Südwestdeutsche Heimatblättet.
Kr. 3
Die ältesten deutschen Ortsnamen des Saarlandes.
Hermann
Als die Westgoten unter Alarich im Jahre 410 n. Chr.
Rom eroberten, wurde auch unser Saarland deutsch. An
die Stelle gallisch-römischen Großgrundbesitzes, der mit
Sklaven uno gedrückten Kolonen arbeitete, trat eine
reie bäueruche Siedlerschaft deutschen Blutes. Das Bild
des Landes änderte sich dadurch von Grund aus, die neue
Siedlung knüpfte nicht an die alte an, sondern organi—
ierte sich nach eigenen Gewohnheiten und Gesetzen. Nur
selten sinden wir, daß ein Ortsname noch an die Welschen
erinnert, die vordem hier den Boden bestellt hatten.
Tholey (tevwlegium), Auersmacher und Mechern, von
naceries (Ummauerung) abzuleiten, Walschborn und
Welschbach sind solche Namen. Im übrigen sind die Orts—
iamen alle urdeutsch. Diese Tatsache ist sehr auffallend,
venn man damit vergleicht, daß die spätere deutsche Be—
iedlung der östlich der Elbe geiegenen slawischen Gebiete
die älteren vorgefundenen Namen keineswegs gelilgt hat.
die Neubesiedlung muß also viel gründlicher und schneller
erfolgt sein, als dort im Osten; die alte Bevölkerung muß
zewissermaßen mit einem Schlage fast restlos vertilgt
vorden sein. Das ist bei dem Uebergang von Großgrund—
zesitz zu bäuerlicher Siedlung auch sehr wohl verständlich.
Für die alten Pächter und Sklaven blieb kein Lebens—
metrccum. In der bäuerlichen Wirtschaft der Nachfolger
hatte man für sie keine Verwendung. Wo sie nicht ge—
lohen waren, wird man sie nach damaligem Gebrauch
»urch Verkauf zu Geld gemacht haben.
Ueber die ersten Jahrhunderte der deutschen Geschichte
»es Saarlandes fehlen uns so gut wie alle schriftlichen
Nachrichten. Ganz allmählich, 500 Jahre später etwa,
älit ein Strahl sogenannter Geschichte aus vereinzelten
Arkunden auf unsere Heimat. Von dem heiligen
Arnual, Wendelin, Ingbert und Dissibodus, nach denen
St. Arnual, St. Wendel, St. Ingbert und Dissibodenberg
hre Namen bekommen haben, reden nur sagenhafte
Berichte. Einige Kloster- und Königsurkunden nennen
die Namen von ein paar Höfen des Saarlandes. Das ist
alles. Ein ungeheuer langer Zeitraum bleibt uns voll—
zommen dunkel. Wir wissen nichts von der Stammesart
der Siedler (denn was sagen uns Begriffe wie Franken
und Alemannen?), nichts von der Verfassung, nichts von
der Art der Siedlung noch sonst etwas Genaueres über
Leben und Kultur unserer ältesten saarländischen Vor—
jahren. Da aber hier die Wurzeln unserer heutigen Kul—
tur liegen, so ist das Bedürfnis nach neuer Kunde über
diese ältsten Zeiten begreiflicherweise sehr groß. Aus
alten Urkunden werden wir aber in dieser Beziehung
nichts mehr erfahren können, dazu sind die Archive schon
zu genau durchforscht. Ausgrabungen dürften noch eini—
ges liefern, aber wohl nicht viel. Nun bleibt aber noch
»in Urkundenstoff anderer Art übrig, der, wie ich zeigen
vill, noch lange nicht genügend beachtet und ausgewertet
st. Das sind die Ortsnamen.
Was man allerdings bisher aus den Ortsnamen heraus—
jelesen hat, ist sehr mager und kaum des Interesses wert.
Ddenn was nützt es zu wissen, ob Dudweiler nach einem
Mann mit Namen Dodo, Ottweiler nach einem Ado, Esch—
cingen von einem Askarich, Völklingen von einem Fulko
den Namen bekommen hat? Man ist danach ebenso klug
vie vorher. Die Namen, die mit „heim, weiler, hofen und
ingen“ endigen, sind es also nicht, die hier Licht bringen,
denn sie leiten sich fast ausschließlich von dem Namen
eines Hofbesitzers her, der uns als einer unter vielen
janz gleichgültig sein kann.
Eine andere im Saargebiet sehr verbreitete Gruppe
on Namen ist es, die bisher der Beachtung gänzlich ent—
zangen ist, obwohl sie äußerst zahlreich ist Es sind die
Namen, die auf „bach“ endigen. Ruppersberg rechnet sie
in der Geschichte der Grafschaft Saarbrüchken nach dem
Vorgang ˖anderer Forscher zu den neueren Namen im Ge—
gensatz zu den auf „heim“ und „ingen“ Grade sie aber
sind die allerältesten.
Von
Albert Prietze.
Ein naheliegendes, aber sehr gröbliches Mißverständnis
jat diese Namen bisher der genaueren Beachtung durch
»ie Wissenschaft entzogen. Man glaubt, diese Namen
eien von Wasseriäusen übernommen. Das ist falsch.
⸗chon die Verteilung dieser Namen auf unser Gebiet
pricht dagegen. Sehen wir uns nämlich die Karte an,
o finden wir, daß diese Namen in breitem Strom vom
zunsrück und aus dem Westrich nach der Saar heran—
ringen, diese aber nur südlich von Völklingen über—
chreiten. Nordlich fehlen sie auf dem linken Saarufer,
nit einer kleinen Ausnahme dicht an der Saar (Atzbach),
»ollständig. Da aber auf dem linken Saarufer auch nur
eutsche Namen vorkommen und Wasserläufe ebenso zahl—
eich sind, wie auf dem rechten, muß es doch sehr zu
»enken geben, daß es hier an Ortsnamen auf ,bach“
zöllig gebricht.
Weiterhin beachten wir, daß Ortschaften dieser Namens—
art vielfach so gelegen sind, daß ihr Name gangz wider—
innig erscheint. So liegt Schwalbach bei Saarlouis auf
iner Höhe an der Saar, die keinen größeren Bach in
hrer Nähe kennt. Breitenbach östlich Ottweiler liegt zum
nindesten an keinem breiten Bach. Aehnlich wie
„chwalbach auf einer Höhe liegen Habach bei Eppelborn,
deichenbach bei Cõoin, Kerbach bei Saargemünd und viele
indere. Also was ists mit diesem „bach“— in Ortsnamen?
ss verhält sich bei unseren saarländischen Namen damit
»benso wie mit den unzähligen anderen Namen auf
‚bach“ in unserm großen Vaterland und ebenso wie mit
»en niederdeutschen Namen, die auf beck auslauten“).
das Grundwort ist nicht Bach-Wasserlauf, sondern Back—
hügel, das in dieser Bedeutung noch heute im Dänischen
ebendig ist. Wir selbst haben dies Wort in Backe,
Zecken, Buckel, Bühel erhalten. Dieser Back ist nun
ber nicht ein gewöhnlicher Hügel, sondern ein künst—
icher Hügel, der für die Thing- oder Malstätten der
ilten germanischen Verfassung nötig war. Den um—
assenden Beweis hierfür habe ich in meinem unten an—
zeführten Buch erbracht, er kann hier nicht wiederholt
verden. Aber dem Leser wird die Deutung bei den ein—
zjelnen Namen sofort einleuchten. Die Deutung bei
insren Namen versagt nämlich in den meisten Fällen,
venn wir an eine Herleitung von einem Wasserlauf den—
zen, sie wird aber sofort klar, wenn wir den betreffenden
Irt bei einer Thingstatt entstanden denken.
Hierzu müssen wir uns nur das Folgende vergegen—
värtigen: Die älteste Siedlungsform unserer Vorfahren
var nicht das Dorf, sondern die Siedlung in zerstreut
iegenden Höfen. Wir haben keinen Anlaß daran zu
weifeln, daß diese Siedlungsart auch zuerst im Saarland
iach gewohnter Weise innegehalten wurde. Eine größere
Zahl von Höfen, sagen wir 50 bis 100, bildeten eine
Markgenossenschaft. In der Mitte des Gebietes der
Markgenossenschaft lag der Thinghügel, auf dem alle
jffentlichen Angelegenheiten verhandelt wurden. Eine
zewisse Zahl von Narkgenossenschaften, sagen wir 10,
dildeten einen Gau, der seine besondere Thingstatt auch
oieder nach Möglichkeit in der Mitte des Gaugebietes
jatte. In unserer Gegend kann man die ursprüngliche
ßröße eines Gaues zu etwa 200 Quadratkilometer an—
riehmen. Man kann das aus der Zahl der Gauthing—
tätten schließen, die auf einem Kartenblatt der Landes—
rufnahme 1: 100 000 vorkommen und die nicht allzu—
chwer wieder ausfindig gemacht werden können. Mit
nen späteren Gauen, die von den fränkischen Königen
ezingeteilt wurden, haben diese älteren nichts, oder nur
venig zu tun. Letztiere sind viel umfangreicher.
) Das Geheimnis der deutschen Ortsnamen, von H. A.
Prietze, Verlag Gebr. Hartmann, Hannover-Linden 1929. 170,
nit zahlreichen Abbildungen und Karten im Text und einer
Kartenbeilage, Preis 875 RM.
(Schluß folgt.)
Berankwortiich für die Schriflleitung. VUr August Hellbrüek Track und Verlag von Gebi Hofer A⸗G Saarbrücken