Full text : 3.1930/31 (0003)

Südwestdeutsche Heimatblättet.

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Ein türkijther Oberst aus Trier und jein Freund aus Guarbrütken.
Von Th. Schmidt. Nachdruck verboten.

Zwei seltene Männer waren es, denen diese Zeilen
gellen. Und dem vei obiger Ueberschrift aushorchenden
Leser mögen die Namen der beiden gleich hier gegeben sein.
Jener türkische Oberst war der in Trier beheimatete
eheinalige Königlich Preußische Artilleriécoffigier
Friedrich Grach, der 1848 nach seinem Abschied aus
der preußischen Armee endgültig in den türkischen
Heeresdienst eintrat und hier zum Rang eines Obersten
äufstieg. Sein Freund aber war der aus Saarbrücken
stammende damalige KRaufmann und Handels—
herr Julius Kiefer in Konstantinopel. Der nach—
mnalige hochverdienstvolle Ehrenbürgermeister von Alt—
Saarbrücken, der von 18721884 das Gemeindewesen
unserer Stadt leitete und dem diese 1890 mit der Ver—
leihung der Ehrenbürgerrechte hohen, anerkennenden
Dank zollte. Aus vergilbten Blättern sprechen Seele,
Wesen und Art dieser beiden Menschen zur Stunde noch
itark und lebendig.
Friedrich Grach.
Friedrich Grach war 1812 als Sohn des Mediginalrates
Johann Michael Grach in Trier geboren. Nach Absolvie—
rung der Bürgerschule in Trier trat er 1829 bei der Fuß—
artillerie in Koblenz ein. In den Jahren 1830-31 be—
suchte er die Brigadeschule dortselbst. Als Leutnant ging
er 1835 dann zur reitenden Gardeartillerie in Berlin
über. Von hier kam 1841 der erst Neunundzwanzigjfährige
als Instrukteur der türkischen Artillerie nach Konstanti—
nopel. Im Jahre 1848 schied er aus der preußischen Armee
aus, um endgültig in den türkischen Heeresdienst über—
zugehen. Um diese Zeit war Grach Führer eines Ar—
tillerieregimentes, das in dem zum Stadtbezirk von
Konstantinopel gehörigen Pera garnisonierte. Grach
vohnte in der Nähe der Kaserne seines Regimentes in
der Dorfschaft Littros. Er vermählte sich mit Josephine
WVeißebach aus Trier.
Im Jahre 1853 kam es zwischen Rußland und der
Türkei zum Krieg. Der russische General Gortschakow
rückte mit starker Truppenmacht in die Donaufürsten—
ümer (Moldau und Walachei) ein, deren souveränen Be—
itz Rußland anstrebte. Der türkischen Kriegserklärung
chlossen sich im März 1854 auch England und Frankreich
an, die insgesamt 55 000 Mann zu dem türkischen Haupt—
heer bei Varna stoßen ließen. Preußen und Oesterreich
hielten sich neutral. verlangten aber für ihre Neutralität
die Räumung der Donaufürstentümer. Diese erfolgte
denn auch. nächdem Rußland durch acht Monate hin die
türkische Donaufestung Silistria oergeblich belagert hatte
zu Ende Juni 1854. Der sich daran anschließende und bis
1856 andauernde Krimkrieg zwang Rußland dann., die
Intregität der Türkei anzuerkennen und auf ein ein—
eitiges Schutzrecht der Donaufürstentümer zu verzichten
Auf dem Hintergrunde jener Kriegsjahre 183354 und
des blutigen Ringens um Silistria nun steht auch das
Geschick des Artillerieoffiziers und türkischen Obersten
Friedrich Grach.
Silistria cheute bulgarisch), war damals ein bedeut—
sames und sehr starkes Bollwerk in dem rechtsseitigen
donau-Festungsgürtel Silistria — Rustschuk — Nikopol —
Bidin. Seine Festungsanlage war um 183839 durch den
oreußischen Offizier Bluhme geschaffen worden. Gegen
diese Donaufeste und starke Sperre setzten die Russen ihre
zgesamten Streitkräfte unter den Generalen Pasckewitsch
und Gortschakow an. Oberbefehlshaber der gesamten
türkischen Truppenmacht war der General Omer Pascha.
der sein Hauptquartier in Schumla hatte. Die einzigartig
heldenhafte Verteidigung Silistrias leitete als offizieller
Festungskommandeur der Generalleutnant Mussa Pascha.
Die Seele des so hartnäckigen und nie auch
zu brechenden Widerstandes der Festung
wvar jedoch der Kommandeurder Artillerie
Friedrich Grach Und dies erst recht, als der be—
gabte und entschiedene Mussa Pascha an dem heißen
Kampftag des 2. Juni 1854 durch eine Granate an der
Seite Grachs getötet wurde und der unfähige Hassa Reis

Rifaat Pascha das Oberkommando der Festung über—
nahm. Und es dars ohne Seoenken geauzert werden, daß
ohne den yochbegavren und unbeugsamen Urtillerie—
obersten Grach Silistria von den Turken nicht vehaupte!
und zweiseuos im Juni 1804 dem Feind in die Pande
zgefalien ware. Vie Kampse um Siltstria nahmen Ende
Ohntober 1808 ihren Ansang. Um 160. Mai vegann die
cegelrechte Belagerung der Festung. Im Juni erfolgten
nehrere vergebliche Sturme der Russen auf das voll—
verk, dessen Besaßzung durch Omer Pascha bedeutend ver—
tärkt worden war. Bei einem erneuten Ansturm fiel der
russische General Schilder. Der General Gortschakow
vpurde verwundet. Rachdem die Russen vor Silistria
12 000 Mann ohne den geringsten Erfolg geopsert hatten
vergl. Jorga „Geschichte oes Vsmanischen Reiches“, Gotha
1918), zwang jene Bedingung Preußzens und Vesterreichs
zur Raumung der Donaufürstentümer sie, von Silistria
abzulassen. Sie gaben das Bollwerk am 283. Juni 1854
endgültig auf, angeblich „aus strategischen Gründen“.
Ueber jene erbitterten Kämpfe um Silistria hat Fried—
rich Grach mit peinlicher Genauigkeit ein militäri—
sches Tagebuch geführt, das uns zu dieser Darstellung
»orliegt. Es umfaßt die Zeit vom 21. Oktober 1853 bis
zum 18. Juli 1854. Die Aufzeichnungen bilden trotz ihrer
Knappheit außerordentlich interessante Dokumente, die
dor allem für den Kriegsgeschichtler und den Strategen
vertvoll sind. Hier seien daraus nur einzelne markante
Notizen gegeben, wie sie den Menschen und den
Soldaten Grach zeichnen und charakterisieren.
Grach wurde am 16. August 1853 nach Silistria kom—
nandiert. Er traf am 28. August auf dem Wege über
VBarna—Schumla hier ein. Die ersten Wochen war Grach
nit der „Retablierung“ und Armierung der Festung und
hrer Vorwerke, der Gestaltung der Arsenale und Unter—
zunften, der Auffüllung der Munitionslager und der Or—
janisation der artilleristischen Verteidigung vollauf be—
chäftigt. Die Kampfhandlungen begannen am 283. Oktober
853 mit einem Feuergefecht zwischen Festungsgeschützen
uind zwölf auf der Donau kreuzenden russischen Vapor—
und Kanonenbooten. Ueber den Zustand der Festung
Silistria und ihrer Besatzung äußert sich Grach in einem
Briefe vom 13. Februar 1854 an einen Verwandten
Dr. Klapper in Aachen (Original in der Handschriften—
ammlung der Stadtbibliothek Trier, veröffentlicht durch
ZFrofessor Dr. Kentenich in „Trierische Chronik“ 1912/18)
Dden Zustand der durch Außenwerke sehr verstärkten
Festung bezeichnet Grach als gut. Munition und Pulver
ind in Fülle vorhanden. Proviant steht im Ueberfluß zur
Verfügung. Der Gesundheitszustand der Truppe ist sehr
jut. Die Truppen sind vorzüglich. „Leider die höheren
Iffiziere im allgemeinen nicht. Omer Pascha (Schumla)
wird nicht überall sein können, und so der arme Soldal
mit seinem Leben die Unwissenheit der Offiziere zahlen
müssen. Mißglückt der ganze Feldzug, dann ist Mangel
an tüchtigen Offizieren schuld.“ Ueber die Stimmung im
Lande und bei dem Heer äußert Grach: „Das Recht ist auf
seiten Abd-ül Medschids und bei dem Unrecht noch die
Brutalität auf seiten der Russen. Der Enthusiasmus in
der ganzen Türkei ist groß, und so wollen wir wünschen
daß Recht über Unrecht glänzend siegen möge.“
Am 20. Mai 1854 erbaten Mussa Pascha und Grach in
chriftlichen Eingaben an den Omer Pascha eine Verstär—
kung von 5000 Mann Infanterie und sechs Geschützen. —
Entrüstung und männlicher Zorn konnten in dem Hau—
degen Grach aufflammen um die Unfähigkeit und Gleich—
aültigkeit einzelner türbischer Kommandeure. So äußerte
Srach am 30. Mai dem Kommandeur Mehmed Bey seine
Besorgnis wegen bedrohlicher Mineurarbeiten der Russen
Dieser schob sedoch die nötigen Maßnahmen hinaus, wozu
Grach notiert: „Einen dümmeren, fauleren und eitleren
Menschen habe ich noch nie getroffen; unter anderem
wollte der Esel zur Erleichterung der Pioniexre
Rafah's in die Minen Galerien einbauen lassen.“
sSchluß folgt.)

Verantwortlich für die Schriftleitung Dr August Hellbräck Druchk und Verlag von Gebr Hofer A⸗G. Saarbrücken
            
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