
5tadt nach der Natur seines Unternehmens für eine
leibende Riederlassung am geeignetsten sei. Da er, so er—
ählt er weiter, von niemand gekannt war, so konnte er
ruf diesen Reisen die politische Meinung, die Sitten und
zinnesart des Volkes sowie die Wirkung der Staatsein—
aichlungen vollständig kennenlernen. Besonders sagte ihm
ie öfsentliche Rechtspflege, das Geschworenengevicht, die
Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung zu; er
rieß übexall auf ungleich größeres Selbstbewußtsein der
ydassen, auf erhöhte politische Aufklärung und un—
ibhängigeres Benehmen der Bürger gegenüber den Be—
imten. In Erwägung aller Umstände und namentlich der
postverbindung wählte Wirth nach Beendigung seiner
wanderungen in der schönen Rheinpfalz und dem an—
zrenzenden rauheren Landesteil im „Westreich“, das
kleine Städtchen Homburg, zwei Stunden von Zwei—
zrücken, zu seiner Niederlassung“. Daß Siebenpfeiffer ihn
»eranlaßt habe, nach Homburg zu gehen, erwähnt Wirth
ucht. Er konnte auch nicht wissen, daß an diesem Orte
16 Jahre zuvor sein Freund vom Gymnasium in Hof
her, der unglückliche Karl Ludwig Sand, einmal ge—
veilt. Zu München berichtete der bissige M. G. Saphäir
n seinem „Deutschen Horizont“ vom 6. Dezember 1831:
der Herausgeber der „Deutschen Tribüne“ soll an den
Redakteur J. G. A. Wirth, der nach dem Rheinkreise
zing, geschrieben haben:
„J. G. A. (i geh a), Wirth!“
Hatte Wirth schon in München in stetem Kampf mit
‚eñ Preßgesetßzen gelegen, so erging es ihm bald in der
pfalz nicht viel besser; ja er sollte hier mit, den Pfälzer
ns nninen noch“ gründlichere Bekanntschaft machen
ürfen.
Im Laufe des Monats Dezember wurde in Hom—
»uürg die neue Druckerei eingerichtet und alles ange—
»rdnet, damit die „Tribüne“, die bis zum Ablauf des
dalbjahr⸗ Abonnements in München fortgesetzt werden
nußte, vom 1. Januar 1882 an zu Homburg erscheine.
die Homburger vechneten es sich, erzählt Wirth, zur Ehre
in, daß in ihrer Mitte die „Tribüͤne“ erscheinen solle
dies öffentlich auszudrücken, gab die Stadt bald nach
Wirths Ankunft ihm zu Ehren ein Festmahl, zu dem er
»urch eine Abordnung der ältesten und angesehensten
Bürger feierlich abgeholt wurde. Am, 1. Januar 1832 er—
chien die Tribüne“ zum ersten Male in Homburg, und
war mit einem leitenden Aufsatz an der Spitze, der durch
eine Entschiedenheit die Erwartungen der Bevölkerung
ioch überträf. Im Blick auf die nach Wirths, Ahnung zu
erwartenden Schwierigkeiten hatte er zunächst nur den
Aleineren Teil seiner Druckmaschinen der Gefahr auszu—
etzen beschlossen und seine Schnellpresse nach Zwei—⸗
rucken in Sicherheit gebracht; in Homburg war für den
Anfang nur eine einfache eiserne Buchdruckerpresse in
Tätigkeit. Und diese wurde ihm bereits am,4 Januar
832 versiegelt; er erhob Klage wegen dieses Eingriffs in
ein Eigentum und ließ seine Zeitschrift vorläufig bei
ßeorg Ritter in Zweibrücken erscheinen. Während in
Mündhen die Abonnentenzahl nicht über 600 hinausegangen
 war, konnte die Auflage des Blattes jetzt bald
zi 2000 erhöht werden; es war in, vielen Teilen De utsch⸗
ands verbreitet. Der Gründung eines Preßvereins,
die Wirth zum Schutze der Preßfreiheit in die Wege
eitete, folgke am 9.. Februar 1882 die Wiedereröffnung
einer' Druckerei in Homburg noch bevor sein Rechtsstreit
n Zweibrücken entschieden war. Auch die große Schnell⸗
esse wurde nach Homburg geschafft und arbeitete täg—
ich über 16 Stunden. Von den wichtigeren Aufsätzen oder
Abhandlungen wurden Sonderdrucke in einer Auflage
on 6—10000, von einzelnen bis zu 50000 Exemplaren
y)ergestellt und um geringen Preis oder unentgeltlich ver⸗
eilt Diese gewalfig gesteigerte Tätigkeit dauerte bis
um 8. Märgz, wo die Presse aufs neue versiegelt wurde;
aim 16. März wurde Wirth verhaftet, am 15. April aber
vieder in Freiheit gesetzt. Man, kennt die Geschichte des
dambacher Festes vomn27. Mai 1832 und seine Folgen
ür die Führer, vor allem Wirth, und Siebenpfeiffer. Am
16 Jun1832 verhaftet, blieb Wirth bis zur Verhandlung
vor dem Schwurgericht in Lamd,au im Gefängnis zu
zweibrücken in Untersuchungshaft. In meiner Schrift

„Hambach und Pirmasens“ (Pirmasens 1928) habe ich
riefe Wirths aus dem Zweibrucker Gefängnis mitgeteilt.
Erst im August 1833, nach mehr als einjähriger Unter—
uchungshaft, kam es zu den bekannten Verhandlungen
n Landau die für Wirth und Siebenpfeiffer die Frei—
prechung brachten. Aber wegen derselben Beschul—
»igungen, von denen sie vor dem Schwurgericht eben frei—
esprochen worden waren, hatten sie sich bald darauf vor
em Zuchtpolizeigericht (Landgericht) zu verantworten.
ziebenpfeiffer wurde in Frankenthal zu zwei
ahren Gefängnis verurteilt; es gelang ihm, am 15. No—
ember 1833 aus dem dortigen Gefängnis zu entfliehen.
Virth war von Landau nach Zweibrücken zurückgebracht
vorden, wurde hier nach einer Untersuchungshaft von 22
Nonaten gleichfalls zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt
nd zur Verbußung am 23. April 1834 in das Zentral—
efängnis Kaiserslautern abgeführt. Ein an seine
ßattin gerichteter Brief, der wohl in der Pfalz kaum
noch bekannigeworden ist, unterrichtet uns über Wirths
Lusenthalt im Gefängnis zu Kaiserslautern:
„Seit dem 28. April 1834 befinde ich mich nun hier und
sabe mich schon vollständig eingewöhnt. Dieser außen so
efürchtete Ort verliert bei näherer Betrachtung vieles
‚on den Schrecknissen, welche die Phantasie glücklicher
Menschen ihm beilegt. Der Ausenthalt scheint freilich
veniger angenehm als jener in Zweibrücken, allein macht
s das reine Bewußtsein oder macht es mein felsenfester,
merschütterlicher Gieichmut, genug, ich bin eben so fröh—
ich und zufrieden als in Zweibrocken. Vieles mag hie—
zu die Art der Behandlung beitragen. Inspektor Vber—
naier ist ein sehr gebildeter und wohlwollender Mann,
er sein Amt erfullt, ohne zu poltern; und dies ein Um—
tand, den ich besonders zu schätzen weiß. Die Kost ist
war etwas mager, aber Du weißt, wie wenig mir der—
leichen gilt. Was das Arbeiten anbelangt, so ist dies
her eine Wohltat als eine Pein für mich, weil mein so
ielfach angestrengter und gequälter Geist dadurch wider
illen zur Ruhe genötigt wird, und solchergestalt eine
rohltätige Erholung genießt. Ich stricke schon recht
»acker; die Rosa werde ich wohl schon übertreffen.
zlaube nicht, meine Teure, daß ich mich durch den Zwang
u einer meiner unwürdigen Arbeit gedrückt fühle —
Nnein: ich bin im Gegenteil noch froher und freier, weil
ch jetzt weiß, daß es nichts, gar nichts gibt, was mich zu
rschüttern vermoͤchte. Eine solche Erfahrung ist von un—
hätzbarem Wert. Meine Gesundheit hat sich bis jetzt auch
icht verändert, sondern ich befinde mich ganz wohl. Was
du also auch über mich hören magst. bleibe ganz ruhig
uind unbekümmert.
Das stille betrachtende Leben meiner Einsamkeit wirkt
ounderbar auf meine Seele. Niemals war ich mehr in
em Zustande des glücklichsten Seelenfriedens. Die
wWissenschaft geht in allen ihren Teilen wieder an mir
orüber und überrascht mich durch den Grad der Voll—
⸗ndung, den sie in ihrem Spiegel mir vorhält. In der Tat,
zie Fortschritte der Bildung sind außeröordentlich. Wer
in der Faͤhigkeit des Menschengeschlechts zur höchsten
ßervollkominnung zweifelt, der vergleiche den heutigen
ztand der Wissenschaft mit jenem von 1784. Welche Wun—
er hat nicht dieses einzige Jahrhundert erwirkt; Was
var dortmals die Literatur aller Länder, welche Finster—⸗
is noch in allen Teilen des Wissens welche Schwerfällig—
eit, welches unsichere und ängstliche Umhertappen! Wo
anden die Naturwissenschaften in jener Zeit, und wo
ind fie heute? Nur mit Erstaunen können wir auf den
nterschied blicken, doch auch mit Zufriedenheit und Be⸗
uhigung. Und abermäls unsere Nation ist es, welcher
er heutige Stand der Wissenschaft das meiste zu ver—
anken hat. Ich überzeuge mich täglich mehr, daß die
deutschen in dem großen Kulturprozesse der Menschheit
in unentbehrliches Element sind: denn wo ist ihr un—
eheurer Trieb zur Wissenschaft, ihr unaufhaltsames
ztreben nach Tiefe und Gründlichkeit, ihr redlicher, un—
rmüdlicher Forschungseifer und ihre bewunderungswür—⸗
ige Ausdauer in den mühseligsten, so häufig undank—
aren und doch so notwendigen Untersuchungen auf dem
fordenrunde noch zu finden? Nirgends! Welche Nation hat
denn einen Herde'r, und wenn eine ihn hätte, wo
väre denn jene kindliche Bescheidenheit, mit welcher der
zroße Unsterbliche von sich sprach?
            
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