20
Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verlkehr.
Nr. 5
Unter den Ursachen dieser Erscheinung steht
— wie bereits erwähnt — die maßlose Höhe
der Arbeitslöhne obenan. Arbeiter, die in Deutsch—
land, Oesterreich und Italien mit 5 Francs (4 Mk.
bezahlt werden, kosten in Paris 8 Francs (6 Mk.
10 Pfg.) und darüber; bei einzelnen höheren
Industrien, z. B. der mit Händen angefertigten
Bronze-Arbeit, beträgt der Arbeitslohn bis zu
30 Prozent des Gesamtpreises, an welchem die
Arbeitgeber vorläufig nichts zu ändern vermögen
Dabei sind gerade die besseren und gebildeteren
Arbeiter vielfach unbotmäßig und zufolge des
Finflusses der sozialistischen Hetzpresse so voll—
ttändig von der Berechtigung ihrer Forderungen
überzeugt, daß sie etwaige Vorschläge zur Herab
setzung der Löhne sofort auf Bosheit und maßlose
Gewinnjucht der Arbeitgeber zurückführen
und mit Drohungen beantworten. Ihre ge—
wohnheitsmäßigen Lebensausprüche wollen sie
nicht herabstimmen und die Verteuerung der
Wohnungen läßt Ersparnisse des regelmäßigen
daushalts in der That schwer ausführbar er—
scheinen. Für die Arbeitgeber kommt außerdem
erschwerend in Betracht, daß die Mieten für
Werkstätten, Läden, Vorratsräume ꝛc in dem—
selben Maße gewachsen sind, wie die Preise für
Arbeiterwohnungen. Wer kein eigenes Haus
besitzt, hat nun die Wahl, jährlich gesteigert zu
werden oder durch immerwährenden Wohnungs—
wechsel Geld und Kundschaft zu verlieren. Immer
zahlreicher ziehen sich darum die Geschäftsleute
aus der teuren und unbequemen Hauptstadt in die
Provinz zurück, die Arbeiter aber wollen diese
Bewegung nicht mitmachen, weil sie in ihrer
Mehrzahl an dem Pariser Pflaster kleben, wie
Fliegen am Zucker. Vielen von ihnen, nament—
lich den verheiratheten Leuten, fehlen die Mittel
zum Umzuge, andere mögen von den ge—
wohnten Freuden und Vergnügungen der Groß—
stadt nicht lassen, wieder andere wissen, daß die
Armut sich unter Millionen von Menschen besser
derstecken läßt, als unter kleinstädtischen Ver—
hzältnissen und daß äußersten Falls in Paris
gewisse Erwerbsgelegenheiten zu Hülfe genommen
werden können, die anderswo fehlen Wer ein—⸗
nal an das Seineufer gekommen ist, pflegt es
für eine Art Ehrenpunkt anzusehen, sich an dem⸗
elben zu behaupten.
Endlich steht fest, daß die Verzehrungsfähig
keit der wohlhabenderen Klassen der Pariser Be—
völkerung im Laufe der letzten Jahre beträchilich
abgenommen hat. Die Zahl der Millionäre hat
sich in Folge der Börsenkrisen vermindert, die
vpornehmen Fremden aber zeigen eine gewisse
Scheu vor der Stadt, in welchen die Ministerien
nit den Jahreszeiten wechseln. Der Pariser
Bürger aber, den man sich gewöhnlich als leicht—
fertigen, zur Verschwendung geneigten Lebemann
denkt, ist in Wahrheit ein außerordentlich spar—
samer und genauer Wirtschafter, der sich keinen
Augenblick besinnt, unter ungünstigen Verhält—
nissen seinen Bedarf in einer Weise einzuschränken,
die in Deutschland zum Muster genommen wer—⸗
den sollte Die im vorigen Jahre ersolgte Herab—
etzung der französischen Staatsrente um ein
halbes Prozent hat in dem Pariser Mittelstande
eine große wirtschaftliche Rolle gespielt und von
der Fähigkeit des Bürgertums, sich nach der
Decke zu strecken und unter allen Umständen
Ausgaben und Einnahmen im Gleichgewicht zu
erhalten, ein merkwürdiges Zeugnis abgelegt.
Tausende in ziemlich bequemen Verhältnissen
lebender Familien haben ihre Ausgaben für
Wohnungen, Vergnügungen, Luxusgegenstände
u. s. w. unmittelbar nach der vorjährigen Renten—
Konversion herabgesetzt, weil die Cinhaltung
—
der richtige Pariser Bürger seine Ersparnisse
chlechterdings nicht antastet, so lange er die
Hände rühren und seine Verluste durch Ein—
schränkungen ausgleichen kann. Dadurch hat die
Luxusindustrie ungeheure Einbußen erfahren,
Einbußen, die um so empfindlicher sind, als die
Urbeiter dem Beispiel des Mittelstandes nicht
nachgeahmt haben. Gleichzeitig aber hat die
Nachfrage nach wohlfeilen Industrierzeugnissen
beständig zugenommen; Leule, die nie andere
als französische Artikel zu kaufen pflegten, haben
hereitmiffig nach den wohlfeisen Salbseiden-Ge—
spinnsten, Bronzewaren, Handschuhen, Meubles
u. s. w. gegriffen, die aus Deutschland und
Desterreich auf den französischen Markt gebrach!
vorden waren und die — Dank der in den
letzten Jahren bei uns gemachten Fortschritte
— an Solidität und Geschmack nichts zu wünschen
ibrig lassen (Schluß folgt.)
m Schweinefleisch 6,082, im Hammelfleisch 6,78.
Die Rechnung stimmt so ziemlich mit den Tabellen
überein, welche der österreichische Gelehrte Sieg—
mund in seinem neuesten Lieserungswerke „Die
Werkstätte des menschlichen Organismus“ver—
öffentlicht hat.
Stuhlsitze aus Papiermasse. Der ameri—
auische Holz-Fournier-Stuhlsitz dient bekannt⸗
lich als vortrefflicher Ersatz für Rohr und
Strohgeflecht, namentlich deshalb, weil er nie—
mals Reparaturen notwendig macht. Dieser
Sitz erhält jetzt eine gefährliche Konkurrenz durch
inen Stuhlsitz aus imprägnierter und geprägter
Papiermasse. Diese Sitze sind von außererdentlicher
Festigkeit und durchaus wasserdicht, leiden
also nicht etwa unter Regen. In' allen größeren
Etablissements und Haushaltungen uͤnd oft
massenhaft Stühte dem Verfall anheim gegeben,
nur weil der Sitz defekt ist. Wir glauben nun
auf die e Stuhlssitze (Patent Schimmel) aus
Papiermasse, die nebenbei auch billiger sind,
als die Holzsitze, das Publikum besonders auf—
merksam machen zu sollen, denn mit Hilfe dieses
reuen Artikels ist Jedermann im Stande, die
Reparatur selbst, resp. durch eigenes Personal,
pesorgen zu können, worin ein bedeutender Vor
eil liegt.
Gewundene Schraubenmuttern stellt
Richard Harrington in Wolverhampton,
England (D. R-P Nr. 21912), oyne dieselben
zu schneiden, in der Weise her, daß ein Streifen
yon Federstahl oder dergl. mit dicht an einander
liegenden Windungen hochkantig um einen Dorn
zewickelt wird, welcher etwas dünner ist als der
dern der Schraube. Die Streifen sind vor dem
Aufwickeln an der späterhin inneren Seite mit
einer stumpfen Schneide versehen, welche dann
den Gang der Mutter bildet. Soll diese sich
auf den zugehörigen Bolzen aufschrauben lassen,
so darf der Streifen, aus welchem die Multer
hergestellt wurde, nicht dicker sein, als die mit
)em Kosinus des Steigungswinkels multiplizierte
Banghöhe. Ist die Dicke des Streifens geringer,
so federt die Mutter beim Aufschrauben etwas
auseinander und klemmt sich so auf den Bolzen
est, wodurch bei Erschütterungen ein Lösen der
Schraube verhindert wird.
Illustrierte Blätter, und zwar in des
Wortes verwegenster Bedeutung, hat man seit
Jehrhunderten in Vorderindien. In Deutschland
hat man illustrierte Palmblätter, wir meinen
die Prachtausgabe von Gerok's Gedichten. In
Indien aber hat man eigentliche Palmblätter,
velche beschrieben und sogar illustriert werden
Professor Faulmann veröffentlicht in seiner illü—
trierten Kulturgeschichte die photographische Ab—
bildung des auf eine Reihe von Palinblättern
geschriebenen Gedichtes Sakontala. Jedes Blatt
enthält zwei Spalten und sechs bis acht Verse.
Das Calwer Missionsblatt zeigt uns im Januar—
Jefte die Abbildung eines illustrierten Palm—
olattes. Links, am äußersten Rande, ist ein
Loch, durch welches eine Schnur gezogen wird.
Die linke Seite, und zwar den fünften Teil des
Blattes, nehmen acht kurze Zeilen in Sans—
ritschrift ein. Der übrige Raum ist mit allerlei
Figuren, Männlein und Zierpflanzen, ausgefüllt.
Vom Annoncieren. Ein Korrespondent
sörte einen Maurer in einem lothringischen
Städtchen folgendes erzählen: „Ich habe schon
mehr als einmal meinen letzten Groschen in der
worte saison ins Wirtshaus getragen und den—
noch war ich kein Lump. Während ich mein
Blas, das einzige, trank, horchte ich nach rechts
ind links oder durchflog die Annoncen der Zei—
ung. Im Nu war ich auf der Fährte eines
Beschäftes, das mir einen Verdienst von hundert
Franken eintrug. „Ein Straßburger Kalender“,
der „Elsässer Stadt- und Landbote“, erinneri
in einem Aufsatze über das Annoncenwesen in
Amerika an den Ausspruch des englischen Hi—
storikers Macaulay: „Im neunzehnten Jahr—
hundert ist die Annonce für die Handelswelt
was der Dampf für die Industrie ist, nämlich
die aroße. treibende Kraft.“
Rotizen.
Auszeichnung. Dem Generalsekretair des
Fentralverbandes Deutscher Industrieller, Herrn
stegierungsßrat a. D. Beutner in Berlin ist
»er Rote Adler-Orden dritter Klasse verliehen
vorden.
Die Baumwoll-Industrie in England
in seinem neuesten Lieferungswerke „Das eiserne
zahrhundert“ (Lfr. 23, Seite 712) veröffentlich
freiherr von Schweiger⸗-Lerchenfeld folgende Mit
eilungen über die Baumwoll-Industrie in Eng
and: Die Spindelzahl beträgt 39 Millionen
sjegen 31 in allen anderen Ländern der Erde
usammengenommen. Es wurden 7,4 Millionen
Ballen Rohstoff verarbeitet und ein Produk
ionswert von 70 Millionen Pfund Sierling
erzielt. In Lancashire giebt es 1900 Baum
voll-Spinnereien, deren Anlagekosten auf 1200
Millionen Mark zu schätzen sind.
Schneider-Innung in Berlin. Das
Innungs!leben hat auch in Berlin einen erfreu—
ichen Anfang gemacht. So hat sich die Schneider—
Innung neu konstituiert, welche jüngst ihre erste
Quartalsversammlung auf Grund des Innungs—
jesetzes vom 18 Juni 1881 abhielt. In dieser
Sitzung wurden 51 Meister neu aufgenommen,
erner Lehrlinge aufgenommen und losgesprochen.
Für das Jahr 1884 wurde ein Etat festgesetzt,
essen Einnahmen auf 4280 Mk. und dessen
Ausgabe auf 3597 Mk. veranschlagt wurden.
Der Vorsitzende machte außerdem bekannt, daß
»er Reichskanzler das Statut des Bundes
eutscher Schneider-Innungen“? be—
tätigt habe. Es ist dieses der erste deutsche
Innungsverband, welcher auf Grund des 8 1040
der Reichs-Gewerbeordnung unter den deutschen
zewerblichen Fachverbänden sich reorganisiert hat
Die Versammlung brachte hierauf dem Fürsten
Bismarck für seine Bestrebungen zum Wohle
es deutschen Handwerkerstandes ein dreifaches
Zoch aus und in gleicher Weise ein Hoch dem
Hedeihen des Innungsverbandes selbst.
Wiedereinführung der Brodtaxre in
Paris. Man geht in Paris ernstlich mit dem
Hedanken um, die unter dem Kaiserreich abge—
chaffte Brodtaxe wieder einzuführen. Als
ie Taxe bestand, durften die Bäcker für das
Backen von 50 Pfund Mehl 20 Franks auf—
chlagen; jetzt, nach Abschaffung der Taxe,
eträgt dieser Aufschlag 30 Franks. Ein Brod
yon 4 Pfund, welches 70 Centimes kosten sollte,
vird jetzt mit 80 Centimes berechnet. Für die
Arbeiter, deren Hauptnahrungsmittel das Brod
zildet, ist dieses eine bedeutende Mehrausgabe,
die mit zum gegenwärtigen bedenklichen Not
tand der Pariser Arbeiterbevölkerung beiträgt
Eine neue Art Brot zu bereiten. Aus
Frankreich gelangt ein neues System der Brot
zereitung zu uns, von welcher sich der Er—
inder, Theophil Montérichard in Paris, Wunder
erspricht. Das Verfahren besteht in der Haupt—
ache darin, daß man sich zur Bereitung des
Teiges eines Wassers bedient, in welchem eine
entsprechende Getreidemenge der Kochhitze aus—
gesetzt gewesen ist. Der Erfinder verspricht bei
Anwendung seines Verfahrens, welches übrigens
einerlei Abänderung in den Arbeiten des Knetens
ind Backens bedingt, eine um ungefähr 10 Pro—
zent größere Ausbeute an Brot aus derselben
Menge Mehl. Wenn er sich nur nicht täuscht.
Zur Nahrungsfrage. Unter dem Titel
„Die zehn Gebote für die Küche“ erhalten wir
inen längeren in zehn Vorschriften gefaßten
Aufsatz. Der Verfasser berechnet, daß Milch
ind Molkereiprodukte die billigsten Nahrungs—
nittel sind. Ein Kilogramm stickstoffhaltiger
stahrung kostet in der Milch 1 Mark 60 Pfg
n den Magerkäsen 1,74. im Rindfleisch 5,14
——4 6 2* * — —
—5
V.
1
44⸗
448*