Full text : 1.1883 (0001)

Nr. 22

Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.

—4.

Dieser ersten Lösung der Ueberführung von
dem magnetischen Eisensand in Schmiedeeisen
und Stahl hat sich eine zweite Lösung an die
Seite gestelli, die sich noch rentabler stellen soll
Diese zweite Lösung der Aufgabe stammt von
Mr. Joel Wilson von New-Jersey, der sein
Verfahren hat patentieren lassen. Dasselbe ist
jetzt an mehreren Orten der Vereinigten Staaten
angewandt und ist auch von Mr. John Cham
bers, einem der Direktoren der G. K S. Morrin
(limited), Auckland, in Verbindung mit Mr. Gard
ner von Newyork in Neuseeland eingeführt worden,
wo die Genannten nahe Onehunga, Manukau—
Hafen, ihr Werk errichtet haben, vor sich Milb
lonen Tonnen von diesem Sande. Der Sand
wird hier zuerst auf einen Separator gebracht
und Eisensand und Verunreinigungen mittels
Magneten getrennt. Der gereinigte Eisensand
enthält nach der Reinigung noch ungefähr 5 Proz
verunreinigenden Sand und etwas Gitan, wäh—
rend er ungefähr 70 Proz. reines Eisen ent—
hält. Aus dem Separator kommt der Sand in
einen Ofen, der eine Höhe von 32 Fuß und
einen Durchmesser von 7 Fuß hat. In dem
Ofen befindet sich eine Anzahl von Retorten,
in welchen der Sand — eingeführt durch eine
Anzahl von Oeffnungen — zur Rotglut erhitzt
und der Sauerstoff ausgetrieben wird. Der
Eisensand wird dann aus den Retorten in noch
glühendem Zustande abgelassen und in einem
gewöhnlichen Puddelofen — der unterhalb des
ebengenannten Ofens steht und dessen Gase auch
die Retorten erhitzen — entkohlt und bearbeitet
Wie von beteiligter Seite hervorgehoben wird,
sollen die Kosten dieses Prozesses billiger sein,
wie die der Roheisendarstellung, Roheisen kostet
in England von 45—80 S. per Tonne oder im
Mittel 60 S. per Tonne, dagegen sollen 1U/⸗
Tonnen Eisensand, woraus sich ungefähr eine
Tonne Eisen herstellen läßt, gleich 10S., Arbei
5 S. und Holzkohle 20 S. kosten, was für Holz—
kohleneisen 35 S. per Tonne und für gewöhn
liches Eisen ungefähr 26 S. per Tonne ergibt
Wenn die vorstehenden Angaben korrekt sind
so erwächst — aus den beiden Verfahren der
Gewiunung des Eisens von dem Eisenfande —
der jetzt bestehenden Industrie eine gewaltig
Konkurrenz. Besonders vorteilhaft scheinen dit
Chancen für das Wilson'sche Verfahren.

benes Handwerk (Schmiede⸗, Kupferschmiede⸗
Zimmer⸗ oder Böttcherhandwerk) erlernen sollen.
Zur weiteren Fortbildung der Lehrlinge läßt
die Fabrik den Lehrlingen Unterricht im Rech—
nen, Lesen, Schreiben, Sprachlehre, Aufsatzüb—
ungen, Geschichte, Geographie und Zeichnen er—⸗
teilen. Der Unterricht findet jeden Morgen von
7—1/29 Uhr statt und wird von einigen Lehrern
unter Aufsicht des Leiters des Lehrlingswesens
erteilt. Die praktische Arbeitszeit währt nur
73/3 Stunden. Allmenatlich erstatten die Be—
imten oder Arbeiter, unter deren besonderer
Obhut die Lehrlinge gestellt sind, sowie die
Lehrer der Lehrlinge einen Bericht über Be—
tragen, Fleiß und Fortschritte der Lehrlinge an
den Leiter des Lehrlingswesens, welcher wieder
dem Direktor hierüber Vortrag erstattet.
Die Eltern der Lehrlinge erhalten Seitens
der Fabrik eine wöchentliche Beihülfe zum Le—
bensunterhalt, welche je nach dem Alter der
dehrlinge 85 Pfennige bis 81/2 Mark beträgt.
10 pCt. dieser Beihilfe erhalten die Lehrlinge
als Taschengeld. Um den Lehrlingen schon
rühzeitig die Zusammengehörigkeit der Inte—
cessen des Arbeitgebers und Arbeitnehmers klar
zu machen, und sie für die Rentabilität des
Unternehmens zu interessieren, treten sie schon
nach dem 1. Lehrjahr in den Genuß von Prämien
zin, welche den Arbeitern für vermehrte Ar—
beitsleistungen gewährt werden.
Die Lehrzeit ist mit vollendetem 17. Lebens—
jahre beendet. Die Lehrlinge müssen sich so—
dann einer Prüfung unterziehen und erhalten
iach abgelegter Prüfung ein Diplom über ihre
destandene Lehrzeit. Die Fabriklehrlinge
haben dadurch die nächste Anwartschaft auf frei
verdende Stellen im festen Personal erlangt
Für die Handwerkslehrlinge wird nach
hestandener Lehrzeit oder auch schon früher zu
weiterer und vielseitigerer Ausbildung ein Un—
terkommen bei einem Handrerksmeister oder in
einer Fabrik gesucht, wo sie ihr gelerntes Hand—
werk weiter treiben können. Wenn sie min—
destens 2 Jahre mit gutem Erfolg auswärts
zearbeitet haben, erhalten sie ebenfalls Anwart—
schaft auf eine in der Fabrik frei werdende
Stelle. Wenn eine genügende Anzahl von
dehrlingen ausgebildet ist, soll sowohl im In—
teresse der Lehrlinge als der Fabrik die in
Rede stehende Einrichtung zeitweise aufgehoben
werden. Der Direktor wird sich alsdann be—
nühen, für die Knaben auswärts Lehrstellen
zu suchen und wird den Bildungsgang derselben
möglichst beaufsichtigen.
BGemeindefabriken für Armenzwecke.
Die Armenverwaltung der Gemeinde Walle
bei Bremen errichtete im Oktober des vorigen
Jahres aus Gemeindemitteln eine Fabrik für
Anfertigung von Flaschenenveloppes. Diese leich—
ten Stroharbeiten können selbst Personen aus—
iühren, die zu den meisten anderen Beschäf—
igungen nicht mehr im Stande sind. Bereité
jetzt läßt sich schon übersehen, daß das Unter
nehmen die segensreichsten Früchte bringt. Manche
zewinnen die Selbstthätigkeit wieder lieb und
zrfahren an sich, daß selbsterworbenes Brod doch
jüßer schmeckt. In diesen neun Monaten ist,
pie die „Weserztg.“ berichtet, an Arbeitslohn die
Summe von 2200 M. ausgegeben, teilweise an
Personen, die sonst aus öffentlichen Mitteln
janz hätten erhalten werden müssen. Angefertigt
vurden in diesem Zeitraume reichlich 300,000
Flaschenenveloppes, die auch sämmtlich abgesetz
wurden, teils für den Bedarf der Stadt Bremen,
deils durch den Export nach England und Nord—
amerika. Da durch die starke Concurrenz die
Preise für diesen Artikel sehr herunterge—
drückt sind, aber auch in den ersten Monaten, in
der Lernzeit, verhältnismäßig wenig angefertigt
werden konnte, so haben die Einnahmen die
Ausgaben nicht ganz gedeckt. Trotzdem also
ein kleines Deficit zu verzeichnen ist, darf man
der weiteren Entwickelung des Unternehmens
mit Vertrauen entgegensehen und die Errichtung
der Fabrik für einen glücklichen Griff halten
Die ganze Leitung und Verwaltung der Fabrik
owie auch die Buchführrng haben in der un
eigennützigsten Weise Mitglieder des Armen
bvorstandes unentgeltlich übernommen.?

Pariser Arbeiter.
Francisque Sarcey, sucht im „XIX Sièecle“
einen Kollegen Auréelien Scholl und alle die—
en igen, welche für die von dem Abg. Pra don
heantragte Fremdentaxe schwärmen, zu einer
sachgemääͤßeren Würdigung der Verhältnisse zu
bekehren. Er weist auf die zahlreichen Frem⸗
den hin, welche nach Paris kommen, um ihr
Geld in Vergnügungen aller Art, sowie massen⸗
haften Ankäufen, namentlich in den Modewaren⸗
Magazinen, auszugeben und meint, diesen eine
Taxe von 6 Franecs jährlich aufbürden zu wollen,
wäre eine sehr übel angebrachte Plackerei. Eine
solche aber von den Arbeitern zu erheben,
die den Herren Pradon, Scholl und Compagnie
der größte Dorn im Auge sind, wäre aus ver—
chiedenen Gründen, unser denen Sarcey den
häufigen Wohnungswechsel anführt, beinahe un—
möglich. „Endlich“, so schließt der Artikel,
„tritt noch die Frage auf, ob die auslän—
dischen Arbeiter, die man fern halten
nöchte,überhaupt entbehrlich wären.
Ich bitte meinen Freund Scholl, doch mit Pariser
Industriellen zu sprechen; er wird dann Einzel—
heiten erfahren, die er noch nicht zu kennen
scheint. Der Meister würde sich darein finden,
den Pariser Arbeiter teurer zu zahlen, als den
fremden. Dies jedoch unter einer Bedingung,
daß der Pariser Arbeiter die Bestellung zur
verabredeten Stunde lieferte. Der Meister darf
mit ihm nie bestimmt auf etwas zählen. Der
Pariser Arbeiter kümmert sich nicht darum, ob
die Arbeit drängt. Er lumpt zwei, drei, vier
Tage nach einander und kehrt nicht eher in die
Werkstätte zurück, als bis seine Börse leer und
eein Kredit erschöpft ist. Wer will sich da wun—
dern, wenn der Meister den fremden Arbeiter
vorzieht, dessen Arbeit regelmäßig und zuver—
lässig ist? Unsere Arbeiter beklagen sich über
die Invasion der Deutschen, Belgier und Italiener.
Ich kann meinem Freunde Scholl die Versiche—
rung geben, daß man diese anstellt, nicht weil
sie billiger, sondern weil sie überhaupt arbeiten.
Die Meister würden den Franzosen auch zu
zöheren Preisen den Vorzug geben, weil ihre
dand geschickter und flinker ist; aber unsere Ge—
sellen sind Arbeiter, welche nicht arbeiten oder
zum mindesten nur mit Unterbrechungen ar—⸗
beiten. Sie, Freund Scholl, schreiben Ihre
Chronik zur festgesetzten Stunde. Es macht
Ihnen nicht immer Spaß, aber Sie schreiben
dennoch und ich auch und unsere Kollegen eben⸗
salls. Ein Pariser Arbeiter geht aber nur dann
in die Arbeit, wenn es ihm behagt, und es
behagt ihm nur, wenn er keinen Sou mehr hat.
Man sollte eben unsere Sitten und nicht unsere
Abgaben ändern“

Einrichtungen einer Fabrik zur Aus
bildung von Lehrlingen.
Heft 1 des „Arbeiterfreund“, Zeitschrift für
die Arbeiterfrage und Organ des Eentralpereins
für das Wohl der arbeilenden Klassen, enthält
einen Aufsatz „die LBösung der Arbeiter—
frage in der Niederländischen He
fen- und Spiritusfabrik“, in welchem
unter vielen anderen höchst trefflichen Wohl
fahrtseinrichtungen für die Arbeiter eine ori
ginelle Einrichtung zur Ausbildung von Lehr—
lingen mitgeteilt wird. Seit April 1882 besteht
in der niederländischen Fabrik die Einrichtung
daß Söhne von Arbeitern der Fabrik, welche
die Schule mit guten Zeugnissen verlassen haben
als Lehrlinge in die Fabrik aufgenommen wer—
den können. Die Einrichtung bezweckt einer
seits, die Knaben zu geschickten Arbeitern und
nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft
heran zu bilden, andererseits will man für die
Fabrik tüchtige Arbeitskräfte gewinnen. Mit
der allgemeinen Leitung des Lehrlingswesens
ist ein Beamter der Fabrik betraut. Jeder Lehr⸗
ling kommt unter die spezielle Aufsicht eines
Beamten oder Arbeiters. Bei den Bef chäftigungen
der Lehrlinge ist nicht der augenblickliche Nutzen
und Gewinn der Fabrik, sondern die tüchtige
Ausbildung der Lehrlinge maßgebend. Nack
diesem Grundsatz werden die Lehrlinge während
des ersten Jahres in allen einzelnen Abteilungen
und Werkstätten der Fabrik beschäftigt, damit
sie einen Ueberblick über den ganzen Fabrikbe—
trieb erhalten und den Gebrauch der verschiedenen
Werkzenge kennen lernen. Nach Ablauf des
ersten Jahres wird mit den Lehrlingen unt
deren Eltern in Beratung getreten, ob die Kna—
ben als „Fabriklehrkinge?“ sich zu Fabrik
arbeitern gusbilden oder ob sie als „Hand—
werkslehrlinge“ ein in der Fabrik beirie.

Arbeiterwohnungen.
Die Errichtung von gesunden und billigen
Arbeiterwohnungen ist eine der wichtigsten
lufgaben zur Hebung des Arbeiterstandes. Es
st in dieser Richtung schon viel in Wort und
Schrift anregend gewirkt worden, auch liegen in
jesonders industriereichen Gegenden gute Resul—⸗
ate von solchen Unternehmungen vor, die zur
Nachahmung auffordern. So haben u. a. auch
n Gladbach und Rheydt gemeinnützige
Baugesellschaften in den letzten zehn Jahren eine
gzroße Zahl zweckmäßig eingerichteter billiger und
gesunder Wohnungen für die Arbeiter geschaffen
und denselben unter günstigen Bedingungen zur
Miete und zum allmaͤhlichen Erwerbe zur Verfügung
 gestellt. Die Gladbacher Aktien-Bau—
gesellschaft hat jetzt 273 solche Häuser für eigene
Rechnung hergestellt. Hiervon standen Ende 1882
leer 2, einfach vermietet waren 79, verkauft 190
Häuser zur Gesamtsumme von 601323 Mark,
porauf die Ankäufer noch 225 971 Mk. schulden.
Von den Häusern waren 115 durch Abtragung
des ersten Drittels des Kaufpreises bereits
Figentum der Käufer geworden, während bei
82 Häusern die Käufer den Kaufpreis ganz ab⸗
getragen haben. Der Durchschnittspreis der in
den Jahren 1870 bis 1880 einschließlich ver—⸗
kauften Häuser betrug in den einzelnen Jahren
2343, 2148. 2661, 3256, 3834, 3820, 3100.
3700. 3700. 3700, 3800 Mark
            
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