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Südwestdeutsche Heimatblätter.

Nr. 4

dem Weibchen förmlich zusfammenfällt und einschrumpft.
Ddie Reise der von Geschlechtsstoffen strotzenden und
Jualvoll beschwerten Tiere geht möglichst weit den kalten
Zuellgründen der Gebirgswässer entgegen. In der Zeit
don Oktober bis Januar treffen die Lachse in den Laich—
zründen ein. Hier werden ruhige, flachgründige Stellen
aufgesucht, wo das klare, sauerstoffreiche Wasser über
ziesigen Untergrund strömt. Das kreißende Weibchen ist
»on einem oder auch von mehreren wartenden Männchen
umbuhlt, die wahnsinnige Aufgeregtheit und — Eifersuchl
»ekunden. Zwischen ihnen kommt es zu erbitterten
Kämpfen, bei denen der starke Unterkieferhaken des alten
Männchens den schwächeren Nebenbuhler abschlägt und
auf den Trab bringt. Bei gleichstarken Rivalen kommt es
oft zum Kampf auf Leben und Tod. Und es spielt sich
dier im „kalten Fischleben“ ein volles Gegenstück ab zu
dem Verhalten des kapitalen Platzhirsches gegenüber dem
ebenbürtigen Fremdhirsch oder dem lüsternen „Schneider“
die sich an das Rudel seiner brunstigen Alttiere heran—
machen wollen. Das Laichgeschäft des einzelnen Weib—
hens erstrecht sich uber mehrere Tage hin Durch kräf—
tiges Fegen mit, der Schwanzflosse schafft es sich im Kies—
zrund eine seichte Grube, in die es nach und nach den
Laich absetzt. Die Zahl der Eier beträgt je nach der Stärke
des Tieres 10- 40 000. Die Eier haben die Größe kleiner
Erbsen und sind lachsrot. Sie werden von dem daneben
iegenden oder etwas oberhalb stehenden Männchen sofort
desamt und danach mit Sand und Kies oberflächlich be—
deckt. Die Hergabe der Fortpflanzungsftoffe erschöpft die
etzten Kräfte der Tiere Bedenklich nahe vom Tod ge—
treift, zum Skelett abgemagert, zerschüͤnden und miß—
arbig — so lassen sie sich kraft- und willenlos vom
Strom dahintreiben; eine leichte Beute der Fischräuber
aus der Säuger- und Vogelwelt, nicht selten auch gewinn—
üchtiger Fischdiebe, die selbst noch für das gänzlich wert—
ose Fleisch ihre Abnehmer zu finden wissen. Die Reise
der abgelaichten Lachse geht aus den Bächen und Neben—
zgewässern hinab zum Rhein und durch diesen zurück ins
Meer. Hier erholen sie sich in den uͤnermeßlich reichen
Weidegründen der Tiefe mit erstaunlicher Schnelligkeit.
Durch Markierungen sind bei einzelnen Tieren in B bis
30 Tagen Gewichtszunahmen von 8, 10 und 12 Pfund
estgestellt worden. Der Körper speichert neuen Lebens—
stoff auf, und die Kraft der Tiere erstarkt der neuen
Hochzeitfahrt entgegen.
In dem in den Quellgründen der Gebirgsbäche abge—
etzten Laich reifen indessen die Embryonen heran und' je
nach der Temperatur des sie umspülenden Wassers in
325. Monaten dem Ausschlüpfen entgegen. Die Jung—
fischchen sind 122 Zentimeter lang und von Farbe vlaß—
o»raun mit dunkleren Fleckenbinden an den Seiten. Kopf
und Augen treten sehr stark hervor. Den Tierchen ist als
Nahrungsvorrat für die ersten Wochen die sog. Votterblase
nitgegeben, die sie an der Bewegungsfähigkeit stark
zindert. Hilflos und ängstlich bergen sie sich zunächst vor
den zahllosen Wasserräubern in Schlupfwinkeln. Erst bei
jast gänzlicher Aufbrauchung der Votterblase schwmimmen
ie munter umher und nehmen mählich Wasserkleingetier
zur Nahrung auf. Von starker Freßlust beseelt, wächsen
sie rasch heran und erreichen im ersten Herbst bereits
eine Länge von 8210 Zentimeter. Ihre Lebensweise
Jeicht voll dem Treiben der Forelle. Im April des zweiten
Jahres, in dem die Tiere durchschmittlich 1328 Zenti—
meter erreichen, wird in ihnen der von Urzeiten her ver—
erbte Wandertrieb ihrer Art wach. Unwiderstehlich zwingt
es sie aus den Heimatwässern hinab und auf der großen
Wanderstraße des Rhein hin zum weiten Meer. Hier rreiben
iich die Junglachse mehrere Jahre auf den unermeßlichen
Weidegründen der Tiefe umher. Durch Mast an Krebs—
ieren, Gewürm, Muscheln und Kleinfischen wachsen die
Salmlinge heran und der Geschlechtsreife entgegen, bis
der urwüchsigste Trieb der Natur, der der Fortpflanzung.
ie zurückführt zu den urzeitlichen, Jahrtausende schon
pon ihrem Geschlecht gesuchten Laichgründen hoch droben
m kalten Gebirgswasser. Wie die von Hutton auf den
Schuppen des Salms festgestellten „Jahresringe“ dies
ausweisen, verbleibt der Salmling zweĩ Winter in seinen
Beburtswässern. Die kleinsten in den Flußmündungen
zum Aufstieg erscheinenden Lachse verbrachten nach dem
gleichen Bestimmungsmerkmal ein bis drei Winter im
Meere. Weitere Feststellungen aus dem „Lebensbuch“ der
Lachsschuppen scheinen zu bestätigen. daß auch der fort—

oflanzungsfähige Fisch nicht alljährlich zum Laichen in
die Flüsse aufsteigt, sondern sich bisweilen ein Jahr der
Ruhe und Kräftigung im Meereè gönnt.
Geschichtliche Notizen.
Die älteste Erwähnung findet der Salm der ätlanti—
chen Küstengebiete in Westeuropa und der hier einmün—
enden Flüsse durch den römischen Schriftsteller Plinius
23-79 n. Chr.). Vieser sagt in seiner Historia hatura—
is lib. 9: in Aquitanien werde der Flußsalm allen an—
»ern Meerfischen vorgezogen. Es war dies in den Küsten—
jebieten des Atlantischen Ozeans zwischen den Pyrenden
ind der Loire. Nach Plinius widinet der am römischen
daiserhof in Trier weilende Deeimus Magnus Ausonslus
im 368 n. Chr. in seiner „Mofsella“ dem in der Mosel
eimischen Salm begeisterte Verszeilen Den Salm des
— O—
»ichter Venantius Fortunatus vom Austrasischen Königshof
n Metz um 590 n Chr in den Verszeilen „Retibus inpicitur,
 quo salmo fasce levatur“, womit vermutlich der
Salmenfang des Königshofes Andernach in
inem Rheinwehr dortselbst beurkundet wird (Ven. Forunatus
 „De navigio suo“). Danach blieb der Salm
inseres Gebietes für mehrére Jahrhunderte hin üuner—
vähnt. Erst eine Urkunde der berühmten Benediktiner—
ibtei Prüm in der Eifel bricht das Schweigen. Sie doku—
nentiert, wie Kaiser Ludwig im Jahte 871 den Aebten
»on Prüm den Salmenfang im Rhein zwischen St. Goar
ind Bacharach gestattete. IIn St. Goar fand sich eines
»er vornehmsten Tochterklöster Prüms.) Damit wird der
Zalm als zum Jagbregal der Könige gehörig bezeugt
Lon den Prümer Aebten gingen die Salmenfanggerecht—
ame jener Rheinstromstrecke um 1245 auf die“ Grafen
on Katzenellenbogen auf Schloß Rheinfels bei St. Goar
ind mit diesem Territorium 1576 an die Landgrafen von
dessen-Rheinfels über. Eine älteste Fauna des Mittel—
heingebietes gibt die erste deutsche Naturforscherin und
lerztin, die hochgelehrte Aebtissin Hildegardis zu Kloster
Rupertsberg bei Bingen (10081179) in ihrer “, Physica“,
In Buch V dieser findet sich eine außerordentlich wert—
volle Darstellung der Fischwbelt des Mittelrheingebietes
nit vorwiegend deutscher Benennung der einzelnen
Arten, in der auch der Salm eingereiht ist. Und der über—
agende Naturkundige und Nalurschriftsteller Albertus
hagnus zu Köln (1193—51280) weiß in seinem Werk
Opus de animalibus“ über den Salm unserer rheini—
chen Heimat zu berichten: „... Der Lachs hat die Ge—
talt und Farbe des Salms, aber einen hakenartig nach
ben gekruͤmmten Unterkiefer. Sein Fleisch ist nicht so
ot und wohlschmeckend wie das des Salms. Dieser ist am
esten im Rhein und wird bei Köln in einer Länge von
bis 2 Ellen und in einer Höhe über eine Spanne
jefangen.“ Diese Notiz beweist die Albertus allgemein in
einer Naturbeobachtung trefflich eigene Erfassung des
charakteristischen, wenn er auch hier in der damals noch
errschenden Unklarheit über Natuͤr und Leben des Salm
schtes mit Falschem vermischt. Erst der Naturforscher
donrad Gesner hat in seiner von 1351 1587 abgefaßten
listoria animalium, mit der er die wissenschaftliche Zoolo⸗
gie begründete, eingehender und umftändlich über den
salm des Rheines und anderer westdeutscher Gewäfser
geschrieben.
Ueber den Salmfang im Mittelrhein liegt
om Mittelalter zur Neuzeit hin reiches Maͤterial vor.
Durch Weistümer und andere Urkunden werden für das
Fahr 1418 zwei Salmenwöässer und Salmenfänge zwischen
2t. Goar und Oberwesel erwähnt, denen sich 1478 ein neu
ingelegter bei Spay gegenüber Braubach zugefellte. Aus
zleichen Quellen sind zwischen Koblenz und Engers für
ie Zeit von 1300 bis 1550 vier Salmenfänge nachzu—
veisen, und zwar bei Neuendorf, Wallersheim, Kesselheim
und Engers (MR. UB.). Der Speisezettel der Domherren—
züche zu Speyer um 1520 läßt, wie allgemein der der
goßen Klöster des Gebietes, den Rheinsalm in reicher
zülle auf, der Tafel der Fastenzeit besonders erscheinen.
In der gleichen Zeit auch war es, daß die Dienftmägde
»er Stadt beim Rat von Speyer darüber Beschwerde
ührten, wie ihnen von den Herrschaften täglich Rhein—
alm vorgesetzt werde! Und wie alte Stadtaklen aus der
zalmmetropole St. Goar dies ausweisen, stellte hier das
ßesinde beim Verdingen den Vorbehalt, „in der Lachsgzeit
rnicht öfter als dreimal in der Woche Lachs essen “zu
            
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