Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.
Ueber Lehrlingswerkstätten.
Es muß wirklich Wunder nehmen, daß bei
den zahllosen Untersuchungen der Ursachen der
heraufbeschwörung der sozialen Frage, so über—
aus wenige publizistische Federn den wunden
Punkt berühren mögen, in welch' unverantwort⸗
lich leichtfertiger Weise heutzutage die Erziehung
der gewerblichen und kaufmännischen Jugend in
den Stätten für Lehrlinge betrieben wird.
Während man doch z. B. die jungen Baum⸗
stämme fest an eine Stütze bindet, damit sie
nicht krumm wachsen und sich auch nicht zur
Erde niederbiegen, sondern in die Höhe streben,
auf daß sich alsdann auch alle Zweige besser
entfalten, giebt es für den Handwerker⸗ und
bezw. Kaufmanns-Lehrling nur noch in den
ieltensten Fällen eine feste pflegende Hand die
ihn emporrichtet, ihn zwingt nach auswärts zu
streben. Der heutige Lehrling ist und bleibt
ein Zwitterding zwischen Handlanger und Aus—
läufer. Nur erst gegen das Ende der soge—
nannten Lehrzeit sucht der Meister bezw. Prin—
zipal, dem Lehrlinge schnell einige Kenntnisse
eines Handwerks bezw. einiges kaufmännische
Wissen beizubringen. Seit Aufhören der alt—
ehrwürdigen Handwerker-⸗Innungen bedarf es
für den Handwerker-Lehrling gar nichts weiter,
als daß ihn der Meister überhaupt aus der
Lehre entläßt, um sich fortab das Prädikat Ge
jelle oder Gehilfe beizulegen. Der Meister ent⸗
läßt ihn, weil er ihm einen Gesellenlohn aus
zweierlei Gründen nicht bezahlen kann, bezw.
will; denn erstens hat der Bursche viel zu wenig
zelernt, um Anspruch auf Gesellenlohn zu haben,
und zweitens stellt sich der Meister lieber wieder
einen recht billigen Lehrjungen ein.
In den, mit Recht so genannten „guten alten
Zeiten“ zahlte der Lehrling ein erkleckliches Lehr⸗
geld, und dafür hatte der Meister auch die
heilige Pflicht, den Lehrburschen etwas rechtes
zu lehren. Der Letztere war ihm auf Vertrag
übergeben worden; er konnte vor Ablauf der
Lehrzeit um keinen Preis austreten, und ge—
schah es dennoch, so war er als ein „der Lehre
Entlaufener“ für immer verpönt, sodaß ihn
auch kein anderer Meister mehr angenommen
hätte. Aber in der modernen heutigen Zeit,
zahlt man meist kein Lehrgeld mehr, sonder der
Meister muß dem Lehrburschen noch etwas be⸗—
zahlen, auf daß dieser eintreten mag, — gegen—
uüber diesen jetzt total geänderten Verhältnissen
erklärt es sich auch zur Genüge, daß auch der
Meister ein ganz anderer geworden ist, und daß
er in seinem Lehrburschen nur einen be—
zahlten Taglöhner erblickt, welchem gegenüber
hm die Verpflichtung gar nicht mehr recht ein—
euchten will, daß er neben der Bezahlung auch
noch eine Lehrpflicht zu erfüllen haben soll.
Ein ähnliches Verhältnis besteht bei dem kauf⸗
männischen Lehrlinge. Dieser ist meist Packer
Ausläufer, Postläufer und Kopist, und er unter
scheidet sich vom Handwerker-Lehrlinge meist nur
durch einen etwas eleganter zugeschnittenen Rock
In sehr vielen, namentlich in kleineren Ge—
schäften entfallen auf je einen Kommis zwei
oder noch mehr Lehrlinge, denen in das Wesen
des Geschäftsbetriebes ein nur recht dürftiger
Finblick gewährt wird. Wenn man die Äri
und Weise der Beschäftigung dieser „jungen
Herren Kaufleunte“ des Näheren betrachtel, frag!
man sich verwundert, was aus ihnen nach vollen⸗
deter Lehrzeit werden soll. Deun welcher Prin⸗
zipal wird einem jungen Manne, der so wenig
gelernt hat, und der, sobald er Kommis ge⸗
vorden ist, prätendiert, daß ihm eine bessere
Arbeit übertragen wird — der er aber nicht ge⸗
vachsen ist, auch noch einen solchen Gehalt
‚ahlen, mit dem der junge Mann' seine nun
wachsen den Ansprüche an das Leben bvestreiten
könnte? Der Prinzipal nimmtan Stelle eines
olchen jungen Mannes entweder lieber noch einen
veiteren Lehrling auf, oder er zahlt ein solch
erbärmliches Salär, daß der Kommis wieder
einerseits annimmt, für einen solchen Gehalt
lohne es sich nicht der Mühe, fleißig zu sein
and das Interesse des Geschäftes wahrzunehnien.
Es wächst sich nun das Verhältnis heraus, daß
die Prinzipale mit der Mehtzahl ihrer Kommis
zußerst unzufrieden nd und einen häufigen
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Wechsel vornehmen, während die Kommis im!
herzen die Gegner ihrer Prinzipale werden
Allmälig tritt die Militärzeit für den jungen
dandwerker und bezw. den jungen Kaufmann
jeran, und nun wird ihm wenigstens ein strenger
Hehorsam und eine gewisse Ordnung und Prä—
zision beigebracht. Tagegen verliert er aber von
den in der Lehre erlangten Fähigkeiten und
Kenntnissen das meiste um so sicherer, weil er
überhaupt nur Halbes bezw. Weniges gelern
hat. Er sucht nun neuerdings Beschäftigung,
da er aber beim Eintritt in dieselbe den Meister
hezw. Prinzipal keineswegs befriedigen kann,
o muß er auch bald wieder austreten, und er
zällt dann entweder seinen Eltern als Bummler
ur Last, oder falls ihm diese gestorben sind,
»der selbst schwer mit der Existenz zu ringen
haben, wird er anfangs ein halber, bald darauf
in ächter Proletarier, und verfügt er nicht über
inen ziemlich starken sittlichen Fonds, so läuft
er dem Verbrechen in die Arme. So geht es
venigstens in vielen, sehr vielen Fällen.
Wir halten dafür, daß alledem, durch ver—
jältnißmäßig nur kleine Mittel vorgebeugt wer—
»en könnte, und werden uns weiterhin mit ihrer
LTufzählung und Anwendung beschäffigen.
derer Umstand verderblich geworden. Während
der fetten Jahre sind die Löhne so maßlos ge⸗
gestiegen, die Arbeiter an so zahlreiche neue Be—
»ürfnisse gewöhnt worden, daß viele Pariser
Arbeitgeber sich genötigt sahen, ihre Bestellungen
bei minder anspruchsvollen und weniger ver—⸗
wöhnten Leuten zu machen. Massenhaft wurden
die bekannten in Schweden gefertigten Fenster
und Thüren nach Paris eingeführt, Möbel
und Parquets aber ließ man zum einen Teil
aus Deutschland und Oesterreich, zum an—
deren aus Provinzialstädten Rouen, Neuilly,
St. Denis u. s. w. kommen, weil sie hier sehr
piel wohlfeiler zu haben waren. Die Ar—⸗
beiter waren kurzsichtig genug, auf ihren bis—
herigen Forderungen zu bestehen, jede Lohn⸗
herabsetzung mit Drohungen zu beantworten,
und sich mit einem Beschluß des Pariser Stadt⸗
rats zu trösten, nach welchem alle für städtische
Bauten notwendigen Holz⸗- und Tischlerarbeiten
nnerhalb der Mauern der Hauptstadt hergestellt
werden sollten. Fur den Mangel an privaten
Best llungen kann das aber natürlich keinen
Ersatz bieten. An eine Aenderung des Zolls
auf ausländische Holzwaren, wie sie vielfach ver⸗
langt wurde, konnte unter den gegebenen Ver—
hältnissen nicht gedacht werden; dem standen
einerseits die mit dem Auslande abgeschlossenen
dandelsverträge, andererseits die Interessen des
Hroßhandels entgegen.
Hand in Hand mit dieser Verminderung der
Arbeitsgelegenheiten ging eine zunehmende Ver—
teuerung des Lebens in der französischen
Ddauptstadt. Zunächst wurden die Preise für
Arbeiterwohnungen und kleinere Gelasse uner—
chwinglich. Die Zihl der Arbeiter wuchs ins
Ungeheure, Niemand aber zeigte Neigung, Ar—
heiterwohnungen zu bauen und sich mit der
insicheren, immer wieder zu kostspieligen Pro—⸗
zessen führenden Vermietung derselben abzu—
geben. Immer wieder gaben die Spekulanten
zur Antwort: auf Unternehmungen solcher Art
»ermöchten sie sich nicht einzulassen, so lange
»as gerichtliche Verfahren gegen säumige Miete—
ahler mit hohen Kosten und zeitraubenden Pro—
eduren verbunden sei. Der Forderung dieser
Leute, schlechte Zahler sofort auf die Straße
setzen zu dürfen, konnte aber nicht nachgegeben
verden, da man keine Ausnahmegesetze zu Gunsten
der Hausbesitzer geben wollte. So blieb es
dabei, daß die Höhe der Wohnungspreise die
Löhne mit hinauftrieb und daß dem Bedürfniß
danach nicht genug gethan werden konnte. Heute,
vo der Verdienst stockt, sind daraus die ent—
etzlichsten, auf alle Arbeiter gleich schwer lastenden
Berlegenheiten entstanden. Hinzugefügt muß
aber werden, daß auch andere zum Leben un—
entbehrliche Dinge in Paris kostspieliger sind,
als anderswo. Das Gas kostet do pelt so viel
wie in London, as Wasser sechs Mal so viel
wie in Rom und der Oetroi (eine städtische
Steuer auf eingeführtes Mehl, Brod, Fleisch,
Wein u. s. w.) ist höher als in irgend einer
anderen französischen Stadt. Die Oppositions⸗
presse macht sich natürlich ein Vergnügen daraus,
diese Umstände auszubeuten und auf den schlechten
Willen der Regierenden zurückzuführen.
Hand in Hand mit der Stockung der Pariser
Bauthätigkeit ist ein Rückgang in fast sämtlichen
Industrien beobachtet worden, die sich auf Ha u s⸗
zinrichtungen beziehen. Im Laufe des
dorigen Jahres sind neue größere Tapetenfa⸗
briken geschlossen worden, der Wert der neu—
gefertigten Meubles verminderte sich um etwa
10 Prozent, die Bestellungen auf Laden- und
Bureau⸗Einrichtungen nehmen stetig ab und
zleichzeitig trat eine erhebliche Verncinderung
in der Bronzewaren-Verfertigung ein. Als
hjöchst ungünstig wird ferner der Stand des
Wagenbauer⸗ und Sattlergeschäfts bezeichnet,
das wegen der hohen Frachtsätze, welche die
zroßen den Eisenbahn-Verkehr beherrschenden
Privat-Komvagnien erheben, an einer wirksamen
Ausfuhr seiner Erzeugnisse behindert wird. Für
die Konfektions- und Handschuhmacher-Geschäfte
ist die Abnahme des Absatzes nach Amerika be—
onders fühlbar geworden — der Rückgang der
als „Pariser Artikel“ bezeichneten Luxusgegen⸗
tände wird für die letzten Jahren auf90 Pro⸗
ont herochnet
Gewerbliche Mißstände in Paris.
In Paris herrscht zur Zeit eine Arbeits—
und Nahrungslosigkeit, wie sie seit Jahren
nicht mehr vorgekommen ist und von der man
ürchtet, daß sie die bdürgerliche Ruhe ernstlich
—
»es unter den Pariser Arbeitern herrschenden
sotstandes soll im Nachfolgenden in Kürze be—
richtet werden.
Wie in allen Großstädten, so spielt auch in
Paris das Baugewerbe für die Arbeiter eine
außerordentlich wichtige Rolle. Bis zu Zehn—
ausenden sind die Steinmetzer, Maurer, Zimmer—
eute, Bautischler, Maler, Tapezierer, Dekora—
eure, Parquet⸗Schnitzer ꝛc. zu berechnen, deren
Wohl und Wehe davon abhaͤngt, daß die Bau—
hätigkeit im Gange bleibt. Diese Thätigkeit
jatte sich während der letzten Jahre in maßloser
ind dabei höchst einseitiger Weise vermehrt und
mmer neue Arbeitermassen in die Hauptstadt
zezogen. Obgleich das Wachsthum der Bevöl—
erung vornehmlich die Vermehrung kleinerer
und wohlfeilerer Wohnungen erheischte, warf
die Spekulation sich ausschließlich auf die Her—
tellung glänzender Hotels, eleganter Villen
und herrschaftlicher Etagenräume; um dieselben
nöglichst rasch fertig zu stellen, bot man die
zöchsten Löhne und zog man die doppelte, zu—
veilen die dreifache Zahl der herkömmlich bei
dem Bau eines Hauses beschäftigten Arbeiter
jerbei. Um die Mitte des Jahres 1882 hatte
ich auf solche Weise allein die Zahl der Stein—
netzern von 15- auf 30 000 vermehrt, und in
mderen Zweigen sah es ähnlich aus.
Eine Weile ging das, — jetzt aber zeigt sich
daß die Spekulation dem Beduͤrfniß weit voraus
geeilt ist. Seit 7000 -8000 elegante und groß
aeue Häuser leer stehen, stockt alle Bauthätig
eit. Die Spekulanten erklären, sich nicht mehr
elbst Konkurrenz machen zu können, und kundig
Wohnungsvermiether versichern, daß für min—
destens zwei Jahre von allen Neubauten werde
abgesehen werden müssen. Da alle Welt sich
einschränke und der Fremdenzufluß abnehme,
ei an eine vermehrte Nachfrage nach teueren
Vohnungen für Jahr und Tag nicht zu denken
Bereits im November v. J. hatte die Bau
hätigkeit so beträchtlich abgenommen, daß die
ben erst nach Paris gefommenen „Winter—
hwalben“ (d. h. die jungen ländlichen und
leinstädtischen Arbeiter, welche unter Zurück
assung ihrer Familien im Winter städtische Be
chäftigung suchen, um zum Frühjahr zu länd
ichen Thätigkeiten, zuruͤckzukehren), maͤssen haft
n ihre Heimatdörfer abreisen mußten. Von
ämtlichen im Bauwesen thätig gewesenen Holz
irbeitern soll zur Zeit etwa der fünfte Teil
zegelmäßig beschäftigt sein, der Rest hat ent—
veder gar nichts mehr oder nur für einige wenige
Tagesstunden zu thuͤn.
Nächst der Stockung der Bauthätigkeit der
nlz2arbeiter alser Mmeige it aher noch ein an—
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