Full text : 1.1883 (0001)

Nr. 20

Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.

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Es fragt sich nur, auf welche Ziele sich die
Reformbestrebungen der Handwerker zunächst zu
richten haben. Die Handels- und Gewerbe—
kammer Dresden hatte für die anfangs Juni in
Dresden stattfindende Versammlung von Dele—
gierten deutscher Handels- und Gewerbekammern
solgende auf die Hebung des Handwerks ab
zielende Vorschläge aufgestellt:
1. Nächst den vorwiegend sittlichen, sozial—
politischen und erzieherischen Aufgaben, für deren
Erledigung innerhalb und zum Besten des Hand—
werks in den Innungen geeignete Organe ge—
schaffen find, ist der Reform der Kleingewerbe⸗
betriebe in technischer Hinsicht künftig erhöhte
Beachtung zuzuwenden.
2. Die hauptsächlichsten Hilfsmittel und Ar—
beitsprinzipien der Großindustrie sind auf ihre
Anwendbarkeit für das Kleingewerbe zu prüfen
und, soweit übertragbar, event. mit den erfor—
derlichen Modifikationen, auch für den Hand
werksbetrieb aufzunehmen und durchzuführen
Es ergiebt sich danach für das Handwerk die
Notwendigkeit gewerbtechnischer und handels—
technischer Reformen.
3. a) Die gewerbtechnischen Reformen sind
namentlich zu richten:
auf Beschasfung vervollkommneter Werk
zeuge, Apparate und Instrumente,
auf Heranziehung mechanischer Kraft für
den Kleingewerbebetrieb in geeigneten
Formen,
auf rationelle Herstellung von Speziali—
täten, unter Benutzung der bestehenden
Gesetze für Urheberrechte,
auf die Zugängigmachung der neuesten
wissenschaftlichen Errungenschaften auf
den Gebieten der Mechanik, Physit
und Chemie für den einzelnen Hand
werker,
auf Hebung der kunstgewerblichen Technik
b) Die handelstechnischen Reformen
sollen abzielen auf:
die Ermsglichung korrekter Kalkulation
der Handwerkserzeugnisse,
den woglichst vorteilhaften Vertrieb der—
elben,
die Hebung des Handwerkerkredits,
die Verbesserung des Rechnungs⸗ und
Zahlungswesens,
die Beschaffung geeigneter und preis
werter Rohmaterialien u. s. f.
4. Als geeignete, diesen Aufgaben und Zielen
dienende Einrichtungen sind zu bezeichnen:
Kollektive Unnahme technischer Konsulenten
seitens der Handwerker⸗Fachkorporationen.
Periodische Veranstaltung von Ausstellun
gen für Instrumente, Werkzeuge, Arbeils—
maschinen und Kleinmotoren für das Klein⸗
gewerbe bezw. dessen einzelne Branchen;
Errichtung genossenschaftlicher Prüfungs
stationen für kleingewerbliche Maschinen
sowie von Instituten zur Qualitätsprüfung
von Rohstoffen und Fabrikaten;
Einrichtung von Kraftvermietungswerkstätten
resp. die Ermöglichung der Einzelabgabe
von motorischen Kräften auf Zeit dbder
dauernd mit Hilfe elektrischer Kraftüber
tragung;
Begründung von Associationen für gemein
same Beschaffung und Benützung von
Hilfsmaschinen und Motoren.
Ferner:
Einrichtung von Unterrichtskursen für Hand
werkswmeister und Gesellen in fachgewerb
ige Kalkulationen und gewerblicher Buch
rung;
Annahmeé gemeinsamer Reisender seiten⸗
einer Anzahl verschiedener Handwerker;
Zusammenschiuß mehrerer Gewerbtreibender
gleicher oder verschiedener Branchen zu
Lieferungs-Konsortien und gemeinsame⸗
Beschickung von Ausstellungen;
Beteiligung bei Rohstoffassociativnen, Pro
duktiv⸗ und Magazin⸗ Genossenschaften
reditvereinen ꝛe mit beschränkter Haft
pflicht, Schutzgemeinschaften u. sJ. f.
. Diese Vorschläge sind späterhin von der Ver—
ommlung beraten und als zweckmäßig erkann
orden

Frauen⸗Arbeit.
Winke für Mädchen, die nicht wissen, was sie angreifen sollen
Wie die Porzellanmalerei zum Teil ein lohnen
der weiblicher Erwerbszweig geworden, so ist das
gleiche jetzt mit der Majolikamalerei der Fall
In mehreren Großstädten, z. B. in Berlin sind
Unterrichtsanstalten dafür errichtet worden. Eber
da fand auch auf Anregung der Verlagshand
lung von Schorers Familienblatt eine Preisver
teilung an 6 Malerinnen für eingelieferte Ar
beiten statt; eine Ausstellung knüpfte sich darar
mit verkäuflichen Einsendungen. Bei der auch
bei diesen Kunstprodukten, die gerade ein Mode
artikel geworden sind, rasch entstehenden Kon
kurrenz können wir den Malerinnen nicht raten
auf eigene Rechnung beliebige Stücke zu maler
und nachher zum Verkauf zu geben, sondern viel
nehr ihre Kräfte den bestehenden Fabriken zu»
Verfügung zu stellen und um Aufträge zu bitten
die je nachdem im Hause wie in der Fabrik oder
wer dies lieber hoört) im Atelier ausgeführ:
verden können. Der Verdienst wird nach den
Stück berechnet und ist ungefähr derselbe wie
heim Porzellanmalen. Eben jeßt ist auch ein
hetreffendes praktisches Unterrichtsbüchlein er—
chienen: Anleitung zur Majolikamalerei von
Marie Drews (Berlin, J. H. Schorer). — Im
Versicherungswesen sind gegenwärtig bei uns in
Deutschland sehr viele Frauen und Mädchen
hätig, allein die wenigsten sind dazu offiziell
engagiert oder selbständig von den betreffenden
Besellschaften angestellt. Aber als Frauen und
Töchter ihrer Agenten besorgen sie oft Alles
allein, wodurch der Agent, der oft nichts dabei
thut, als seinen Namen zu unterschreiben und
dann noch anderm Erwerb nachzugehen, andere
Aemter übernehmen kann. Es ist gegen eir
olches familiäres Verhältnis nichts einzuwenden
da auch hier die weibliche Arbeitskraft, Umsichi
und Pünktlichkeit außerordentlich gerühmt wird
— aber eben um deswillen muß man wünschen,
daß die Frauen auch nach dem Tode des be—
treffenden Gatten oder Vaters diese Geschäfte
weiterführen und sich dadurch ihre Exiftenz
ichern könnten.
Zur Zeit besteht in Deutschland wieder ein
nicht unerheblicher Mangel an Apothekergehilfen
Namentlich fällt es nach der „Pharm. Itg.“* in
den preußischen Ostprovinzen den Apotheken
hesitzern trotz Angebots eines hohen Gehalts
chwer, Gehilfen, zumal geprüfte, zu erhalten
Diese Thatsache steht zu den Verhälinissen
rüherer Jahre in starkem Widerspruche. Nach
den 1877 von dem Bundesrate angeordneter
tatistischen Ermittelungen befanden sich damals
3301 Gehilfen und 1369 Lehrlinge in 4468
Apotheken. Die Zahl der im letzten Jahrzehn!
im Deutschen Reiche approbierten Apotheker be—
trug 3560, und da jährlich etwa 250 zur Selbst⸗
tändigkeit im Apothekerberuf gelangen, so müssen
twa 1000 approbierte Apotheker im Gehilfen—
tande verbleiben, eine Zahl, die den Bedarf
allerdings wohl nicht ganz deckt. Dazu mag in
geuerer Zeit ein bedeutender Abfluß nach der
Droguisten⸗aufbahn kommen.
Mit der Vermehrung der illustrierten Zeit—
chriften wächst die Nachsrage nach Holzschneidern
Wer wäre wohl, fragt die praktische Wochen
schrift , Fürs Haus“, geeigneter zu dieser sauberen
Arbeit, die wenig Kraft, aber eine leichte Hand
rfordert und auch zu Hause ausgeübt werden
ann, als die Frau? Da diese Kunst nicht über—
üllt ist, wird sie gut bezahlt. Freilich bedari
ꝛs eines oft 5⸗ bis 6jährigen Studiums. In
England widmen sich heutzutage schon sehr viel—
Damen diesem Berufe und erwerben wöchentlich
20- 100 Mk; sind sie sehr talentvoll, auch noch
mehr. In London, Dublin und Edinburg be—
stehen Schulen, welche die Holzschneidekunst lehren
Im Jahre 1864 wurde die Graphie⸗-Schule für
holzschneidekunst eröffnet. Die aufzunehmenden
Schüler hatten Probezeichnungen einzureichen
und wurden zuerst 14 Tage lang probeweise in der
Schule beschaͤftigt. Sie hatten für den Unter
cicht nichts zu bezahlen, erhielten aber auch in
ersten Jahre nichts; im zweiten 200 -400 Mk.
im dritten 400 6600 Mk. im vierten 320 —800
Mk., im fünften 10410-1500 Mk. Der Unter
cicht findet von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr nach
mittaas mit einer Mittagssspause statt. Sehr

bald nach der Eröffnung war der Zudrang zu
dieser Schule so groß, daß man nur Diejenigen
aufnehmen konnte, welche vorzügliche Zeichnungen
einreichten. — Auch das Blumenbinden ist nach
der Wochenschrift „Fürs Haus“ ein nicht zu ver⸗
achtender Erwerb, bei dem viele Mädchen lohnende
Beschäftigung finden, und für welchen immer
geschickte Arbeiterinnen gesucht werden.
Haushaltungsschulen für Bauern⸗
töchter.
In dem schlesischen „Landwirt“ wird dem
Vorstande des landwirtschaftlichen Centralvereins
für Schlesien dringend die Errichtung einer
Haushaltungsschule für Mädchen vom Lande
empfohlen, die ein dringendes Bedürfnis sei.
Seitdem auf den landwirtschaftlichen Mittel⸗,
Winter⸗ und Ackerbauschulen alljährlich eine
zroße Anzahl von Bauernsöhnen in einer den
Anforderungen der Gegenwart entsprechenden
Weise theoretisch und praktisch für ihren künf—
'igen Beruf als Landwirt ausgebildet werden,
ührt der „Landwirt“ aus, entstehe eine von
Jahr zu Jahr sich erweiternde Lücke, wenn die
Ausbildung der künftigen Hausfrauen der Land⸗
wirte nicht in ähnlicher Weise geleitet werde.
Indem er auf die schweren Zeiten, z. B. 1866
und 1870, hinweist, in denen viele Hausfrauen,
während Mann und Knechte der Fahne folgen
mußten, monatelang die Leitung der Feld- und
Hauswirtschaft obgelegen habe, meint der Ver—
fasser, es werde die Hausfrau nur, wenn sie für
ihren Beruf tüchtig vorgebildet sei, im Stande
ein, das gesamte komplizierte Getriebe der
Wirtschaft in Ordnung zu halten und die Fa—
milie, sowie das Allgemeinwohl vor Schaden zu
bewahren. Aus diesem Grunde dürfte der Staat
wohl auch seinerseits Ursache haben, die Ein—
richtung und Unterhaltung dieser Schulen durch
Subventionen zu ermöglichen und zu fördern.
Durch die Haushaltungsschulen für Mädchen solle
Uebelständen vorgebeugt werden, die sich für die
wohlhabenden Bauerntöchter oft aus dem Aufent—
halte in städtischen Pensionaten ergeben, da sie
dort mit einer Abneigung gegen die landwirt—
schaftliche Berufsthätigkeit erfüllt würden. Der
erste und leitende Grundsatz der projektierten
Haushaltungsschulen für Maädchen vom Lande
müsse eben der sein, den jungen Mädchen immer
und immer wieder zu Gemüte zu führen, „daß
ihr künftiger Beruf durchaus nicht von unter—
geordneter Bedeutung, daß er vielmehr infolge
seiner vielseitigen Anforderungen ebenso ehren—
voll sei, wie der anderer Stände.“ Als not—
wendigste Lehrgegenstände werden bezeichnet:
Haushaltungskunde, Wirtschaftskunde, Industrie—
funde und Fortbildungsunterricht. Nach der
Kostenberechnung würde die Unterhaltung einer
derartigen Anstalt etwa 12000 Mark beiragen,
don welcher Summe durch die Pension der
Schülerinnen 7200 Mark gedeckt werden könnten,
so daß ein Staatszuschuß von 4800 Mark er—
forderlich werde. — Man sollte meinen, daß
die Aufbringung des Zuschusses von noch nicht
3000 Mark jährlich auch ohne Mithilfe des
Staates möglich sein müßte, und kann nur
vünschen, daß der Plan, und zwar nicht nur
in Schlesien, sondern auch anderswo recht bald
zur Ausführung gelangt.
Der Eisenbahnwaggon des Kron⸗
prinzen.
Beim Besuche des Kronprinzen in Bielefeld
jatten wir, so schreibt man der „Neuen Westf.
Volksztg.“, Gelegenheit, den Salonwagen be—
ichtigen zu dürfen, in welchem der Kronprinz
die Reise gemacht hatte. Derselbe ist nur zum
Gebrauche des Kronprinzen bestimmt und der
Bruder eines zweiten, der Kronprinzessin ge—
hörigen, mit welchem er derart zusammengekoppelt
werden kann, daß das Ganze eine verhältnis—
mäßig bequeme, fahrende Familienwohnung dar⸗
tellt. Das Innere des kronprinzlichen Wagens
ist in vier Raume geteilt, von denen der in der
Mitte liegende Salon ungefähr die Hälfte des
zanzen Wagens einnimmt, während die andere
Hälfte das Schlafzimmer, Ankleidezimmer und
die Behausung der Dienerschaft neben der Ein—⸗
gangthür beherberat. Der Salon ist, außer mit
            
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