Südwestdeutsche Heimatblättei.
bedeutete in vieler Hinsicht die Sanktionierung eines be—
reits bestehenden Zustandes.
Von größerer Wichtigkeit für die Gestaltung der Glas—
ndustrie waren vielmehr drei Momente, die hier nun
zurz berührt werden können:
l. die Sanierung der deutschen Währung,
2. das Sinken des Frankens zu Anfang
1924,
3. die rücksichtslose Preispolitik der
Saargruben.
Das erste Moment hätte dazu beitragen können, die
aarländische Glasindustrie auf den deutschen Markt zu—
rückzuführen. Die plötzliche Stabilisierung und gewält—
ame Devalvation der Währung in Deutschland hatte eine
casche Steigerung des Preisniveaus im Reich hervor—
gerufen, die über den Weltmarktstand hinausging. Dieser
Umstand hätte es, wie gesagt, der saarländischen Gläs—
ndustrie gestatten können, in Deutschland neuen Absatz
zu finden. Aber die Rückeroberung des deutschen Marktes
degegnete außerordentlichen Schwierigkeiten. Deutsch—
and hatte in den vorangegangenen Jahren der Inflation
großenteils auf saarländischen Glasimport verzichten
nüssen. Es war eine stärkere Ausweitung der eignen
Glasindustrie erfolgt. Zudem hatte auch besonders
schechische Einfuhr viel dazu beigetragen, daß das durch
den Ausfall saarländischer Erzeugnisse gerissene Loch
wieder gefüllt wurde.
Zu dieser Erschwerung traten noch die unter 2Z und 3
zgenannten Faktoren. Der Frankensturz bewirkte eine
erhebliche Preiserhöhung, da die Wirtschaft bestrebt war,
die unsichere Frankenbasis zu verlassen und in ihrer
Preisstellung zur Goldgrundlage zu gelangen. Das sich
jieraus ergebende Anwachsen der Produktionskosten
wurde in besonders bedenklicher Weise noch dadurch ge—
fördert, daß die französische Verwaltung der Saargruben
unter Vernachlässigung der Interessen und Bedürfnisse
der Saarwirtschaft die Kohlenpreise in einer solchen Höhe
hielt, daß sie schon ausschlaggebend war für die Un—
möglichkeit, den stark eingeengten Absatzmarkt der Glas—
industrie zu erweitern.
i.
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zu öffnen. Die einsetzende Rückwanderung des
deutschen Kapitals in die Saarindustrie bereitet
die Wiedervereinigung mit Deutschland vor.
Die keramische Industrie.
Die Ottweilersche Porzellanmanufaktur.
Der Freiherr v Knigge war ein gern gesehener
Hast auf all den kleinen Fürstenhöfen, die im 18. Jahr—
jundert in unserm Vaterland in so großer Zahl be—
tanden. Er besuchte auch Saarbrücken und wurde hier
»om Fürsten sehr gut aufgenommen. Der Fürst bemühte
sich, dem berühmten, weitgereisten Gast einen möglichst
zuten Eindruck seiner Residenz und Hofhaltung mitzu—
zeben. Er sparte nicht an abwechslungsreichen Festen und
Vergnügungen und suchte ihn in liebenswuürdigster Weise
zu unterhalten und zu zZerstreuen. Sicherlich war der
Aufenthalt für den seingebildeten Gast recht genußreich.
denn er äußert sich höchst lobend über die gute Aufnahme
n Saarbrücken und die vielen Anregungen und beacht—
ichen Eindrücke, die er hier erhielt. Er spricht mit An—
erkennung von dem guten Theater in Saarbrüchen, er
»ꝛrwähnt ausführlich die hübschen Anlagen und Lust—
chlösser, die der Fürst mit Kunstverständnis und Ge—
chmack hat schaffen lassen, er vergißt auch nicht die vor—
züüglichen kulinarischen Genüsse, die eine reiche und er—
esene Tafel ihm bot. Bei einem ländlichen Mahl, das
er zu Dudweiler einnahm, fällt ihm die ungewöhnliche
Zchönheit und Güte des Tafelgeschirrs auf, und er ist
zecht erstaunt, als er erfährt. daß es einheimisches Er—
zeugnis ist. In einem Briefe behauptet er dann. daß das
„Porcelain mit dem englischen, sowohl was die Güte,
als was den wohlfeilen VPreis. die Dauer, die Feuerfestig—
zeit und die Schönheit der Formen betrifft. wetteifern
zann.“
Dies mit so rühmenden Wortenerwähnte
Porzellan entstammte einer Fabrik z3u
Ottweiler, die der Fürst Wilhelm Heirnrich
angelegt hatte. Die gute Tonerde, die 'sich bei Ott—
veiler findet, mag ihn auf den Gedanken gebracht haben.
Dann trat hinzu der Wunsch. von der fremden Industrie
unabhängig zu sein und in eignen geschmackvollen Er—
eugnissen zu beweisen, daß auch in einem kleinen Länd—
hen sich Kunst und Gewerbefleiß zu der Stufe hoher
Vollkommenheit entwickeln konnten Diese Erwägungen
ichlugen alle Bedenken nieder die sich an die geringe
stentabilität des neuen Unternehmens knünpften. Es
nußte fremde Porzellanerde als Beisatz unter hohen
dosten von auswärts herangeschafft werden. Außerdem
var der Absat natürlicherweise gering und lohnte bhei
veitem nicht die Beschäftigung tüchtiger, geschulter Por—
ellanmacher. die der Fürst in Dienst nahm. um seiner
ungen Manufaktur zu Ansehen zu verhelfen Mehrere
Jahre hindurch leistete der Fürst bedeutende Zuschüsse
Schließlich mußte er sich aber doch dazu bewegen laisen
das zu koöstspielige Unternehmen in eine »inträg—
lichere Steingutfabrik umruwandeln. Doch auch
diese vermochte sich nicht lange zu halten
1) Seit der vollständigen Eingliederung
in das französische Wirtschaftsgebiet
Mit der am 10. Januar 1925 erfolgten
sollständigen. Einverleibung des Sadar—
gebiets in das französische Zollreich wur—
den die Fäden zuwischen Saarwirtschaft und
deutscher Wirtschaft nahezu gänzlich zer—
schnitten. Selbst der nach langen schwierigen Ver—
sandlungen zustande gekommene deutsch-französische
Handelsvertrag vermochte nur in geringem Maße die
schweren Erschütterungen, welche die gewaltsame Los—
ösung vom deutschen Mutterlande in wirtschaftlicher Hin—
sicht heraufbeschworen hatte, zu beheben.
Wenn auch die Schilderung einer noch in keiner
Weise abgeschlossenen Epoche der von uns angewandten
zistorischen Betrachtungsweise, die Ursache und Wirkung
erforscht. zuwiderläuft, so mag doch hier als Abschluß
ein kurzer Blick auf die Ereignisse und Probleme der
jüngsten Gegenwart geworfen werden, um dann zu den
hoffnungen und Befürchtungen der Zukunft abzu—
chweifen.
Die Abschnürung vom deutschen Wirt,—
schaftsgebiet brachte im Jahre 1931, nachdem auch
noch die schwere Weltwirtschaftskrise über das
Saargebiet hereingebrochen war, die einst blühende
Flaschenglasindustrie zum vollständigen
Erliegen“ Ddie Tafelglasindustrie versuchte
durch intensive Rationalisierung der Be—
riebe ihre Wettbewerbsfähigkeit zu kräftigen Sie
ührte auf allen Hütten eine Umstellung vom bisherigen
Mund-Blasverfahren zum maschinellen Betrieb auf der
Grundlage des Fourcaultschen Verfahrens durch. Doch
auch sie ist gleich der Weißhohlglasindustrie stark gefährdet
und hält der schweren Wirtschaftsdepression mit ihrem
Stocken der Bautätigkeit nur mühsam stand.
Eine Rückgliederungindas deutsche Wirt—
schaftsgebset erscheint als dringende Not—
vendigkeit, um die saarländische Glasindustrie vor
dem Verfall zu bewahren und ihr das alte Absatzgebiet
Die Firma Villeroy K Boch
Die Entstehung der Firma.
Der erste Versuch, die keramische Industrie im Saar—
zebiet heimisch zu machen. war also mißglückt. Es sag
dies daran, daß die durch Fürst Wilhelm Heinrich ge—
gründete Vorzellanmanufaktur zu Ottweiler weniger aus
wirtschaftlichen Gründen heraus entstanden war, sondern
mehr oder weniger das Produkt fürstlicher Eitelkeit dar—
stellte., die nicht so sehr auf Rentabilität und Gewinn
hedacht war sondern viel eher danach strebte durch
künstlerische Vollkommenheit der Erzeugnisse zu glänzen
und kfür ihren Begründer zu prahlen
Die mangelhafte wirtschaftliche Fundierung dieses
Unternehmens brachte es schließlich zu Fall.