Full text : 3.1930/31 (0003)

Südwestdeutsche Heimatblätter.
b) Bis zur generellen Einführung des
Frankens.
Das Jahr 1919 war für die Glasindustrie, wie bereits
erwähnt wurde, an sich verhältnismäßig günstig. In der
Flaschenglasindustrie blieb die Produktion zwar wesent—
ich unter der Vorkriegsproduktion (1913: 18,1 Mill. kg;
1919: 11,3 Mill. kg), doch stand sie bei weitem über der
Produktion der Kriegsjahre (1918: 7,8 Mill. kg), Aehn—
lich war die Lage in der Weißhohlglasindustrie (Pro—
duktion 1913: 3,6 Mill. kg; 1918: 1,4 Mill. kg und 1919:
2,05 Mill. kc). Nur in geringem Maße vermochte sich
allerdings die Tafelglasindustrie zu erholen. Sie litt
noch unter dem völligen Darniederliegen jeder Bautätig—
keit (Produktion 1913: 4 Mill. qm; 1918: 1,7 Mill. qm
und 1919: 2 Mill. qm).
Schon das Jahr 10920 zeigte aber einen erheblichen
Rückgang, weniger in der Produktion, als vielmehr
im Absatz der Flaschen- und der Weißhohlglasindustrie
In der ersteren stellten sich die Zahlen wie folgt:
Produktion Absatz
1919 113 Mill. kg 10,9 Mill, kg
1920 10,22 . 8.1
Wir sehen eine geringe Verminderung in der Pro—
zduktion, dagegen eine starke im Absatz. — Noch lehr-—
eicher ist die Entwicklung in der Weißhohlglasindustrie
Zier gestalteten sich Produktion und Verkauf folgender
maßen:
Produktion Absatz
1919 2,05 Mill. kg 2,24 Mill. kg
1920 A 1,668
Wir bemerken, wie die Produktion gesteigert wird im
Zinblick auf den bedeutenden Absatz im Jahre 1919, mit
dem die Produktion damals nicht Schritt zu halten ver—
mochte. Wir beobachten aber auch, wie der Absatz in
erschreckender Weise im Jahre 1920 absiel. — Weniger
instruktiv ist die Entwicklung in der Tafelglasindustrie.
Hier verursachte die wieder einsetzende inlän—
dische Bautätigkeit eine Erhöhung von Pro⸗—
zduktion und Absatz. Es wirkten hier weniger als aus—
schlaggebende Faktoren die sich ungünstiger gestaltenden
außeren Absatzverhältnisse mit. Vielmehr war es der
innere Markt der einen Aufschwung in der
Fensterglasindustrie hervorrief.
Die schlechte Lage der Glasindustrie in
den Jahren 1920 bis 1922 erklärt sich nicht zum
geringsten Teil aus der Einführung des Fran—
kens im Bergbau. Er trieb die Kohlenpreise in
einem Maße in die Höhe, das durchaus nicht mehr der
ziel mehr von Deutschland als von Frankreich ab—
jhängigen Bewegung des allgemeinen Preisniveaus ent—
prach. So kam es, daß die Brennstoffkosten innerhalb
der gesamten Produktionskosten bald einen immer grö—
zer werdenden Teil ausmachten. Entfielen vor dem
Kriege annähernd 25 Prozent der Produktionskosten auf
die Kosten für Kohlen in der Fensterglasindustrie, so än—
derte sich das Verhältnis bald derart, daß beispielsweise
im Februar 1921 die Kohlenkosten bei der gesamten
Hlasindustrie des Saargebiets 35 Prozent der Produk—
tionskosten betrugen, die infolge der Frankenpolitik der
Brubenverwaltung im Verhältnis zum Preisniveau un—
geheuerlich ansteigenden Kohlenpreise beeinslußten die
Blasindustrie derart, daß sie nahezu außerstande war
auf dem deutschen Markt mit Nutzen zu verkaufen. Mußte
o der Absatz nach Deutschland eine starke Einschränkung
erfahren, die eine langsame Lösung sämtlicher mit der
deutschen Wirtschaft bestehenden Beziehungen herbeizu—
führen schien, so waren andererseits der saarländischen
Blasindustrie fremde Märkte nahezu verschlossen. Der
Borkriegsabsatz ins Ausland war ja immer nur ein
porübergehender gewesen, der weniger in dauernden Ver—
bindungen verankert lag, sondern vielmehr, wie bereits
ausgeführt wurde, nur einer augenblicklichen Absatz⸗
schwierigkeit im Inland entsprach. Schon aus diesen
Bründen heraus war es der saarländischen Glasindustrie
chwer. im Auslande Fuß zu fassen. Frankreich besaß
selbst eine entwickelte Glasindustrie Außerdem be—
zegnete hier die Saarindustrie dem Wettbewerb der
belgischen und tschechossowakischen Glasindustrie. In be—
jonderer Weise wurde der Absatz von Glaswaren nach

Nr.

Frankreich noch dadurch erschwert, daß vom 1. Januar
1921 ab die zollfreie Einfuhr von Glaswaren sich nur
auf die geringen Durchschnittsmengen der Jahre 1911/18
erstrecken durfte. Bei Ueberschreitung dieses Kontingentes
jalten für die überschießenden Waren die sogenannten
Rohstoffzölle, die sich auf die in diesen Waren enthaltenen
Rohstoffe und Halbfabrikate erstreckten.
Die starke Abhängigkeit der Produk—
tionsgestaltung in der saarländischen
HBlasindustrie von der Aufnahmefähigkeit
des deutschen Marktes charakterisiert eine sta—
tistische Darstellung aus dem Jahre 1922, die ein inter—
essantes Bild von der Absatzverteilung des saarländischen
Glases gibt und daher hier folgen soll.
Absatz der Saarglashütten im Jahre 1922.
Vierteljahr Gesamtabsatz Es gingen in Progenten nach
in ks Saar- Deutsch- Frank- andern
gebiet land reich Ländern
8602 529 3,88 85.1 46.9 14,2
ll 6916377 55 27,66 56,5 10.4
III 41645 199 35 31,5 55,9 9,1
IV 3673 756 25 27.9 683,6 6.0
Im Jahre 1923 verschlechterte sich die
Lage der Glasindustrie wesentlich,. Der lange
Streißk der Saarbecrgleute, die Ruhr—
besetzung und als ihre Folge der wirtschaftliche
Zusammenbruch Deutschlands traten zu den
übrigen hemmenden Faktoren. Der starke Abfall der
Produktion, wie er aus der nachfolgenden Taoabelle her—
vorgeht, findet seinen Niederschlag auch in einer Sta—
istißk über den Versand von Glaswaren auf den Saar—
eisenbahnen. Während dieser im 2. Halbjahr 1922 16705
Tonnen betrug. fank er im 1. Halbjahr 1923 auf 7446
Tonnen. Die gewaltige Verringerung des Versondes
rührte unmittelbar von einer zeitweisen Betriebsein—
tellung her.
Produktion der saarländischen Glashütten.
(1913 1926).
Tafelglas⸗ Flaschenglas⸗ Weißhohlglas
industrie industrie industrie
qm kg ko
1913 3966797 18090 394 3608 000
1914 2612 207 704 823 2057 000
1915 22272 aa 1241 000
—1916 2639* J 1934 000
1917 2129 26 925 1522 000
1918 765 60 169 1400 000
1919 2 035 6. 095 2050 000
920 2524 55 25235 2190 900
1921 2278 9090 268 000 2160 000
1922 2974 725 o 485 680 2180000
1923 2443 190 9605 424 2640 000
1924 2677 995 17 509 000 2350 000
1925 3 490 800 17 047 300 3180000
1926 3220 500 12 202 600 2665 000
In dem geschilderten Zeitraum war der Franken
mmer tisefer in die Wirtschaft eingedrun?
gen. Nach dem Bergbau hatten ihn Eisenindustrie, Eisen—
‚ahn, Post und Verwaltung eingeführt. Schließlich folgte
ruch die Glasindustrie mit Frankenlöhnen. Die Pro—
zuktionskosten schnellten hierdurch wieder bedeutend
iber das allgemeine Preisniveau heraus und begannen
ich erst gegen Ende 1922 dem allgemeinen Preisstand
m' Saargebiet anzupassen, in dem dieser anfing, sich
mmer mehr von dem deutschen Preisniveau loszulösen
ind sich infolge des stärkeren Vordringens des Frankens
uind der als Folge des Ruhrkrieges eintretenden Ver—
zehrsfchwierigkeiten dem französischen Preisstand zu
rähern.
1Biszurvollständigen Zolleingliederung
in Frankreich
Die eben geschilderte Epoche fand ihren Abschluß mit
der generellen Einführung des Frankens
(1. Juͤni 1923) Sicherlich war auch dieser Zeitpunkt für
die weitere Entwicklung der Glasindustrie von großer
Bedeutung, doch stellteer in gewisser Weise nur das
dafurgemäße Ende einer Kette von Ereignissen dar. Er
            
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