Full text : 3.1930/31 (0003)

Südwestdeutsche Heimatblätter.
Zunge den Wanderstab; in der Pfals ist es aber fast
noch schlimmer gewesen.
Eine gewisse Propaganda ucht freilich die deuischen
Anfiedles als Beltelvolk, als gescheiterte Existenzen hin—
zustellen. Es kann auch nicht bestritten werden, daß sehr
hiele mittellos waren, aber die Regel ist das nicht, ge—
vesen. Vielmehr kamen die meisten mit einem kleinen
Vermsgen, viele kamen mit, Gespannen, mit Knechten
ind Mägden. Erhebliche Kapitalien sind durch die Kolo⸗
zisation“nach Ungarn eingeströmt und es, gibt wohl
keinen besseren Beweis dafür, wie die Tatsache. daß das
Bonyhader Vieh der Schwäbischen Türkei von dem Vieh
der Einwanderer abstammt. Wo aber die Ansiedler ver—
armt waren, wäre die Frage zu prüfen, ob sie das durch
igene Schuld geworden wären oder nicht vielmehr durch
ie Verwuͤstungen der unaufhörlichen Kriege, durch den
inerhörten Steuerdruck und die ewigen Kontributionen.
Und selbst dann, wenn sie mittellos gekommen sind, ‚so
hrachten sie doch eines mit, die technische, wirtschaftliche,
zulturelle und moralische Ueberlegenheit über ihre neue
Amgebung, die sie befähigte, eine neue Heimat aus
Zumpf und Wildnis erst zuͤ schaffen, eine Heimat, die sie
Faher zu Recht besitzen. Tausende und aber Tausende hat
dabei das Sumpffieber hinweggerafft, die Uebrig—
gebliebenen griffen unentwegt wieder zum Pflug und zur
Zacke und neue Gruppen traten in, die Lücken.
Nicht wirtschaftlich bankerotte Existenzen sind die Aus—
vandérer gewesen, die die heimische Volkswirtschaft
seicht entbehren konnte. sondern politische Flüchtlinge,
die zum zweitenmal das Schicksal des rheinischen Landes,
des Grenzlandes auf sich nahmen. Für diese Auswan—
Herer gilt ja nichts anderes, wie für die Scharen, die nach
den Raubkriegen und dem spanischen Erbfolgekrieg aus
den pfälzischen Landen nach Pennsylvanien zogen, oder

ür die Flüchtlingsmassen, die später die französischen Re—
»olutionsheere über den Rhein drängten, um dann in
Polen, Galizien, der Bukowina, vor allem in, Beß—
irabien und Südrußland eine neue Heimat zu finden.
So wurde ein neues rheinisches Deutschland aufgebaut
nfernen Landen, ebenbürtig der alten Heimat. Rhein
ind Donau, Deutschlands Schicksalsströme, waren wieder
»inmal einander näher gebracht worden.
Die schweren Wunden der Türkennot sind längst ver—
iarbt. Wohl haben die Türkenkriege viel altes deutsches
dulturgut, das das Mittelalter mit seinen Markt- und
ßewerbestädten und seinen Bergbaubezirken in Ungarn
ind bis lief nach Altserbien hinein geschaffen hatte, für
mmer vernichtet, aber diese Einbußen sind an anderer
Ztelle um ein Vielfaches wettgemacht worden. So ge—
enken wir doch eigentlich ohne Bitternis der Türken—
riege, und aus den Feinden vergangener Jahrhunderte
ind überdies Waffenbrüder im großen Weltbrand ge—
vorden. Als im Jahre 1926 der Tag der Ungarn den
esten Todesstoß verfetzender Schlacht von Mohäes sich
um 400 Male jährte, erhob der ungarische Reichs—
zerweser keine Anklage, sondern entbot Grüße dem tür—
zischen Volk. das ja dem seinigen sogar verwandt ist.
Alle Völker in Donaumitteleuropa aber sollten sich
»essen bewußt werden, daß sie zusammendie Gefahr
ibgewandt haben, und daß auf ihrer gleichberechtigten
zusammenarbeit der weitere Bestand ihres wirtschaft—
scchen, kulturellen und staatlichen Lebens beruht. Sonst
önnte es leicht noch dahin kommen, daß im 20 Jahr—
jundert zerschlagen wird, was die Türkenkriege — sehr
segen ihre Absicht — mit haben aufrichten helfen:
donaumitteleuropa, die Brücke aus dem Herzen
Nitteleuropas nach dem Balkan.

Aie Auswanderung von Gaar und Mosel im Vormärz.
gelangten, günstige Schilderungen über den Arbeitsver—
ienst und die Erwerbung von Grundbesitz in Nord—
merika enthielten, daß die Auswanderer hierdurch ver—
ührt, bessere Vermögensverhältnisse jenseits des Meeres
u erlangen glauben, worin sie oft (und selbst meistens)
ehr bitter getäuscht werden, und daß endlich die Boden—
»erhältnisse der hochgelegenen Gegenden der Kreise
Idenau, Ahrweiler und Kochem, die sie verließen, in der
dat nicht die günstigsten genannt werden können, ob—
Jleich sie noch mancher Verbesserungen fähig sind. Uebri—
sens wird diese zur Krankheit gewordene Auswon—
erungssucht allsrdings von selbst aufhören, wie die Er—
ahrung lehrt. Allein es kann dann auch bereits viel
S„chaden geschehen sein
Die Auswanderung gereicht vielen Personen nieht bloß
uum eigenen Nachteil, sondern gefährdet auch nicht selten
»as Los ihrer zurückbleibenden Gläubiger, indem die
luswanderer sich beeilen, das Land zu verlassen, ohne
iejenigen zu befriedigen, denen sie rechtlich verpflichtet
ind, welche daher, wenn die Auswanderer einmal das
este Land von Europa verlassen haben, alle Hoffnung
zufgeben müssen, ihre Forderungen an dieselben zu
ealisieren, da bei der Eigentümlichkeit der hiesigen
»ypothekenverfafsung auch die mit Pfandrecht ver—
ehenen Forderungen nicht immer ganz sichergestellt
ind. “*
„Die Trierer Regierung hat daher“, so fährt der Be—
icht aus Koblenz fort, „durch ein Zirkular schon 1837
»erordnet, der Auswanderungs-Konsens dürfte erst er—
eilt werden, wenn die Absicht des betreffenden Indi—
»iduums zur Benachrichtung der etwaigen Glöubiger
»orher publiziert worden sei.“ Auch für den Koblenzer
gezirk hatten bereits vier Landräte einen entsprechenden
frlaß erbeten. An Hand des Beispiels eines Nagel—
hImieds aus Münden wird dann erläutert, welche Ge—
ahr für die Gläubiger bestehe, falls ihr Schuldner ohne
Zzegleichung der Schulden auswanderten.
Der Minister lehnte den Erlaß einer derartigen Ver—
»dnung ab und befahl der Regierung zu Trier. um—
ehend die gesfetzwidrig von ihr erlassene Verordnung außer
draft zu setzen. Denn, so führte sie an, neben der Be—

Wohl fast jede Familie des Trierer Gebiets hat Ver—
vandte in Uebersee oder weiß wenigstens aus der Ueber—
ieferung, daß Angehörige von ihnen früher einmal aus—
gewandert sind. Eine volkskundliche oder wirtschafts—
vissenschaftliche Untersuchung über die Bestaltung und
Auswirkungen dieser so bedeutungsvollen Massenabwan—
derung aus unserem Heimatlande besitzen wir noch nicht.
Vielleicht erschwert die Dürftigkeit des einschlägigen
Quellenmaterials die Forschung in dieser Hinsicht. Im
zgeheimen Staatsarchiv finden wir aber einen wertvollen
Beleg zur Geschichte der Auswanderung aus dem Trierer
Land während des Vormärz — nämlich die Geneéeral—
akten über das Auswanderungswesen, ferner die stati—
stischen Uebersichten des Preußischen Landesamts für
Statistik (Rep. 77, Nr. 226) und endlich eine in unserer
darstellung vorzugsweise verwertete Quelle, die Verichte
der Trierer Regierungspräsidenten an den Minister des
Innern. An Hand dieser Unterlagen wird sich 4weifellos
ine Uebersicht gewinnen lassen,
Beginnen wir mit den allgemeinen Akten. Der
Minister des Innern eröffnet unter dem 8. Februar 1836
der Regierung in Trier, daß die Erteilung der Auswan—
zerungsgenehmigung keineswegs von der Beibringung
einer Bescheinigung des Staates, in den der Untertaa
zuzuziehen gedenkt, abhängig gemacht werden dürfe. Er
»emerkt, eine solche Verbindlichkeit, wie sie irrigerweise
die Trierer Regierung auferlegt hatte, würde in vielen
Fällen das Auswandern unmöglich machen, besonders, da
die Auswanderer den Staaten, in welchen sie ein Unter—
zommen suchen. noch gar nicht bekannt sind.
Die leitenden rheinischen Behörden scheinen zunächst
der Auswanderung recht ablehnend gegenübergestanden
zu haben. Ein Bericht der Koblenzer Regierung vom
2. Juni 1842 ist in dieser Beztehung ungemein
ehrreich. Es heißt da: „Die Neigung zum Auswandern
rach Amerika nimmt seit einem Jahr in mehreren
dreisen unseres Verwaltungsbezirks sehr zu. Die Ver—
inlafsung dazu glauben wir teils in der Verführung von
Leuten, die aus der Reise Vorteil ziehen, teils darin
uchen zu müssen, daß mehrere Briefe von Ausgewan—
»erten. welche an ihre zurückgebliebenen Angehörigen
            
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