Full text : 1.1883 (0001)

Nr. 23
Verein zur Wahrung der gemein⸗
samen wirischaftlichen Interessen der
Saar⸗Industrie
und
Sůdwestliche Gruppe des Bereins
Deutscher Eisen⸗ u. Stahlindustrieller
Protokoll
der gemeinschaftlichen Vorstandssitzung
vom 23. August 1883.
Vorfitzender: Herr Geh. Kommerzienrat Stumm.
Die Sitzung wird eröffnet um 48/4 Uhr; an
wesend sind:
j. Wirtschaftlicher Verein: Die Herren
Geheimrat Stumm, J. Dingler, C. La
marche, C. Roth, E. Wagner.
II. Eisen-Verein: Die Herren Geheimral
Stumm, Reichsrat G. Krämer, Direkto—
Rerxroth.
Beide Vorstände sind somit beschlußfähig.
Es erfolgt zunächst die Erledigung einer Reihe
oon geschäfthichen Mitteilungen.
1. Die Firma F. Stein, Buchdruckerei und
Buchbinderei in Saarlouis, ist dem Wirtschaft⸗
lichen Verein als Mitglied beigetreten.
2. In einer seiner ersten Sitzungen hatte es
der Bezirkseisenbahnrat Köln als wünschens,
wert hingestellt, daß auch seitens aller übrigen
Bezirkseisenbahnräte die Protokolle der Verhand—
lungen auf Verlangen an Dritte abgegeben
würden. Der Vorstand des Wirtschaftlichen Ver⸗
eins hatte sich infolgedessen in gleichlautender
Schreiben an die betreffenden Eisenbahndirek
tionen mit der Bitte um Verabfolgung dieser
Protokolle gewandt, um den Delegierten des
Vereins die Möglichkeit zu verschaffen, über die
Vorgänge in den andern Bezirkseisenbahnräten
dauernd unterrichtet zu sein. Daraufhin hal
die Eisenbahndirektion Berlin zustimmend ge—
antwortet und die bis dahin erschienenen Pro
tokolle übersandt; von der Direktion Frankfuri
a. M. steht der Bescheid noch aus; die übrigen
Direktionen dagegen haben das Verlangen des
Vereins mit der Motivierung abgelehnt, daß
auf Veranlassung des Ministers dies bereits
gegenüber einem gleichen Verlangen der Han
delskammer zu Halle a. S. geschehen sei. —
Die Vorstände beschließen, die Sache damit vor—
läufig auf sich beruhen zu lassen, da zu erwarten
steht, daß auf Grund des erwähnten Beschlufses
des Bezirkseisenbahnrats Köln die Angelegen,
heit voraussichtlich eine generelle Regelung sin
den dürfte.
3. Die Eisenbahndirektion Köln (linksrheinisch
hatte von einem Artikel Kenntnis genommen
der seitens der Geschäftsführung der Vereint
ausgegangen war und nachwies, daß die ober
italienischen Eisenbahnen in ihren Anteilen an
den Gotthard⸗-⸗Tarifen Frachten einrechnen
die unter sich offenbar Inkonsequenzen aufweisen
indem z. B. für weite Strecken Kohlen und
Kokes ganz erheblich teurer gefahren werden.
als fabriziertes Eisen. Die Direktion hatte
diesen Artikel nebst der im März d. J. erschie
nenen Denkschrift der Vereine uͤber die Gott—
hard⸗Tarife an die Direktion der ober⸗italieni—
schen Eisenbahnen in Mailand mit der Bitte um
Aufklärung übersandt. Daraufhin war von letzte—
rer ein Schreiben eingegangen, welches die Richtig
keit der aufgestellten Behauptungen zugeben mußte,
die nachgewiesenen Inkonsequenzen jedoch mit
der Eigenart des italienischen Tarif-Systems
motivierte, von welchen aber zu Gunsten der
Gotthardroute abzugehen, keine Geneigtheit be—
stände. Dieses Schreiben hatte die Diektion
Koöln dem Vorstande des Wirtschaftlichen Ver⸗
eins übermittelt und letzterer hatte dieser dafür
seinen Dank ausgesprochen, ohne jedoch die
Sache weiter zu verfoigen, da wenig Auͤssicht vor
handen ist, daß es den Schritten deutscher Inter
essenten gelingt, eine Aenderung der bestehen⸗
den ungünstigen Tarifverhältnisse in Oberitalien
herbeizuführen. In der Versammlung gibt sich
vielmehr die Ueberzeugung kund, daß solgde Aem
derungen mit Aussicht auf Erfolg nur von Seiten
der italienischen Interessenten angestrebt
werden können, die unter den bestehenden hohen
Gotthardtarifen nicht minder zu leiden haben.
4. Ferner hat dieselbe Eisenbaͤhndirektion dem

Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.

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Wirtschaftlichen Verein ein Schreiben zugeher
lassen, in welchem sie, unter gleichzeitiger Mit
teilung der bisherigen Vorgaͤnge, den Vereir
auffordert, an der Erstellung eines direkter
Tarifs für Industrie-Erzeugnisse der Rheinlande
nach Suͤdwest⸗Rußland mitzuwirken. Es wird
angenommen, daß nur eine Firma der Vereine
ein Interesse an der Angelegenheit haben dürfte
diese Firma soll daher aufgefordert werden
hre etwaigen Wünsche kundzugeben, damit die
elben der Direktion übermittelt werden.
5. Der hiesigen Gewerbeschule sind nach
ind nach alle wichtigeren Berechtigungen entzogen
vorden, und es handelt sich nunmehr darum,
ob dieselbe zu einer Realschule zweiter Ordnung
jerabsteigen oder zu einem Realgymnasium hin⸗
iufsteigen soll. Die interessierten Kreise der
Stadt- und Landgemeinden sind in ihrer über—
viegenden Mehrheit darüber einverstanden, daß
zie Umwandlung der Gewerbeschule in ein Real—
zymnasium allein den vorhandenen Bedürfnissen
entspricht, tragen aber Bedenken wegen der da—
durch entstehenden höheren Kosten. Um dies
hindernis zu beseitigen, schlug im Juni d. J
ein Komitee, das sich aus hiesigen Handels- und
Bewerbetreibenden gebildet hatte, vor, daß ein
Teil dieser Kosten aus den Kreisen von Handel
und Industrie hiesiger Gegend übernommen
werde. Diese haben in der That neber
den übrigen Faktoren das lebhafteste Interess
an der Errichtung eines Realgymnasiums
nachdem den lateinlosen Schulen in Preußer
die Berechtigung zum Besuch der polytech
nischen Hochschulen entzogen worden ist. Woh!
ist dem Gymnasium diese Berechtigung ver
blieben, es bedarf aber keines Beweises, daf
diese Anstalt nicht die geeignetste Vorbildungç
für den technischen und kaufmännischen Beru
gewährt. Es erscheint somit fast als eine Le
bensfrage für die hiesige Industrie, eine Anstal
an hiesigem Orte zu besitzen resp. festzuhalten
welche den Söhnen ihrer Chefs und Beamter
die nöthige Vorbildung für ihren künftiger
Beruf, also in erster Linie für den Besuch der
höheren technischen Lehranstalten gewährt, ihr aben
auch gleichzeitig die Möglichkeit sichert, den erfor
derlichen Nachwuchs an Beamten und Ingenieuren
aus der hiesigen Gegend zu ergänzen. Da⸗—
Komitee hatte im Verfolg der Angelegenheit ein⸗
Subskriptionsliste in Umlauf geseßt, welche nun
mehr vorliegt und mit einem auf 12 Jahr
garantierten Zuschusse von jährlich 53150 Mk. vor
läufig abschließt. Die Liste wird nunmehr den
Kgl. Landrate zur weiteren Veranlassung über
geben werden.
Die Versammlung tritt nunmehr in die Be
ratung der Tagesordnung ein. Der Vor
sitzende erstattet zunächst Bericht über die Lag«
der Kassen-⸗Verhältnisse der Vereine
Der Wirtschaftliche Verein hat im
lJ. Semester des laufenden Jahres im ganzen
2493,23 Mk. oder etwa 17 Pfg. pro Arbeiter
zahl der Mitglieder (14675) verbraucht, vor
aussichtlich wird er im II. Semester mit etwe
derselben Summe auskommen; es wird deshallb
beschlossen, von der etatsmäßig disponibler
Quote von 20 Pfg. pro Arbeiter pro II. Se
mester nur 10 Pfg. auszuschreiben. Der Eisen—
Verein hat in seiner konstituierenden Ver—
sammlung am 10. Juni v. J. den Vorstand
ermächtigt, bis zu 18 Mk. pro Einheit Beiträge
in dem Geschäftszjahr vom 1. Juli 1882 bie
30. Juni 1883 auszuschreiben. Erhoben wur
den jedoch bis dahin nur 11 Mk. pro Einheit
womit noch eine Ersparnis von 622,22 Mk. er
zielt wurde. Um die sofortige Berufung einen
Generalversammlung lediglich zum Zwecke der
Ausschreibung der Beiträge für das neue Vereins⸗
'ahr zu vermeiden, wird beschlossen, den noch
disponiblen Betrag von 1Mk. pro Einheit noch
aachträglich auszuschreiben, ihn jedoch zur Be—
treitung der Kosten im neuen Vereinsiahr zu
erwenden.
Eine längere Erörterung findet hierauf die
Frage des Dortmunder Schiffahrts—
Kanals. Mit Bezug auf diese lag es in der
Absicht der Versammlung, „Herrn Geheimrat
Stumm für die sachliche und auf unanfechtbarem
Material basierte Berichterstattung im Herren⸗
jause gelegentlich der Beratung der bez. Re⸗

gierungsvorlage Dank und Anerkennung aus—
zusprechen“. Mit Rücksicht darauf jedoch, daß
man hieraus die ganz falsche Folgerung hätte
ziehen können, als stände die Saar-Industrie in
diesen Fragen auf einseitigem Interessenstand—
punkte, wird davon abgesehen und vielmehr
folgender Antrag einstimmig als Resolution
angenommen:
„Die Saar⸗Industrie als solche steht dem
geplanten Kanal von Dortmund nach den
Emshäfen, welcher kein erhebliches Interesse
der Saar- und Moselgegend berührt, neutral
gegenüber. Es liegt aber im dringenden
Interesse der deutschen Industrie überhaupt,
daß der Staat die großen Summen, welche
zum Neubau von Schiffahrtskanälen à fonds
perdu in Aussicht genommen sind, statt dessen
zur Erweiterung des Sekundärbahnnetzes uud
zur Herabsetzung der bestehenden Eisenbahn—⸗
tarife verwendet.“
Zugleich wird beschlossen, diese Resolution als
Antrag des Vorstands der nächsten General—
bersammlung der Vereine vorzulegen und damit
eine Diskussion über die Angelegenheit herbei—
zuführen.
Ueber die bisherigen Verhandlungen der
Eisenbau-Kommission des Vereins deut—
scher Eisen- und Stahl-Industrieller berichtet
der Geschäftsführer als Mitglied dieser Kom—
mission. Danach handelt es sich zunächst um
die Ausführung des ersten Punktes der Be—
schlüsse des Central-Vereins, welcher die Her—
ausgabe eines Musterbuchs für Eisen—
konstruktionen betrifft. Herr Seebohm und der
Geschäftsführer haben in der letzten Sitzung der
Kommission vom 31. v. M. zu Düsseldorf vor⸗
geschlagen, dieses Musterbuch in einer möglichst
handlichen Form herauszugeben und in leicht
verständlicher Weise abzufassen, um namentlich
auf die gewöhnlichen Baugewerksmeister zu
wirken, damit diese das Eisen mehr als bisher
verwenden, für die Architekten dagegen eine
andere Form zu wählen. Außerdem fanden sie
es bedenklich, daß so außerordentlich hohe Kosten
für die Herstellung des Werkes verwendet wer—⸗
den sollen, indem 20000 Mk. lediglich für die
Ausarbeitung des Manußskriptes und ferner noch
etwa 20000 Mk. Zuschuß für die Herstellung
und den Vertrieb des Werkes in Aussicht ge—
nommen werden. Die Mehrheit der Kommission
nahm jedoch daran keinen Anstand und ebenso
wenig ließ sich dieselbe von der Unzweckmäßig⸗
keit eines umfangreichen, periodisch erscheinen—
den Tafelwerkes, wie es beabsichtigt wird, über—
zeugen. Der Vorstand des Eisen⸗-Vereins machte
im Laufe der Debatte die Ansichten der er—
wähnten beiden Kommissionsmitglieder zu den
seinen und sprach sich dafür aus, daß auch in
nächster Kommissionssitzung, sowie ev. auf der
Vorstandssitzung des Central-Vereins in Stutt⸗
gart noch einmal versucht werden sollte, die—
elben zur Geltung zu bringen. Außerdem hält
es der Vorstand für wünschenswert, daß wenn
in das Musterbuch Flußeisenprofile eingeführt
werden, auch diese nicht von den Normalprofilen
bweichen.
Als letzter Punkt der Tagesordnung kommt
das Verhaͤltnis zur Erörterung, in welchem die
Tarife für Kohlen und Erze einerseits
auf den reichsländischen, andererseits auf den
preußischen Eisenbahnen zu einander stehen. Es
war die Behauptung aufgestellt worden, daß die
Tarife beider Eisenbahnnetze für diese Artikel
sich untereinander unterscheiden, daß im beson—
dern das Erz aus den Erzdistrikten in Lothringen
zilliger nach den Kohlendistrikten der Saar ge—
fahren wird, als umgekehrt die Kohle aus dem
Kohlenrevier nach den Erzlagern. Eine spezielle
Untersuchung der geltenden Tarife hat ergeben,
daß allerdings ein kleiner Unterschied besteht,
der sich aber darauf beschränke, daß auf den
preußischen Strecken Erze im allgemeinen
vekanntlich billiger gefahren werden, als
Kohlen, während auf den Reichsbahnen
beide gleich hoch tarifieren, so daß thatsächlich
Erz aus den Erzlagern billiger nach dem Saar⸗
revier gelangt, als auf dieselbe Entfernung um⸗
zekehrt Kohle nach den Erzlagern, wenn auch
der Unterschied sehr gering ist. Die Vorstände
werden jedoch der Ueberzeugung, daß sich aus
            
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